Thomas Hofmann (Interview)
Michael Schmidt: Hallo Thomas, stell dich doch mal den Lesern des Blogs kurz vor.
Thomas Hofmann: Hallo und vielen Dank, lieber Michael, für die Gelegenheit, hier bei Dir zu Wort kommen zu dürfen.
Wie kurz kann ich meine gut
60-jährige, eigene Geschichte erzählen? Es ist ja doch schon einiges passiert,
was mich geprägt und mich in dieser Zeit auch geändert hat. Bin im Berliner
Umland aufgewachsen, war als Kind an Geschichte (Altertum, Mittelalter,
Zeitalter der geografischen Entdeckung) dolle interessiert und schon sehr früh
am Zeichnen und Malen, meist auch solche historischen Motive. Zur Phantastik
und Science-Fiction bin ich Anfang der 80er Jahre gekommen. Damals sozusagen
als „Einzelkämpfer“, wie es später hieß, als ich dann schon andere SF-Fans
kennenlernte, denen es ähnlich ging. Erst 1987 stieß ich auf den ost-berliner
SF-Club „Andymon“, konnte dann aber bald mit einem anderen Hallenser
(inzwischen war mein Hauptwohnsitz in Halle/Saale), Wilko Müller jr. und einem
Dritten in Halle einen SF-Club gründen.
Dem ich aber zunächst fernbleiben
musste, weil ich meinen Grundwehrdienst bei der NVA antreten musste. Dann kam
die “Wende“, was dem SF-Fandom und meinen persönlichen SF-Aktivitäten enormen
Aufschwung verlieh. Seitdem zeichne ich gern für SF- u.a.
Phantastik-Publikationen – meist und am liebsten Monstren, Drachen, Raumschiffe
– und schreibe auch gern darüber, was ich lese, für Fanzines. Diese
Leidenschaft hat im Grunde nicht nachgelassen, hat sicher aber über die Jahrzehnte
inhaltlich entwickelt.
Michael Schmidt: Haben dich
die Merseburger Zaubersprüche inspiriert oder woher kommt dein Faible für
phantastische Literatur?
Thomas Hofmann: Leider gar nicht. Ich bin ja eine „Randboulette“ – jemand, der im Umland von Berlin groß wurde. Nach Halle kam ich erst als Student 1983. Und obwohl ich Geschichte (als Diplomlehrer) studierte, kam ich mit den Merseburger Zaubersprüchen gar nicht in Berührung.
Das Interesse an der Phantastik
hat sich im Kontakt mit Schulkameraden entwickelt. Da gab es jemanden, der
selbst einen SF-Roman schrieb und jeden Morgen in der Straßenbahn vom Fortgang
seiner Geschichte erzählte. Was aus dem Roman wurde, weiß ich allerdings nicht.
Und dann gab es die diversen TV-Film-Reihen, vor allem im „West-Fernsehen“,
Ende 70er, Anfang 80er Jahre – und ein paar Bücher im sehr umfangreichen Bücherregal
meiner Eltern, auf die ich zurückgreifen konnte.
Ich war auch im Buchclub 65,
wo man pro Monat ein Buch kaufen „musste“. Als ich mal keine bessere Idee
hatte, griff ich zu einer Anthologie, „Der unheimliche Fahrstuhl“. Ich habe die
immer noch; ich glaube, das war meine Initialzündung, was das Lesen von SF
anbelangt. Und ein Kompass-Bändchen von den Steinmüllers, „Der letzte Tag auf
der Venus“, das ich in einem Urlaubs-Bungalow fand. Haben dort die Vormieter wohl
liegen lassen.
Beim Malen – nur so für mich –
wechselten bald die Motive von Rittern zu Landschaftsbildern imaginärer,
phantastische Planeten und großen Raumschiffen, die natürlich irgendwie auch
Bauteile der Galactica und Enterprise aufwiesen. Mit meinem Kontakt zum SF-Fandom
und der Möglichkeit, auch an Fanzines mitzuwirken, konnte ich hier meine
bescheidenen Zeichenkünste einfließen lassen.
