Dienstag, 29. Juni 2010

Rolando vom Erdbeerhut



Zur Geschichte gibt es natürlich ein reells Vorbild, doch kann das Bildnis auf jeden zutreffen. Irgendwann ist für jedermann die Zeit gekommen, abzutreten. Und natürlich wünscht man sich, dies mit einem Pauken-schlag zu schaffen. Müßig zu erwähnen, dass dieser natürlich ein positives Ende haben soll.

Der Herbst ging zu Ende. Goldenes Licht spiegelte sich auf dem Laub, das in roten und gelben Farben leuchtete. In der Sonne war es warm, doch morgens und abends wurde es schon empfindlich kalt. Der November nahte und mit ihm die ungemütliche Jah-reszeit.

Rolando vom Erdbeerhut saß wie üblich an der Theke des Alpensterns, vor ihm ein kleines Bier, und haderte mit sich selbst. Musste er sich breitschlagen lassen und heute Nachmittag noch mal die Fußballstiefel schnüren?

Mit Schaudern erinnerte er sich an das Frühjahr, an sein letztes Spiel beim 1.F.C. Erdbeere. Die Mann-schaft spielte richtig schlecht und ihm ging nach zwei Spurts die Puste aus. Die Reval pfiffen aus allen Löchern. Zu allem Überfluss war sein Gegenspieler mindestens eine Generation jünger. Zwar hatte er ihm in zwei, drei Szenen gezeigt, was Erfahrung wert war, aber in der Halbzeit war Schluss.

Und dann kam das richtige Übel erst.

Zwei Wochen konnte er nicht mehr richtig gehen, so sehr taten ihm die Knochen weh. Zwei Wochen voll solcher Qual, dass er seinem Weib versprach, die Fußballschuhe endgültig an den Nagel zu hängen.

Bis heute hatte er sich an das Versprechen gehalten. Doch heute war es passiert und in bierseliger Laune ließ er sich überreden. Akuter Spielermangel war nicht der Grund, wankelmütig zu werden. Es waren die alten Recken, die sich beim Derbygegner ankün-digten, die Schuld an seiner Kurzschlussreaktion waren. Er versprach seinen Fußballkameraden, es zumindest eine Halbzeit lang zu versuchen.

Mit Schaudern dachte er jetzt schon an die Tage, die folgen würden. Und an die Auseinandersetzung mit seinem geliebten Weib, die jetzt anstand und sich wahrscheinlich die ganze Woche hinziehen würde.



Das Trikot spannte über dem gewölbten Bauch und das trotz XXL. Er nahm einen letzten, genüsslichen Zug an seiner Reval, dann gab er sich einen Ruck und betrat den Ascheplatz. Das Warmmachen ersparte er sich seit zwanzig Jahren, so fing er auch heute nicht damit an.

Rolando vom Erdbeerhut spielte mal wieder auf seiner an gestammten Position: Rechtsaußen.

Ihm gegenüber begegnete er einem alten Bekannten aus vergangenen Tagen. Vom Papier her zwar gleich alt, war sein Gegner wesentlich fitter als er selbst, ein schierer Ausbund an Kondition.

Das Spiel begann und der erste lange Ball kam in seine Richtung. Die tief stehende Sonne blendete, trotzdem erlief er den Ball, doch dieser versprang unglücklich.

Ein Scheißplatz und das schon seit Jahren.

Das Spiel ging hin und her, doch die rechte Seite schien gesperrte Zone. Rolando verkündete lauthals seinen Unmut.

Wenig später kam der Pass, doch so schlecht gespielt, dass er keine Chance hatte, den Ball unter Kontrolle zu bekommen. Mit zwei Mann stellte ihn der Gegner und von seinen Mannen kam natürlich niemand gelau-fen und bot sich zum Abspiel an.

Das Spiel plätscherte vor sich hin, dann zog der Geg-ner das Tempo an. Die übliche Meckerei begann und seine Mitspieler wurden unsicher. Rolando meckerte mit, unzufrieden mit den Nebenleuten, unzufrieden mit sich.

Mit einer sehenswerten Kombination über vier Statio-nen schoss sich der Gast in Führung und schon hingen die Köpfe der Mannschaft. Rolando zeterte vor sich hin.

