Freitag, 9. Juli 2010

Der Gelangweilte

Eine kurze und knackige Geschichte über moderne Dekadenz




Wissen sie, das war so. Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes. Ich ging da die Straße entlang, studierte die Schaufenster, doch nichts inspirierte mich zu einem Kauf. Weder die neue Digitalkamera mit automatischer Webeinstellung. Noch der nach Weidenkraut riechende Bierschnaps. Selbst die Ersatzfraufolie für die schnelle Befriedigung Zwischendurch, entlockte mir nur ein müdes Lächeln.

Wie ich also da entlang schlenderte und die ganzen unnötigen Sachen – oder eher überflüssigen Sachen – betrachte, kommt mir die absolute Idee. Nach einer Reihe von weniger absoluten Ideen.

Spontan wollte ich dem baumlangen Neger in die Eier treten, aber der war mir eine Nummer zu groß und ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass ich das Echo nicht vertragen würde.

Alternativ hätte ich die Blondine, die halbnackt an mir vorbeizog, vögeln können, doch war ich nicht in der Stimmung, eine zwar unwahrscheinliche, aber nichtsdestotrotz schmerzhafte Abfuhr zu erhalten. Außerdem hatte sie Zellulitis, das sah man ganz eindeutig unter dem Minirock. Als ich ihr nachblickte, bückte sie sich und die wenig erfreuliche Aussicht wischte meinen Ständer weg.

Meine Nachbarin Verona wäre eine Alternative, doch wusste ich, die wollte nicht, und mit Gewalt machte das ja auch keinen Spaß.

Mein Nachbar Paul, der wollte, gerne auch mit Gewalt, aber das war wiederum nichts für mich. Der Gedanke tat schon weh und unwillkürlich streiften meine Hände über meinen knackigen Po. Der lenkte mich auf das Werbeplakat, doch für diesen Job war ich zu klein, meine Gesichtszüge nicht ebenmäßig genug.

Ein Blick nach links. Das rote Sportcoupe, doch die finstere Miene des Besitzers nimmt mir auch die Lust, den Wagen mal kurz ungefragt auszuleihen.

Ich war einfach in meiner pessimistischen Phase, der Mangel an Gottvertrauen war oberste Disziplin. Wie sie anhand der Schilderung entnehmen konnten, war ich dem Selbstmord näher als dem Orgasmus.

Letzteres brachte mich dann auf die passende Idee. Ich packte ihn aus, bearbeitete ihn und weg war der Druck.

Ich war der Mittelpunkt des Geschehens, auch am folgenden Tag. Für die Presse war es ein gefundenes Fressen und somit hatten alle etwas davon, nicht nur die Handvoll Passanten.

Ich sage Ihnen. Lassen Sie es raus! Es hilft. Mein Beispiel hat Schule gemacht. Ich gründete die „Lass es raus!“ - Schule, verkaufte sogar Lizenzen nach Amerika.

Ach, was reden Sie da von Anstand und Moral. Wir sind die Spaßgesellschaft. Selbstverwirklichung hat oberste Priorität. Und Langeweile, das ist was für die ewig Gestrigen.

Bis dann. Ich muss jetzt weiter!

Die nächste absolute Idee wartet schon an der Oberfläche meines Unterbewusstseins.

Hier die Übersicht der bisherigen Geschichten.

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