Brian Evenson - Gesang zum Untergang der Welt

 


In der Reihe Weird Fiction ist die Sammlung Gesang zum Untergang der Welt von Brian Evenson erschienen. Song for the Unraveling World gewann 2020 den Shirley Jackson und den Word Fantasy Award. Brian Evenson ist ein amerikanischer Autor, der zum ersten Mal auf Deutsch mit Dead Space veröffentlicht wurde. Außerdem erschien Die Abfolge in Zwielicht 19.

Details: Die Geschichten von Brian Evenson führen an Grenzen: Grenzen des Körpers, des Geistes, der Wirklichkeit, der Sprache … und darüber hinaus. Seine Stimme ist eine der radikalsten und herausforderndsten in der unheimlichen Literatur der Gegenwart.

Abgerundet wird der Band mit einem Nachwort des Herausgebers sowie einem Interview mit Brian Evenson.  


Fazit: Insgesamt ein toller Band, aber wie oft bei Storysammlungen eines Autors, ist es stellenweise ein wenig ermüdend, immer der gleichen Erzählstimme zu lauschen. Gerade auch weil es sehr viele Geschichten sind.

Zu den Geschichten:

"Gesang zum Untergang der Welt" enthält viele Geschichten, aber schon die ersten, nur zwei Seiten lange Story "Egal von welcher Seite" über ein Mädchen, das aus zwei Hälften besteht, nimmt einen direkt in den Bann. Die zweite Geschichte "Tot geboren geboren" handelt von einem Mann, der zu einem Psychiater geht, und nachts kommt der Nachtpsychiater, sowas wie der Zwilling. Sehr schräg und gut.

Ausgeblutet

Ein Landstreicher bricht in eine verlassene Villa ein und erlebt, was es heißt, in einem weirden Spukhaus zu landen. Ist die erste Begegnung noch glücklich, kehrt er, nicht ganz freiwillig, zurück und sein Schicksal erfüllt sich.

Gesang zum Untergang der Welt.

Ein Mann hört seine Tochter im Nebenzimmer singen, doch es klingt merkwürdig. Als er sie am nächsten Morgen wecken will, ist sie verschwunden. Er sucht sie und nach und nach stellt sich heraus, alles ist nicht so, wie es wirkt, auch wenn es am Ende offen bleibt.

Die zweite Tür

Zwei Geschwister, sehr miteinander verbunden. Sie leben in einer Art Schott, einem begrenzten Bereich, ohne Eltern, die erzählende Ich Person kennt ihre Vergangenheit nicht. Es gibt zwei Türen nach draußen, eine in die Außenwelt, dort geht nur die Schwester hin. Die andere führt in die Dunkelheit und es ist verboten, sie zu öffnen. Als die Schwester sich verändert, man sie nicht mehr versteht, beschließt der Ich Erzähler, die zweite Tür zu öffnen.

Schwestern

Handelt von Geistern, die sich Hüllen leihen und Menschen spielen, sich aber nicht beherrschen können. Zwar mit bösem Ende, hat mir aber nicht gefallen.

Raumatmo

Ein Film wird in einem leeren Haus gedreht, aber wegen des neuen Besitzers wird der Film nicht perfekt. Der Regisseur kehrt zurück um die fehlenden Raumatmo einzufangen und es kommt wie es kommen muss, zum Eklat. Herrliche Geschichte, sehr böse.

Hemden und Häute

Ein Blind Date. Sie gehen zu einer Ausstellung (Hemden), danach sind sie ein paar und die Frau übernimmt die Kontrolle. Er bleibt über die Jahre passiv. Als sie die nächste Ausstellung besuchen (Häute), sperrt er sie aus und schlüpft in eine andere Haut. Ob das wörtlich oder im übertragenen Sinne gemeint ist bleibt offen.
Unklar ist mir die Bedeutung Hemd und Haut. Ob das der Unterschied in dem Status der Beziehung sein soll? Erst etwas, dem man sich leicht entledigen kann, später etwas viel Schwierigeres?

