Donnerstag, 29. November 2018

Julia Annina Jorges (Interview)


Michael Schmidt: Liebe Julia, stell dich doch den Lesern bitte vor. Wer ist der Mensch hinter der Autorin Julia Annina Jorges?

Julia Annina Jorges: Hallo Michael, vielen Dank für die Einladung. Ich bin Jahrgang 1971, verheiratet und Mutter zweier Kinder. Aufgewachsen bin ich in Goslar am Harz. Nach einem längeren Zwischenstopp in Hannover lebe ich seit nun fünfzehn Jahren in Braunschweig. Beruflich habe ich diverse Erfahrungen gesammelt, vom Geschichts- und Psychologiestudium über eine Umschulung zur Physiotherapeutin und Fitnesstrainerin und anderes mehr. Nebenbei stand ich in dem einen oder anderen Szeneladen in Goslar und Hannover hinter der Theke. Irgendwann ist mir klar geworden, dass meine Berufung das Schreiben ist. Ich arbeite als freie Texterin, wobei ich möglichst viel Zeit für meine Geschichten abzuzwacken versuche. Früher habe ich Bücher verschlungen, heute bin ich froh, wenn ich abends vor dem Einschlafen noch ein paar Seiten lese. Ich jogge regelmäßig, als Ausgleich zur Kopfarbeit und zum Sitzen am Schreibtisch.


Michael Schmidt: Bernd Hutschenreuter von der Leselupe sagt immer, jede Geschichte ist am Ende gleich denn am Ende geht es immer um die Liebe!

