Andreas Flögel (Interview)

 




Michael Schmidt: Hallo Andreas, stell dich doch mal vor. Viele kennen dich, aber es soll ja Leute geben, denen es nicht so geht.

Andreas Flögel: Hallo Michael. Erstmal vielen Dank, dass du mir die Möglichkeit gibst, etwas von mir zu erzählen. Ich bin Jahrgang 1960, stamme aus Karlsruhe, lebe aber schon lange im Raum Frankfurt. Ich bin verheiratet, habe zwei inzwischen erwachsene Kinder und nachdem ich viele Jahre erfolgreich versucht habe, leblose Objekte durch das Aneinanderreihen von Zeichen dazu zu bringen, zu machen, was ich möchte (sog. Software-Engineering), bin ich inzwischen im Ruhestand. So habe ich mehr Zeit dafür, durch das Aneinanderhängen von Zeichen ganze Welten zu erschaffen.

 

Illustration von Maximilian Wust aus Geschichten aus dem Galactic Pot


Michael Schmidt: Glamp kommt. Und was bedeutet das jetzt für den Leser?

Andreas Flögel: "Glamp kommt" ist mein Beitrag zu der von dir herausgegebenen Anthologie "Geschichten aus dem Galactic Pot".

Was den Leser angeht, so bedeutet es, dass ich mich als erstes bei ihm entschuldigen muss. Mir ist klar, dass eine Figur wie Glamp, Präsident der Vereinigten Planeten von Vespuccia, dessen Reden wirken, als würde eine KI aus mehreren Vorlagen gleichzeitig zitieren, der Gerichtsurteile für "ignorierbare Vorschläge" hält, dessen spontane Entscheidungen oft mit den Geschäftsinteressen seiner reichsten Spender übereinstimmen und der das Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, nur sehr schwer zu glauben ist. So etwas kann nur dem total verdrehten Verstand eines SF-Autors entsprungen sein.

Sozusagen als "Friedensangebot" biete ich dem Leser deshalb noch einige Dinge, die leichter zugänglich sind: Ein Golfcaddy, der gerne ein hardboiled Detective wäre, eine hart arbeitende Agentin des Secret Service und eine Partie Golf in den Sternen. Abgerundet wird das Ganze durch einen kleinen Mord und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Ich hoffe sehr, mit diesen alltäglicheren Situationen das Vertrauen des Lesers zurückzugewinnen.

 


Michael Schmidt: Woher kam die Idee?

Andreas Flögel: Schwer zu sagen, mir fallen da auch keinerlei Parallelen zur Wirklichkeit ein.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war meine Motivation wohl hauptsächlich, dass ich gerne das schöne deutsche Wort "Punzenlecker", dessen Bedeutung mir einst meine Großmutter erklärt hat, und das heute kaum noch Verwendung findet, in einer Geschichte unterbringen wollte.

 


Michael Schmidt: Laut isfdb.org veröffentlichst du seit 2004. Da kannten wir uns schon. Die Geschichten erschienen im Rahmen des Corona Wettbewerbs. Da hatten wir uns immer auf dem Bucon drüber ausgetauscht. Da war ich Juror und du hast uns regelmäßig mit Lesestoff versorgt. Wie siehst du diese Geschichten im Rückblick?

Andreas Flögel: Ja, die Corona-Schreibwettbewerbe. Da denke ich noch mit Dankbarkeit dran. Sie haben mich zum Schreiben gebracht. Ich hatte davor zwar auch schon mal was bei einem Krimimagazin eingereicht. Als das seine Pforten geschlossen hat, bekam ich die Story mit dem handschriftlichen Vermerk "zur Not brauchbar" zurück. Für viele Jahre war mir das genug schriftstellerischer Erfolg.

Mit den Wettbewerben des Corona Magazins hat sich das geändert. Sie führten zu meinen ersten Veröffentlichungen und gaben mir das Selbstvertrauen, eine Geschichte bei einem Verlag einzureichen, die dankenswerterweise genommen wurde. Die Erste von vielen Weiteren.

Ich kann nur betonen, wie wichtig solche Möglichkeiten für junge Schriftsteller jeden Alters sind. Später habe ich dann auch ab und an als Juror geholfen.

