DSF Kurzgeschichten 2025
Gibt es objektiv bewertbare Qualität? Das ist einer immer wieder geführte Diskussion. Objektiv bewertbare Qualität kann man dabei am unteren Ende messen, wo Geschichten pendeln zwischen veröffentlichungs- oder überarbeitungswürdig. Aber auch am oberen Ende, wenn sich die Frage stellt, welches sind die besten SF Kurzgeschichten des Jahres oder gar aller Zeiten.
Wie ich schon für den Zeitraum 2003-2023 untersucht habe, gibt es bei deutschsprachigen Science Fiction Kurzgeschichten Preisen Unterschiede, aber auch Übereinstimmungen. Bei deutschsprachiger Science Fiction hat man den Vorteil, es gibt zwei Literaturpreise, die beide in den Kategorien Roman und Kurzgeschichten die gleichen Werke bewerten und man kann dort einen Vergleich ziehen.
Bei den Romanen sind dieses Jahr drei für beide Preis nominiert worden, wir wollen aber die Kurzgeschichten betrachten und da zeigt sich, Qualität ist einerseits messbar anhand Ergebnisse, aber auch wieder nicht. Ob die Kurzgeschichten besser sind, die bei beiden Preisen berücksichtigt wurden, das muss jeder selbst entscheiden, in dem er die jeweiligen Geschichten liest und sich ein Urteil erlaubt. Da ich von den diesjährig Nominierten nur vier gelesen habe (Davy ’n‘ Jean von Gabriele Behrend aus Rock Planet, hat mir gefallen, sowie Die Geschichte von zwei Reisen von Vincent Voss aus Strandgut, das mir ausgesprochen gut gefallen hat, bei dem man aber durchaus diskutieren kann, ob der SF Anteil überhaupt ausreicht, um es für SF-preiswürdig zu halten), sowie Kadaver von Frank Lauenroth und Die Tür in den Sommer von Ulf Fildebrandt (jeweils Nova 34, beide haben mir gefallen) und von diesen vier nur die von Vincent Voss selbst für den KLP nominiert habe, kann ich eine neutrale Haltung einnehmen und mich auf die nackten Tatsachen berufen.
Ich möchte aber auch zufügen, ich habe einige sehr gute Geschichten aus dem Jahrgang gelesen, was bei beiden Preisen nicht berücksichtigt wurde. Stellvertretend nenne ich Zwischen zwölf und Mittag von Julia A. Jorges, die Horror und SF vereint und den Vincent Preis 2024 gewann.
Die SF Preise 2025:
Insgesamt wurden 16 Kurzgeschichten nominiert, dabei gab es zehn (KLP) bzw. neun (DSFP) Nominierungen.
Einzig Ulf Fildebrandt ist mit zwei Geschichten vertreten und das zum allerersten Mal. Dabei ist er nicht allein. Vier Autorinnen und Autoren wurden zum ersten Mal nominiert: Maria Orlovskaya, Marie Meyer, Maximilian Wust und eben Ulf Fildebrandt (für Robert Corvus dürfte es zudem die erste Nominierung bei den Kurzgeschichten gewesen sein). Bei Peter Schattschneider war es das erste Mal seit langem (er hat den KLP 1992 und 1995 gewonnen) und hat das dazu mit einer Geschichte aus einer Kurzgeschichtensammlung geschafft, was sehr selten ist. In der Regel finden sich fast ausschließlich Werke aus Anthologien und Magazinen auf den Nominierungslisten wieder (siehe auch: Zeitraum 2003-2023).
Sechs der fünfzehn Nominierten haben schon einen Literaturpreis gewonnen. Es zeigt sich damit, die Preise sind ausgewogen verteilt zwischen Etablierten und Newcomern.
7 Kurzgeschichten sind bei pmachinery erschienen, davon drei im Magazin Nova. Drei bei Exodus 48, immerhin zwei bei Hirnkost und OhneOhren, Da liegt eine starke Konzentration, allerdings erscheint bei pmachinery auch viel, im entsprechenden Zeitraum waren es über 100 (zum Vergleich: 2024 wurden drei Geschichten von pmachinery nominiert, 2023 waren es zwei, 2022 eine). Auch Exodus (2024:5, 2023:3, 2022:4) und Hirnkost (2024:2, 2023:0, 2022:4) erscheinen regelmäßig auf den Nominierungslisten.
Während von pmachinery 5 Geschichten beim DSFP nominiert wurden, waren es beim KLP nur zwei. Genauso viele wurden von OhneOhren, Exodus und Hirnkost für den KLP nominiert. Beim DSFP schaffte außer pmachinery jeder Verlag nur eine Nominierung.
Von den 16 Kurzgeschichten wurden 10 von Männern verfasst, 5 von Frauen und 1 von einer nichtbinären Person (soweit mir bekannt). Der DSFP hatte dabei 6 Männer, 2 Frauen und 1 nichtbinäre Person als Verfasser, der KLP 6 Männer, 3 Frauen und 1 nichtbinäre Person als Verfasser. Man sieht, der Unterschied ist nicht besonders groß.
