M.H. Steinmetz (Interview)

 


Michael Schmidt: Hallo Mario, ein Spruch von deiner Homepage: ... UND AUS MEINEN TOTEN, LEEREN AUGENHÖHLEN WERDEN KEINE SKORPIONE KRIECHEN!

M.H. Steinmetz: Hallo Michael. Vielen Dank, das ich mit dir plaudern darf. Tja, da hast du direkt meinen Wahlspruch entdeckt. Der fiel mir ein, als ich Rednecks schrieb und Marisol in die Wüste ging. Eigentlich ein Nebencharakter, der sich dann so weit entwickelte, das ich ihr ein ganzes Buch widmete. Was der Spruch bedeutet? Die Skorpione stehen für meinen inneren Dämonen, die stetig versuchen, nach draußen zu gelangen. Das Auge ist das Sehen, das Empfinden, die Wahrnehmung der Dinge. Mit ihrem Gift versuchen sie, Einfluss darauf zu nehmen, es zu manipulieren (Einspieler diabolisches Lachen). Doch keine Angst, ich habe meine (inspirierenden) Stimmen im Griff.

Michael Schmidt: Bist du eher ein sanfter Mensch, der seine dunklen Seiten in seinen Geschichten auslebt oder voller Temperament und Kämpfer für die gute Sache?

M.H. Steinmetz: Beides. Ich liebe meine Ruhe, mein gewohntes Umfeld und den höflichen, respektvollen Umgang miteinander – und ich kämpfe mit allen Mitteln dafür, das es auch so bleibt. Gerade jetzt erleben wir einen Wandel der Gesellschaft ins Negative. Das versuche ich zu verhindern. Mit Taten und Worten. Was meine dunkle Seite betrifft, die hatte ich schon immer. Anfangs in der Gothicszene obsessiv ausgelebt, fand ich zum P&P Rollenspiel, um diese Ader noch weiter zu vertiefen und schließlich zur Schreiberei. Für mich ein Segen, um all die Ideen und Stimmen zu bändigen.

Michael Schmidt: Du hast einen interaktiven Roman veröffentlicht. Was kann man sich darunter vorstellen?

 


M.H. Steinmetz: Inzwischen sind es tatsächlich drei (DeathAsylum, 1888 und The Coven) und an einem vierten (Jorogumo – Black ICE) arbeite ich gerade. Ein interaktiver Roman oder landläufig ein Spielbuch ist eine Geschichte, auf die man ähnlich wie bei einem P&P Rollenspiel mittels einer fiktiven Figur Einfluss nehmen kann. Bedeutet, man erstellt sich den Protagonist oder die Protagonistin anhand eines im Buch enthaltenen Regelwerkes selbst und führt diese mit aller Konsequenz durch das Abenteuer. Jeder Abschnitt ist nummeriert und am Ende der Szene kann man frei entscheiden, wie das Abenteuer weitergeht. Es gibt Kämpfe und Proben, die erwürfelt werden müssen. Daraus resultieren dann zumeist sehr unterschiedliche Enden, was einen Wiederspielwert garantiert. Überaus spannend, aber während des Schreibens die pure Hölle.

 


Michael Schmidt: Kann man sagen, Horror ist deine Leidenschaft?

M.H. Steinmetz: Horror ist meine Leidenschaft und Cyberpunk meine Liebe. Aber so unterschiedlich sind die beiden Genres ja auch nicht. Während ich im Horror gerne mit dem Blick hinter den Vorhang spiele und hier vor allem das Thema zweites Ich und Besessenheit liebe, haben wir im Cyberpunk den Bodyhorror-Aspekt und das Thema KI, das durchaus Züge von dämonischer Besessenheit annehmen kann. Das persönliche Dilemma ist mir in beiden Genres besonders wichtig. Da wird man keine Helden im klassischen Sinn finden, sondern eher verzweifelte Charaktere, die im Grau zwischen Schwarz und Weiß aus Notwendigkeit heraus agieren. Daraus resultiert eine wunderbare Kombinierbarkeit, die sich in Zügen bereits bei Shinigami, meiner Cyberpunk-Romanreihe widerspiegelt, aber auch Querverweise zu Hells Abyss und anderen Horrorromanen zulässt.

