Adrian van Schwamen (Interview)
Michael Schmidt: Hallo Adrian, ich grüße dich!
Adrian van Schwamen: Hallo!
Michael Schmidt: Stell dich doch mal als Person vor. Wer steckt hinter dem Künstler Adrian van Schwamen?
Adrian van Schwamen: Ursprünglich komme ich aus Lüneburg (bekannt aus der ARD-Telenovela Rote Rosen) und habe seit 2012 meinen Lebensmittelpunkt in Erlangen. Zum Brotverdienen unterrichte ich die Fächer Deutsch und Geschichte. Klassische Kombination also.
Michael Schmidt: Meinen Glückwunsch. Du bist der deutsche Vertreter des ESFS Award als Best Artist und mit Triangel des Schreckens aus Zwielicht 21 für Best Work of Art. Was bedeutet dir das?
Adrian van Schwamen: Das Ganze war für mich eine absolute Überraschung. Eine schöne Überraschung, wie ich sagen muss. Neben Größen wie Thomas Thiemeyer, dessen Bilder ich selbst sehr bewundere, wäre mir zunächst nicht in den Sinn gekommen, dass ich irgendwelche Chancen hätte.
Michael
Schmidt: Triangel des Schreckens kam äußerst gut an. Und eine Illustration geht
ja normalerweise immer ein wenig unter. Wie kam es zum Bild und der
dahintersteckenden Idee?
Michael
Schmidt: Hinter den Schatten ist als Beste Grafik für den Vincent Preis 2025
nominiert. Nochmals herzlichen Glückwunsch!
Adrian van Schwamen: Vielen Dank!
Michael Schmidt: Wie kam es zu dem Bild und wie würdest du es selbst in deinem Schaffen einordnen?
Adrian van Schwamen: Ich wurde von Andrea Tillmanns kontaktiert, nachdem sie das von mir gemalte Cover der „Zwielicht Classic 19“ gesehen hatte. Für ihren Roman „Hinter den Schatten “, der eine Neuauflage bekommen sollte, wollte sie auch ein neues Cover. Sie skizzierte mir die Handlung ihres Romans, gab mir eine Textstelle vor und schickte mir ein Foto zur Inspiration. Zuerst hatte ich vor, wieder eine Acrylmalerei anzufertigen. Dann kamen mir die ikonischen Schwarz-Weiss-Cover der Simon Beckett Romane im Rowohlt Verlag in den Sinn. Es entstand die Silhouette, die es auch in die Endfassung geschafft hat. Irgendwas fehlte mir jedoch und ich entschied, Wasser über das Papier laufen zu lassen. Die nebelartigen Schlieren sind also vollkommen analog entstanden. Ich wiederholte das Prozedere mehrere Male, entschied mich aber letzten Endes für den ersten Versuch. Auf der einen Seite passt das Ergebnis nicht wirklich in die Reihe meiner Illustrationen. Andererseits habe ich den Anspruch, meine eigenen Vorlieben dem Werk, das ich illustriere, unterzuordnen. Insofern passt die Grafik genau zu meiner grundlegenden Philosophie für Buchillustrationen. Das Highlight soll die Literatur bleiben, Grafiken sollen es nur unterstützen und nicht davon ablenken.
Michael
Schmidt: Als was siehst du dich? Als Illustrator oder als Autor? Oder ist
beides unabdingbar?
Adrian van Schwamen: Das ist eine Frage, die sich inzwischen kaum eindeutig beantworten lässt. Ich habe definitiv gezeichnet, bevor ich schreiben konnte. Mit dem gezielten Illustrieren habe ich angefangen, um den Geschichten meiner Erlanger Schreibwerkstatt (Grüße gehen raus!) eine zusätzliche visuelle Komponente zu geben. In unserer zweiten gemeinsamen Anthologie habe ich für jedes Mitglied eine Zeichnung angefertigt, die das künstlerische Schaffen der Person verdeutlichen sollte. Von Beginn an habe ich das Illustrieren also eher als eine Stütze des Schreibens gesehen, eine visuelle Ergänzung. Mit den Illustrationen möchte ich den Fokus auf die Inhalte der Geschichte lenken, ohne etwas vorwegzunehmen. Entsprechend ist für mich das Geschriebene Wort die ständige Grundlage meiner Illustrationen.
Michael
Schmidt: Aktuell wird viel über KI und die Kunst diskutiert. Deine
Illustrationen sind handgemacht, das sieht man. Also weder KI, noch Photoshop
oder sonstige digitale Hilfsmittel. Wie siehst du moderne Illustrationen und
wie ist das bisherige Feedback für deine Arbeiten?
