Donnerstag, 2. September 2010

Der neue Stern


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Der neue Stern ist eine Satire über das Schreiben und parodiert hoffnungsvolle Jungautoren. Vielleicht findet sich der ein oder andere dort wieder


1. Das Erwachen

Es ist Sonntagmorgen, ein wunderschön grauer Sommertag, der Nieselregen läßt die Seele in Freude erbeben. Der Tag ist wie dafür gemacht, seinem erfüllten Leben einen neuen Sinn zu geben. Erfreut lese ich folgende Nachricht von Dienstag.
Der deutsche Buchhandel: Die Zahl der Neuerscheinungen ist um 8,5 Prozent auf 89.986 Titel gestiegen. Der Umsatz mit Büchern hat um 0,9 Prozent zugelegt.
Es ist soweit, ich habe meine neue Bestimmung gefunden. Warum mit ehrlicher Arbeit Geld verdienen? Auch Stephen King war arbeitslos und hat Karriere gemacht. In der Ruhe liegt augenscheinlich die Kraft. Und mir ist nicht bekannt, dass unter den vier Millionen Arbeitslosen Autoren sind.
So, mein Ziel ist definiert, langsam bildet sich vor meinem geistigen Auge eine rosarote Zukunft. Langes Ausschlafen, dann der Weg an den hauseigenen Pool in der Karibik. Mehrere leicht bekleidete Schönheiten sorgen für mein leibliches Wohl. Den gestern geschlossenen Vorsatz, das erste alkoholische Getränk in der Dämmerung einzunehmen, wird durch das aufgeschlossene Lächeln der kaffeebraunen Schönheit weggewischt. Ich lebe jetzt.
Der kurze Gedanke an meine Produktivität verschwimmt in einem Brei aus Betrunkenheit und sexueller Erregung. Die Zeit am Band ist vorbei, ich bin jetzt ein Künstler, abhängig von inspirierenden Schüben. Noch ein wenig die Sonne genießen...
Der Traum zerfasert. Wieder zurück im grauen Deutschland, ich stehe kurz vor der Depression. Drohend winkt der Montagmorgen. So geht es nicht weiter. Mein Körper strafft sich, die Zeit des Handelns ist gekommen. Irrsinnig schnell entsteht meine erste Geschichte. Mein Talent ist riesig, ich zittere immer noch vor Begeisterung, vermeide jedoch, die Geschichte ein zweites Mal zu lesen.
Jetzt muss ich nur noch bekannt werden, dann ist der Erfolg vorprogrammiert.
Deutschland und seine Vereinsmeierei. Ich bin der wahre Ideenblitz. Ein Verein muss her, um meine fehlende Bekanntheit wettzumachen.
Also surfe ich in den Weiten der virtuellen Welt und werde schnell fündig. Die Verheißung hat einen Namen: SFCD!
Wahnsinn!
Science Fiction Club Deutschland. Schnell finde ich den Link zum anmelden, doch jäh wird meine Begeisterung in Eiswasser getaucht.
Statt Online die Mitgliedschaft zu erringen, öffnet sich ein Word-Dokument, mit der Bitte, dies ausgedruckt und ausgefüllt per Post zu schicken. Ich bin in meiner Ehre gekränkt. Gerade die Innovation der SF-Geschichte geschrieben, soll ich mich mit solch einem antiquierten Vorgang abquälen?
Nein!
Der SFCD bekommt meinen persönlichen Preis “Zurück in die Zukunft” für besonders futuristische Leistungen.
Für das Erste habe ich genug. Meine Karriere als Bestsellerautor macht jetzt erstmal Pause. Doch seit sicher, ich werde euch an den nächsten Sprossen meiner Karriereleiter zu gegebener Zeit teilhaben lassen.