Thomas Hofmann: Als ich begann, gab es kaum andere Möglichkeiten, reproduzierbare Bilder zu fabrizieren. Das mit dem Kopieren war ja noch nicht so gut, kein Digitaldruck wie heute. Ein paar Farbbilder hatte ich auch erstellt, sogar für Buchproduktionen, Anfang der 90er. Da gab es mal so ein Märchenbuch z.B., das ich gestalten durfte. Ansonsten also Tinte, mit Feder. Heute nehme ich lieber wasser- und lichtfeste Fineliner oder Pointliner.
Irgendwann hatte ich bereut, dass ich mich nie auf digitale Kunst umorientiert habe. Andere hatten das ja. Ich hatte da durchaus den Eindruck, den Anschluss verpasst zu haben. Dieses Gefühl ist aber inzwischen verflogen. Ich mache, was ich mache. Und ich glaube, ich bin über die Jahre auch besser geworden. Inzwischen ist ja die Digitalkunst, nunmehr also auch mit KI-Unterstützung, doch ziemlich inflationär und leider auch beliebig und austauschbar geworden. „Handarbeit“ ist fast selten geworden, wobei ich auch sehe, dass Digital-Malerei richtig toll sein kann. Aber ich habe mich sozusagen entschieden, gerade jetzt, wo auch selbst erstellte Digital-Kunst sich immerzu „rechtfertigen“ muss, nicht doch KI-Slop zu sein.
Bei manchen Bildern bediene ich
mich allerdings auch der PC-Technik, bei Collagen aus Bildteilen, die ich
vorher gezeichnet habe. Ein paar Korrekturen lassen sich leicht durchführen,
ohne gleich das ganze Bild noch mal anfertigen zu müssen.
Michael Schmidt: Wie entsteht bei dir ein Bild, angefangen von der Ideensuche bis zur Veröffentlichung?
Thomas Hofmann: Viel zu oft illustriere ich „nur“. D.h., es gibt Text-Vorlagen, die ich umsetze. Die Idee ist daher von jemand anderen. Beim „Intergalaktischen Bestiarium“ war es übrigens mal anders: Da konnte ich zeichnen, was ich wollte, und Petra Hartmann „musste“ sich dann dazu Geschichten ausdenken.
Früher ging mir das alles schnell
von der Hand: Text lesen, oder eben doch mal eine eigene Idee im Kopf entwickeln,
erste Skizze, Vorzeichnung, mit Tinte, oder Fineliner nachziehen, fertig
stellen.
Heute brauche ich tatsächlich
viel, viel länger, um mir die Ideen im Kopf zurecht zu legen. Warum? Ich weiß
es nicht. Ich brauche da Ruhe, möglichst die Perspektive, mal einen ganzen Tag
nur für mich zu haben. Und die Ausführung dauert auch länger, was mir aber dann
nicht als Manko erscheint. Da habe ich dann einfach mehr Zeit und Muße, mich in
dieser kleinen imaginären Welt aufzuhalten, mehr Wert auf feinere Schraffungen
legen zu können. Na ja, ich hoffe, man sieht das auch, wenn man mal ältere mit
neuen Bildern von mir vergleicht. Beim Bestiarium habe ich z.B. auch ein paar
Viecher von mir aus der 1. Hälfte der 90er Jahre noch einmal rausgekramt und
neu gezeichnet. Also, ich bin damit jetzt mehr zufrieden.
Da die Bilder oftmals als „Auftragsarbeiten“
entstehen, werden sie dann ansprechend auch veröffentlicht. Eine Reihe von
Bildern entstanden ja einfach so, just for fun, ohne direkte
Veröffentlichungs-Option. Die sind dann aber meisten in Fanzines und
Smallpress-Publikationen verwendet worden.
Michael Schmidt: Wo findet man
deine Illustrationen sonst noch?