Adrian van Schwamen: Grundlegend sehe ich Photoshop und KI klar voneinander getrennt. Ersteres ist eine Kunstform für sich, mit der phantastische Bilder entstehen können, die ihren ganz eigenen Charakter entfalten. Mit einer KI ist man hingegen nicht mehr als ein Auftraggeber. KI-Bilder können wunderschön sein, aber für mich fehlt einfach das Dahinter. Jeder Strich, jede Farbgebung, jede Positionierung in einem Werk der bildenden Künste ist eine bewusste Entscheidung. Was der Betrachter daraus macht, lässt sich zwar nicht immer steuern, aber in der Rolle des Betrachters denke ich gerne darüber nach, was die dahinterstehende Person wohl dazu bewogen hat, sieben Vögel anstatt sechs zu zeichnen. Mag die Person lieber ungerade Zahlen? Fühlte sich das Bild sonst unausgewogen an? Hat die Zahl eine Bedeutung? Das klingt jetzt banal und das ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich Kunst auch mal überinterpretieren lässt. Letzten Endes ist das für mich jedoch das schöne an der Kunst. Ich kann mir solche Fragen stellen und ich kann alles Mögliche in die kleinsten Details hineininterpretieren. KI-Bilder regen mich zu derartigen Fragen überhaupt nicht an. Kunst ist seit jeher auch Kommunikation. Eine Form der Kommunikation, die sogar (und jetzt wird es ein wenig pathetisch) die Jahrhunderte überbrücken kann. Die meisten würden sich vermutlich über eine Notizbuchkritzelei der Urgroßmutter freuen. Ich wage aber mal die Voraussage zu treffen, dass niemand Interesse an einem KI-generierten Bild von vor 10 Jahren haben wird. Höchstens vielleicht aus der Perspektive, die Entwicklung der KI zu betrachten. Frühe KI-Bilder mit sieben Fingern pro Hand, schielenden Augen und zusätzlichen Gliedmaßen haben zumindest einen gewissen Charme.
Photoshop und
ähnliche Tools sind, wie gesagt, eine ganz andere Geschichte. Ich bin immer
wieder beeindruckt davon, was Menschen damit alles erschaffen können. Eigentlich
sind handgezeichnete Illustrationen durch moderne Mittel vollkommen obsolet
geworden. Auch mit digitalen Tools lassen sich Bilder erstellen, die wie
handgezeichnet aussehen. Aus meinem persönlichen Umfeld habe ich allerdings die
Rückmeldung bekommen, dass es schon etwas ausmacht, wenn man weiß, dass das
„Original“ irgendwo tatsächlich „existiert“. Inwiefern sich bei digitaler Kunst
von „Original“ und „Existenz“ sprechen lässt, ist nochmal eine ganz eigene
Frage. Was man bei derartigen Bildern jedoch nicht so oft finden wird, sind die
kleinen Unsauberkeiten am Rand, schwarze Flächen, wo eine Schraffur verhunzt
wurde, ein Punkt, weil einem der Stift aus der Hand gefallen ist. Der ikonische
blaue Fleck auf der Rückseite der Magic the gathering Sammelkarten war
einer verbreiteten Geschichte nach auch nur ein Unfall mit einem
Kugelschreiber, der zu spät aufgefallen ist.
Michael
Schmidt: Deine Zeichnungen sind eigentlich immer düster. Liegt dir das
Unheimliche im Blut oder kennt man einfach nur diese Seite von dir?
Adrian van Schwamen: Ein paar fröhlichere Zeichnungen finden sich auch bei mir. Die Illustration zu der Kurzgeschichte „Septemberwind“ (Zwielicht 22) halte ich für sehr optimistisch. Für die Anthologie „Ignis lucidus“ habe ich gerade erst einen eher putzigen Rauhaardackel gezeichnet. Dennoch gefallen mir solche Bilder am besten, bei denen man nicht alles sieht. Das gilt für mich übrigens auch für Literatur. Andeutungen und Leerstellen regen meine Fantasie besonders an, führen aber häufig zu einer düsteren Grundstimmung.
Michael Schmidt: Hast du grafische Vorbilder?
Adrian van Schwamen: Für meine eigene Arbeit waren die Federzeichnungen von Alfred Kubin wie eine Initialzündung. Seine Horrorillustrationen haben etwas Radikales an sich. Sie wirken gleichermaßen präzise und spontan, als wären sie mit glasklarer Vorstellung, aber ohne weitere Vorbereitung zu Papier gebracht mit einem Mut, den ich mir noch erarbeiten muss. Die Vorzeichnung ist und bleibt bei mir erstmal obligatorisch. Neben den Schwarz-Weiss-Illustrationen male ich auch hin und wieder auf Leinwand. Dabei sind es vor allem die grauenerregend schönen Malereien von Zdzisław Beksiński und die episch-phantastischen Landschaften von Mariusz Lewandowski, die mich immer wieder begeistern.
Michael
Schmidt: Du schreibst und hast ja zuletzt auch in Zwielicht und Zwielicht
Classic veröffentlicht. Wie würdest du dich als Autor charakterisieren?