2. Selbstverleger

Es fällt mir schwer, doch mühsam löse ich mich von den Groupies. Okay, ich bin jung, ich bin dynamisch, doch irgendwann ist genug. Der Müßiggang benötigt eine kurze Unterbrechung. Es ist der richtige Moment, es schreit nach einem Mann der Tat.
Die Sterne stehen günstig, ich schwimme auf einer Erfolgswelle sondergleichen. Es wird Zeit, etwas für meine Karriere zu tun. Und in der Ferne sehe ich schon den Erfolg ähnlich einer Nova aufleuchten. Ihr werdet sehen. Der Puffblitzer-Preis ist mir sicher.
Meine erste Veröffentlichung ist so gut wie da. Ich werde nicht der Donald für die großen Verlagshäuser. Dagobert Bastei Duck und Gustav Heyne Gans können sich warm anziehen. Ich werde die Konkurrenz überrollen, ihr werdet schon sehen.
Mein Rezept?
Ist eigentlich ganz einfach. Simpel. Und ich wundere mich, dass noch keine Heerscharen vor mir auf diese Idee gekommen sind.
Ich werde Herausgeber meines eigenen Buches. Es gibt sie wie Sand am Meer, die Verlage, die meine kompetente Beratung ertragen und für die Verteilung meines Geniestreiches sorgen werden. Kurz diskutieren wir über Zahlen, in Gedanken öffne ich schon die Portokasse. Geflissentlich ignoriere ich das Gezeter meiner Angetrauten. Der Bankkredit ist so unverschämt günstig, ich sollte mir noch mehr leihen und weiter investieren, ich wäre innerhalb kürzester Zeit ein gemachter Mann.
Doch was interessiert mich der schnöde Mammon. Ich will Ruhm und Ehre, die Schlagzeilen der Yellowpress beherrschen. Der neue Stern, der raketengleich am Autorenfirmament erscheint, empfängt die Größen der Filmbranche und diskutiert die letzten Kinoadaptionen seiner Romane. Tagelang sonne ich mich in diesem prickelnden Gefühl.
Doch kehren wir zurück in die Gegenwart, wenden uns meiner Erfolgsstory zu. Der Verlag sorgt für Lektorat, Druck und Vertrieb. Ich für die erfolgreiche Ware. Ich denke, eine Auflage von Hunderttausend würde dem Bedarf gerecht. Für das Erste. Doch der Mann vom Verlag hat eine unschlagbare Strategie. Verknappung. Einfach genial. Eine Startauflage von 1500 Exemplaren, die Meldung, wie schnell das Buch ausverkauft ist, wird den Run dramatisch erhöhen. Natürlich nehme ich direkt tausend Exemplare für mich, die Sammlerpreise werden eine beispiellose Gewinnmaximierung zur Folge haben.
Bei der Gelegenheit, sollte jemand Interesse an meinem Buch hat, schreibt mir kurz, für meine treuen Leser werde ich natürlich einen Sonderpreis berücksichtigen. Obwohl das Buch so schon fast geschenkt ist, es kostet nur 20 Cent pro Seite, bekommt ihr einen beispiellosen Rabatt von 10 Prozent. Leider ist der Band etwas kurz, aber man muss ja auch an die Bedürftigen unter euch denken.
Dafür bleibt der Gesamtpreis relativ niedrig.
So, die Weichen sind gestellt.
Ich gebe zu, der Verkauf beginnt schleppend, doch bin ich mir sicher, bis zum nächsten Mal wird sich dies gedreht haben. Und mein Name auf der Bestsellerliste ganz weit oben stehen.

