Peter Schünemann (Interview)

 


Michael Schmidt: Hallo Peter, stell dich doch den Lesern mal vor!

Peter Schünemann: Ich bin Peter Schünemann, Jahrgang 1961, wohne seit 1989 in Halle an der Saale; verheiratet mit Andrea, zwei Söhne, bald vier Enkelkinder; bis 2024 Lehrer, jetzt im Ruhestand. Mitglied des Andromeda SF-Clubs Halle seit 1989, für dessen Zines „Solar-X“ (1989 – 2006) und „NeuerStern“(seit 2013) ich geschrieben habe bzw. immer noch schreibe. Ein paar Bücher von mir, meist Dunkle Phantastik, sind auch erschienen, zuletzt „Nachtmahr“ in Eric Hantschs Edition Dunkelgestirn.

 


Michael Schmidt: Ich habe bei Christian Pree nachgeschaut und die älteste Veröffentlichung, die ich fand, war 1990 „Anomalie“, erschienen in  Solar-X 9. Ist das die erste Veröffentlichung von dir? Ich las was von Indianergeschichten und Gedichten.

Peter Schünemann: Oh, jetzt musste ich erst mal selbst im SX nachschauen … „Anomalie“ hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Danke fürs Erinnern! Die (nie zu Ende geschriebene) Indianergeschichte habe ich mit 10, die Gedichte mit 11 Jahren geschrieben, veröffentlicht wurde davon nichts. Zum ersten Mal kam etwas von mir 1981 heraus, in der Betriebszeitung „Der Kontakt“ des VEB Robotron-Elektronik Zella-Mehlis, die Glosse „Der Mann am Fenster“ und die SF-Kürzestgeschichte „Seltsame Liebe“ (die erschien auch im „Neuen Stern“ Nr. 66, dem Roboter-Special). Damals leisteten sich die größeren Betriebe in der DDR viel Kultur; im Robotron (wo ich auch als Verpacker arbeitete) gehörte ich zum „Zirkel schreibender Arbeiter“. Der wurde von einem „echten Schriftsteller“ betreut; wir konnten da einiges übers Handwerk lernen. Außerdem gewöhnte einem die bisweilen harte Kritik schnell Allüren oder Beleidigtsein ab. Ich denke gern an den Zirkel zurück. 1990 ist er schnell verschwunden, genau wie der Betrieb …

 


Michael Schmidt: Dein Genre ist Horror und unheimliche Phantastik. Oder ist es Science-Fiction?

Peter Schünemann: Ersteres inzwischen weitaus häufiger als SF. Ich habe das „phantastische“ Lesen mit Märchen und Sagen begonnen. Mein erstes SF-Buch war Lems „Planet des Todes“, da war ich 12. Unheimliche Phantastik und Horror kamen später hinzu, vor allem von Stevenson und Poe. Fantasy kannte ich vor 1989 gar nicht; die wenigen Bücher, die in der DDR da erschienen, hatte ich nicht mitbekommen. Ich war ja auch ein Einzelkämpfer, galt im Zirkel als „Exot“, hatte keinen Anschluss an Gleichgesinnte. Als ich vom ASFC Halle erfuhr (im Oktober 1989, da hatte ich hier gerade als Lehrer zu arbeiten begonnen), trat ich dem Club sofort bei, und von da an weitete sich das Feld enorm. Tolkien tauchte auf, bald danach Lovecraft … Durch Thomas Hofmann, unser Redaktions-Alien im „Neuen Stern“, bekam ich schon zu SX-Zeiten Kontakt zu Autoren unheimlicher Phantastik, meist einfach per Buch, aber mit Eddie M. Angerhuber stand ich jahrelang im Briefwechsel, was mich wieder enorm bereicherte … Inzwischen ist es so, dass auf einen SF-Text fünf aus der unheimlichen Ecke kommen. Spricht mich einfach mehr an, reizt mich mehr, als Leser wie als Schreibender.

 


 

Michael Schmidt: Ich gebe offen zu, zum ersten Mal fiel mir dein Name im Neuer Stern auf, später hast du bei Edition Dunkelgestirn die Sammlung Nachtmahr veröffentlicht. Als ich meine Liste mit Nominierungen für Science-Fiction Preise erweiterte, stieß ich im Jahr 2000 auf die StoryIn Buchenwald und anderswo, erschienen in der Heyne Anthologie DasProust-Syndrom. Ist Ruhm vergänglich? Bei Heyne in Anthologien zu erscheinen, das würden sich ja viele heutzutage wünschen.

