Mittwoch, 10. November 2010

Großmacht Deutschland

Ja, die Deutschen sind wieder was. Rekordwachstum der Industrieländer, der zweitgrößte Exporteur hinter dem Ameisenstaat China, da brechen Jubelarien aus.

Arbeitslosigkeit scheint ein Wort der Vergangenheit zu sein. Auch die haben wir exportiert und das in die USA, dem Mutterland des Turbokapitalismus.

Die industrielle Basis ist es, um die uns die Welt beneidet. Egal ob Autoindustrie oder der Maschinenbau, Deutschland ist wer.

Nebenbei retten wir noch die europäischen Peripheriestaaten wie Griechenland, Spanien, Portugal und Irland.

Wie es aussieht, gibt es auch einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat.

Alles in Ordnung, oder?



Vor noch nicht allzu langer Zeit hieß es noch anders.



In der PISA Studie landete Deutschland im Mittelfeld und Bildung galt als größtes Sorgenkind der Republik.

Die Überregulierung wurde ebenso angeprangert wie die zu hohen Steuern, zahlreiche Hürden, die dafür sorgten, dass Arbeitslose nicht eingestellt wurden, da der Kündigungsschutz zu sperrig war, ebenso die Mitbestimmung der Betriebsräte.

Auch war die Dienstleistungsbranche unterrepräsentiert, schließlich kann man aus Nichts Geld machen, wie die Finanzkrise gezeigt hat. Wozu also Maschinen bauen und Produkte entwickeln, die höheren Ansprüchen genügen?



Gut, die Finanz- und Wirtschaftskrise war mit Sicherheit ein Aspekt, der zum Umdenken führte, aber auch schon vor der Krise war Deutschland eine Exportnation. Eine gut aufgestellte Industriebasis bekommt man nicht von heute auf morgen. Man sieht es bei den Chinesen, die diese langfristig aufbauen und schon die erste Ernte einfahren. Man sieht es bei den Russen, die da scheinbar weniger erfolgreich agieren.



Die Senkung der Arbeitslosigkeit ist natürlich mehr Schein als Sein. Viele arbeiten als Leiharbeiter und verdienen wirklich schlecht. Da existiert eine Spaltung der Gesellschaft. Gleiche Arbeit, unterschiedlicher Lohn. Aber der gemeine Leiharbeiter bekommt nicht nur weniger Lohn. Nein, er wird auch als erstes gefeuert und muss sich dann einen neuen Job suchen.

Dieses Risiko darf man nicht unterschätzen. Warum ist wohl die Rentenhöhe im Osten oft höher als im Westen? In der DDR gab es keine Arbeitslosigkeit, in der BRD im großen Maße. Zwar wird oft propagiert, dass die meisten sich freiwillig auf die faule Haut legen und es nicht besser verdient hätten, aber in Wirklichkeit existieren nicht genügend Arbeitsplätze.

Selbst heute noch in Zeiten nahender Vollbeschäftigung sind ca. 3.000.000 Menschen laut Statistik arbeitslos. Dazu kommt noch eine erkleckliche Anzahl an Menschen, die arbeitswillig sind, aber keinen Arbeitsplatz finden.

Die Statistik wird auch noch geschönt durch die 14 Millionen Teilzeitarbeiter, von denen viele auch länger arbeiten würden, wenn sie könnten.



Auch die Finanzierung des Staates steht auf tönernen Füßen. Wir sind bei 19%Mehrwertssteuer und es gibt schon Diskussionen, auch diese zu erhöhen. Die 3prozentige Erhöhung der Großen Koalition hat das Staatsdefizit gemildert, aber nicht behoben.

Die Rentnerwelle steht uns die nächsten dreißig Jahre noch bevor und mit ihr explodierende Gesundheitskosten. Wenn es bei der vorhandenen Verschwendung im Gesundheitswesen bleibt, will ich nicht wissen, wer das bezahlen soll.



Faszinierend ist es, wenn Deutschland sich erst klein redet, so in Krisenzeiten, sich dann aber groß redet, wenn die Zahlen mal besser ausfallen.

Realistisch gesehen gibt es in Deutschland einiges an Problemen, was endlich mal angepackt werden muss. Aber auch vieles, was man schätzen lernen sollte.

Als Beispiel mag der Kündigungsschutz dienen. Er beschützt die, die in Arbeit sind und schadet denen, die keine Arbeit haben. Da wäre ein wenig mehr Balance gefragt.

Das sieht man im Fall der Bildung. Statt das bestehende System kontinuierlich zu verbessern, versucht jedes Bundesland mit jedem Regierungswechsel das Rad neu zu erfinden. Natürlich gibt es Schwächen, viele sind den Experten auch bekannt. Aber es braucht Zeit, diese Verbesserungen umzusetzen und es braucht Zeit, die Erfolge einzufahren.



Deutschland war früher immer ein Land der Geduld. Die Deutschen galten als spröde, aber was sie machten, machten sie richtig, auch wenn es manchmal ein wenig dauerte.

Im Moment scheint mir zu viel Aktionismus in der öffentlichen Wahrnehmung und der Politik zu regieren. Weniger ist da mehr.

Und somit sollten wir uns jetzt weniger feiern lassen, genauso wie wir uns vorher hätten weniger verteufeln sollen.



Ein wenig südländliche Gelassenheit. Es kommen auch wieder schlechtere Zeiten.

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Ein Hamburger

... war der erste Auswechselspieler der Bundesliga .