Sommer der Liebe

Der Typ war schmal, mit ewig langen Gliedmaßen. Sehr hager, die Haare lang, ungepflegt und von undefinierter Farbe. Der Oberkörper strotzte vor Dreck und glänzte vor Öl. Der Fetzen, der in guten Zeiten wohl eine Hose dargestellt hatte, schlotterte um die dürren Beine. Mich schaute auf als der Mensch das Wort an ihn richtete. Sein Grinsen entblößte gelbe Zähne, die schief standen und dem Eindruck die Krone aufsetzten. Menschen waren schon eine sehr eigene Spezies und dieses Exemplar war besonders. Mich, der Antler, wich unwillkürlich zurück als der Typ seine Bestellung aufgab, servierte ihm in Rekordzeit ein Nazgȗl und widmete sich sofort dem nächsten Gast zu.
Doch das Individuum blieb hartnäckig.
„Cheffe, eine Frage“, nuschelte er in einem Galaktisch, das so schwer verständlich war wie die Hieroglyphen von Melta.
„Ich suche eine Frau. Ehrlich gesagt nicht eine Frau, sondern die Frau, die einzige, die wahre. Ich bin weit gereist, habe das halbe Universum bereist und die Hinweise haben sich erhärtet. Hier, in der Galactic Pot Healer Bar, findet sich ihre Spur, kommend aus einigen Richtungen, so präzise und vielfältig, dass kein Zweifel herrscht, dass sie hier war und wie ich hoffe, auch hier ist. Cheffe, beantworte mir doch bitte die Frage, kennst du die Selmaid und wo kann ich sie finden?“
Mich wich unwillkürlich zurück. Es war nicht nur die Inbrunst, mit der das Individuum seinen Vortrag hielt. Auch der Name brachte alle Alarmglocken zum Schrillen, doch er gab sein bestes, sich dies äußerlich nicht anmerken zu lassen und er hoffte, dass dieser Mensch mit der Ausdrucksweise der Antler nicht vertraut war. Der bange Blick ließ hoffen, dass er richtiglag.
Ihm kam die Erleuchtung. Ein Tipp konnte Wunder wirken.
„Hm, leider sagt mir der Name überhaupt nichts. Aber wende dich doch an das Orakel von Gender, wenn dieser dir nicht weiterhelfen kann, wirst du auf der ganzen Galactic Pot Healer Bar keine Hilfe finden.“
Er lächelte sein Antlerlächeln, machte eine kurze Verbeugung und widmete sich dem nächsten Gast.