Peter Schünemann: Ich habe mich damals sehr gefreut, als der Brief von Wolfgang Jeschke eintraf und er die Story genommen hat – schon weil Jeschke als Herausgeber einfach großartig war, tiefer Respekt. Dass sie für den KLP nominiert war, habe ich erst später erfahren, es war für mich eine schwierige Lebensetappe, in der ich nicht viel Zeit fürs Fandom hatte, da fuhr ich kaum noch zu Cons. Die Nominierung empfand ich auch als Ehre. Ruhm? Wohl eher nicht. Ich hätte damals dranbleiben, mehr schreiben, an Jeschke schicken sollen. Das habe ich verpasst (wie gesagt: eine schwierige Zeit). Aber ich freue mich, dass die Geschichte erschienen ist.

 


Michael Schmidt: Worum ging es in Story In Buchenwald und anderswo?

Peter Schünemann: Sie wird erzählt aus der Perspektive eines Häftlings im KZ Buchenwald, den ein SS-Offizier zu Tode quält. Es stellt sich heraus, dass das alles „nur“ eine Tour in einem „Erlebnis-KZ“ war, die er gebucht hatte. Aber das Ganze hinterlässt bleibende Schäden. Wenn man so will, hinterfragt die Geschichte äußerst kritisch die Spaß- und Mediengesellschaft.

Michael Schmidt: Die Rachepuppe erschien im Dezember 2025 in Neuer Stern 119. Wie hat sich deine Schriftstellerei in diesem Vierteljahrhundert verändert und worauf kommt es dir beim Schreiben an?

 


Peter Schünemann: Weniger auf den „Knalleffekt“ am Ende hin zu schreiben, mehr auf Atmosphäre und Schilderung zu achten. Hm, da ist „Rachepuppe“ vielleicht kein so gutes Beispiel … Ja, das macht auch noch Spaß, so etwas zustande zu bringen. Aber meistens geht es wirklich ums Wie, nicht ums Was. Die Schicksale der Protagonisten interessieren mich immer mehr.

Michael Schmidt: Was bekommt der Leser bei Nachtmahr, wenn er denn irgendwie ein Exemplar auftreibt, geboten und ist an eine Neuauflage gedacht, vielleicht als Taschenbuch oder E-Book?

Peter Schünemann: Letzteres müsstest du Eric Hantsch fragen, den Verleger, dessen Fan ich seit langem und dem ich auch zu großem Dank verpflichtet bin, dass er das Buch herausgebracht hat. Ich glaube aber, etwas Neues plant Eric nicht. Ein Exemplar habe ich noch übrig …

Was der Leser geboten bekommt? Dunkle Geschichten, die in der Stadt Hallberg spielen, unter der in einer anderen Dimension ein dunkles Wesen lauert, dessen Emanationen zu allerlei Unglücken führen. Yshkor ist (m)ein Großer Alter; ich laufe meine Wege durch Hallberg, aber ohne Lovecraft würde ich sie nicht in dieser Weise gehen. Und ich setze meiner Heimatstadt Halle ein Denkmal; ich lebe sehr gern hier, die vielen magischen Orte inspirieren mich.


Michael Schmidt: Das Titelbild ist von Thomas Hofmann, mit dem du ja bei Solar-X und jetzt beim Neuer Stern aktiv bist. Wie wichtig ist es dir, neben den literarische Aspekten, in einer gemeinsamen Szene vertreten zu sein und die daraus resultierenden Freundschaften?

Peter Schünemann: Als Eric fragte, ob ich einen Zeichner für das Buch wüsste, musste ich keine Sekunde überlegen, es konnte nur Thomas sein - und ich freute mich, als Eric sofort zustimmte und Thomas auch. Eine seiner Illus habe ich mir zum Geburtstag großformatig gewünscht, sie hängt jetzt über meinem Schreibtisch. Er hat die Atmosphäre der Geschichten sehr schön eingefangen.