Julia Annina Jorges: Pauschalisierungen erzeugen bei mir erst mal Abwehr. Bei näherer Betrachtung scheint die Aussage nicht mehr ganz so abwegig, bezieht man sämtliche Erscheinungsformen und (Irr-)Wege der Liebe als Triebfeder menschlichen Handelns mit ein, und darauf reduziert gleicht sich dann auch strukturell vieles. Zustimmen würde ich dennoch nicht. Der Stoff, aus dem (nicht nur) Horrorautoren ihre Geschichten weben, sprich (Ur-)Ängste, Überlebenstrieb, der Kampf gegen äußere und innere Dämonen … Nein, es gibt genug Literatur, die ohne Liebe auskommt, ich sage nur H. P. Lovecraft, in den meisten seiner Werke.
Michael Schmidt: Horror und Liebesromane, das scheint auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Oder?
Julia Annina Jorges: Auf den zweiten auch nicht viel. Obwohl, ein Aspekt wäre vielleicht erwähnenswert. Wenn es blutig wird, bin ich der Meinung, der Metzger sollte sein Schlachtvieh kennen, um beim Leser den erwünschten Effekt zu erzielen. Im Bereich zeitgenössische Romance, wo Erotisches einen nicht unerheblichen Stellenwert einnimmt, muss AutorIn die Physis der Beteiligten ebenfalls vor Augen haben, sonst wird's schnell unfreiwillig komisch. Da helfen fundierte Kenntnisse in Anatomie/Physiologie ungemein. Lach.  
Michael Schmidt: Fangen wir mit der Liebe an. Wer ist Jule Fuchs und wie kommt man dazu, Liebesromane zu schreiben?
Julia Annina Jorges: Jule Fuchs ist ein offenes Pseudonym, das ich mir für meinen ersten (und vermutlich auch einzigen) Liebesroman zugelegt habe. Jule Fuchs war ein Experiment; ich wollte für mich herausfinden, ob ich in einem Genre schreiben kann, das mir fremd ist, mit dem Ergebnis: ja, leidlich, ausreichend zumindest für die Veröffentlichung in einem E-Book-Verlag, aber mit deutlich weniger Spaß an der Sache. Der eher zähe Schreibprozess hat mich etwas sehr Wichtiges gelehrt, ein Projekt bis zum Ende durchzuhalten, auch ohne dafür zu brennen. Letzteres ist der bessere, der optimale Fall, und bei Kurzgeschichten auch problemlos möglich. Da lässt sich die Rohfassung im Schreibrausch schon mal in ein, zwei Tagen heruntertippen. Bei längeren Projekten gibt es immer wieder Durststrecken, so geht es mir zumindest. Passagen, in denen man festzustecken glaubt und durch die man sich – bei aller Begeisterung für die Geschichte – hindurchbeißen muss. Dass ich das kann, habe mich mir mit dem Projekt Liebesroman ein für alle Mal bewiesen, deshalb war es eine wertvolle Erfahrung, auch in puncto Selbstdisziplin.
Michael Schmidt: Ist es ein Unterschied ob man eine unheimliche Geschichte oder eine romantische schreibt?
Julia Annina Jorges: Ein Teil der Antwort steckt ja bereits in der vorherigen. Mich zieht das Unheimliche und Abgründige von jeher magisch an, dementsprechend fällt es mir in diesem Bereich am leichtesten, Ideen zu entwickeln. Ich habe einiges an Leseerfahrung gesammelt (und entdecke immer wieder eklatante Lücken), daraus resultiert ein gewisses Gespür für das Erzeugen von Stimmungen. Meine Leidenschaft gilt der Dunklen Phantastik, von daher besitzen romantische Aspekte, dort wo sie in meinen Geschichten vorkommen, einen düsteren, mitunter sarkastischen Touch, sind aber nicht unbedingt handlungsbestimmend. Noch einmal einen Roman mit einer Liebesgeschichte als Hauptplot zu schreiben, schließe ich für die nächste Zeit aus, weder eine reale noch eine zwischen Mensch und Vampir, Mensch und Dämon etc. pp.
Michael Schmidt: Bei Festa erscheint ja Dark Romance und scheint erfolgreich zu sein. Ist es im Trend, Liebe und Angst zu vereinen?
Julia Annina Jorges: Es hat zumindest den Anschein. Bad-Boy-Storys laufen ausgesprochen gut, auch nach dem tausendsten Aufguss. In der Dark Romance wiederholt sich das Thema und wird auf die Spitze getrieben. Dass die Synthese zweier so starker Gefühle viele LeserInnen anspricht, verwundert nicht weiter. Meist ist, im Gegensatz zum Horror, die Angst lediglich schmückendes Beiwerk, und Liebe meint in erster Linie einen Anteil erotischer Szenen, geht man nach den Klappentexten. Das ist nicht abwertend gemeint, es trifft nur nicht meinen Geschmack.
Michael Schmidt: Deine unheimlichen Geschichten sind ja keine typischen Monster- oder Dämonenstories. Du schreibst über Frauen. Aber nicht die blonde kreischende Frau in King Kongs Armen, sondern deine Protagonistinnen sind moderne Frauen, die eher Täter als Opfer sind. Wie kam es dazu?
Julia Annina Jorges: Puh, schwierig zu beantworten, das hat sich eher zufällig entwickelt und war nicht so geplant. Zumal in beileibe nicht allen meiner Geschichten Frauen die Hauptfiguren sind. Du spielst vermutlich auf die in Zwielicht Single 2 versammelten an. Da scheint es tatsächlich so, dass die Sicht- und Herangehensweise gut ankommt, nach dem Feedback zu urteilen, vorrangig aus den Leserunden auf LovelyBooks. Hinzugenommen die Ermutigungen eines gewissen Herausgebers sowie einer weiteren kompetenten Person, werde ich meinen zukünftigen Fokus häufiger auf eine weibliche, wenn auch nicht unbedingt typisch weibliche Perspektive und Handlungsmotivation legen. Da, wo es sich anbietet.
Michael Schmidt: Frank Duwald, der renommierte Kritiker, hat deine Geschichte Symbiose rezensiert!