Thomas Hofmann: Derzeit gibt es immer die Vignette in der „!TimeMachine“, natürlich in unserem Hallenser Fanzine NEUER STERN. Zuletzt habe ich die kleinen Zeichnungen der Steinmüller-Ausgaben der Romane und Erzählungsbände) aus dem Memoranda-Verlag machen dürfen und die Gesamtausgabe der Werke von Hubert Katzmarz mit Titelbildern und einen Band auch mit Illustrationen versehen dürfen. Beides war mir eine große Ehre und Vergnügen.
Über all die Jahre ist die
Publikations-Liste ziemlich angewachsen. Meinen Höhepunkt hatte ich in den
Nuller Jahren. Da gab es ein paar Verlage, wo ich abgeliefert hatte: Aarachne,
Abendstern, KC-Buchoase, einige Rollenspiel-Bücher (mit sehr vielen Zeichnungen,
die vielleicht, jede Zeichnung für sich, nicht sooo gut geworden ist; da gings
echt um Masse)
Michael Schmidt: Hast du zeichnerische Vorbilder?
Thomas Hofmann: Oh ja, zumindest Idole, denen ich aber nie das Wasser reichen werde. Das beginnt bei Albrecht Dürer, geht über die Romantiker, Ludwig Richter und Moritz von Schwind, über die Manieristen des 16. Jahrhunderts zu den Symbolisten, Surrealisten der Neuzeit. Von den moderneren Künstlern sind es vor allem Tübke und Heinz Zander z.B.
Michael Schmidt: Was denkst du von KI unterstützten Bildern und worin ist da der Unterschied zu den gleichmäßigen Photoshopwerken?
Thomas Hofmann: Nicht viel. Eigentlich gar nichts. Ich finde den Schöpfungsgrat bei diesen Bildern einfach zu gering, zumindest derjenigen, die angeben, die Bilder erstellt zu haben. Ich muss aber gestehen, dass ich mich – wie oben ja auch angedeutet – mich viel zu wenig mit dieser Materie beschäftigt zu haben.
Letztens war Michael Wehren bei uns in Halle beim SF-Stammtisch zu Besuch und hat über sein Anthologie-Projekt ANDYMONADEN erzählt. Da habe ich ihn auch nach dem Coverbild gefragt, das ja mittels KI entstand, allerdings von einem namhaften Grafiker erstellt wurde. Er erklärte mir sehr ausführlich und auch überzeugend, dass trotz KI-Verwendung noch sehr viel Arbeit in dem Cover steckt. Das Cover sieht auch sehr gut aus und es steckt eben auch mehr drin, als „nur“ das verwendete Bild. Da geht es um Typografie, Bildaufteilung usw. Und am Ende muss ich zugestehen, dass Buchcover z.B. für einen bestimmten Zweck angefertigt werden. Die sind auch ohne KI nicht immer „große“, eigenständige Kunst gewesen, wenn da halt Stockfotos verwendet werden, oder überhaupt keine darstellenden grafischen Elemente, sondern halt nur Farben, Flächen, Schrift. Hauptsache sie erzeugen Aufmerksamkeit und regen dazu an, zum Buch zu greifen. Na ja, und jetzt behilft sich der Grafiker eben auch mit KI.
Sie werden aber aufgrund der
Kritik und der im Raum stehenden Ablehnung gegenüber diesem neuen Medium die nächste
Ausgabe mit einem anderen Motiv versehen.
Bei reinweg am Computer
entstandenen Bildern habe ich insgesamt bestimmte Vorbehalte. Wenn die Macher
vorgegebene Figuren nutzen und die „einfach nur“ (Achtung: ich weiß nicht
wirklich, wieviel Talent und Können da drin steckt) zu einer Collage zusammen
führen, dann mit Farbfiltern weiterarbeiten, dann habe ich da auch so meine Zweifel.
