Donnerstag, 24. Juni 2021

Netzwerkfee der Phantastik (Interview)

 Netzwerkfee der Phantastik 

Moderation beim 20.DPP
Amandara beim 20. Deutschen Phantastik Preis ( Copyright Max-Georg Schulzke)

Michael Schmidt: Liebe Amandara, ich habe mal einen Blick auf deine Homepage geworfen. Anna Dampf in allen Gassen fällt mir da nur ein, du tanzt auf wirklich vielen Hochzeiten. Bist du jemand, der gerne anpackt und dem es wichtig ist, aktiv zu sein?

Amandara M. Schulzke: Ich bin einfach aktiv, immer. Ich kann nicht anders. Selbst wenn ich herumsitze, arbeitet mein Gehirn. Gerade dann. Übrigens bin ich Rentnerin.

Michael Schmidt: Jetzt bin ich aber mit der Tür ins Haus gefallen. Die letzte Zeit lächelt mich des Öfteren ein sympathisches Gesicht auf Facebook an. Erzähl doch mal, wer hinter dem Bild dieser blonden Frau steckt!

Amandara M. Schulzke: Das Attribut Netzwerkfee verlieh mir Christian von Aster. Ich studierte Wissenschaftsjournalistik, arbeitete als Pressesprecherin und Lektorin von Fachbüchern. Das meiste Geld verdiente ich in den letzten 26 Jahren mit meinem Marktstand, mit dem ich europaweit über Mittelalterfeste, LARP’s und Musikfestivals zog.

Zwischendurch war ich Chefredakteurin der Zeitschrift “Karfunkel”, gründete als Chefredakteurin “Pax et gaudium” mit und organisierte große Feste im Schwarzwald. Heute ist mein Ziel, phantastische Literatur salonfähig zu machen. In Berlin-Tiergarten fülle ich die Kulturbremse mit Lesungen und kleinen Konzerten. Für das Festival-Mediaval organisiere ich das Literaturzelt, dort haben bis 600 Gäste Platz.

Meist schreibe ich für Phantastisch lesen, das Hanfjournal, seltener für Booknerds und die Literaturcouch. 

Mein persönliches Highlight war, dass ich den 20. Deutschen Phantastik Preis moderieren durfte und ihn meinem deutschen Lieblingsautor überreichen konnte.

Gerade arbeite ich an einer neuen Anthologie für den Lindwurm Verlag über Met, lektoriere und lasse mich aus dem Rollstuhl auf Bühnen tragen, um zu moderieren.

Zwei mittlerweile erwachsene Söhne habe ich zu Bücher-, Computer- und Spielsüchtigen erzogen. Inzwischen verdienen sie ihr Geld damit.

Michael Schmidt: Mittelalter und Met sind neben dem Mitteninitial das dritte M bei dir. Fangen wir mit dem Honigwein an. Erkläre doch mal den ganzen Biertrinkern, warum sie unbedingt den leckeren Met versuchen sollten, welche Sorte besonders empfehlenswert ist und ob es beim Servieren besondere Tipps gibt!


Amandara M. Schulzke: Das eine schließt doch das andere nicht aus. Deshalb hat die
Metwabe den „Metbruder“ kreiert, einen Met mit Hopfen und Malz. Met ist sehr, sehr vielseitig, und für jeden Geschmack ist etwas dabei, ob fruchtig, frisch, gehaltvoll oder intensiv. Einige Sorten eignen sich super für den heißen Sommer mit Vanilleeis und frischen Früchten wie Erdbeer-, Himbeer- oder Melonenmet. Andere Sorten wärmen Körper und Seele wie z.B. Hygge, unser Glühmet mit Gewürzen. Fast zu jeder Sorte könnte ich etwas erzählen. Ich selbst liebe Met aus reinem Lindenhonig, mit schwarzer Johannisbeere und von den mit hochwertigen Spirituosen: Redcoat mit Waldbeere und Gin.



Michael Schmidt: Dem Met begegnet man auch oft auf Mittelaltermärkten. Warum reizt dich dieser spezielle Abschnitt der Vergangenheit und wie vielfältig ist so ein Mittelaltermarkt?

Amandara M. Schulzke: Dieser Abschnitt unserer Vergangenheit reizt mich genauso wie das Alte Ägypten, die Stein- und Bronzezeit, die Antike bis zu den neuen Wilden der 20er des vergangenen Jahrhunderts. Ich bin einfach geschichtsinteressiert und verfolge gerne Entwicklungen über viele hundert oder tausend Jahre.

