Maximilian Wust (Interview)

 


Michael Schmidt: Hallo Maximillian! Wein oder Tee?

Maximilian Wust: Wein, Weißer, am liebsten Doppio Passo. Ich trinke nur nicht gerne allein, von daher: Stößchen!

Michael Schmidt: Deine Homepage heißt maxmalt.de. Ist das ein Statement, dass dir die grafische Kunst wichtiger ist? Bist du ein visueller Typ?

Maximilian Wust: Ja, sehr. Ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die in einer Kunstgalerie Spaß haben und minutenlang die Pinseltechniken studieren. Aber ein Statement ist es nicht. Meine Homepage entstand ursprünglich als Erweiterung für meine Bewerbungen, da die Arbeitgeber damals neben der Arbeitsprobenmappe gerne auch eine eigene Website als Referenz sehen wollten – was 2010 zu einem Sammelsurium an schwiegermütterlich gepflegten und skurrilen Designer-Homepages führte (wie eben meiner). Dass diese später auch noch meine Schreiberei abdecken würde, war damals nicht geplant. Im Allgemeinen ist Vieles ganz anders gekommen, als es geplant war.

Michael Schmidt: Rein grafisch beschrieben, wie würdest du dich und deine Kunst charakterisieren bzw. dich vorstellen?

Maximilian Wust: Am liebsten als Expressionist, wobei da vermutlich die anderen Expressionisten nicht unbedingt zustimmen werden. Ich zeichne oft realistisch, versuche die Proportionen einzuhalten und gleichzeitig eine manchmal etwas offensichtlich Aussage zu treffen. Wo mir das bisher am besten gelungen ist, nennt sich „Meine Verleger, ohne Erde“, eine Reihe an Portraits, in der ich das Wesen meiner Herausgeber, Verleger und Veröffentlicher (und -innen) bildlich beschreibe. Du warst ja auch Teil dieser Reihe ;-)



Michael Schmidt: Ich habe es mal eingefügt, da kann sich jeder ein Bild machen. Die ganze Serie findet sich hier. Welche Art von Bildern kreierst du und wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Maximilian Wust: In erster Linie Portraits mit Vollflächigkeit. Die meisten meiner öffentlichen Werke sind die Konterfeis von Freunden, Bekannten, Kollegen und Lebensabschnittsgefährten. Tatsächlich aber versuche ich mich regelmäßig neu zu erfinden und neue Techniken auszuprobieren, ob nun händisch, am Wacom oder einfach nur mit der Computermaus. Bisher hatte ich noch nicht die Muße und die Zeit, mich in Webcomic-Erstellung zu verlieren … so wie die meisten anderen ;-)

Michael Schmidt: Wenn man an Kunst denkt, kommt unweigerlich das Thema KI. Wie stehst du zu KI; wieviel Handwerk und Kreativität ist generell in Kunst und in Umschlägen von phantastischer Literatur?

Maximilian Wust: Das ist ein Streitthema, das meiner Meinung nach lange vor den KIs begonnen hat. Bis in die 1990er wurden Buchcover oft noch per Hand gezeichnet und am Lichttisch gelegt. Ich selbst habe noch während meinem Studium das Ende dieser Handwerkskunst erlebt – und Elemente mit dem Skalpell statt mit dem Mauszeiger freigestellt. Als dann CoralDraw und Photoshop die Arbeit effizienter (und vor allem kostengünstiger) machten, war der Aufschrei groß: Die Digital Art würde die Kunst verfälschen und ihr die Seele rauben, hieß es damals. Stattdessen hat sie sie auf das nächste Level gehoben.

NOCH glaube ich nicht, dass die KIs uns Illustratoren die Arbeit stehlen werden. Reine KI-Bilder sind immer noch aufgrund menschlich-animalischer Identifikationsmuster deutlich als solche erkennbar und haben sich den Ruf erarbeitet, vor allem minderqualitative Produkte anzukündigen – insbesondere seit Amazon und Thalia durch KI-Covers geflutet wurden. In der Grafik können sie jedoch nützlich sein, gute Vorlagen liefern, Kolorationsvorschläge machen und mühselige Vorarbeit erledigen. Aktuell betrachte ich die KI mehr als Werkzeug denn Konkurrenz.

Zudem: Cover-Illustrationen waren schon zuvor kein Handwerk mehr, mit dem sich viel Geld verdienen ließ. Entweder man produzierte große Quantitäten in immenser Geschwindigkeit (was man in der Szene als „churn out“ bezeichnet) oder man kombinierte gewaltiges Talent mit guten Networking-Skills. Andernfalls blieb es ein Nebenjob. Die KIs haben diesen Prozess nur beschleunigt.