 


Michael Schmidt: Du bist ja der Behördenmensch der SF. Zumindest gibt es so eine Behörde, die immer Fälle löst und dabei doch recht skurrile Erlebnisse hat. Der letzte Auftritt war in Rock Planet, oder täuscht mich die Erinnerung? Ein langes Lied war der Kern der Story.

Andreas Flögel: Es ist selbstverständlich, dass in einer Welt, in der es Magie und dergleichen gibt, auch irgendeine Behörde dafür zuständig ist. So ist aus dem kaiserlichen Büro für Dämonen-Angelegenheiten (BfDA, ursprünglich Büro für Dämonen-Abwehr) in den 60ern die Agentur für präternaturale Angelegenheiten (APA) entstanden. Ich verweise hier auf mein leider weiterhin unveröffentlichtes 12-bändiges Standardwerk "Magische Ermittlungsbehörden im Wandel der Zeiten".

Die Mitarbeiter dieser Behörde sind der geeignete Gegenpart für Larmei, meine covenlose Wanderhexe, die sich mit kleineren und größeren Gaunereien über Wasser hält und in mehreren meiner Geschichten vorkommt. Sie ist auch die Hauptperson in der Geschichte "Come With Me", die auf dem Musikstück "In-A-Gadda-Da-Vida" von Iron Butterfly basiert und Teil der Anthologie "Rock Planet" ist. Das Stück nimmt die ganze B-Seite einer LP ein. Zeit genug für Larmei, um die Welt zu retten.

 


Michael Schmidt: Die letzte Zeit veröffentlichst du auf Englisch. Drabbles und so. Ist das was Ekliges?

Andreas Flögel: Nicht zwingend. Obwohl ich zugeben muss, dass einige meiner dunkleren Drabbles schon auch ein wenig damit spielen. Zumindest wenn ich den Aussagen meiner Frau glaube.

Nein, Drabbles sind Geschichten aus exakt 100 Worten. Nicht 99, nicht 101, sondern exakt 100. Der Titel wird nicht gezählt. Dabei sollen es aber möglichst komplette Geschichten sein, nicht nur Vignetten. In Deutschland findet man sie sehr selten, aber im englischen Sprachraum sind sie überraschend weit verbreitet, wie auch einige andere Formen von eher kurzen Geschichten, z.B. Flash (i.d.R. unter 1000 Worte).

Für mich waren Drabbles der Einstieg in das Veröffentlichen auf Englisch. Ich sagte mir "100 Worte, das ist überschaubar, das kriegst du hin." Und dann wurde mein erster Versuch gleich genommen. Inzwischen schreibe ich auch längere Geschichten auf Englisch, gerne auch mal 6000+ Worte. Aber die kurzen Formen liegen mir und deshalb komme ich gerne immer wieder darauf zurück.

Und das Schöne ist, dass diese im englischen Sprachraum deutlich mehr nachgefragt werden als im Deutschen.

 


Michael Schmidt: Deine Geschichten schwirren so zwischen Science Fiction und Horror. Welches Genre ist dein liebstes Kind? Oder bist du da eher der Genrewanderer?

Andreas Flögel: Ich glaube "Genrewanderer" trifft es ganz gut, denn ich wechsle gerne. Solange es "Genre" ist, bin ich dabei. Ich habe SF, Fantasy, Horror, Phantastisches, Märchen und auch Kriminalgeschichten veröffentlicht und das deckt sich auch ziemlich genau mit meinen bevorzugten Lesestoffen.

Dabei habe ich aber auch wiederkehrende Elemente bezogen auf das Genre. So spielen viele meiner SF-Geschichten in einer Welt, die ich mein Sebsprawl-Universum nenne, das Cyberpunk, Biopunk und noch einige andere SF-Themen verbindet. Demnächst erscheint im Sci-Phi-Journal auch die erste (kurze) Sebsprawl-Geschichte auf Englisch. Bei Fantasy drehen sich die Stories oft um die schon erwähnte Hexe Larmei und ihre Abenteuer und Gaunereien.

 


Michael Schmidt: Du mischst jetzt seit einiger Zeit auch beim Vincent Preis mit.

Andreas Flögel: Horror und Dunkle Phantastik geht in Deutschland als eigenständiges Genre im Vergleich zu Science Fiction und Fantasy oft etwas unter. Deshalb halte ich den Vincent Preis für äußerst wichtig, um die Sichtbarkeit dieser Literatur zur erhöhen. Da ist es klar, dass ich gerne mitmache.

