Woke vs. WASP

 


Tja, es ist eine Volksweisheit: Was die Amerikaner machen, das kommt auch ein paar Jahre später zu uns. So sagt man zumindest, und es gibt bestimmt genügend Fälle, wo das stimmt, ebenso viele, wo es nicht stimmt. Hoffen wir, uns bleibt die deutsche Antwort auf Donald Trump erspart.

Sad Puppies und Rabid Puppies sind ein Phänomen, da scheint die Volksweisheit zu stimmen. Es geht um Manipulationen zum international bekannten Phantastikpreis Hugo und da gab es das Ziel, mehr Frauen auf die Nominierungslisten zu bekommen, und umgekehrt wollten die WASP das verhindern und fluteten selbst ihre Nominierungsvorschläge. So ungefähr habe ich das verstanden und eigentlich schon wieder vergessen, da mich die ganze Angelegenheit nicht interessierte.

Nun, auch im deutschsprachigen Raum gab es die Initiative, Nominierungslisten weniger männlich zu machen, und Theresa Hannig führte dazu Untersuchungen durch und startete einen Aufruf für mehr Gerechtigkeit. Tatsächlich sind die Nominierungs- und Siegerlisten diverser geworden und der Männeranteil ist gesunken. Mehr Frauen und Personen unbestimmten Geschlechts finden sich z. B. bei KLP und DSFP, was natürlich zu einer Gegenbewegung führte. Beim DSFP gab es dann den großen Knall. Dort ist eine Jury am Start und die Gegensätze der einzelnen Mitglieder sorgte für ein Auseinanderfliegen der Jury. Etwas zum Nachlesen findet sich in  Das Ende des DSFP?  und dem dann folgenden Neustart.

Zu unterschiedlich waren die Vorstellungen der linksversifften Szene der Woken (so die oft benutzte Eigeneinschätzung) und der Klimaleugner-/Früher-war-alles-besser-Szene der WASP (Stilprobe eines Vorzeige WASP). Wer gewonnen hat, ist nicht klar, und ob der DSFP jetzt eher wieder unpolitisch ist oder eine stabile Seitenlage erreicht hat, weiß kein Mensch. Der DSFP 2025 hat sich auf Grund des Juryneustarts verzögert. Die verbliebenen Jurymitglieder werden nach und nach in den Andromeda Nachrichten (ab AN 288) vorgestellt und man kann sich ein Bild von ihnen machen. Die Ergebnisse der SF Preise zeigt aber eine Verschiebung gerade beim DSFP an, die aber noch im Rahmen der Unterschiede der letzten Jahre fällt. Ob das ein Trend zur Rückbesinnung ist, wird sich mit der Zeit zeigen. »Davy 'n' Jean«, die Gewinnergeschichte des DFSP 2025 ist einerseits von einer Autorin, atmet andererseits den Retrocharme der 50er, inklusive der Rollenbilder dieser Zeit.


Die Politisierung deutschsprachiger SF hat natürlich ein Vorspiel. Exodus 38 brachte schon 2018 das Thema "Wie politisch sollte SF sein?" auf die Agenda. Entsprechende Diskussion findet man hier und sie lässt tief in der Gesinnung blicken. Einfach lesen und sich ein Bild machen. Verfasser Dirk Alt sollte Nova-Chefredakteur werden und schon war die SF-Szene in Lager geteilt, wie man hier nachlesen kann. Als Folge wurden die Romane von Michael Iwoleit bei Fabylon von Verlegerin Uschi Zietsch gecancelled (sprich vom Markt genommen), eine Neuauflage ist mittlerweile bei pmachinery erschienen.

Die SF-Szenen standen sich also schon waffenstarrend gegenüber (vergleiche den Beitrag von Ohne Ohren, der erklärt, warum die Verlegerin aufhört), jederzeit bereit für die Eskalation. Beide Seiten sind zum Äußersten bereit, einlenken ist nicht Teil der Agenda. Die Eskalation folgte zwangsläufig. Diesmal war es der KLP, der eine Grafik ausschloss, obwohl sie genügend Stimmen bekam, und zu dieser Diskussion führte. Sexismus wurde schon öfters bemängelt. Ob reine Nacktheit schon Sexismus ist, da scheiden sich die Geister und spaltet die Szene weiter. Das Thema gab es schon beim Titelbild von Nova 29.