 


Michael Schmidt: Und Cyberpunk dein zweites ICH?

M.H. Steinmetz: Absolut und das seit 1985, als ich die Bücher von William Gibson das erste Mal las und mich in Filmen wie Blade Runner, Akira und Ghost in the Shell verlor. Dazu kommt, das wir seit dieser Zeit durchgängig das Cyberpunk 2020 P&P Rollenspiel spielen. Cyberpunk ist ein unglaublicher Gedankenpool an Möglichkeiten der Kombination aller Dinge. Retro meets Hightech, Cyberspace meets den Wahnsinn einer anderen Dimension. Alles ist möglich. Implantate, KI, grenzenlose Weiten. Außerdem liebe ich den damit unlösbar verbundenen dystopischen Touch einer bis übers Limit ausgebeuteten Welt am Abgrund, die zugleich Versuchung und Fingerzeig ist, das wir es niemals so weit kommen lassen dürfen.

 


Michael Schmidt: David Bowie oder Alice Cooper? Und was ist mit Debbie Harris?

M.H. Steinmetz: Definitiv David Bowie. Er ist für mich der Inbegriff eines multitalentierten Künstlers, der die Szene wie kaum ein anderer geprägt hat. Er verkörpert nicht nur seine Musik und seine Rollen, er lebt sie bis ins Mark. Ich höre noch heute oft seine Lieder wenn ich Schreibe und es inspiriert mich jedes Mal aufs Neue. Gerade gestern habe ich in meinem aktuellen Cyberpunk Projekt Jorogumo – Die Spinnenfrau Bezug auf ihn als neu erstandene virtuelle Realität, wenn man will einem Aidoru, Bezug auf Ashes to Ashes genommen. Außerdem war er ein wunderbarer Mensch, der immer für Vielfalt und Farbe einstand.

Debbie Harry ist seit meiner Jugend meine absolute Ikone und spielt in einer ähnlichen Liga wie Bowie. Ihre Musik liebe ich noch heute, weil sie mich extrem geprägt hat. Dazu ihr Faible für abstrakte, surreale Kunst. Unvergessen die Bilder, als H.R. Giger sie in ein alienartiges Kunstwesen verwandelte. Auch was Stil betrifft, setzte Debbie neue Maßstäbe und scheute sich nie davor, sich selbst neu zu erfinden. Wie du weißt, habe ich ihr mit meiner Kurzgeschichte Rapture in deiner Zwielicht 22 Anthologie eine eigene, für mich sehr intensive Geschichte gewidmet.

 


Michael Schmidt: Deiner Romane erscheinen auch auf Englisch, Spanisch und Tschechisch. Wie kam es dazu?

M.H. Steinmetz: Nicht die Romane, sondern die Spielbücher, aka interaktiven Romane. Das lief von Verlagsseite über andere Verlage in den entsprechenden Ländern. Meine Aufgabe war es dann, mit den dortigen Übersetzern und Lektoren zusammenzuarbeiten. 1888 gibt's also auf spanisch und Death Asylumauf Tschechisch. Aktuell sind weitere Übersetzungen in Italienisch im Gespräch. Es bleibt also spannend, denn gerade dort ist der Spielbuchmarkt sehr groß.

Michael Schmidt: Du hast bei Verlagen veröffentlicht, warst Herausgeber und bist auch SP. Wie siehst du die Szene und die Möglichkeiten, seine Geschichten auf den Markt und an den Leser zu bringen?

M.H. Steinmetz: Die Szene selbst empfinde ich als sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und positiv. Ich habe regen Kontakt zu vielen Verlagen, aber auch zu Autorinnen und Autoren, mit denen ein sehr intensiver Austausch stattfindet. Gerade im Spielbuchbereich ist das sehr wichtig. Ein Highlight war unsere Autoren-WG zur Spiel in Essen. Da wurde dann beim Kochen und Essen ausgiebig gefachsimpelt und Ideen gesponnen. Äußerst kreativ. Oft ist es gerade für Einsteiger sehr schwierig, bei einem Verlag unterzukommen, aber unmöglich ist es nicht. Man muss dafür nur genügend Geduld und eine gute Idee mitbringen. SP ist natürlich immer eine Möglichkeit. Ich selbst habe die anfangs nur genutzt, als ein Verlag pleite ging und ich meine Bücher dann selbst herausbringen wollte. Das bringt dann natürlich ganz andere Hürden wie Lektorat, Korrektorat, Cover und Layout. Kostet alles Geld, ist aber unabdingbar. Meine eigenen SP-Bücher veröffentliche ich alle über KDP, das lässt sich leicht handeln und ist zuverlässig. Die Spielbücher kommen ausschließlich bei Mantikore, weil man dafür ein erfahrenes Team braucht.