Der Turm

Eine postapokalyptische Welt, ein Turm und zwei Wesen, die sich einander angleichen.
Ging nicht an mich oder ich habe sie nicht verstanden.

Das Loch

Eine etwas andere, vor allem sehr gruselige Erstkontakt Story.

Chronik eines Verschwinden

Eine Erzählung über eine verschwundene Frau. Etwas simpel, aber auch irgendwie schön erzählt.

Die Freiwilligen

Wie man auf zwei Seiten eine wirklich gruselige Geschichte erzählt, das zeigt der Autor auf meisterliche Art und Weise.

Der Fleck

Eine SF Geschichte. Sonderbar wie alle in der Sammlung.Das Raumschiff hat nur einen Passagier im Raum zwischen den Sternen. Dass er erwacht ist, war nicht vorgesehen. Es gibt eine Fehlfunktion, die aber unklar bleibt. Der Raumfahrer dagegen sieht einen Fleck und hòrt eine Stimme, die ihn beschäftigt.
Endet natürlich böse und das direkt zweimal.

Die Glitzerwelt

Zwei Freundinnen ziehen durch die Kneipen. Eine sieht dauernd einen Mann mit einem goldenen Anzug. Als sie ihn ansprechen will, ist er weg, aber auch ihre Freundin ist verschwunden. Sie sucht sie in verschiedenen Bars, findet stattdessen den Mann mit dem goldenen Anzug. Der hat kein Gesicht, aber das zeigt ein Lächeln und sie folgt ihm, was letztendlich die Rettung ist.

Zwischenfazit: Es sind tolle Geschichten dabei, aber insgesamt zu viele und es wiederholt sich doch sehr in Stil, Motiv und den Themen. Auch sind viele Geschichten gleich lange.

Wanderlust

Ein Mann spürt Blicke auf sich, aber als er sich umdreht, ist da niemand. Unruhig durch die vermeintlichen Blicke geht er auf Wanderschaft. Erst durch den Ort, dann immer weiter, lässt alles zurück, um nach vier Jahren wieder zum Ausgangspunkt zurück zu kommen.
Eine Art Horror Zeitreise-Geschichte, in der einiges offen bleibt, die trotzdem einen runden Eindruck macht.

 

Herr der Kammern

Eine Geschichte über die Großen Alten, das ist normalerweise nicht meins. Aber hier, in einem Raumschiff, mitten in der Leere, das ist gelungen

 

Brillengläser

Was eine Brille so alles an Sichtweisen bereithält...und natürlich hat das ein böses Ende. Sehr schön und böse.

 

Menno

Ein Mann im Wahn, der immer die Wohnung wechselt, weil er Sachen verliert oder Möbel verschoben werden. Als er die ideale Wohnung findet, stellt er sich dem Widersacher.

War nicht so meins.

 

Perspektive

Filme, das ist einfach ein tolles Thema für Horrorgeschichten. Hier ist es die Perspektive, die zum Unheil führt. 

 

Trigger-Warnungen

Trigger Warnungen werden hochgenommen. Das ist sehr amüsant, verliert sich am Ende aber im Nirgendwo.

 

Seelenverwandte

Eine Geschichte über zwei Schwestern, die keine sind, wobei sich die eine in die andere hineinversetzt. Liest sich toll, aber so insgesamt doch eher...keine Ahnung. Wirkt irgendwie sinnlos.

 

Fliegenschwarm

Ein Doktorand der Filmwissenschaft trifft in einer Kneipe einen Mann, der von einem Film "Fliegenschwarm" berichtet, der aber nirgendwo erfasst ist. Der Doktorrand hat Blut geleckt und macht sich auf die Suche nach dem Film, bis er selbst mittendrin steckt. Ich sage ja, Horrorgeschichten über Filme sind Klasse und hier ist schon der zweite Highlight in der Sammlung.

 




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