Michael Schmidt: Was denkst du, wohin wird sich die grafische Kunst hinbewegen und hat man als Kreativer immer noch die Chance, als Künstler berühmt zu werden?

Maximilian Wust: Diese Chance sinkt schon seit vielen Jahren und ist dabei nicht nur den Technologien, sondern schlicht auch der Nachfrage geschuldet.

Nehmen wir als Beispiel eine Radierung: Ein gutes Werk mit dieser Technik zu erstellen, die richtigen Farben zu treffen, Übergänge zu schaffen und gleichzeitig auch ein Bild zu beseelen, ist per Hand unglaublich schwer und bedarf einer Finesse, die ich selbst nach 20 Jahren in der Branche nicht besitze. Es sei denn natürlich, ich verwende Photoshop. Dann sind es ein paar Filter, zwei, drei Textur-Ebenen und etwas Nachbearbeitung – und ich habe ein ähnliches Ergebnis. Es wird sich zwar von der Haptik unterscheiden, nicht aber vom Visuellen.

Auf der anderen Seite entscheiden auch die Konsumenten, was gefragt ist: Es gibt es natürlich Künstler und Künstlerinnen wie Loish oder Meyoco, die sogar rein durch die Kunst leben können, deren Berühmtheit sich allerdings eher auf die Szene und Instagram beschränkt. Bereits Luis Royo, Michael Whelan und Tim White taten sich in den 1970ern und 1980ern schwer, jenseits ihres Tätigkeitsfelds, der Cover-Illustration, gesehen zu werden.

Dabei müssen wir leider auch den lasziv-gekleideten Elefanten im Raum ansprechen: Es gibt durchaus noch Künstler, die mehr oder minder eigene Werkstätten gründen (auch wenn diese nur noch online existieren) und sogar Assistenten einstellen. Das sind unter anderem Personalami, Teranen und Sakimi-chan. Sie allerdings produzieren vor allem das, was man als Lewd oder NSFW Art bezeichnet – und unglaublich aufwendig gezeichnete Erotica beschreibt. Damit lässt sich im Moment am schnellsten berühmt werden.

Dabei ein kleiner Fun-fact am Rande: Trudy Cooper, die Zeichnerin von Oglnaf, verwendete erotische Kunst, um ihre nicht-erotischen Comics zu bewerben. Mit Erfolg.

Michael Schmidt: Max malt nicht nur, Max schreibt auch. Horror und Science Fiction. Oder auch anderes?

Maximilian Wust: Max schreibt tatsächlich so ziemlich alles, was man von ihm nimmt. In erster Linie war das bisher Fantasy, danach Science-Fiction und Horror. Hinzukamen diverse Kurzkrimis, Komödien, Dramen, zwei, drei Liebesgeschichten (mein geheimes Steckenpferd – ich liebe die Liebe), Weird-fiction, Science-Fantasy (noch so ein Steckenpferd) und, äh, wo wir gerade dabei waren: Erotikliteratur für Frauen. Einmal. War witzig.

Grundlegend genieße ich die Bewegungsfreiheit vieler Genres, was dann umso mehr Spaß macht, sie miteinander zu kombinieren oder auch mal „versehentlich“ in ein anderes stolpern. Eure Kurzgeschichtensammlung „Alle seine Frage des Stils“, aber auch Videospiele wie „Split Fiction“ haben sehr anschaulich demonstriert, wie nah sich verschiedene Genres doch sein können. Oft ist es doch nur eine papierdünne Seite, die Raumschiffe von Drachen trennt.


Michael Schmidt: In Zwielicht 22 erscheint deine zweite Kurzgeschichte zu einer Serie. Erzähl mal was den Leser erwartet und was du in diesem Universum so alles noch geplant hast.

Maximilian Wust: Ich nenne sie inzwischen die Hexenmeisterchronik (ungeachtet der Verwechslungsgefahr mit dem Hexer-Zyklus von Andrzej Sapkowski) und ich danke euch sehr, dass ihr den Erzählungen mit dem Zwielicht-Magazin eine Heimat gebt.

