Mittwoch, 26. Juni 2013

Eddies Söhne 1. Teil

Silbermond ist eine Stadt in einer Parallelwelt zur unseren. Die Stadt liegt an drei Flüssen, deren Mündung gut sechs Kilometer auseinanderliegen. Die Stadt zieht sich weit in die Ebene hinein, wesentlich weiter als die sechs Kilometer zwischen den Flüssen. Eine glitzernde Betonwüste, ein stromfressender Moloch, der für die meisten nicht nur Geburtsort, sondern auch zum Grab wird.
Bisher sind vier Geschichten erschienen, die in Silbermond spielen. Drei davon sind im Sammelband Silbermond erhältlich. Dazu die Story Julio, die im Magazin des Marburger Verein für Phantastik erschienen ist.
Die Geschichte Eddies Söhne ist noch im kreativen Prozess und Auszüge davon möchte ich einer potentiellen Leserschaft hier in diesem Blog zur Verfügung stellen. Über Feedback freue ich mich natürlich sehr.
Der Name Eddie ist natürlich dem Wahrzeichen der Heavy Metal Band Iron Maiden geschuldet, ebenso wie die Acacia Avenue und der Name Charlot (Charlotte The Harlot).


Eddies Söhne

1. Pfefferminz

Die Decke fiel auf meinen Kopf.
Ich rettete mich, indem ich das Treppenhaus hinunter sprintete und stürzte auf die Straße. Die Leute gafften blöde. Ich ignorierte ihre doofen Blicke, fiel aber in einen leichten Trapp, bevor ich urplötzlich zu Eis erstarrte und mich nicht mehr rührte.
Der blonde Traum sprang mich an und überwältigte meine Sinne. Weiche ausladende Kurven. In einem spontanen Impuls griffen meine Hände in Richtung ihrer gewaltigen Brüste, doch mein Verstand zog nach und registrierte mein unverschämtes Verlangen. Die Hände führten ihre Bewegung nie zu Ende. So stand ich wie ein begossener Pudel da, den Mund offen stehend und wohl ziemlich blöde grienend. Ihrer blauen Augen trafen meine und sahen mich verschmitzt an. Ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht. Das Gesicht einer Göttin. Ich war verliebt, auf der Stelle und ohne Widerspruchsrecht. Die Erkenntnis ließ mich erröten, das spürte ich sofort und meine Scham wurde nur umso größer.
„Großer! Du musst mir helfen! Es wird dir nicht zum Nachteil gereichen“, gurrte ihre rauchige Stimme.
Ich versank in ihren Augen und fühlte mich wie im tiefsten Maronrausch.
„Nun!“
Ihre Stimme hatte jetzt einen leicht barschen Unterton und stürzte mich unsanft aus meinen Träumen. „Hilfst du mir?“
„W-wie kann … Natürlich. Wie kann Ihnen helfen?“
„Nicht Ihnen. Mir. Ich bin Charlot. Und bin in absoluter Eile. Du musst mich retten. Schnell, edler Ritter! Ich bin auf der Flucht und die Häscher hängen mir im Nacken. Es geht um Leben und Tod.“
Das männliche Gehirn brauchte klare Anweisungen und so erwachte ich dank ihres Befehlston aus meiner Lethargie. Ich packte sie am Arm und zog sie ins Treppenhaus. Sollte mir doch die Decke auf den Kopf fallen, der Himmel war eh schon auf Erden. Charlotte rettete sich in die Arme des aufrechten Prinzen, der sie in seine Burg führt und im Sturm erobert.
Pfefferminz, träum weiter. Die Wirklichkeit ist kein Film.
Schnell hatte ich sie in meine Wohnung geschoben, schob achtlos den Unrat zur Seite und platzierte sie auf der fleckigen Couch. Ich eilte zurück, verriegelte die Tür mit dem überdimensionierten Riegel und atmete erst einmal auf. Meine Bleibe war nahezu einbruchssicher. Meine Göttin war nicht die einzige, die einen aufregenden Tagesablauf hatte und sich vor Nachstellungen in Acht nehmen musste.
Ich atmete tief ein und aus um meine Erregung zu zügeln. Schauer rannten über meine Arme. Wohlige Schauer. Was hier auch immer hier gerade abging, mir gefiel es.
Ich schmiss die Mucke an und sofort dröhnte Sehnsucht aus den riesigen Boxen. Die Band kannte kein langes Vorspiel, legte sofort los, hart und brachial. Ein Blick auf den blonden Engel ließ mich frohlocken. Ich Glückspilz hatte ihren Geschmack getroffen. Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren hetzte ich weiter zum Fenster, riss es auf und blickte auf die Straße hinunter, im Takt der schnellen Musik den Kopf schüttelnd. Der Refrain aus der Anlage wiederholte sich kein zweites Mal, da stürmte eine siebenköpfige Gang über den Beton, nur um an der nächsten Kreuzung schwer atmend abzubremsen.