Julia Annina Jorges: Womit wir bei der eben erwähnten zweiten Person wären. Initiiert wurde die Rezension durch einen Post auf Facebook, in dem Frank sich auf die einseitige Darstellung weiblicher Sexualität in der Horrorliteratur bezog. Ich habe meinen Mut zusammengenommen und geantwortet, ich hätte da etwas, nicht ahnend, dass Symbiose dieses Echo erzeugt. Franks Literaturblog dandelion kann ich jedem Liebhaber außergewöhnlicher und/oder phantastischer Literatur nur wärmstens empfehlen. Die Rezensionen sind fundiert, mit viel Herzblut und in einem eleganten und schönen Stil verfasst; ein Genuss, sie zu lesen. Ich zolle Frank höchsten Respekt für seine Arbeit und bewundere den reichen literarischen Erfahrungsschatz, aus dem er schöpft. Aus diesem Grund ist es mir eine große Ehre und Auszeichnung, auf dandelion mit einer Geschichte Erwähnung zu finden.
Michael Schmidt: Du hast mehr als eine Handvoll Kurzgeschichten geschrieben. Hast du einen oder mehrere Favoriten unter ihnen?
Julia Annina Jorges: Neben Symbiose ist das definitiv meine allererste Geschichte: Samhain verbindet Elemente aus dem Lovecraft-Kosmos mit keltischer Mythologie (auch wenn ich das Ende heute anders gestalten würde). Die Storys mit Lokalbezug, Der Löwe, Grand Hotel und Die Knochenbleiche mag ich auch sehr gern. Und dann meine neueste Geschichte in Zwielicht 12, Diese verfluchten kleinen Dinge, die durch ein Stück der Einstürzenden Neubauten inspiriert und ähnlich bizarr wie dieses ist.
Michael Schmidt: Passend zur Weihnachtszeit erscheint dein Roman Wandelseele. Worum geht es und wo kann man ihn beziehen?
Julia Annina Jorges: Wandelseele ist ein Urban-Fantasy-Roman um die Fähigkeit zur Wiedergeburt, die bestimmten Menschen – den alten oder Wandelseelen – zu eigen ist. Die junge Protagonistin Sine ist auf der Suche nach ihren Erinnerungen (Nomen est Omen) und nach einer Möglichkeit, ihren Appetit auf menschliche Lebensenergie zu kontrollieren, der mit dieser Fähigkeit einhergeht. In Château colline grise lernt Sine andere Wandelseelen kennen, die ganz unterschiedlich mit ihrer Andersartigkeit umgehen. Sie teilen sich in zwei Lager auf, das der Zehrer und das der Reinen, die sich nicht immer grün sind und Sine, deren verborgene Stärke sie wittern, jeweils für sich gewinnen wollen. Der Angriff eines alten Feindes zwingt sie zum Zusammenhalt, und er zwingt Sine, eine Entscheidung über ihre Zukunft zu treffen, für die sie sich ihrer Vergangenheit stellen und in die Katakomben von Paris hinabsteigen muss.
Ich liebe Paris und seine alten Friedhöfe mit ihren herrlichen Grabstätten und Mausoleen. Eine Tour durch die Carrières mit echten Cataphiles wäre das Größte; leider hat sich das bisher nicht ergeben. Wem diese Begriffe ein Rätsel sind, möge eine Suchmaschine seiner Wahl befragen – oder sich gleich Wandelseele bestellen, jetzt schon als Vorbestellung beim Verlag, später über die gängigen Onlineanbieter oder den Buchhandel.
Michael Schmidt: Für nächstes Jahr ist noch ein Fantasyroman für Kinder angekündigt. Worum geht es da?
Julia Annina Jorges: Späterland ist die Welt unserer befellten und gefiederten Freunde, nachdem sie die Regenbogenbrücke überschritten haben. Mir ist aufgefallen, dass das tierische Jenseits zwar oft erwähnt, aber kaum näher beschrieben wird, also habe ich die 12-Jährige Tarja und ihren Klassenkameraden Milo auf die Reise geschickt. Die beiden helfen Tarjas Kater, Späterland vor den bösartigen Schattenflüglern zu retten, was nicht ganz einfach ist, auch weil Tarja und Milo sich anfangs nicht ausstehen können. Da ich die schmerzhafte Erfahrung kenne, ein langjähriges tierisches Familienmitglied zu verlieren, freue ich mich sehr, dass die Geschichte in rund einem Jahr beim Verlag der Schatten erscheinen wird.
Michael Schmidt: Wenn ich dein bisheriges Wirken zusammenfasse, ist Abwechslung trumpf. Magst du die Abwechslung und gibt es trotzdem eine Konstante in deinem Schaffen?
Julia Annina Jorges: Ich denke, ich brauchte die vielfältigen Schreiberfahrungen, um herauszufinden, was mir liegt und wohin ich möchte, und auch, welches Maß an Flexibilität ich aufzubringen bereit bin. Das Phantastische ist und bleibt das Element, das sämtliche Erzählungen durchzieht (von dem Jule-Fuchs-Experiment einmal abgesehen). In Zukunft möchte ich mich auf meine Romanideen konzentrieren, was einzelne Kurzgeschichten nicht ausschließt. Die kurze Form bietet die Möglichkeit, Neues zu versuchen und Grenzen auszuloten, gleichzeitig zwingt sie dazu, sehr fokussiert zu arbeiten. Bei einer Kurzgeschichte muss jeder Satz, jedes Wort absolut passen. Das ist eine Herausforderung, der ich mich als Perfektionistin (böse Zungen sprechen von Pedanterie) nur zu gern stelle.
Michael Schmidt: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Woran arbeitest du gerade und auf was aus deiner Feder kann sich der Leser die nächste Zeit freuen?
Julia Annina Jorges: Gegenwärtig arbeite ich an einem Umwelt-Thriller mit mystischen Elementen. Mehr möchte ich derzeit nicht verraten, dazu ist noch zu viel in der Schwebe.
Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Leute da draußen!
Julia Annina Jorges: Weihnachten steht vor der Tür und damit die beste Gelegenheit, sich Bücher zu wünschen, Bücher zu kaufen und zu verschenken. Abseits der oftmals ausgetretenen Pfade von Bestsellerlisten und Mainstream warten faszinierende Geschichten bemerkenswerter Autoren darauf (wieder-) entdeckt zu werden!
 

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