Oftmals sieht man den Bildern das eben auch an; sie erscheinen mir mit „heißer
Nadel“ zusammengeflickt zu sein. Figuren sind zwar anatomisch perfekt, wirken
aber mitunter wie Schaufensterpuppen. Die sprechen mich leider nicht an. Na ja,
da kann man dann auch KI nehmen, macht auch keinen Unterschied. – Aber es gibt
auch echt faszinierende „Computer-Kunst“ – solche, die das Medium auch
ausnutzen und Ergebnisse liefern, die man mit der Hand nie erzielen würde und
solche, die an die Malweise „alter Meister“ erinnern.
Michael Schmidt: Du bist
Herausgeber des Neuer Stern. Was ist das, seit wann gibt es den und welche
inhaltliche Ausrichtung hat der?
Thomas Hofmann: Der NEUE STERN ist derzeit mein Lieblingskind! Diese Liebe hält jetzt schon bald 15 Jahre an.
Wir hatten seit 1989 in unserem
ANDROMEDA SF Club Halle das SOLAR-X, das vornehmlich Wilko Müller jr. zusammenstellte.
Wir vom Club machten da mit, aber auch Clubfremde. Das war ein
Hauptbeschäftigungsfeld für einige der SF-Fans in Halle. Wilko konnte dann 2006
nicht mehr. SOLAR-X endete mit Ausgabe 180. Er hatte ja wirklich jeden Monat
ein neues Heft rausgebracht. Das war halt viel Arbeit, die er nebenbei
erledigte; wir hatten da nur manchmal geholfen. Es gab nur manchmal
Heftzusammenstellungs-Zusammentreffen, wo geheftet und eingetütet wurde.
Nach 2006 trafen wir uns aber weiterhin allmonatlich zum Stammtisch, unternahmen auch andere Sachen. Aber irgendwann dachte ich mir, irgendwas fehlt mir.
Ende 2012 fand ja der
Weltuntergang (nach Mayakalender) … dann doch nicht statt. Wir hatten
anlässlich eines Stammtischs eine „Weltuntergangslesung“ veranstaltet. Da habe
ich einfach mal meine Clubkollegen, Peter Schünemann und Bernd Wiese, gefragt,
was sie von einer Idee eines neuen Fanzines hielten. Ich habe vorsichtig
gefragt, will mir ja keine Abfuhr einhandeln. Aber, was passierte? Ein laut
schallendes „Ja!“ kam mir entgegen! Wow, damit hatte ich nicht gerechnet. Unser
Enthusiasmus hält seitdem an, seit Anfang 2013.
Ich hatte das Zine dann
„Rundbrief“ genannt, es sollte auch nicht nummeriert werden, es gibt auch kein
Abo oder sowas. Das Heftchen ist just for fun entstanden, sollte keine Mühe
machen. Erscheinungsweise komplett unregelmäßig. Aber na ja, ein paar Sachen
haben wir dann so nicht durchgehalten, inzwischen wird z.B. durchnummeriert.
Und wenn sich jemand meldet, die oder der es gern lesen möchte, oder sogar
mitmachen möchte (!!!) können wir das meisten möglich machen. Hält sich alles
im Rahmen, denn die große Zeit der Fanzines dürfte vorbei sein. Das ist halt
auch wichtig, dass es nicht ins Netz wandert und damit so beliebig wird.
Inhaltlich machen wir das, was
uns gefällt und wichtig erscheint. Wobei die Leute so ihre Steckenpferde haben.
Bernd z.B. seine Rubrik „Aus alten Bücherschränken“, wo er eine Perle nach der
anderen aus der Zeit vor 1950 hervorkramt und uns vorstellt. Mittlerweile wird
er stark von Lars Dangel unterstützt. Oder Volker Adam, der sich gern
feministischer SF widmet, da auch Sachen auskramt, von denen ich zumindest auch
noch nie was gehört hatte. Peter schreibt ja selbst Phantastik und bereichert
unser Heft oftmals mit eigenen Stories und er ist Fan vor allem unheimlicher
Phantastik. Das deckt sich ein wenig mit meinen Interessen, wobei meine
Horror-Phase nun doch vorbei ist. Ich liebe eher so seltsame Phantastik,
mittlerweile aber auch wieder verstärkt klassische SF. Zu den immer mal wieder
sich Beteiligenden gehört natürlich auch Ellen Norten. Sie stellt oft Werke aus
der SmallPress-Szene vor.