Abgelehnte Beiträge beim KLP gibt es selten, aber es kommt schon vor, wenn man Aktuelles verfolgt. Es werden auch Beiträge mit zu wenigen Stimmen auf die Nominierungslisten gehievt. Außer der rein quantitativen Aussage findet man da aber nichts. Wann und warum die Vorauswahljury tätig wird, bleibt ihr Geheimnis, genauso, wer darin vertreten ist (was beim DSFP kritisiert wurde, daran scheint sich hier niemand zu stören). Dieses Jahr wurden zwei Beiträge abgelehnt, zumindest von einem wird noch die Rede sein, der andere bleibt unerkannt. Sieben Beiträge wurden dagegen befürwortet, also trotz nicht ausreichender Stimmen in die Endrunde gelassen. Welche das sind, ist unbekannt. Zum KLP 2024 wurden übrigens zwei Vorschläge abgelehnt und einer zusätzlich befürwortet. Beim KLP 2023 wurde keiner abgelehnt und einer befürwortet. Interessanter Fakt: Zwei Nominierungsvorschläge wurden von den Nominierten selbst abgelehnt. Welche das waren, ist allerdings unbekannt.


Wer denkt, damit war es getan, der wird, eigentlich wenig überraschend, hier fündig. Die deutschen WASP werden aktiv und wollen die Kunstfreiheit bewahren. Es gibt sogar ein Forum zu der ganzen Angelegenheit. Ein richtiger Rohrkrepierer ist das geworden. Ob diese Untotenbewegung noch wiederbelebt wird? Vier Monate später kann  man sagen, ja. Es geht eine Welle der Empörung durch die deutschsprachige Phantastik. Anlass ist das Wuppertaler Manifest. Wer genau dahinter steckt ist unklar. Es fehlen die Unterzeichner. Die gibt es nur bei der Resolution zum KLP. Die Seite ist aber mittlerweile (Oktober 2025) offline.

Das ist aber noch nicht alles. Es gibt mittlerweile vermehrt Geschichten, die spalterische Themen auf die Spitze treiben und die Politisierung deutschsprachiger Science-Fiction forcieren. Gerade zwei der Phantastik-Preise abgeräumt hat Parts per Million - Gewalt ist eine Option, ein Roman, dem nachgesagt wird, dass er eher keine Phantastik enthält (und wenn, ist sie marginal). Einfach mal den Klappentext goutieren. So hat es bei der RAF damals wohl auch angefangen.

Der Roman hat wenig überraschend zwei Phantastik-Preise gewonnen. Wen interessiert schon phantastischer Stoff, wenn der Kulturkampf in den Mittelpunkt gestellt werden kann und der Aufruf nach Gewalt ertönt, um eine scheinbar bessere Welt zu schaffen? Wenn das die Zukunft deutscher Phantastik ist, dann aber gute Nacht.

Die Gegenseite steht aber schon in den Startlöchern: Jenseits des Zeitgeist lauern Gespenster wird vom Autor, der die Resolution unterzeichnet hat, als Anti-Wokeness-Phantastik betitelt. Ob das nur ein Label ist oder sich inhaltlich im Buch fortsetzt, kann nicht beurteilt werden. Die Geschichtensammlung ist noch nicht erschienen. Eine Leseprobe findet sich aber hier.

Man sieht, der Kulturkampf hat die Szene der phantastischen Literatur voll in ihrem Würgegriff. 

Da soll mal einer sagen, Deutsche Science-Fiction lebt nicht oder gar, sie sei nicht politisch. Der KLP hat übrigens in weiser Voraussicht die Kategorie "Sonderpreis kritisch" eingeführt und die Woken haben ihn gewonnen. Eigentlich waren nur die Woken nominiert, die WASP haben aber doch Platz 3 erreicht und ihren Protest damit ausgedrückt, in der Kategorie nichts preiswürdig zu finden.

Ja, was alles so nicht preiswürdig ist und auf der Nominierungsliste eines deutschsprachigen Science-Fiction-Preis landet, da könnte man Bücher mit füllen. Da gäbe es eine großartige Liste der Peinlichkeiten, denke ich. Aber statt sich über Literatur und ihre Qualität zu streiten, wie es in dem Interview getan wird, oder einfach mal mehrheitlich herausragende Literatur zu nominieren, streitet man sich um des Kaisers Bart. Wahrscheinlich landet das Aktionsbündnis nächstes Jahr beim engagierten Sonderpreis auf der Nominierungsliste, falls es nicht von der Vorauswahljury abgelehnt wird und sich somit als Opfer der Cancel Culture fühlen kann. So hätte es kommen können, aber stattdessen hat sich das Bündnis in Luft aufgelöst.