Die gemeinsame Szene, die Freundschaften sind ungeheuer wichtig, gerade wenn man fast bis zum 28. Lebensjahr keine Szene hatte. Die Gespräche sind wichtig, die Treffen auf Cons (Leipzig und der Elster-Con liegen ja vor unserer Nase), die gemeinsamen Ausflüge (vor allem zum „Männertag“), der monatliche Club-Stammtisch, die alljährliche Halloween-Feier, das Kennenlernen von immer neuen Autorinnen und Autoren (auch auf den Leipziger Monatsveranstaltungen, wenngleich ich da ein fleißigerer Besucher sein könnte). „Solar-X“ war wichtig als Plattform, und als Thomas Ende 2012 fragte, ob wir nicht ein neues Papier-Zine machen wollten, war ich sofort dabei; nun gibt es den „Neuen Stern“ schon seit 13 Jahren, wieder eine tolle Sache, auch ein Austausch, es kommen immer neue Leute dazu, das ist schön und sehr anregend. Großer Dank an Thomas, ohne den es das Zine nicht gäbe!

Michael Schmidt: Du bist ja ursprünglich aus der DDR und dort gab es ja eigentlich keine Horrorszene, viele sagen, da gab es nur SF oder Phantastik. Stimmt das oder ist das einfach nur das fehlende Label, was es bei euch nicht gab? Und wie siehst du die Unterschiede in der Szene zwischen früher und heute?

Peter Schünemann: Na, da ist was dran. Viel SF, Phantastik auch (wobei man da den Begriff, glaube ich, weit spannen muss). Horror gab es zu lesen, vor allem von den Klassikern oder von Autoren, die dergleichen „auch mal“ schrieben – aber eine Szene, nein, nicht dass ich wüsste. Gut, ich bin da eventuell auch kein sehr zuverlässiger Zeuge ... Drum kann ich auch wenig über die Unterschiede zwischen früher und heute sagen. Ja, heute sind wir alle älter, aber auch jüngere Leute rücken nach, sieht man am Stammtisch oder in Leipzig. Etliche Cons sind ausgestorben, ich denke an den Pentacon, den Förster-Con, den Lomnitz-Con, alle in oder bei Dresden, an den Con in Hoyerswerda auch. Schade, aber so etwas zu organisieren ist immer ein großer logistischer und finanzieller Aufwand, und die Veranstalter werden auch nicht jünger. In Berlin gibt es aber einen neuen, und einige der Cons in den „alten“ Ländern existieren ja auch noch, Perry-Rhodan-Stammtische oder Trek-Dinner desgleichen. Man muss ja auch nicht unbedingt Bücher lesen, um Zugang zur Szene zu finden - und das Internet bietet da sicher noch viel mehr Möglichkeiten, auch für Zusammenschlüsse. Neue Autorinnen und Autoren wachsen ebenso nach. Also, den Untergang der Szene des Abendlandes würde ich noch nicht ausrufen …

Michael Schmidt: Wenn ich es richtig gesehen habe, schreibst du ausschließlich Kurzgeschichten und keine Romane. Ist das deine bevorzugte Form oder hat das andere Gründe?

Peter Schünemann: Ich hatte bis vor einem Jahr einen sehr arbeitsreichen Beruf, als (angestellter) Lehrer. Wenn man da gut sein und noch ein wenig Freude an der Arbeit haben will, muss man ziemlich viel tun, entgegen anders lautenden Gerüchten. Die Ferien hat man wegen Korrekturen, Weiterbildung und Verwaltungskram auch nicht zur vollen Verfügung, bestenfalls die im Sommer, und da gibt es dann ja die Familie, die nicht zu kurz kommen will. Drum sind Kurzgeschichten etwas Naheliegendes, in einem Zug zu schreiben, da reißt dann der Faden nicht, und die Story bleibt unbeendet liegen.

Ich habe aber auch ein paar längere Sachen verfasst, in der Reihe „Die Schrecken von Sahlburg“ (auch von Halle/Saale inspiriert), die 2014/15 im TextLustVerlag Ettlingen erschien. Der Verlag nannte das „Kurzromane“, na, kann man streiten … Als die Verlegerin – leider - ihre Tätigkeit einstellte, habe ich an der Sache weitergeschrieben, für mich und ein paar Liebhaber, im Grunde sind da zwei dicke Bücher fertig, am dritten schreibe ich. Und ich habe einen Yshkor-Roman in der Schublade, der fertig ist, aber der Überarbeitung bedarf … Mal sehen, ob ich das in diesem Jahr endlich schaffe, vorgenommen habe ich es mir.