3. Der Convent

Eine Menge Wasser ist den Rhein herunter geflossen, doch zu behaupten, ein besonderes Erfolgserlebnis gehabt zu haben, wäre übertrieben optimistisch, ja gar gelogen. Der Buchverkauf, trotz experimentellen Inhalts, ist im Stocken, leider schon ziemlich früh, was bedeutet, die Anzahl der verkauften Bücher extrem gering.
Ich habe lange genug gewartet, ein Geistesblitz muss her. Und siehe da, ich habe erneut eine revolutionäre Idee. Ich packe mir meine Groupies und ziehe los. Wohin?
Zu einem Convent. Wohin sonst?
Der direkte, persönliche Kontakt ist es, der mich wieder in die entsprechende Erfolgspur bringen soll. Das mir die Idee so spät kam ist unverzeihlich, aber unabänderbar. Doch die Dinge harren auf Veränderung. Der Weg zum Ruhm ist nah und unwiderruflich.
Es geht los.
An jedem Arm zwei meiner Groupies bewaffnet, betrete ich den Saal. Dieser Depp am Eingang wollte nicht auf den Eintrittspreis verzichten. Ich habe mir sein Gesicht vorgemerkt und das ganz genau. Er wird es noch bereuen, mich, den neuen Stern, so abzukanzeln.
Mein Eintreffen geht unter, niemand umlagert mich um ein Autogramm zu haben. Aber ich bin mir sicher, im nächsten Jahr wird dies anders sein.
Mein erster Weg führt zur aktuellen Nummer Eins unter den deutschen Autoren. Doch der zeigt mir die kalte Schulter, ist wenig von meiner charmanten Art beeindruckt. Selbst die Groupies können seine Meinung nicht ins Wanken bringen. Ich schätze, er ist stockschwul und ich bin einfach nicht sein Typ. Da kann man nichts machen. Aber ich werde mich an ihn erinnern, sobald ich ihn erst einmal vom Thron gestoßen habe.
Auch der Versuch beim nächsten Autor scheitert. Nein Angebot zur Co-Autorenschaft wird rüde abgelehnt. Nicht schlimm, sein Schreibstil und meiner lagen sowieso zu weit auseinander. Ich denke auch, meinem experimentellen Erguss kann kaum jemand folgen, dafür reicht der Horizont dieser Provinzreiter nicht. So werde ich mich wohl auf mich selbst konzentrieren müssen.
Doch der persönliche Kontakt muss her. Ich gieße mir schnell zwei Whiskys hinter die Binde und spüle ein Bier hinterher. Meine Anspannung verfliegt, langsam sehe ich klar. Im siebten Versuch (die magische Zahl, ich bin auf dem richtigen Weg) finde ich einen Partner im Geiste. Wir trinken, natürlich auf meine Kosten, und philosophieren was das Zeug hält.
Der Niedergang der deutschen Kultur. Wo bleiben die neuen Leitbilder einer Nation, das einstmals als Volk der Dichter und Denker bekannt war. Zumindest für die Dichter sehen wir optimistisch in die Zukunft, ihr könnt es euch sicherlich denken, warum.
Doch ob politisch, wirtschaftlich oder wissenschaftlich, wir erkennen die ungeschminkte Realität. Mit zunehmender Leichtigkeit streiten mein neuer Freund und ich mit immer mehr Uneingeweihten, deren Reaktion wird von Bier zu Bier heftiger. Diese Banausen.
Auch mein Freund ist einer dieser verkannten Genies, ohne Möglichkeit, seine Innovation einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Aber er hat genau wie ich seine Prinzipien. Und im Ergebnis bedeutet das, alle gegen einen. Wir haben den kompletten Convent gegen uns. Selbst meine Groupies haben sich in Luft aufgelöst.
Die Stimmung eskaliert, rüde werden wir gepackt und aus den Räumlichkeiten entfernt. Ich lasse noch ein paar nette Worte erklingen, dann besorge ich mir ein Taxi und fahre nach Hause. Zufrieden mit dem Ergebnis meines Conbesuches. Mein Bekanntheitsgrad ist enorm gestiegen, es dürfte nun jeder wissen, dass ich keiner dieser austauschbaren Lohnschreiber und Duckmäuser bin. Der Weg ist geebnet. So werde ich mir die nächsten drei Wochen freihalten, denn ich bin mir sicher, dass ich mich vor Angeboten kaum retten werden kann. Nur eines macht mir bange. Der morgige Kater.