Mal wieder bekam er den Ball, vernaschte seinen Gegenspieler, doch am schnellen Libero blieb er hängen. Der war mindestens fünfundzwanzig Jahre jünger und zum wiederholten Male fragte sich Rolan-do, warum er sich das überhaupt antat.

Wann war endlich Halbzeit?

Seine Kehle brannte vor Durst und die Lungen vor Schmerz. Er hatte genug.

Ein Lichtstrahl durchbrach das Laub und schien ihm genau in die Augen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, fluchte vor sich hin und wollte sich gerade abwenden, da kam das Anspiel.

Den Ball wollte er haben. Jetzt oder nie. Er vergaß den Schmerz, die Unlust und ging dem Ball entgegen.

In die eine Richtung laufend, in die andere die Pille ablegend, täuschte er den Gegner und war ruckzuck an ihm vorbei. Jetzt trieb er den Ball nach vorne, zwi-schen ihm und dem Torwart nur noch der junge und schnelle Libero.

Es war an der Zeit, er musste den Turbo anwerfen.

Früher, da wäre er ohne Problem an dem Jungen vorbei gekommen. Früher, da besaß er noch nicht die Trommel, deren Ausmaß mit jedem Jahr wuchs. Früher hatte die Lunge die Reval besser weggesteckt. Früher hatte er auch das Bier zum Frühschoppen besser weggesteckt. Früher hatte nicht die Angst mitgespielt, tagelang nach dem Spiel sich nur unter Schmerzen bewegen zu können.

Früher hatte er seine Zeit auf dem Fußballfeld auch nicht mit Nachdenken vertrödelt. Früher war er ein-fach losgerannt und hatte alles gegeben.

Heute war sein definitiv letztes Spiel. Heute hatte er die Chance, den Jungen ein letztes Mal zu zeigen, wo der Hammer hing.

Rolando vom Erdbeerhut grinste sein unbekümmertes Jungenlächeln, dann setzte er zu seinem gewaltigen Spurt an. Er ignorierte die Trommel, ignorierte den Teer auf seiner Lunge und ignorierte den Schmerz, der ab morgen allgegenwärtig sein würde.

Der Turbo zündete und im Bogen umlief er den Libe-ro. Der staunte nicht schlecht und zündete seinen eigenen Turbo, doch Rolando hatte die höhere Ge-schwindigkeit erreicht. Die ersten zehn, fünfzehn Meter ging es gut und Rolando näherte sich dem gegnerischen Torwart.

Die Muskeln wirbelten und Rolando spürte ein unge-ahntes Glücksgefühl in sich. In diesem Moment fühlte er sich jung, noch mal zwanzig.

Dann war der Moment vorbei und die Realität holte ihn ein. Die Lunge pfiff, die Oberschenkel brannten und im Nacken spürte er den jungen Verfolger.

Rolando war ein alter Hase und wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Gleich hatte er die Straf-raumgrenze erreicht, doch für einen Schuss würde die Kraft nicht mehr reichen. Lange warten konnte er nicht mehr, dann hatte ihn der Libero ein und über-holt.

Mit all seiner Routine schlug Rolando einen Haken, ließ den Gegner ins Leere laufen, sprintete erneut drei Meter, der Torwart kam ihm entgegen, von der Seite erneut der Libero.

Doch er war nicht umsonst Rolando vom Erdbeerhut. Er wartete den richtigen Moment ab, kurz bevor der Abwehrspieler ihn erreicht hatte, genau in dem Mo-ment, als der Torwart einen strammen Schuss erwarte-te und nach unten tauchte.

Rolando lupfte über den Torwart und der Ball senkte sich genau in den Winkel.

Der Ausgleich war geschafft.

Die Mitspieler kamen nach vorne gerannt, drückten und herzten ihn, während er nur mühsam nach Luft schnappte, das Herz rasend.

Er war am Arsch, fühlte sich wie Achtzig, doch der Einsatz hatte sich gelohnt.

Wenig später war Pause und Rolando erleichtert. Mit schweren Schritten verließ er den Platz und kehrte zurück in seinen Fußballruhestand.

Von seinem letzten Tor spricht man aber heute noch.

Rolando vom Erdbeerhut, der seitdem der ungekrönte Erdbeerkönig ist.

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