Aquarius nahm sein Nazgȗl und trank einen guten Schluck. Die Brühe schmeckte überraschend gut. Würzig, ein wenig süß und er spürte schon nach kurzer Zeit wie sich eine angenehme Wohligkeit in ihm breitmachte. Verstohlen sah er zu der Bedienung, der offen ablehnend zu ihm gewesen war. Die quäkende Stimme halte bis hierher und schmerzte in seinen verwöhnten Ohren. Diese Antler waren eine ganz spezielle Rasse. Sie wirkten wie aufgeblasenen Enten seines Heimatplaneten, allerdings ein wenig verzerrt und mit vollkommen weißem Haarkleid. Ja, er war schon auf Antland gewesen und hatte dort seiner Suche ein weiteres, spannendes Kapitel zugefügt. Versonnen dachte er an die Wochen dort zurück, seine Abenteuer in den Sümpfen des Lutabu zurück, während er einen weiteren Schluck des Nazgȗl nahm. Krech und Czech, das war ein wirklich lustiges Antlerpaar gewesen, nicht so wie dieser grantige Barkeeper, der zwar professionell bedient hatte, seine Abneigung gegenüber Aquarius nicht verbergen konnte.
Nun, er war weit gereist und da kam die Pflege vielleicht ein wenig zu kurz. Bisher war er noch nicht dazu gekommen sein Hotelzimmer aufzusuchen, aber schlimmer riechen und aussehen als die beiden Punkoiden dort hinten konnte er auch nicht.
Er sah sich um. Das Pot Healer war ein bunter, unübersichtlicher, und vor allem spannender Laden. Riesig in seinen Ausmaßen, verwinkelt durch allerlei Mauern und Nischen, die zumeist verspiegelt waren, allerdings nicht das zeigten, was Einfallwinkel zu Ausfallwinkel erwarten würden. Der Spiegel ihm gegenüber zeigte eine Szenerie, die er trotz aufmerksamer Betrachtung, nirgendwo in näherer Umgebung wiederfand, selbst nachdem er einen ausgedehnten Spaziergang gemacht hatte, der ihn weit weg von dem Antler brachte. Den er dann in dem nächsten Spiegel wiedersah, dem er sich spontan gegenüber niederließ.
Er gab es auf. Einzige Konstante des Pot Healer war die Gestalt, die weit oben, von allen Seiten sichtbar, thronte. Auch hier musste eine spezielle Spiegeltechnik angewandt sein, denn egal wie sich Aquarius bisher bewegt hatte, der Hüne mit dem Stetson war immer präsent.
Der Goldene Reiter. Der Besitzer des Pot Healer und Ursprung unzähliger Sagen, die ihn weit über diese Raumstation berühmt und berüchtigt gemacht hatten.
Aber Der Goldene Reiter war nicht der Grund für seinen Besuch. Er war auf der Suche und schon beim ersten Schritt auf der Galactic Pot Healer Bar hatte er es gespürt. Er würde sie finden. Seine ewig schon andauernde Suche würde ein würdevolles Ende finden. Endlich.
Jetzt, wo er so nah an seiner Erfüllung war, dachte er wehmütig an die Anfänge zurück. Damals, auf dem Planeten Woodstock, wo er geboren wurde und seine große Liebe fand. Sie befanden sich gerade mitten im Sommer der Liebe, die Luft war erfüllt von Blumen, von Sonne und von Shit, da verschwand seine einzige und große Liebe auf Nimmerwiedersehen. Im ersten Moment schmollte er, verschmähte jeden Joint, jedes Bier und jede Zärtlichkeit. Dann zürnte er, zerschlug all das Porzellan und Glas, das er und die SELMAID in all den Jahren angesammelt hatten, während er seine Pein in die laue Sommernacht hinausschrie. Doch auch diese Phase dauerte nicht lange und so beschloss er, das Leben zu genießen. Er schlief mit allem, was nicht bis drei auf den Bäumen war: Junge Frauen, reifere Frauen, sehr hübsche Damen, hübsche Damen. Ach, am Ende war es ihm egal und so liebte er sie alle: Die Alten, die Männer, die Knaben und selbst die Tierwelt musste sich vor ihm in Acht nehmen. Es war eine schöne, eine aufregende Zeit. Doch wie jede Zeit hatte auch diese ein Ende. Er lag gerade mit einer sehr attraktiven und lustvollen Dame zusammen, da kam ihm die Erkenntnis, ach, die Erleuchtung: Dieses Leben musste ein Ende haben. Sein Leben, das Leben des Aquarius, musste ein Sinn verliehen werden. Er ließ von der überaus liebenswürdigen, gar liebestollen Dame ab, zog sich an und entsagte von da an allem. Er verließ Woodstock und begab sich auf die große Reise mit dem einzigen, hehren Ziel: Seine große Liebe wiederzufinden.
Jetzt, nach langer Odyssee, nach unzähligen Planeten, Spiralarmen und Universen und aber mal so vielen Abenteuer war er sich sicher, seinem Ziel ganz nahe zu sein.
Im Pot Healer würde er seine große Liebe wiedersehen. 

Er trank sein Nazgȗl und begab sich zum Goldenen Reiter. Er stellte die Fragen aller Fragen. Und hing an den Lippen des Goldenen Reiters wie ein Verdurstender.

Fortsetzung folgt...

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zwielicht – Das deutsche Horrormagazin

Zwielicht 9

Zwielicht Classic - Geschichten gesucht!