Es gibt nicht den einen Mittelaltermarkt. Das hängt immer vom Veranstalter ab, wie viel Geld er investieren kann und möchte, um vorführende Handwerker und Lager zu bezahlen. Dann kann ein Markt richtig vielseitig werden. Schmiede, Drechsler, Tischler, Schuhmacher, Gewandschneider, Hutmacher, Sarwürker (das sind Kettenhemdmacher), Kerzenzieher – auch Unschlittbossierer genannt – zeigen und erklären dem Publikum ihre Gewerke. Die Qualität der Marktstände hängt auch davon ab, wie viel Fantasy der Veranstalter zulässt oder welche Ansprüche er an die Waren und Stände stellt. Zu Zeiten des Mittelalters waren Märkte natürlich die Einkommensquelle der Speluden. Heutzutage immer noch. Musiker, Jongleure, Puppenspieler, Stelzenläufer und viele andere unterhalten das Volk und erinnern an eine Zeit, wie sie einmal gewesen sein könnte.

Michael Schmidt: Bei Mittelaltermärkten denkt man immer an Musik aus handgemachten Instrumenten, es gibt aber auch moderne heftige Musik wie Metal. Wo liegen deine Präferenzen?

Amandara M. Schulzke: Meist höre ich Gothik-Rock wie ASP, Subway to Sally, Eisbrecher, MajorVoice, Lord of the Lost, Blutengel, Tanzwut, Mono Inc.. Ich bin großer Fan von Live-Musik, da gehören Mittelalterbands dazu wie Corvus Corax, Qntal. Im letzten Jahr hatte ich ein Aha-Erlebnis mit Poeta Magica. Ich kenne die Band schon seit 1996, doch hatte ich mir nie ein vollständiges Konzert anhören können, weil ich ja immer arbeiten musste. Deren Musik ist einfach nur traumhaft schön. In diesem Jahr freue ich mich riesig auf Wardruna, eine der wenigen Bands, die ich mir auch digital reinziehe. Live kann mich Jazz, auch Freejazz, genauso begeistern wie ein klassisches Konzert. Die einzige Musik, bei der mir die Milch sauer wird, ist Blasmusik. So Rumtata. Motherfucker-Hiphop kann mir auch gestohlen bleiben.



Michael Schmidt: »Wir sind die Bunten - Erlebnisse auf dem Festival-Mediaval« ist eine Anthologie unter deiner Ägide. Worum geht es da und wo kann man das Buch und das Hörbuch beziehen?

Amandara M. Schulzke: Im Buch geht es um die Geschichten, die einem Festivalgänger passieren können – oder lieber nicht. Wer sich da alles auf dem Goldberg in Selb herumtreibt: Zeitreisende, Räuber, Könige, Aliens, Aluhutträger, Drachen, Krähen. So vielfältig wie das Festival selbst sind seine Geschichten. In vielen geht es um das Thema Heilung. Die Antho fängt die herrschende Stimmung gut ein. Die ist nicht immer nur von Jubel, Trubel und Heiterkeit geprägt, sondern auch von Mord, Trauer, Verlust und Vertreibung.

Da ich als Rezensentin schon gefühlte Ewigkeiten in der Szene unterwegs bin, kenne ich glücklicherweise jede Menge Autorinnen und Autoren, die auf dem Festival zu Gast waren und eine Geschichte beigesteuert haben, wie z.B. mein Freund Friedhelm Schneidewind, Bernhard Hennen, Robert Corvus, Ju Honisch, Isa Theobald. Und auf jeden Fall Tommy Krappweis, der mich mag, seitdem ich ihn einmal als „größten Langweiler aller Zeiten“ anmoderiert habe und der schon oft auf dem Festival-Mediaval zu Gast war.

 Buch und Hörbuch gibt es überall, wo es Bücher gibt. Doch damit der Verlag und das Festival am meisten davon haben, empfehle ich, es in der Bakerstreetbuchhandlung oder direkt im Shop des Festival-Mediaval zu kaufen. Das Hörbuch ist pressfrisch – meines Wissens die erste deutschsprachige Anthologie, die zumeist von den Autor*innen eingesprochen und teilweise mit Musik unterlegt wurde. Es dauert noch eine Weile, bis es bei Audible und auf weiteren einschlägigen Plattformen zu hören ist. 

Michael Schmidt: Hast du noch andere Bücher als Herausgeberin betreut?

Amandara M. Schulzke: Nein, das war mein erstes, jetzt sitze ich gemeinsam mit Nadine Muriel an der Anthologie „Met bringt die Magie wieder in die Welt“, das ist der Arbeitstitel, die im Lindwurm Verlag erscheinen wird.



Michael Schmidt: "Drachen und ihre Peiniger" auf Entdeckungstour im All, so der Slogan für deine neueste Kurzgeschichte.  im Verlag Modern PhantastikDie ist in der Science Fiction angesiedelt und da stellt sich die Frage, vom Mittelalter in die ferne Zukunft, wie kommt das? Aber so ganz konntest du es wohl nicht lassen. Ich lese da was von Drachen …

Amandara M. Schulzke: Nein, andersherum wird ein Schuh draus: Von der Science Fiction zum Mittelalter. Und zwar über Autorinnen wie Marion Zimmer-Bradley mit ihrem Darkover-Epos und Ann McCaffrey mit den Drachenreitern von Pern. Mein Lieblingsbuch als junge Erwachsene war „Menschen wie Götter“ von Sergej Snegow. Science Fiction! Viele Sternenfahrer reiten auf der Erde auf Drachen. Übrigens ist meine Story in „Wir sind die Bunten“ auch Science Fiction. Ein Alien mit Minderwertigkeitskomplexen landet auf dem Goldberg in Selb, auf dem das Festival-Mediaval jährlich am zweiten Septemberwochenende stattfindet. Erstkontakt. Na, der hat eine Menge zum Staunen.



