Freitag, 29. Juli 2022

Uwe Post zum Future Fiction Magazine (Interview)

 


Michael Schmidt: Hallo Uwe, stell dich doch mal vor!

Uwe Post: Ich hab irgendwo ein Astronomie-Diplom rumfliegen, verdiene meine Kohle aber nicht mit Sternen, sondern mit Rumsitzen und Augenverderben vor Computerbildschirmen. Manchmal kommen dabei Bücher raus (»Besser coden«, »Klima-Korrektur-Konzern«), manchmal Android-Games (»Secret Galaxy«, »Cool Machines«, um mal die erfolglosesten zu nennen), und seit Anfang des Jahres auch die deutsche Ausgabe des FutureFiction Magazine, das ich zusammen mit Sylvana Freyberg herausgebe.

Michael Schmidt: Das FutureFiction Magazine ist ein internationales Projekt und bringt Science Fiction in Kurzgeschichten und Artikel aus aller Welt. So habe ich das aufgefasst oder wie würdest du das sehen als Mitherausgeber?



Uwe Post: So ist es. Wir haben allerdings einen klaren thematischen Fokus auf einen Unterbereich der SF: Nahzukunft, einigermaßen realistisch, und nicht zu negativ. Denn Warnungen vor schlimmen Dingen (sogenannte Dystopien) helfen ja offensichtlich nicht, daher gehen wir den Weg des Positivbeispiels. Na ja, weitgehend. Wir bringen Solarpunk, Climate Fiction, Utopien, aber auch unterlichtschnelle Raumfahrt, Biopunk und dergleichen. Umgekehrt gesagt: Klassische Themen wie Aliens, Zeitreise, Raumschlachten, Steam- und Cyberpunk sind außen vor, dafür gibt es genug andere Publikationen.

Michael Schmidt: Wer hatte die Idee zum Magazin?

Uwe Post: Ich will nicht allzu weit ausholen, aber es gab, wie viele Insider wissen, vor 1-2 Jahren eine unschöne Diskussion um NOVA. Im Laufe diverser Gespräche kam der Gedanke auf, ein neues Magazin zu machen, das eine etwas andere Herangehensweise hat. Ich konnte letztlich Sylvana Freyberg und Francesco Verso von der Idee begeistern. Francesco ist der Besitzer der Marke »Future Fiction«, der unzählige Kontakte zu internationalen Autorinnen und Autoren hat und in Italien schon länger internationale Anthologien unter dem Label herausbringt. Kennengelernt hatte ich ihn übrigens auf dem EuroCon in Dortmund. Hätte damals auch nicht gedacht, wozu das mal führt ...



Michael Schmidt: Die Übersetzungen macht wer?

Uwe Post: DeepL.com, das ist die beste Übersetzungs-KI auf dem Markt. Andere SF-Magazine bringen nur Storys über Kis, wir hingegen haben quasi eine in der Redaktion ;-) Natürlich müssen die Übersetzungen überarbeitet werden. Dabei helfen meine Erfahrung als Autor und Sylvanas langer Geduldsfaden. Bisher hat sich diese Lösung bewährt – denn professionelle Übersetzungen wären schlicht zu teuer, damit wäre das Magazin nicht finanzierbar. Aus dem gleichen Grund gibt es in jeder Ausgabe etwa zur Hälfte deutsche Beiträge. Alles nur Übersetzungen – das wäre viel zu viel Arbeit.

Michael Schmidt: An welche Lesegruppe orientiert sich das Magazin?

Uwe Post: Das ist der Clou: An jeden und jede. Natürlich sollte man ein gewisses Interesse an der Zukunft mitbringen. Es gibt bekanntermaßen eine gewisse (nicht immer unberechtigte) Angst von Lesern vor der SF.  Deshalb steht auf den meisten SF-Romanen längst nicht mehr SF drauf. Auch bei uns nicht. Unsere Geschichten und Artikel kann man ohne Vorkenntnisse lesen, es gibt keine Sekundär-Artikel über längst tote Autoren des Golden Age oder die hundertste »Ups, ein Zeitparadoxon, wie unerwartet!«-Pointenstory. Wir machen einen weiten Bogen um angloamerikanische Autoren, denn die Welt ist groß und auch völlig andere Perspektiven verdienen es, in Betracht gezogen zu werden. Unser Magazin sieht außerdem toll aus und niemand muss sich vor mitleidigen Blicken fürchten, wenn er oder sie es in der S-Bahn aus dem Rucksack zieht (wo es dank des handlichen Formats immer rein passt). Außerdem ist es mit sieben Euro ziemlich preisgünstig, das nimmt man einfach mal mit und bereut es selbst dann nicht, wenn einem nicht alle Beiträge gefallen.


Michael Schmidt: Der erste Band soll gut eingeschlagen haben und Band 2 ist gerade auf dem Markt. Seid ihr mit dem bisherigen Verlauf zufrieden?

Uwe Post: Wir haben den Erfolg zur Bedingung für das Weitermachen gemacht. Wir zahlen Honorar in Höhe von 50 Euro pro Beitrag, weil wir finden, dass gute Arbeit Anerkennung verdient. Aber wir wollen dafür natürlich nicht unser Erspartes auf den Kopf hauen. Das Magazin muss sich selbst finanzieren, freilich ohne dass wir was dran verdienen, es ist immer noch ein Freizeitprojekt. Dazu müssen mindestens 100-150 Stück pro Ausgabe verkauft werden. Und Stand jetzt, wo Heft 2 ein paar Tage auf dem Markt ist, kann man sagen: Es funktioniert super. Wir werden weitermachen.