Drei Geschichten wurden für beide Preise nominiert. Aiki Mira mit Ein Schritt ins Leere (Psyche mit Zukunft), Christian Endres mit Wichtig ist nur was die Leute glauben (Exodus 48) und Peter Schattschneider mit Die seltsame Geschichte des Roswell-Zwischenfalls (Der Traum des Philosophen). Die ersten beiden sind Stammgäste bei den diversen Nominierungs- und Gewinnerlisten, sind auch in der Kategorie Roman vertreten (und das nicht zum ersten Mal). Die Geschichte von Peter Schattschneider ist dagegen eine Kuriosum, denn Stories aus Geschichtensammlungen sind selten auf den Nominierungslisten der beiden Preise zu finden und der Autor schon seit 1998 nicht mehr nominiert worden (hat aber auch von 2000-2017 nichts veröffentlicht).
Interessanter Fakt: Die KLP Gewinner Geschichte ist für beide Preise nominiert worden (6. Platz beim DSFP), der DSFP Gewinner nur für den DSFP.
Nur auf Kurzgeschichten bezogen: Gabriele Behrend wurde bisher viermal für den DSFP und zweimal für den KLP nominiert, den KLP 2017 gewann sie in der Kategorie Erzählung. Christian Endres wurde bisher zweimal für den DSFP und viermal für den KLP nominiert.
Wie man an der Aufstellung erkennen kann, gibt es keine objektive Qualität, zumindest wenn man die diesjährige Nominierungsliste ansieht. Drei Überschneidungen von 16, auch sind die Nominierten Kurzgeschichten aus Magazinen wie Nova 34 oder Exodus 38 stellenweise unterschiedlich. Da scheinen Geschmacksfragen, aber vielleicht auch grundsätzliche Interessen vorherrschend. Um letzteres zu beurteilen, müsste man die Geschichten kennen. Sind es eher Near Fiction-Geschichten bei dem einen oder Weltraumabenteuer bei dem anderen Preis, trenden queere Themen, romantische Geschichten oder lässt sich da keine Tendenz ermitteln? Zumindest bei der Geschichte von Vincent Voss liegt nahe, dass der SF Anteil der DSFP Jury zu gering war für eine Nominierung, wobei das natürlich eine reine Spekulation von meiner Seite ist.
Beide Preis sind unterschiedlich. Beim DSFP gibt es eine Jury von SF Fans, beim KLP sogenannte SF Profis. Das sorgt wahrscheinlich für eine unterschiedliche Sichtweise. Andererseits gab es schon größere Übereinstimmungen (letztes Jahr waren es 6 von 15), das lässt daraus schließen, dass die Juryzusammensetzung einen Einfluss hat (und die hat sich verändert wie man hier nachlesen kann), auch beim KLP ändert sich die Bereitschaft, sich aktiv zu beteiligen, von Jahr zu Jahr (2025 66, 2024 77 2023 81 Nominierende). Oft genug stimmen Personen auch bei beiden Preisen ab, aber nicht immer im gleichen Maße. Es ist anzunehmen, dass die Zusammensetzung und Anzahl der jeweiligen Bewertungsmitglieder einen Einfluss auf die Nominierungsliste hat, was gegen eine objektive Qualität spricht.
Allerdings berücksichtigen muss man, erscheinen viele überragende Werke oder in der Spitze eher gleichmäßiges, schlägt sich das auf die jeweiligen Ergebnisse nieder.
Man sieht an meinen Ausführungen, eine objektive Qualität ist nicht wirklich auszumachen. Dafür sind die Unterschiede zweier doch sehr deckungsgleicher Literaturpreise zu groß. Das deckt sich auch mit meinen Einschätzungen seit 2003, die sich einfach aus der Lektüre zahlreicher Kurzgeschichten und den vielfältigen Rückmeldungen dazu ergeben hat.
Am Ende muss man doch selbst einen Blick riskieren und die entsprechenden Werke lesen. Was natürlich auch eine spannende Aufgabe ist.
Zum Vergleich ein Blick in die Vergangenheit:
Das Jahr 2000: Dort waren ebenfalls 16 Kurzgeschichten nominiert, ebenfalls drei für beide Preise. Damals war aber nur eine Autorin vertreten, dafür sind vier Geschichten bei Heyne erschienen und drei bei der c’t.
Das Positivbeispiel ist das Jahr 2018. Dort waren 9 von 15 Geschichten für beide Preise nominiert.
Beim Negativbeispiel waren 0 von 16 im Jahr 2016 für beide Preise nominiert.
Man muss dabei natürlich betrachten, dass die Jurymitglieder des DSFP öfters wechseln und einige davon auch beim DSFP mit abstimmten.
Ein Nachtrag noch: Es wurde gebeten, generell auf Qualitätskriterien für Kurzgeschichten einzugehen. Die gibt es natürlich. Auch dort gibt es unterschiedliche Einschätzungen.