Wir haben ja auch immer mal
Schwerpunkt-Themen und Spezialhefte – oftmals zu bestimmen Themen, oder anlässlich
von runden Geburtstagen von Autoren oder Autorinnen (wobei, eine Frau war noch
gar nicht dabei, fällt mir dabei ein); 2025 sind da 2, bzw. 3 Hefte erschienen:
Ein Doppelheft zur Polnischen Phantastik und eines anlässlich des 100.
Geburtstages von Brian Aldiss.
Du siehst, eine vorgegebene
Ausrichtung gibt es nicht. Mir ist wichtig, dass es widerspiegelt, was die
Leute wirklich beschäftigt, die hier mitmachen, dass sie mit Feuereifer dabei
sind und man es den Texten anmerkt. Bitte keine Routine, kein Abarbeiten von
Neuerscheinungslisten etc. Das gibt es einfach im Netz schon x-fach. Der NEUE
STERN dient nicht dazu, sich zu updaten, wenn man wissen will, was akut in der
Szene los ist.
Ach ja, was auch eine Rolle
spielt, sind Berichte zu genrebezogenen Veranstaltungen. Da könnte noch mehr
gemacht werden, allerdings müsste man dazu ja auch mehr zu Con etc. fahren. Über
die ElsterCons berichten wir aber regelmäßig und ziemlich ausführlich.
Michael Schmidt: Welche Literatur schätzt du und welche deutschsprachigen Künstler würdest du empfehlen?
Thomas Hofmann: Wie schon angedeutet: Ich kam von der SF, von der mich nachhaltig die Strugazkis, LeGuin, Bradbury beeinflusst haben, aber auch die Steinmüllers, Rolf Krohn, Hans Bach, Wolfram Kober, auch Franz Fühmann und Waldtraut Lewin (aus meiner „Vor-SF-Phase“, die aber durchaus auch eine gewisse Affinität zur Phantastik hatten), war in den 90ern vor allem Fan deutschsprachiger dunkler Phantastik und Weird Fantasy in Fan-Publikationen, las gern Lovecraft u.a. Von den Deutschen waren es damals Michael Marrak (auf die Neuauflage seines Lord Gamma freue ich mich schon!), den „frühen“ Boris Koch, Christian v. Asters schwarzen Humor, Markus Kastenholz und natürlich Eddie M. Angerhuber und Thomas Wagner.
China Miéville hat mir zu Beginn
der Nuller Jahre die Faszination der SF zurückgebracht. Iain Banks las ich
gern, Dan Simmons, aber auch verstärkt Klassiker (James Blish, Vonnegut,
Moorcock, Hubbard sogar).
Dann lese ich gern russische
Autoren, nicht nur SF. Neuerdings auch so etwas zweifelhafte Grenzgänger wie
Arnolt Bronnen, Bodo Uhse, Yvann Goll, also Autoren aus der 1. Hälfte des 20.
Jahrhunderts, die sich auch politisch zwischen die Stühle setzten und oftmals
scheiterten. Irgendwie will ich rausbekommen, wieso sie so dachten und
handelten, wie sie es taten.
Michael Schmidt: Wie siehst du die deutschsprachige Phantastikszene?
Thomas Hofmann: Derzeit fühle ich mich nur partiell aussagefähig. In den 90ern steckte ich mehr drin. Wobei ich nicht weiß, ob ich wirklich den Überblick hatte. Ich kannte eher die schwarz-phantastische, Horror-Fan-Kultur. Die gibt es ja immer noch, ist nur nicht größer geworden. Ein paar Protagonisten dieser Zeit sind sozusagen auch gewachsen, sind inzwischen sogar Profi-Autoren.