Die Haare glänzten vor Gel, streng zurückgekämmt, an den Seiten kurz, das Haupthaar etwas länger. Farbe schwarz wie die Lederjacken, die unvermeidliche Blue Jeans endet in schwarzen Westernstiefeln. Die Typen wirkten als wären sie direkt aus einem Rock´N`Roll Bilderbuch gestürzt: Teds der übelsten Sorte. Außen fein und innen verfault. Das stinkende Gesindel gehörte zu einer Gang namens Eddies Söhne, wie man den dicken Lettern der Aufnäher ihrer Uniformen entnehmen konnte. Ich schauderte. Diese Typen waren mir ein Begriff. Was für eine üble Scheiße!
Der Wortführer schoss Blicke in die Runde wie ein Indianer seine Pfeile auf dem Kriegspfad. Unsere Augen kreuzten sich. Missmutig sah er mich an.
„Hey, Alter. Haste so ´ne blonde Schnalle gesehen. Ordentlich was oben rum. Kurzer Rock mit echt geilen Beinen?“
Ich setzte mein Gesicht Marke Heute noch nicht gewichst aber es dringend nötig auf.
„Klar! Geile Braut. Hatte wohl ein dringendes Date und ist da runter geflitzt als könnte sie es nicht aushalten. Schätze, die brannte vor Lust. Muss ein reicher Protz sein, so wie die abgedampft ist. War das deine Schwester?“
Die siebenköpfige Meute grölte.
„Ja, die blonde Schnalle ist meine Lieblingsschwester. Die gebe ich so schnell nicht her. Danke für den Tipp!“
Die Worte waren noch nicht ganz verhallt, da hetzte die Horde wie von Furien gehetzt los, die Querstraße rechts runter.
Ich blieb noch eine Weile an meinem Platz, und sinnierte, in welchen Film ich da wohl geraten war. Das war ja eine schöne Scheiße. Ich roch den Ärger förmlich, der mir bevor stand. Also widmete ich mich dem unvermeidlichen und begab mich zu meinem attraktiven Gast.
Sie lümmelte auf der Couch, die langen Arme überkreuzt und schaute mich teilnahmslos an. Der kurze Rock entblößte wirklich tolle Beine, da hatte Eddies Sohn nicht zu viel versprochen. Überhaupt, meine Göttin war ein Feger, auch auf den zweiten Blick. Die Kleidung war gewagt und ein Fall für die Sittenpolizei. Der Ausschnitt unter den Spagettiträgern kühn zu nennen wäre die Untertreibung des Monats gewesen. Der Minirock aus rotem Leder endete knapp unter den Hüften. Die roten Lippen, sinnlich und einladend, waren das reine Versprechen der Sünde.
Meine Göttin war keine Klosterschülerin, das stand fest.
„Nun, Charlot, ich denke, du bist mir einen Gefallen schuldig. Ich…“
„Gut. Ich habe schon verstanden. Warum auch Zeit verlieren. Der Ritter verlangt seinen Obolus und die Gerettete schmilzt in seinen Armen. Sag! Wo sollen wir es machen? Direkt hier auf der Couch oder lieber in einem richtigen Bett?“
Ohne zu zögern begann sie sich zu entblättern. Ich deutete ihr, es zu lassen.
„Gemach! Nur keine Eile!“
Ich packte zwei Flaschen Bier, entkorkte sie mit meinen Backenzähnen, dann flegelte ich mich ihr gegenüber, nahe genug, um ihre Reize wahrzunehmen, doch auch fern genug, um ihnen nicht vollständig zu erliegen. Was auch so schon ein Ding der Unmöglichkeit war.
Ich lächelte sie aufmunternd an. Wir prosteten und spülten den schalen Geschmack der Söhne Eddies hinunter. Ich sinnierte ein wenig und nahm einen weiteren Schluck. Dann war ich soweit. Meine Neugier kannte keine Grenzen.
„Sprich! Was um alles in der Welt macht eine Dame vom horizontalen Gewerbe in den frühen Vormittagsstunden auf der Acacia Avenue, ein Haufen dieser üblen Gestalten im Nacken? Nach Frühsport sah das nicht aus.“
Sie warf mir einen rätselhaften Blick aus ihren wunderschönen blauen Augen zu. Sollte etwas in mir an Liebe auf den ersten Blick gezweifelt haben, war jetzt der Moment gekommen, davon Abstand zu nehmen. Fast streckte es mich zu Boden, so heftig hatte mich Amors Pfeil getroffen.
Sie begann zu erzählen. Erst stockend, dann immer flüssiger sprudelten die Worte aus ihr heraus. Und mit jedem Wort füllten sich meine Augen mit Tränen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Horror-Legionen 2 auf Platz 1

Die Horrorlegionen 2 sind auf Platz 1 der Horror Anthologie-Charts gestiegen: Zum Buch Das ist doch eine feine Sache! Enthalten ist ...