Statt drei Sonderpreise und die Politisierung der SF voranzutreiben, sollte man lieber wieder zu Inhalten und ihren Formen zurückkehren. Das Herausragende und Besondere auszeichnen und weniger Grundsatzdebatten führen, die eigentlich bei einem Literaturpreis nichts zu suchen haben. Aber wahrscheinlich ist das zu viel verlangt.

Zum Gegenstand der Diskussion kann man sich ja leicht ein Bild machen und für sich selbst beurteilen, ob das Bild oben einerseits preiswürdig und andererseits sexistisch ist und damit vor den Augen der Preisinteressierten verborgen bleiben soll. Für mich ist das Bild weder preiswürdig noch sexistisch. Eine Diskussion zum Thema findet man hier. Auch dieser Thread wurde geschlossen.

Immerhin kann man aber feststellen, die Szene lebt und stirbt aktuell nicht an Desinteresse. Wobei aktuell Tendenzen zu erkennen sind, die auf ein sanftes Einschlafen hindeuten. Das Sperren von Forenthreads ist nicht nur von WASP zu Woke gewechselt, sondern mittlerweile auch schon so lange her, das das Licht das andere Ende des Universums erblickt hat. Ich will euch aber diesen fadenscheinigen Grund einer Moderation nicht vorenthalten. Wenn man also fragt, ob ein Mehr an Wissen oder Ausbildung hilfreich ist, wird das als Beleidigung ausgelegt. Mit so einer Einstellung ist ein friedliches Miteinander natürlich kaum möglich.

Die Ergebnisse der Grafiken findet man übrigens hier und das Siegerbild von Dirk Berger gefällt zumindest mir sehr gut. Eine Diskussion zur Grafik habe ich aber nicht gefunden, obwohl der Blechkumpel raucht. Ist ja nicht gerade ein Vorbild für die unschuldige SF-Jugend:


Diskutiert wurde dagegen das Bild von Strandgut, das auf den hinteren Plätzen landete. Aber das ist jetzt wieder ein anderes Thema, auch wenn das sehr gut in den aktuellen Zeitgeist passt. 

Den Versuch, die Welt von allem Schlechten zu befreien, gab es schon und die Hüter des guten Geschmacks hatten auch in den 80ern die Streitaxt erhoben: Die Filthy Fifteen-Liste. Vielleicht sollten die Woken einen Aufkleber erschaffen, den die WASP mit Freude an ihr Revers heften können, so wie diesen da:


Kann dann jeder WASP als Auszeichnung auf sein Buch kleben und die Gegenseite weiß besser, um welche Publikationen sie einen Bogen macht. Der gemeine Extremist braucht schließlich eine Entscheidungshilfe.

Fortsetzung folgt übrigens... Da ist noch einiges im Gange, das habe ich im Blut. Für den KLP 2026 kündigt sich Großes an. Zu hoffen wäre, wenn ein wenig Humor und Gelassenheit Einzug hielten.

Und nachdem das Aktionsbündnis seit Mai unter dem Radar lief, ist die Diskussion vier Monate später im Phantastik-Literatur Forum entbrannt, verbreitet sich aber aktuell wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien wie Blue Sky oder Facebook.

Da fühlt sich sogar das Phantastik Autoren Netzwerk bemüßigt, einen Beitrag zum Thema zu bringen: Die Phantastik ist für alle da

Parallel gab es wohl erste Änderungen am Programm des Bucon 2025. Das Phantastik Autoren Netzwerk cancelled einen Programmpunkt, da dort jemand teilnehmen sollte, der die Resolution zum KLP unterschrieben hat.

Der Oktober bringt weiterhin Neues. Aktionsbündnis hat auf Grund des Gegenwinds die Resolution sowie das Manifest vom Netz genommen. Exodus hat sich von dem Aktionsbündnis distanziert und Olaf Kemmler aus der Redaktion geschmissen. Der hat im November 2025 ein Statement auf seiner Homepage veröffentlicht 

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