Aber entgegen den immer wieder aufpoppenden
Unken-Rufen, dass die SF, oder auch die Phantastik stirbt, gibt es ja doch neue
Entwicklungen. Die „Neuen“ haben nur halt mit uns „Alten“ nicht unbedingt was
am Hut, die machen ihr Ding, auch ohne uns. Ist auch gut so! (Wobei ich sagen
muss, dass unser SF-Stammtisch auch gewachsen ist; was wir für lange Zeit auch nicht
für möglich hielten.)
Es gibt halt nicht mehr die
Fanzines, dafür Internet-Repräsentanzen und vor allem das Selfpublishing. Was
es da alles gibt, auch Relevantes, Interessante, kann ich absolut nicht mehr
überschauen. Ein paar Protagonisten aus der Szene haben es ja inzwischen auch
„geschafft“.
Es gibt neue Entwicklungen, die
auch progressive gesellschaftliche Tendenzen aufgreifen oder repräsentieren. Da
kenne ich auch noch viel zu wenig und ich verspüre durchaus Lust und Laune,
mich damit mehr zu beschäftigen. Initiiert wird mein Interesse aktuell durch
die Anthologie ANDYMONADEN. Das ist ja eine Hommage an einen alten (40 Jahre!)
SF-Roman aus der DDR. Was der heutigen, jungen Genrationen sagen kann? Sollte
der wirklich wieder rausgekramt werden? Na ja, kann man schon machen – und so,
wie diese „jungen Leute“ das dann gemacht haben, ist für mich richtig
verblüffend und erfrischend gewesen zu lesen. Ja, sie haben ihre eigenen
Schwerpunkte (sexuelle und Gender-Identitäten spielen oft eine zentrale Rolle),
die mich aber doch mit ihren Texten überzeugen konnten.
Von dem Magazin „Queer*Welten“
habe ich nur die erste Ausgabe gelesen, da müsste ich mich auch mal mehr
dahinterklemmen. Da weht durchaus ein frischer Wind in der SF- und
Phantastikszene. Daneben gibt es sicher auch noch die alten Spielfelder, halt dann
die x-te Cthulhu-a-la-Loveccraft-Anthologie. Ist schön, wenn es das gibt, aber
da liegt mein Interesse dann doch nicht mehr. Außer, es kommen da Sachen, wo
mich die Autoren interessieren, z.B. der neuste Roman von Ina Elbracht, die ich
an der Stelle vorbehaltlos ganz dolle empfehlen kann!
Empfehlen möchte ich auch noch 2 Autoren, bei denen man mir sicher nachsagen kann, dass ich nicht unvoreingenommen bin. Aber beide sind sehr gut und irgendwie immer noch nicht im richtigen Licht der Phantasten-Szene: Einmal Peter Schönemann, von dem es inzwischen ja einige Erzählungsbände gab und gibt. Und Nils Wiesner aus Merseburg (Zaubersprüche…), der gern Geschichte mit Phantastik und aktuell mit Mythologie mischt. Er schreibt auch Reisebücher, aber seine Grenzgänger-Phantastik ist einfach großartig.
Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!
Thomas Hofmann: Da hat mal jemand mir gegenüber behauptet, Phantastik und Politik haben nichts miteinander zu tun. Das sollte man strickt trennen. Habe mal drüber nachgedacht, und bemerkt, dass das absolut nicht stimmt. Ich weiß, dass es viel politische SF und Phantastik gibt (die natürlich nicht politische Manifeste sein sollen!) und ich drücke allen progressiv denkenden Autor*innen die Daumen, dass sie durchhalten, auch wenn der Wind ihnen stark ins Gesicht entgegen bläst, und sie die bessere Literatur schaffen und begeistern können. – Sorry für den Appell.







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