Dreieinhalb Jahre vor den Ereignissen von „Salz, Glas und Silber“ verschlägt es den preußischen Hexenmeister Abelard im Auftrag seiner Herrin an die Grenze Bulgariens, wo ein Kollege seiner Zunft scheinbar wahllos Tote zu erwecken scheint. Dabei trifft er auf die schlagfertige Witwe Dilay, die ihn fortan bei den Ermittlungen unterstützt und zieht die Aufmerksamkeit eines mächtigen Feindes auf sich. Der ihm vielleicht ein bisschen zu viel sein könnte …

Als ein großer Fan des Okkulten und der Mystery, aber auch von Abenteuerliteratur wie von Henry Rider Haggard und Arthur Conan Doyle würde ich Abelard (und seine Leserschaft) gerne noch in einige, interessante Ecken der Welt entführen, darunter an die Ostküste Russlands, nach Schwarzafrika, ans Kap Hoorn und, wenn ich dazu komme, nach Grönland – wo sozusagen alles begann. Dabei würde ich auch auf die Folklore eingehen, woran die Menschen in diesen Ländern zum Thema Tod glaubten (und es teilweise heute noch tun), ebenso, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts lebten, als Industrialisierung und das Mittelalter in einem globalen Shiroyama aufeinandertrafen. Und wo wir gerade dabei sind: Nach Japan würde ich Abelard auch reisen lassen. Aber eines nach dem anderen …


Michael Schmidt: Du kommst aus dem Bereich Medien, bist aber in Tales of Science II dabei. Wie wissenschaftlich sind Medien und ist das überhaupt noch etwas Getrenntes? Heutzutage ist ja vieles von Technik durchdrungen.

Maximilian Wust: Die Grenze verschwimmt für mich schon seit Cai Lun, einem Beamten des chinesischen Kaisers um 100 n. Chr.. Als sich dieser im Verfilzen von Pflanzenfasern versuchte, entwickelte er, was bis heute unsere Szene definiert: Das Papier. Seitdem sind Medien und Wissenschaft eigentlich unzertrennbar.

Das jedoch für mich gängigste und unterhaltsamste Beispiel dieser Verschmelzung ist der US-amerikanische Autor Michael Crichton. In seinen Werken passieren die wohl seltsamsten Dinge: Menschen werden durch einen Dinosaurierpark gejagt, ins Mittelalter gefaxt, müssen sich geschrumpft durch die Wildnis kämpfen oder sich gegen für den Krieg gezüchtete Affen behaupten – klassischer Pulp, aber am Ende hatte man auf einmal gelernt, wie Eugenik funktioniert, Diamanten entstehen und Atome gebunden werden. Crichton wusste wie kaum jemand, Fachgebiete zu vermitteln, mit denen man sich normalerweise nicht in seiner Freizeit auseinandersetzt.

Seine Werke zeigten aber auch gleichzeitig, wie gut Unterhaltungsliteratur „schmecken“ kann, wenn sie sich auf reale Themen der Wissenschaft beruft. Der literarische Tümpel gewinnt dann oft etwas Boden. Und man fühlt sich zudem klüger.

Michael Schmidt: Briefe an die DNA aus Tales of Science II ist nicht nur eine technisch-wissenschaftliche Geschichte, sondern hat auch ein exotisches Scenario, spielt weder in den USA noch in der Heimat. Wie kam es dazu und wie war die Zusammenarbeit mit deinem wissenschaftlichen Paten?

Maximilian Wust: Die Zusammenarbeit entstand geburtstechnisch: Annika und ich teilen dieselben Eltern und waren in unserer Kindheit und Jugend „die Wilden“ unter unseren Geschwistern. „Die Wilden“ in Anführungszeichen, weil wir am Ende doch aus einer Beamten- und Lehrerfamilie stammen und daher trotz aller Rebellion in unseren Schulzeugnissen stets als „höflich und ruhig“ beschrieben wurden. Aber wir haben mit 12 bereits Thriller-Krimis für 16-jährige gelesen und Ballerspiele gespielt – solche Rebellen sind wir gewesen! ;-)

Als Marianne Labisch mich dann wegen ihrer Anthologie ansprach, habe ich das als gute Gelegenheit gesehen, dass die beiden Schwarzen Schafe Annika und Maximilian wieder zusammenarbeiten. Was dann ausgesprochen gut funktionierte: Während ich nämlich meinen Rebellenkurs fortgesetzt und ein Kunstfach studiert hatte, war Annika Bioingenieurin geworden und ist bis heute im Wissenschaftssektor tätig.

