Daniel Neugebauer (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Daniel. Stell dich mal kurz vor!

Daniel Neugebauer: Mein Name ist Daniel Neugebauer, bin 32 Jahre, wohne im Ruhrgebiet und habe Politikwissenschaft studiert. Ich habe für Zwielicht die Artikel über M.R. James, die Twilight Zone, Lovecraft auf Reisen und Lovecraft und die Weird Tales geschrieben. Wobei die beiden Lovecraft Artikel in Zusammenarbeit mit Mirko Stauch entstanden.

Michael Schmidt: Normalerweise werden an dieser Stelle Autoren interviewt. Oft auch Illustratoren. Artikelschreiber dagegen fristen ein Schattendasein. Was ist dein Eindruck: Wie wird deine Arbeit von den Lesern wahrgenommen? Wie ist das Feedback?


Daniel Neugebauer: Das Feedback ist gering. Eine typische Rezi beschreibt die Geschichten und erwähnt, dass es am Ende noch so ein paar Artikel gibt. Das ist nicht sonderlich schlimm, denn wenn mal jemand die Mühe macht die Artikel zu lesen sind die Kritiken sehr positiv. Das freut mich natürlich. Die Artikel sollen aber vor allem die darin beschriebenen Autoren vorstellen. Wenn am Ende jemand denkt: „Dieser M.R. James… interessanter Typ, ich lese mal seine Geschichten“, wäre das natürlich ideal. Aber ich mache mir nichts vor: In Anthologien geht es um Geschichten. Artikel sind nette Zugaben.

Michael Schmidt: Du bist eine der Konstanten in der Zwielicht Reihe. 5 Bände, 5 Artikel. Alles fing mit einem Artikel zu M.R. James in Zwielicht 1 an. Wie kam es zu der Idee und warum hast du ihn an Zwielicht gesandt und nicht an die einschlägigen Magazine wie phantastisch!, Phase X oder Pandora.

Daniel Neugebauer: Neue Projekte brauchen Autoren und da auch konkret nach Artikeln gefragt wurde, dachte ich mir ich versuche es einmal. Da die englische Gespenstergeschichte eine meiner Leidenschaften ist und M.R. James vielleicht der bedeutendste Autor in diesem Genre ist, wollte ich ihn einfach mal vorstellen. Und da ich weniger Probleme habe einen Artikel zu schreiben als eine Kurzgeschichte, war das mein erster Beitrag und seitdem bin ich Bord.

Michael Schmidt: In Zwielicht 2 berichtest du von der Twilight Zone. Was ist das besondere Flair dieser Sendung und warum wird sie selbst heute noch gerne gesehen?

Daniel Neugebauer: Gute Geschichten funktionieren einfach immer und die Twilight Zone hatte Topautoren und wusste das auch. Natürlich sind die Tricks heute lächerlich. Niemand fürchtet sich vor dem plüschigen Gremlin auf dem Flugzeugflügel oder ist wirklich überrascht bei der Episode „Eye of the Beholder“ und doch hat die Serie ihren Charme behalten. Sie ist zeitlos. Unglaublicherweise erscheint die Twilight Zone inzwischen sogar synchronisiert auf DVD und wurde bei Tele5 ausgestrahlt. Damit hätte ich nie gerechnet, da die Twilight Zone im Grunde ein amerikanisches Phänomen ist.

Michael Schmidt: Zwielicht 3 bringt Lovecrafts Reisetagebuch. Kann man zum Thema Lovecraft überhaupt noch was Neues beisteuern und was bietet dein Beitrag?

Daniel Neugebauer: Lovecraft und seine Geschichten bleiben interessant, weil man ihn und sie immer wieder aus anderen Blickwinkeln betrachten kann. Um HPL ranken sich einige Mythen, die teilweise in Biographien oder Erinnerungen auftauchen und auch kultiviert wurden. Diese zurechtzurücken kann nur sinnvoll sein, gerade weil Lovecraft bzw. Cthulhu gerade allgegenwärtig ist.

Michael Schmidt: Zwielicht 4 behandelt das Thema Weird Fiction. Sind Horrorleser Traditionalisten und was macht den besonderen Reiz von Weird Fiction aus und wie sehen die aktuellen Entwicklungen da aus?

Daniel Neugebauer: Ich denke wir haben derzeit einen Trend in Richtung „harte Thriller“. Im engeren Sinne ist das ja keine Weird Fiction, weil das phantastische Element fehlt. Das ist nicht unbedingt meine Art von Weird Fiction, aber es gibt viele Leser für diese Art von Geschichten. Ich bevorzuge einfach das phantastische Element.

Michael Schmidt: Passend zum Erscheinen der Best Of Harlan Ellison Sammlung „Ich muss schreien und habe keinen Mund“ wird dein Artikel zum Autor in Zwielicht 5 erscheinen. Was ist das Besondere am Werk von Harlan Ellison?

Daniel Neugebauer: Zunächst mal Ellison selbst! Eine einzigartige Person und ein begnadeter Schriftsteller. Besonders ist seine totale Abkehr des Geniegedankens in der Literatur zu nennen, der ja gerade im deutschen Literaturbetrieb reichlich kultiviert wird. Ellison sieht das ganze als Arbeit und zwar verdammt schwere Arbeit, aber eben Arbeit die erlernt werden kann. Ellisons Werk sollte aber nie hinter der Person stehen. Es ist der Ideenreichtum der mich fasziniert. Sein Werk ist so umfangreich und so abwechselungsreich: nonkonformistische Harlekins, Kartenzeichner für verlorene Orte, Kreaturen in den Abwässern, ein Mann mit einer Glashand… Ellison kann man in kein Genre zwängen, vielleicht ist dies das Besondere und wir können in Deutschland noch viel von Ellison entdecken.

Michael Schmidt: Hast du geplant, mal einen eigenen Band mit Sekundärartikeln herauszugeben und welche Schwierigkeiten siehst du da?

Daniel Neugebauer: Wenn ich genug Artikel hätte, würde ich das sogar in Betracht ziehen. Alte Artikel noch mal bearbeiten, ein paar Ergänzungen in Fußnoten, vielleicht noch Zusatzmaterial… Ja, warum nicht. Aber dafür brauche ich zunächst mal mehr Material. Ob so was aber Käufer finden würde ist fraglich. Auf der anderen Seite verkaufen sich obskure „Lovecraft war ein Meister des Okkulten und hat sich nichts ausgedacht“-Sachbücher wohl ganz gut, denn sonst würden nicht ständig neue erscheinen. Wenn ich also die Artikel um die „okkulte Wahrheiten hinter den Geschichten und Autoren“ ergänze, könnte das womöglich ein Bestseller werden.

Michael Schmidt: Wie siehst du die „Weird Fiction“ und speziell die deutschsprachige Szene?

Daniel Neugebauer: Ich kann das leider nicht beurteilen. Ich lese viel zu wenig zeitgenössische Weird Fiction, weder deutsch noch englisch. Ich denke die deutsche Szene ist sehr rege, gerade im Bereich der Kleinverlage, davon sprechen zumindest die Ausschreibungen für Anthologien. Tragisch ist natürlich das kein Mensch von so was leben kann, weder der Verleger noch der Autor und vom undankbaren Job des Lektors und Korrektors will ich gar nicht erst reden.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Menschen da draußen!

Daniel Neugebauer: Vielen Dank für Interview und viel Spaß mit Zwielicht 5!

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