Michael Schmidt: Du schreibst auch regelmäßig Rezensionen für den Neuer Stern. Was liest du gerne und womit kannst du überhaupt nichts anfangen?

Peter Schünemann: Ich lese vieles gern, von „Mainstream“ und Lyrik bis SF, Fantasy und Dunkler Phantastik. Ich lese auch gern Tagebücher, Briefe und gut erzählte Biographien, Historisches (meist als Sachbuch). Ab und zu einen Krimi. Nichts anfangen kann ich mit Liebesschnulzen, Western, mit „Ich besehe mir den eigenen Bauchnabel“-Literatur; bin auch kein großer Fan von Dramentexten. Perry Rhodan oder Ren Dhark habe ich noch nie gelesen, aber in den Neunzigern war ich mal für ein paar Jahre regelmäßig bei Professor Zamorra zu Gast. Eigentlich ist das Genre fast egal, gut erzählt muss es sein, und es muss mir nachzudenken geben. Meine Lieblingsautoren vor allen anderen: Günter Kunert, Günter de Bruyn, Hanns Cibulka, Philip Roth, Reiner Kunze, Ray Bradbury, Philip K. Dick, Ursula Le Guin, Tolkien, HPL, Johanna und Günter Braun, Michael Siefener, Juli Zeh, Stephen King (kein Anspruch auf Vollständigkeit, keine Rangfolge).

Michael Schmidt: Was fehlt der deutschsprachigen Phantastik? Oder ist die gut genug, um mit ihrer internationalen Konkurrenz zu ringen?

Peter Schünemann: Fehlt ihr was? Ich weiß nicht … International gibt’s ja auch nicht nur Top-Scorer, oder? Wenn ich Michael Siefener lese, bin ich genauso begeistert wie von einem neuen Stephen King. (Müsste ich mich entscheiden zwischen einem neuen King- und einem neuen Siefener-Buch, weil das Geld nur für eines reicht, würde ich unbedingt Siefener nehmen.) Die besten deutschen Phantastiker können sich mit den besten internationalen messen (so weit ich beides kenne). Erzählen müssen die Autorinnen und Autoren können, ich muss merken, dass sie die Geschichte, sich selbst und den Leser ernst nehmen. Ich glaube, das Ringen, von dem du sprichst, wird nicht so sehr via Qualität am Schreibtisch als vielmehr durch die Verlage, die Händler und die Werbung bzw. Internetpräsenz entschieden. Stephen King, den ich sehr schätze, weil er die Milieus der USA so wunderbar schildert und das auch noch innerhalb spannender Geschichten, hat auch schwächere Sachen verfasst – aber weil er nun mal Stephen King ist, verkauft sich das eben trotzdem.


Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Peter Schünemann: Außer an einigen Kurzgeschichten an dem Yshkor-Roman, am Weiter- und Zuendeerzählen von Sahlburg und an einem neuen Projekt, das aus den beiden Feuer-Geschichten in daedalos 16 und 17 hervorging. Mir schien, es wäre interessant, das weiterzuschreiben. Mal sehen …

Michael Schmidt: Was wünschst du dir als Autor für die nächsten Jahre?

Peter Schünemann: Ruhe zum Schreiben. Dass ich endlich den Yshkor fertigkriege und dann den geplanten zweiten Roman dazu wenigstens anfange. Dass mir meine Figuren nicht abhandenkommen. Einen oder zwei Verleger wie Eric, die sich für meine Sachen interessieren – ebenso wie die Leserinnen und Leser, ohne die nichts geht. Und noch viele Neue Sterne, soweit Thomas die Kräfte und der Spaß daran tragen. (Ich tue auch mein Teil dazu, klar.)

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

Peter Schünemann: Lassen wir uns nicht unterkriegen von den scheinbar so mächtigen Zeitläufen! Lesen wir, schreiben wir, träumen wir auf phantastische Weise! Und, um an Erich Kästner anzuschließen: Trinken wir nicht von dem Kakao, durch den manche uns ziehen wollen!

 

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