Dass sie zudem eine unglaublich bereiste Frau ist und sich bereits in der Nähe vom Handlungsort Mindoro aufhielt, hat zudem geholfen. So konnten wir unsere beiden Kopfwelten ziemlich gut zu einer vereinen, ohne uns gegenseitig auf die Füße zu steigen. Und das hat ehrlich Spaß gemacht. Derzeit denken wir laut über einen gemeinsamen Roman nach.

Michael Schmidt: Man sieht dich vermehrt in Anthologien. Bist du sowas wie der aufstrebende neue Stern und welche deiner neuen Veröffentlichungen sollte man sich zulegen?

Maximilian Wust: Haha, ich danke sehr für das Kompliment, aber … nein, ich denke nicht. Als das würde ich wohl eher Moritz Boltz, Nicole Hobusch und Yvonne Tunnat bezeichnen. Wobei ich die deutsche Szene nicht als groß genug sehe, um echte Stars zu hervorzubringen. Ein deutscher Frank Herbert ist noch fern – wenn nicht sogar unmöglich.


Ich hatte vor allem das Glück, den richtigen Menschen begegnet zu sein. Da war Peggy Weber-Gehrke, mit deren Anthologien ich ein erstes Publikum bekam; Christoph Grimm, der meine Geschichte als Start in sein „Alien: Contagium“ platzierte; Peter Schmitz von der c’t, der mich mit langen, freundlichen Texten in der Riege der Heise-Schreiber begrüßte; Joshua Tree, der mir ein schon sehr wildes Experiment durchgehen ließ, was dann überraschend gut ankam; Sarah Lutter, die mich seit unserer ersten Begegnung wie eine gute Fee begleitet; Marianne Labisch, die meinen Texten zuerst kritisch gegenüber stand, mich nun aber sehr liebevoll in ihre Projekte einbindet – und natürlich du, Michael. Die Zwielicht 20 hat mehr für meine Schriftsteller-„Karriere“ getan, als ich wahrscheinlich jemals erfassen werde. Seitdem höre ich öfters, dass man schon von mir gehört oder etwas gelesen hat.

Welche meiner Veröffentlichungen ich empfehlen würde? Gute Frage. Mein Roman „Land der verlorenen Dinge“ von 2015 ist wahrscheinlich nicht mehr aktuell genug – und außerdem hasserfüllt und ausgesprochen experimentell.


Wirklich gut angekommen sind „Salz, Glas und Silber“ in der Zwielicht 20, „Objekt Eins“ in Alien: Contagium und „Geboren als Wer“ in HeliosKoloss. Gerne würde ich dabei auch noch „Ophion“ in der Sammlung „In ferne Welten“ erwähnen, aber diese Geschichte war eher umstritten als ausschließlich beliebt. Es hat aber großen Spaß gemacht, sie zu schreiben.

Michael Schmidt: Du schreibst nicht nur, du liest auch. Wie findest du die deutschsprachige Science Fiction Szene bzw. Phantastikszene? Welche Autoren würdest du dem Leser ans Herz legen?

Maximilian Wust: Ich muss leider zugeben, dass mir die Phantastikszene von 2025 nicht mehr das Gift liefert, das mein in Cortisol gedünstetes Gehirn für ein inspirierendes Neuronenfeuer braucht. Oder vielleicht ist es auch mein fehlgeleiteter Geschmack, der vor allem durch MTV, South Park, Warhammer 40.000 und dem atomaren Nihilismus der späten 1980er geprägt wurde. Die schonungslose Härte, die ich bevorzuge, findet sich nur selten in der Watte der deutschen Phantastik.

Was aber nicht heißt, dass es nicht durchaus ein paar exzellente Experten aus deutscher Küche gibt:

- Sven Haupt liefert ausgesprochen intellektuelle Literatur (auch wenn seine Protagonistin jedes Mal einfach nur den Namen wechselt),

- Frank Lauenroth verbindet Abenteuergeschichten intelligent mit dem Sense of Wonder,

- Uwe Hermann beherrscht seinen nüchternen, sehr deutschen Humor trittsicher,  

- und Viellesern, die sich schon durch so viele Welten und Geschichten gearbeitet haben, dass sie den Schluss schon im ersten Satz erahnen, kann ich zu Michael Schmidt mit seiner dadaistischen Weird-Sci-Fi-Chronik des „Galactic Pot Healer“ raten.

Michael Schmidt: Danke für die Blumen. Und was fehlt der Szene?