Meine Mitarbeit hatte ursprünglich damit begonnen, dass ich bei Preisverleihungen nominierte Geschichten vorgestellt habe. Dann habe ich die Pflege der Liste von für den Preis in Frage kommende Kurzgeschichten übernommen und inzwischen unterstütze ich dich ja auch bei der Auswertung oder vertrete dich bei der Preisverleihung, wie letztes Jahr.   

 



Michael Schmidt: Zuletzt hast du dein Einstand bei Nova gegeben. Wie kam es und worum geht deine Geschichte?

Andreas Flögel: Die Herausgeberin, Marianne Labisch, hatte mich angesprochen. Es ging um eine Story für den Nova-Themenband "Intelligenz". Dabei musste ich sofort an Augments denken, dass sind in meiner Sebsprawl-Welt Tiere, deren Intelligenz erhöht wurde. So erzähle ich die Geschichte aus der Sicht einer Augment-Katze. Sie ist der Meinung "Intelligenz wird überbewertet". An ihrem Beispiel konnte ich Intelligenz aus einem anderen Blickwinkel angehen. Um auch etwas Spannung in die Geschichte zu bringen, hält die Katze ihre Intelligenz geheim und hat auch einen guten Grund dafür.

Michael Schmidt: Was liest du selbst gerne?

Andreas Flögel: Wie vorher schon angedeutet geht es bei mir beim Lesen genauso querbeet zu wie beim Schreiben. Etwas wozu ich immer wieder zurückkehre, sind die hardboiled Stories von Hammet, Chandler und deren Epigonen, aber ich liebe auch Sherlock Holmes. Was Fantasy angeht, bin ich nicht der Leser für die 21-bändige Saga. Auch hier bevorzuge ich kürzere und Standalone-Werke, wie z.B "The Blacktongue Thief" von Christopher Buehlman oder Scott Lynch's "Gentleman Bastard Trilogie". Bei SF finden sich meine Lieblinge in den verschiedene -punk Kategorien, natürlich vor allem Cyberpunk. Außer den Werken von William Gibson ist hier z.B. "Snow Crash" von Neal Stephenson eines meiner Lieblingsbücher.  Bei Horror startet für mich alles bei den Klassikern Poe, Lovecraft und Zeitgenossen. Als Beispiel für Aktuelleres kann ich z.B. die "Sworn Soldier" Novellen von T. Kingfisher nennen.

Und weil ich gerade dabei bin, hier noch eine Empfehlung aus meiner Lektüre der letzten Zeit: "The Tainted Cup" von Robert Jackson Bennett verbindet Krimielemente mit Fantasy, Horror, Weird und interessantem Worldbuilding.   

 

Michael Schmidt: Fleiß soll ja die wichtigste Tugend eines Autors sein und sein Veröffentlichungsoutput ist der Nachweis. Was steht in der Pipeline?

Andreas Flögel: Da kommt einiges in der nächsten Zeit.

Auf Deutsch warten zwei längere Urban-Fantasy Geschichten für verschiedene Anthologien auf eine Veröffentlichung irgendwann dieses Jahr.

Im Englischen steht meine zweite Story im Sci-Phi-Journal an. Dann zwei ganz unterschiedliche Weird-West-Stories, eine für das Patreon von Black Hare Press, die andere, deutlich länger, konnte ich in einer Anthologie eines Verlages aus Utah unterbringen. Und nicht zuletzt eine Folk-Horror Geschichte, die aus einer alten Idee für eine Story auf Deutsch entstanden ist. Beim Umschreiben auf Englisch habe ich die ursprüngliche Idee gnadenlos zusammengekürzt und konnte sie so als Flash unterbringen. Dazwischen stehen auch ein paar Drabbles zur Veröffentlichung an.

 


Michael Schmidt: Und woran schreibst du gerade?

Andreas Flögel: Gerade schreibe ich auf Englisch an einer längeren Horror Geschichte und lege letzte Hand an eine paranormal-noir Flashstory. Dazu kommen wie immer noch ein paar Drabbles. Und auf Deutsch steht als nächstes wohl eine weitere GPH-Geschichte an.

 


 Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

Andreas Flögel: Wenn ihr etwas lest, das euch gefällt, dann sagt es bitte. Es muss ja keine seitenlange Rezension sein. Ein einfaches "Diese Geschichte hat mir gefallen" reicht, um den Autor glücklich zu machen.

 

 

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