4. Der Preis ist heiß

Die sanften Strahlen der Frühlingssonne wecken mich. Der Convent ist schon ein paar Tage her und mittlerweile fühle ich mich wieder wie ein Mensch. Ja, ihr könnt spöttisch lächeln. In meinem Alter benötigt der Körper eine zeitlang um sich zu regenerieren.
Doch ich habe die letzten Tage geschlafen wie ein Kleinkind und mir auch sonst keinen Stress gemacht. Auch wenn der Erfolg des Autorenseins sich noch nicht eingestellt hat, so werde ich mich vorsorglich schon mal an den Rhythmus desselben gewöhnen.
Nach ausführlichem dreistündigem Frühstück widme ich mich wieder meiner Zukunft und werfe den Rechner an. Mal sehen, was das World Wide Web so alles zu bieten hat.
www.uschtrin.de wirft die Suchmaschine auf meinen Bildschirm, der kompetente Ratgeber für Autoren und solche, die es werden sollen. Meine Aufmerksamkeit wird auf die Rubrik “Preise & Wettbewerbe” gelenkt. Gewinnen will ich, also tätige ich geschwind einen schnellen Mausklick und schon breitet sich vor mir eine endlose Liste von Wettbewerben aller Art aus.
Was tun?
Ich gedenke eine Vorauswahl zu treffen. Eine Kurzgeschichte sollte es sein, da meine Romane ja für die Zeit des Erfolges gedacht sind, also eindeutig nachdem ich die Wettbewerbe gewonnen habe.
Meine erste Wahl trifft den FiFaSchülerwettbewerb, eine kürzere und eine längere Geschichte kann eingereicht werden. Und das ganze ist auch einfach und unkompliziert per E-mail möglich. Gesagt, getan, ein kurzes Anschreiben, eine Vita und die Sache ist in trockenen Tüchern. Schon nach wenigen Tagen bekomme ich Antwort.
Eine Gebühr von 5 € für die Wettbewerbs-CD, auf der alle teilgenommen Geschichten sind. Kein Problem, ich überweise schnell und warte sehnsüchtig auf die Entscheidung. Doch die Realität ist bitter. Neben regelmäßigen Werbemails passiert gar nichts. Der Einsendeschluss ist drei Monate vorbei, als ich endlich die heiß ersehnte Mail bekomme.
Die Entscheidung ist auf Grund der Vielzahl der Einsendungen vertagt, ich habe mich noch drei Monate zu gedulden, ehe eine Entscheidung gefällt wird. Zwei weitere Monate wird es dauern, bis der Preis verliehen wird.
Vor Begeisterung werfe ich den Fernseher aus dem Fenster. Ich finde, es ist eh unter meinem Niveau, vor der Glotze zu sitzen. Und das kaputte Fenster stört im Moment nicht, schließlich ist es Sommer.
Mein zweiter Versuch bringt mich zur Ausschreibung des SF Club Überall. Um es vorweg zu nehmen, zwei Monate nach Einsendeschluss bekam ich immer noch keine Info über das Ergebnis.
Als hätte ich es geahnt, muss ein dritter Wettbewerb hinhalten.
Es geht um eine Kurzgeschichte, deren Sieger beim Colonia Con gekrönt werden soll. Das ist es. Die Zeitvorgabe ist maßgebend, es gibt keine Ausrede, meine Geschichte ist schnell skizziert und abgeschickt. Doch die Wartezeit ist kurz, die Qual der Ungewissheit nur von kurzer Dauer. Die ersten 4 werden auf der Webseite genannt.
Die Stille im Raum ist absolut. Nur mein eigenes, mühsames Atmen ist zu hören. Ich kippe samt Stuhl nach hinten und lasse meiner Verzweiflung freien Lauf. Die ungewisse Ahnung ist bestätigt. Von lächerlichen 57 Geschichten schaffe ich es nicht unter die ersten 4. Keiner erkennt mein Talent, meine natürliche Begabung für Wort und Schrift. Meine Selbstzweifel sind da.
Ich bin nicht gut genug. Es erscheint amtlich und bestätigt. Soll ich meine noch frische Autorenkarriere hinwerfen, den Argumenten der Realität folgen?
Ich schalte ab, verkrieche mich im finstersten Loch, dessen ich fündig werde. Ob ich meine Depression überstehe und zurück kehre? Wer weiß, im positiven Falle werdet ihr von mir hören.
Das ist sicher.

Zur Übersicht der bisherigen Geschichten.

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