Adrian van Schwamen: Schwierig. Ich probiere noch vieles aus. Je nachdem, wie man dazu steht, könnte man mein Schreiben als vielseitig oder auch als unentschlossen bezeichnen. Ich selbst sehe mich als neugierigen Autor. Wenn ich nicht gerade gezielt für eine Ausschreibung schreibe, versuche ich meistens, offen gegenüber neuen Themen, ungewöhnlichen Textstrukturen und ausgefallenen Perspektiven gegenüber zu sein. Ein typisches Merkmal meiner Geschichten ist vermutlich, wie bereits erwähnt, die Leerstelle. In meinen ersten Entwürfen schreibe ich grundsätzlich lieber zu wenig als zu viel. Dadurch lässt sich am besten herausfinden, was ich für ein besseres Verständnis noch ergänzen muss und was ich andererseits vollkommen der Phantasie des Lesers überlassen kann.
Michael
Schmidt: Seit wann schreibst und veröffentlichst du?
Adrian van Schwamen: Ich schreibe eigentlich, seit ich Buchstaben halbwegs sinnvoll aneinanderreihen kann. Meine ersten Schreibversuche an einer Schreibmaschine sind leider alle verschollen. In einem alten Notizbuch aus der Grundschule findet sich aber noch eine Fabel über ein pupsendes Schwein und einen abwesenden Esel, die ich irgendwann in der Grundschule geschrieben haben muss. Meine erste und gleichzeitig größte Veröffentlichung war 2018 der dystopische Roman „Protokoll46“, seitdem waren es in unregelmäßigen Abständen eher kleinere Veröffentlichungen.
Michael Schmidt: Hast du Favoriten unter deinen Geschichten?
Adrian van Schwamen: Da gibt es mehrere. Mein absoluter Favorit ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht.: In „Das Bildnis“ schreibe ich 2019 zum ersten Mal von der fiktiven Stadt Ulenfurt, die in irgendeiner Form in fast allen folgenden Geschichten vorkommt. „Nachtschicht“ war meine erste eher unheimliche Kurzgeschichte und hat eine sehr interessante Veröffentlichungsgeschichte durchgemacht. Und natürlich die Geschichte „Sommersprossen“, die einen sehr persönlichen Hintergrund hatte. Letztere ist allerdings eher eine Wohlfühlgeschichte mit nur dezenten phantastischen Elementen.
Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?
Adrian van Schwamen: Aktuell habe ich viele Illustrationsprojekte parallel laufen und schreibe nebenbei (sehr unregelmäßig) an einem autofiktionalen Roman.
Michael Schmidt: Orientierst du dich beim Schreiben an Vorbildern und welche Autoren und Genres magst du persönlich?
Adrian van Schwamen: Eine meiner größten Inspirationen ist, wenig überraschend, das Werk von H. P. Lovecraft. Besonders interessant ist für mich allerdings das Zusammenspiel Lovecrafts mit seinen Zeitgenossen und seinen Nachfolgern. In einem Podcast habe ich einmal den Begriff Open Source Universum gehört, was ich für sehr treffend halte. Autoren wie Robert E. Howard, Robert Bloch, Hazel Heald und Clark Ashton Smith waren im ständigen Austausch mit Lovecraft, haben sich an Elementen der jeweils anderen bedient und somit einen Kosmos geschaffen, der weit über die Werke Lovecrafts hinausgeht. Diese Vernetzung ist es, was mich am meisten inspiriert zu schreiben. Würde man meine Kurzgeschichten mittels kleiner Verweise miteinander in Verbindung setzen, könnte man alle im gleichen Kosmos verorten. Genau genommen gibt es sogar dezente Verbindungen zum Cthulhu-Mythos und damit wahrscheinlich zu tausenden Geschichten moderner Autoren. Die Spurensuche nach derartigen Verweisen ist etwas, was mir beim Lesen der klassischen Pulp-Literatur und auch der zeitgenössischen Phantastik große Freude bereitet. Ramsey Campbells Kurzgeschichten kann ich dabei wärmstens empfehlen.
Michael Schmidt: Wie stellt sich dir die deutschsprachige Szene für Horror und unheimliche Phantastik dar?
Adrian van Schwamen: Lebendig. Es ist für mich ein Gegenentwurf zu einem Alltag, in dem alles auf Wirtschaftlichkeit hin bewertet wird. Die Projekte, in denen ich direkt involviert war, waren stets geprägt von Menschen, die die Phantastik wirklich lieben und in diesem Bereich arbeiten, obwohl es sich finanziell gesehen in den seltensten Fällen lohnt. Klar, die Verlage müssen sich irgendwie tragen können. Darüber hinaus erlebe ich viel Bereitschaft, Entscheidungen auf Basis kreativer Visionen zu treffen und nicht mit kommerziellen Absichten. Was die Lesenden angeht bin ich immer wieder begeistert von den leidenschaftlichen Forenbeiträgen, die einem völlig neue Perspektiven eröffnen, auch auf die eigenen Texte.
Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Leute dort draußen!
Adrian van Schwamen: Niemand kann einen daran hindern, kreativ zu sein, außer die eigenen Ansprüche.
Anmerkung: Alle Bilder (außer die ersten beiden) in diesem Interview sind von Adrian van Schwamen.








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