Ist der Stil flüssig und unterhaltsam, oder lyrisch, intellektuell verkopft oder gar experimentell? Da gehen die Geschmäcker auseinander, aber ob der Verfasser mit Worten umgehen kann, ob die Formulierungen gelungen oder eher verkrampft sind, die Bildnisse treffend oder originell statt daneben sind, das sind alles Punkte, die kann man unabhängig vom Geschmack relativ objektiv bewerten. Dabei ist ja anspruchsvoller nicht immer besser, eine gedrechselte Sprache nicht immer einer gradlinigen vorzuziehen oder umgekehrt. Aber wenn die Sprache eintönig ist, sich viele Worte wiederholen und der Sprachschatz generell beschränkt ist, kann man da objektiv Einschätzungen vornehmen.
Ist der Aufbau der Geschichte gelungen, ist sie spannend, überraschend, gradlinig oder verschachtelt aufgebaut, das ist ebenso ein wenig Geschmackssache und wie man das einordnet, hängt auch vom Leser und seinen speziellen Erfahrungen ab. Wenn aber schon in den ersten zwei Sätzen das Ende vorhersehbar ist, der Plot wirklich schon tausendmal so erzählt wurde oder der Aufbau durcheinander wirkt und sich Logikfehler ergeben, dann kann man das objektiv betrachten.
Die Idee bzw. das Thema selbst hat einen hohen Stellenwert. Ist sie ein aktueller Trend und passt in die Zeit? Oder greift sie ein Thema auf, das länger nicht mehr aufgegriffen wurde? Oder ist das ein typisches Thema, zigmal so gelesen?
Allerdings genügt es nicht, eine besondere Idee zu haben, sondern muss diese auch entsprechend schmackhaft zubereitet sein. Liest sie sich so, wie tausend andere, nützt es nichts, wenn die Grundidee originell ist. Umgekehrt nützt die beste Zubereitung nichts, wenn die Idee selbst entweder überhaupt nichts taugt oder aufgewärmter Kaffee ist.
Die Personen sind auch immer wichtig. Der Leser will oft, was er kennt und so findet man gerade im Film oft immer wiederkehrende Personenmuster und Literatur ist davon nicht gefeit. Daher ist es ein Spagat, einerseits originelle Personen mit entsprechenden Ecken und Kanten mit Leben zu füllen, andererseits sollten diese nicht als unrealistisch geschildert daher kommen.
Wie man sieht, es gibt eine Vielzahl an Kriterien für eine objektive Einschätzung der Geschichten. Allerdings schwingt auch dort die persönliche Vorliebe mit herein. Entsprechend sind bei 200-500 SF Kurzgeschichten im Jahr viele dabei (mehr als 16 im vorliegenden Falle), die auf einem doch hohen Niveau im Wettbewerb bestehen. Die Einschätzung, welche davon aber herausragend sind und die besten des Jahrgangs, sind objektiv nur bedingt zu ermitteln, wie man an der Formel 3 aus 16 gut erkennen kann. Beim KLP hängt es davon ab, wer sich dazu motiviert, mit abzustimmen und ob das Vorauswahlgremium es korrigiert, wenn genügend Stimmen dazu kamen (bzw. das Gegenteil davon macht, wie es bei den Grafiken dieses Jahr der Fall war), beim DSFP ist es wohl der Geschmack und die Zusammensetzung der Jury, die sich offiziell als SF-Fans versteht, wo aber auch immer wieder Personen abgestimmt haben, die selbst mehr oder minder professionell veröffentlichen). Auch beim KLP verändert sich die Zusammensetzung derjenigen, die abstimmen, im Laufe der Zeit. Das kann man beispielsweise seit 2022 erkennen, seitdem ist der Anteil an männlichen Autoren, die nominiert wurden, signifikant gesunken.
Hier die nominierten Geschichten 2025:
Aiki Mira - Ein Schritt ins Leere (Psyche mit Zukunft, OhneOhren)
Christian Endres - Wichtig ist nur was die Leute glauben (Gewinner des KLP 2025) (Exodus 48)
Frank Lauenroth - Kadaver (Nova34, pmachinery)
Gabriele Behrend - Davy ’n‘ Jean (Rock Planet, pmachinery) (Gewinner des DSFP 2025)
Hans-Jürgen Kugler - Kreuzzüge (C.R.E.D.O., pmachinery)
Heidrun Jänchen - Ich bin die Auferstehung und das Leben (Nova 35, pmachinery)
Maria Orlovskaya - Slide Machine (Exodus 48)
Marie Meyer - Seelenruh (Psyche mit Zukunft, OhneOhren)
Maximilian Wust - Gaia, allein (Science Fiction goes Punk, pmachinery)
Michael Schneiberg - Das weiße Zelt (Exodus 48)
Peter Schattschneider - Die seltsame Geschichte des Roswell-Zwischenfalls (Der Traum des Philosophen, Hirnkost)
Robert Corvus - Ascheweg (C.R.E.D.O., pmachinery)
Ulf Fildebrandt - Die Tür in den Sommer (Nova 34, pmachinery)
Ulf Fildebrandt - Eine kleine Geschichte von Zeit und Gewalt (c´t)
Vincent Voss - Die Geschichte von zwei Reisen (Strandgut, Hirnkost)
Yvonne Tunnat - Eis auf Raten (Queer*Welten 12, Amrun)


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