Michael Schmidt: Wie zufrieden bist du mit deinem bisherigen Leben als Schriftsteller?

 M.H. Steinmetz: Es ist ja immer ein Wechselbad der Gefühle. Ist man sichtbar, kommen die Bücher gut an, warum gibt's keine Rezensionen und und und. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Rezension, die absolut vernichtend war. Das geht mir dann immer nach. Inzwischen hat sich hier eine gewisse Routine eingestellt. Ein Lernen, das eben nicht jedem mein Stil gefällt und das ist auch gut so.  Alles in allem bin ich mit meinen Leben als Schriftsteller sehr zufrieden. Ich kann meine Träume verwirklichen und Geschichten spinnen, wie ich sie (und hoffentlich auch viele andere) mag. Die eigene Kreativität ausleben zu können, ist ein großen Plus an Lebensqualität, die vielen Gespräche mit Leserinnen und Lesern am Stand begeistern mich jedes Mal aufs Neue. 2013 kam mit Totes Land – Ausnahmezustand mein erste Buch. Ab dann gab es kein Halten mehr und sprudelte einfach so aus mir heraus. Zugute kam mir da natürlich noch, das ich beruflich viel Reisen musste und die Zeit auf Flughäfen oder während langer Interkontinentalflüge zum Schreiben nutzen konnte. Inzwischen sind es 20 Romane und 3 Spielbücher und ein Ende ist längst nicht in Sicht. Mein Rat: Wenn ihr Ideen habt, schreibt sie unbedingt auf und lasst andere daran teilhaben.

 

Michael Schmidt: Was erscheint demnächst und woran arbeitest du aktuell?

M.H. Steinmetz: Aktuell arbeite ich an meinem bisher größten Projekt, einem Doppelpack aus dem Roman Jorogumo – Die Spinnenfrau und dem Spielbuch Jorogumo – Black ICE. Man ahnt es schon: Cyberpunk in meinem Shinigami-Universum. Der Roman mit stolzen 130.000 Wörtern erzählt die Vorgeschichte des Spielbuchs, in dem man dann mit drei Charakteren (!) ins Abenteuer geht, was durchaus außergewöhnlich ist.

Die Spinnenfrau geht im Januar zum Lektorat. Für das Spielbuch sind die Regeln und Stadt bereits im Kasten. Angepeilt ist als Veröffentlichungstermin die Spiel in Essen 2027. Der Roman kommt mit etwas Glück noch 2026.

Im Roman wird es 15 Zeichnungen, im Spielbuch 23 Zeichnungen geben und die sind wie bei meinen bisherigen Cyberpunk-Büchern auch von meiner Tochter Finya. Also ein echtes Papa-Tochter Projekt, auf das ich sehr stolz bin. Aber auch die Horrorfans kommen dabei nicht zu kurz, den in beiden Werken wird es auch durchaus surreal. Querverbindungen zu meinem Roman Das Buch dertoten Namen sind nicht ausgeschlossen.

Parallel dazu arbeite ich an der Idee der neuen Staffel der Chrome Runners Heftromane und bereite die Neuveröffentlichung der Ivy Good Hardcore Horrorromane als Sammelband vor.

 


Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

M.H. Steinmetz: Bleibt kreativ und lebt eure Träume. Bleibt offen und aufgeschlossen und lasst Euch nicht vom Sog der momentan allgegenwärtigen Hass- und Hetzkultur mitreißen. Macht die Welt mit euren bunten, vielschichtigen Geschichten zu einem besseren Ort. Ich danke Euch!

 

 

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