Michael Schmidt: Auf deiner Homepage findet man sonst keine Veröffentlichungen ausgebreitet. Aber da gibt es noch mehr, oder? Nenn uns doch mal ein paar Beispiele und charakterisiere die Autorin Amandara M. Schulzke!

Amandara M. Schulzke: Oh nein, ich habe ganze Schuber voller Belegexemplare als Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin. Mit der Belletristik habe ich erst 2019 begonnen. Auf dem Seminar „Professionelles Schreiben“ kam der Spruch von Markus Heitz: “Wer als Journalist schreiben kann, kann auch Geschichten schreiben.” Also hatte ich keine Ausrede mehr. Inzwischen habe ich fünf Geschichten geschrieben, von denen vier veröffentlicht werden. Ich bin sehr zielorientiert und schreibe selten für die Schublade. Seit 2019 schreibe ich Beiträge für das Hanfjournal, viel über Umwelt- und gesellschaftspolitische Themen. Und über Cyborgs. Rezensionen über Bücher gibt es von mir bereits seit 1997.

Michael Schmidt: Du bist Fördermitglied im Phantastik Autoren Netzwerk (PAN). Was ist das PAN und warum sollte man da mitmachen und was ist dort die Aufgabe der Netzwerkerin Amandara M. Schulzke?

Amandara M. Schulzke: PAN ist der Zusammenschluss von deutschsprachigen Autoren, die sich den Genres der Phantastik verschrieben haben. Gemeinsam vertreten sie ihre Interessen. Dazu zählen z.B. Autoren- und Urheberrechte. Wir bilden uns auf den Branchentreffen weiter, lernen neue Dinge und erweitern unseren Horizont. Das Netzwerk unterstützt die Phantastik im deutschsprachigen Raum. Dazu gehören Stipendien, die Kurzgeschichte des Monats mit tor-online gemeinsam, die Unterstützung von Veranstaltungen und Informationen über die vielen Dinge, die sich auf dem Buchmarkt ständig verändern. Gruppenknuddeln ist ein wichtiger Punkt.

Ich selbst habe nur die Aufgabe, die ich mir selber stelle. Die habe ich scheinbar zufällig formuliert, indem ich jemandem schrieb: Ich habe keine Zeit, ich muss die Phantastik salonfähig machen. Drück mir die Daumen, dass ich spätestens im November mit den Warm Ups zur BuchBerlin den ersten Phantastischen Salon Deutschlands gründen kann.

Michael Schmidt: Die Phantastische Szene ist bunt und vor allem sehr vielfältig. Wie würdest du die deutschsprachige Szene beurteilen und findest du, dass sie ihr Potenzial ausschöpft?

Amandara M. Schulzke: Ich mag mir nicht anmaßen, sie zu bewerten. Meist wird sie m.E. unterschätzt, weil sich vor allem die großen Publikumsverlage auf die hauptsächlich englischsprachigen Bestsellerautor*innen stürzen. Ich weiß nur, dass die Verlagsveröffentlichungen nicht die Breite und Vielfalt widerspiegeln, die sich unsere Mitglieder ausdenken. Gerade durch die Corona-Krise verfügen mittlere und kleine Verlage nicht mehr über ausreichend Mittel, Experimente zu wagen und außergewöhnliche, innovative Ideen zu veröffentlichen.

Michael Schmidt: Gesundheit ist sehr wichtig, gerade in der heutigen Zeit. Wie geht es dir?

Amandara M. Schulzke: Corona hat mir in dem Sinne Glück gebracht, dass meine ständige körperliche Überforderung gestoppt wurde. Ansonsten habe ich gerade einen schweren MS-Schub hinter mir und freue mich über besseres Laufen und weniger Spastiken.

Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Menschen dort draußen!

Amandara M. Schulzke: Macht, was ihr wollt, doch fügt niemandem Schaden zu. Love, peace and happiness. Die Welt ist himmelblau.

 

Premierenlesung von „Wir sind die Bunten – Erlebnisse auf dem Festival-Mediaval) während des Kulturbiergartens in Selb 2020. Mit Karsten Heilmann und Billie Przegenda ( Copyright Florian Miedl)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Fred Parker - Im Würgegriff der grauen Ratten (Bastei Kriminal-Roman 664)

  Die G-men im  Bastei-Kriminalroman  waren legendär. 21 Auftritte von  Jerry Cotton  aus New York, der danach als eigenständige Serie Weltr...