Donnerstag, 26. September 2019

Michael K. Iwoleit - Der Moloch



2032 findet in Köln ein Krisenreferendum der Megapolis Rhein-Ruhr statt. Thema ist die von vielen Seiten geforderte Sanierung der Rheinuferslums, in denen katastrophale Zustände herrschen. Sina Anders, die für eine Ärzteorganisation an der Veranstaltung teilnimmt, hat dazu ein besonderes Anliegen: In einem ehemaligen Bergwerk in Bochum ist eine "Subville" entstanden, ursprünglich ein Komplex von unterirdischen Industrieanlagen. Die Menschen, die dort an der Abfallverwertung, der Produktion von Nahrungsmitteln, Konsumartikeln und dergleichen arbeiten, sind vom normalen Leben abgeschnitten, hausen wie Sklaven unter menschenunwürdigen Umständen, die nie das Licht der Sonne sehen, und sind in Generationen durch Giftstoffe, verseuchtes Wasser und Strahlungen biologisch degeneriert. Kriminelle aus umliegenden Vierteln nutzen die Subville als Schlupfwinkel und haben eine unterirdische Schattengesellschaft aufgebaut, die von Verbrecherfürsten mit eigenen Gesetzesbüchern dominiert wird. Während des Referendums wird daher der Antrag gestellt, diese nicht unter Kontrolle zu bringende Subville zu einer "toten Zone" zu erklären, was jedoch weitreichende Folgen für die gesamte Megapolis haben wird, denn in der Unterwelt finden geheime Aktivitäten und grausame Experimente statt, die sämtliches Leben verändern sollen.



Der Roman entstand aus einer Novelle. Der Moloch erschien ursprünglich in Visionen 4 und gewann völlig zu Unrecht den KLP 2008. Der vorliegende Roman ist völlig anders. Und doch ähnlich. Aber fangen wir vorne an.
Wer Romane erwartet, die die gedruckte Version des Popcornkinos sind, sollte hiervon Abstand nehmen. Der Moloch handelt von einer düsteren Zukunftsversion, einer Cyberpunkgeschichte, in der die Stadt, oft auch Stadtland genannt, nicht nur konzentrierter, dreckiger und verkommener ist, sondern auch ein Eigenleben entwickelt.
Es ist aber nicht nur die extremen Zustände in diesem Moloch, eine andere Komponente sind die medizinischen Umstände, eine krude Mischung aus Bio- und Gentechnik sowie Nanotechniken sowie eine weitergeführte Informationstechnik, die zu einem spannenden und hochinteressanten Brei vermischt sind, das es einem beim Lesen Angst und Bange wird, und das nicht nur wegen stellenweise gruseliger Szenen, sondern auch daher, das einiges doch im Bereich des Denkbaren ist.

Das Personal im Roman ist gemischt. Hauptperson ist die Tochter aus guter Familie, die sich als Medizinerin um die Abgehangenen kümmert, versucht politisch aktiv zu sein und für die gute Sache kämpft, auch wenn sie merkt, das ihre Ideale sich abschleifen.
Zusammen agiert sie mit einem Mediziner, der in ihr die unerfüllte Liebe sieht und verbittert seinen Weg weitergeht. Der deutschpakitstanischtürkische Freund der Medizinerin ist dagegen aus der Halbwelt der Kriminellen und im gesamten Roman wirkt er wie der vernünftigste aller Protagonisten. Der Ex-Mann der Medizinerin ist dagegen eine Mischung aus Christian Lindner und Jeff Bezos und natürlich der Drahtzieher der ganzen Geschichte.

Die Story selbst ist nicht stringent erzählt, springt hier und da, hat Längen und lässt einen trotzdem nicht los. Iwoleit garniert der Geschichte einen poetischen Stil, der sehr gut zu dem düsteren Ambiente passt und einen ein ums andere Mal schlucken lässt. Gerade wenn der Moloch erwacht schaudert selbst der hartgesottenste Cyperpunker. 

Der Moloch ist kein einfaches Buch, aber mit Sicherheit eines der herausragendsten und ungewöhnlichsten und abgefahrensten der deutschsprachigen Science Fiction der letzten Jahre, wenn es auch eines der schwer verdaulichsten ist. 
Lest es, aber wundert euch nicht über eure schlechten Träume!

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