Michael Schmidt: Kannst du uns schon einen Ausblick auf Band 3 geben? Ich habe gehört, Interessierte dürfen bzw. können Beiträge beisteuern?

Uwe Post: Ja, Heft 3 wird das perfekte Weihnachtsgeschenk, jedenfalls sieht so unser Zeitplan aus. Jetzt, wo wir wissen, dass wir weitermachen, haben wir das Magazin auch offiziell für Manuskripteinreichungen geöffnet. Der Hauptteil wird allerdings weiterhin aus Beiträgen bestehen, die wir selbst an Land ziehen. Wir haben bereits einen weiteren großartigen Text aus Afrika vorliegen, aber die Planungen sind noch in einem frühen Stadium.

Michael Schmidt: Wann kommen die ersten Beiträge vom Herausgeberteam, also von Sylvana Freyberg und dir? Oder werdet ihr euch auf das herausgeben beschränken?

Uwe Post: Ich halte grundsätzlich nicht viel davon, diese Rollen zu vereinen. Eigene Texte im eigenen Magazin zu platzieren, erweckt ein bisschen den Eindruck von Vorteilsnahme. Nein, das lassen wir schön bleiben. Wenn ich mal eine Kurzgeschichte schreibe, erscheint die woanders, zuletzt zum Beispiel in »Gegen unendlich«. Und mein nächster Roman … ist geheim, nur soviel: Auf dem Elstercon Mitte September in Leipzig wird das Geheimnis enthüllt.


Michael Schmidt: Werden die orginal deutschsprachigen Beiträge auch in den internationalen Ausgaben des Future Fiction Magazine erscheinen?

Uwe Post: Meine Glaskugel ist kaputt, daher kann ich hierzu nur Vermutungen äußern. Stand jetzt gibt es ja noch keine anderssprachigen Ausgaben des Magazins, denn dazu braucht man verlässliche Herausgeber, die sich diese Arbeit aufhalsen. Aber es gibt ja auch die Anthologien, die Future Fiction veröffentlicht, teils auch nach China vermittelt. Ich kann dazu verraten, dass es bereits erste Gespräche gibt. Ich denke, mit der Zeit werden einige deutsche Autoren auf dem internationalen Story-Markt auftauchen. Wir stehen da erst am Anfang.

Michael Schmidt: Du schreibst selbst und hast dieses Jahr einen neuen Roman veröffentlicht. Wo ist der erschienen und worum geht es?


Uwe Post: Der »Klima-Korrektur-Konzern« erschien im letzten November bei Polarise. Es ist eine Klima-Utopie, d.h. man ist dabei, den Klimawandel einigermaßen aufzuhalten, und zwar mit Hilfe von grüner Gentechnik, also genmanipulierten Pflanzen wie z.B. Algen, die CO2 absorbieren, oder Tillandsien, die die Albedo der Erde erhöhen. Außerdem gibt es revolutionäre Entwicklungen in der Ernährung: Restaurants, die abgefahrene Kreationen aus dem 3D-Drucker anbieten, rein pflanzlich natürlich. Aber wie immer gibt es Leute, die mit der Entwicklung nicht so ganz einverstanden sind und sie sabotieren wollen. Der Roman wurde für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert und hat einige erfreuliche Rezensionen bekommen, war aber letztlich kein kommerzieller Erfolg.



Michael Schmidt: Das war nicht dein erster Roman…

Uwe Post: ...der kein kommerzieller Erfolg war, genau. Ich schreibe einfach zu schräges Zeug. Aber nur das macht mir Spaß, was soll ich da machen? Letztens hat Robert Corvus auf seinem Twitch-Kanal einen Leserbrief für meinen DSFP-Gewinner-Roman »WalparTonnraffir und der Zeigefinger Gottes« geschrieben. Das Buch ist mittlerweile über zehn Jahre alt. Aber offensichtlich hier und da im Gedächtnis geblieben. Sowas freut mich dann ganz besonders. Oder wenn ein Rezensent meinen Roman »Klima-Korrektur-Konzern« mit dem Bestseller »Das Ministerium für die Zukunft« vergleicht und findet, meiner sei ja viel kurzweiliger. Oder wenn einer »E-tot« in einem Atemzug mit Brunners »Morgenwelt« erwähnt. In dem Moment interessieren mich die Verkaufszahlen nicht, weil ich das Gefühl habe, gute Science Fiction produziert zu haben. Und davon träume ich, seit ich als kleiner Junge Jules Verne und »Commander Perkins« gelesen habe.



Michael Schmidt: Wie siehst du die deutschsprachige SF Szene? Was sind ihre Stärken und was fehlt ihr?

Uwe Post: Die Stärke besteht eindeutig darin, solide Reihen in großer Auflage zu verkaufen. Damit meine ich jetzt nichtmal in erster Linie Perry Rhodan, sondern auch die Selfpublisher wie Peterson, Joshua Tree und wie sie alle heißen. Was fehlt? Der Mut. Den Autoren fehlt es oft an Mut, das Besondere, das Abseitige, das Undenkbare in Worte zu fassen. Lest mal die letzte Geschichte im FFM Nr. 2, dann wisst ihr, was ich meine. Und manchen Lesern fehlt womöglich der Mut, sich auf dergleichen einzulassen. Dabei bietet die SF so viel Raum für Visionen. Mit unserem Magazin wollen wir diesen so zugänglich wie möglich machen.

Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Leser!

Uwe Post: Lest mehr Zukunft. Bevor sie euch überrascht.

 

 

 

1 Kommentar:

  1. Super sympathisches Magazin und eine tolle Idee mit deepl mehr internationale Inhalte zu berücksichtigen. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg!

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