Maximilian Wust: Mut. Und nicht nur er, sondern auch die Erlaubnis, wieder mutig sein zu dürfen – was sich 2025 insbesondere auf der Liste der KLP-Anwärter zeigte. Hier muss ich leider schonungslos werden: Die Sprache der meisten Werke war gut, aber derart steril, als hätte man hinter jedem Satz einen Shitstorm befürchtet und die Dialoge fühlten sich zumeist plastisch und leblos an, als wäre stets die Personalabteilung mit im Raum gewesen. Die Shortlist des Kurt-Laßwitz-Preises war für mich Querschnitt der modernen Eierschalen-Literatur und las sich, als wollten die Verfasser dem Internet beweisen, dass sie ja doch allesamt gute Menschen sind. Statt Lebensnähe gab es „Diskussionen“, die so nur in den Sozialen Medien und auf stark moderierten Plattformen überleben können.

Im Kontrast: In seiner Romanserie „Das Unsterblichkeitsprogramm“ übertrieb Richard Morgen, was seine Liebesszenen betraf – mehr sogar noch als Peter F. Hamilton in seinem Armageddon-Zyklus. Viel zu lange ging er viel zu sehr auf Details ein; so mancher Körpersaftaustausch konnte sich sinnlos über Seiten erstrecken. In „Imperium“ von Christian Kracht hingegen verspeist der Protagonist vom ikonoklastischen Wahn befeuert seinen eigenen Daumen und in Dan Abnetts Werken schrecken die Charaktere nur selten vor Kriegsverbrechen zurück, solange sie dem Zweck dienlich sind. Damals fand ich diese Szenen furchtbar albern und sehr pubertär; „edgy“, würde man im Internet sagen. Heute hingegen …

Heute sehne ich mich nach Beleidigungen unter der Gürtellinie, zwiegespaltenen Charakteren, echten Streits, echter Kritik, eskalierenden Konflikten, spürbaren Risiken oder einfach Probleme, die bestenfalls ignoriert, aber nicht gelöst werden können. Nach bittersüßen Enden und infantiler Provokation.

Ich war nie ein großer Fan von Günther Grass und J.D. Salinger, aber ein bisschen mehr von ihnen wäre gerade erfrischend.

Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Maximillian Wust: Von dem üblichen Sortiment an Kurzgeschichten abgesehen, würde ich dieses Jahr gerne mit einem weiteren Roman beginnen. Ich weiß nur noch nicht, welche meiner gefühlt zehntausend Ideen „nach oben“ darf. Daneben bin ich noch als Illustrator und Cover-Designer für das neue Anthologieprojekt von ChristophGrimm beteiligt. Das ist aktuell spannend.

Michael Schmidt:

Maximilian Wust: Das ist eine interessante und sehr tiefgängige Frage – es wird mir daher nicht leicht fallen, sie ehrlich zu beantworten. Ich glaube, am besten kann ich es mit „der Maschine“ beschreiben, die Davey Wreden zum Antagonisten im dritten Akt seines „The Beginner’s Guide“ erwählte – bevor er dann selbst zu einem wurde.

Sein Protagonist Coda, ein überaus begabter aber geplagter Game-Designer, begegnet auf einer seiner Reisen in die eigenen Werke der sogenannten Maschine, einem Motor, der seine Kreativität antreibt, aber ihn auch über die Schmerzgrenze hinaus zur kreativen Arbeit bewegt. Coda versuchte jahrelang, die Maschine zu ignorieren, was sie nur stärker machte. Sie zu füttern und ihr zu geben, was sie verlangt, hatte denselben Effekt. Nun, von Leistungsdruck, Depression und Schmerz geplagt, versucht er, sie zu zerstören, muss jedoch verstehen, dass sie längst Teil seiner Selbst geworden ist und nur mit Abstinenz, wie eine Sucht, oder vielleicht auch nie besiegt werden kann. Zum Schluss wendet er sich ab, von den Freunden, die ihn loben, von seinen Fans und letztendlich auch vom Ich-Erzähler.

Metaphern wie diese sind zahlreich, doch sie traf bei mir einen Nerv. Nach bald zwanzig Jahren in der Kreativszene hatte ich das Gefühl, eine ähnliche Maschine in mir zu haben – die ich allerdings als beruflicher Designer und Illustrator nicht mehr loswerden kann. Daher interessiere ich mich auch oft für die Autoren und -innen, die aufgehört haben. Ich will wissen, was sie bewegte und woher sie die Stärke nahmen, ihre Träume zu beerdigen.

Und wie es ihnen jetzt damit geht.

 (Die drei ersten Grafiken sind von Maximilian Wust und von seiner Homepage Maxmalt.

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