Princess of the Dawn

 Ein Haufen Kurzgeschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die  Kurzgeschichten Stück für Stück zu präsentieren:

Princess of the Dawn, eine Silbermond Geschichte, erschien dabei in meiner Sammlung Über die Grenzen des Todes. Der Titel der Geschichte ist dem gleichnamigen Lied von Accept entliehen: Princess of the Dawn.



Hier die Leseprobe:

I´ll Meet You atMidnight

Die Nacht ist flirrend heiß. Über Silbermond liegt eine dichte Glocke aus feuchtem Dunst. Der Himmel wird von einer geschlossenen Wolkendecke verborgen. Ob endlich Regen kommt? Herman glaubt nicht daran. Er watschelt auf seine ureigenste Weise durch die Gassen, den Kopf noch voll der Eindrücke seines heutigen Auftritts. Das Publikum, genervt von der andauernden Hitze und den wenig erholsamen Temperaturen des Abends, hat es ihm schwer gemacht, doch unbeirrt zieht er sein Programm durch und es dauert nicht lange, da hat er alle trüben Gedanken vertrieben. Mit jedem neuen Witz, mit jeder einstudierten Geste und seinem natürlichen Charme bringt er den Saal zum Entspannen. Herman, The Clown, erfreut die Menge, sie Lachen und Weinen. Zum Finale brodelt die Stimmung und gerne gibt er die zwei geforderten Zugaben. Nassgeschwitzt, aber glücklich beendet er sein Programm, trinkt noch zwei Runden mit den Kollegen und hört sich die neusten Gerüchte an, steuert selbst ein paar Zoten bei.

Jetzt schlendert er gemütlich heimwärts, plaudert mit den Verkäufern auf der Acacia, hört sich die neusten Geschichten von Earl Grey an, dem hoffnungslos unfähigen Kleindealer, der wenig verdient, aber immer ein paar großartige Erzählungen drauf hat, die er zum Besten gibt und die Herman immer wieder gerne erzählt bekommt, selbst wenn sie sich oft genug wiederholen. Er kauft Earl Grey zwei Spezialzigaretten ab und steckt sie kurz darauf Lilywhite zu. Ihr sieht man mittlerweile an, dass das horizontale Gewerbe an ihrer Substanz zehrt, und der regelmäßige Genuss von Spezialzigaretten beschleunigt den Verfall noch. Aber er weiß, sie kann nicht davon lassen und flüchtet glücklich in andere Sphären. Lilywhite ist einfach ein guter Mensch und so steckt er ihr immer wieder, wenn er es erübrigen kann, was zu, plaudert charmant mit ihr und genießt die kleinen Anspielungen, mit denen sie ihn neckt. Als ein Freier Interesse zeigt, verabschiedet er sich lachend und zieht weiter heimwärts.

Je näher er seiner Wohnstatt kommt, desto leerer werden die Straßen, desto spärlicher die Laternen.

Herman wird hellhörig. Mit einem Mal vibriert die Erde. Eine gleichmäßige Erschütterung, die immer stärker wird, immer näherkommt. Der Boden bebt. Herman spürt einen Zug, der heranrollt, hört ein Pfeifen, ein Stampfen, bevor etwas dicht an ihm vorbeischießt und seine Haare im Wind mitreißt.



Aus dem Nichts tritt eine Frau aus dem Schatten. Er sieht sie und vergisst alles. Vergisst seinen Auftritt, vergisst Earl Gray, vergisst Lilly. Ihr kirschroter Mund ist wie das stärkste elektrische Feld, zieht ihn an wie der Stator den Rotor. Seine ganze Wahrnehmung kreist um sie.

Ihre Augen, ein Grau, das keinen Boden hat, fesselt seine Aufmerksamkeit, seine Schritte fliegen ihr entgegen, so wie sie ihm entgegenfliegt. Auf halber Strecke stoßen sie aufeinander, ihre Körper umschlingen sich, die Lippen berühren sich zu einem intensiven, heißen Kuss.

Dann passiert das Ungeheuerliche. Herman tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie ist entflammt, aber nicht auf einer abstrakten Ebene, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Sie brennt, steht in Flammen, die lodernd hell um sie herumflackern. Er spürt keine Hitze und augenscheinlich geht es ihr genauso. Sie steht vor ihm, glücklich lächelnd. Doch wie sie vor sich her brennt, verliert sie Substanz, wird durchscheinend und verschwindet, mit einem Blick, der ihn immer noch verzehrt, ihm den Himmel auf Erden verspricht.

Zurück bleibt The Clown. Herman schüttelt sich, läuft hierhin, dann dahin, in der Hoffnung, sie zu finden. Stundenlang irrt er umher, durchstreift die Gassen, öffnet Türen und hetzt durch Flure, besucht Hinterhöfe und abgelegene Orte, aber der Erfolg bleibt ihm verwehrt. Als das Morgengrauen anbricht, sacken seine Schultern zusammen und er geht bedröppelt nach Hause.

Doch eines schwört er sich selbst. Er musste sie wiederfinden. Und er wird sie wiederfinden.



 Fortsetzung folgt....

Vollständig findet sich die Geschichte in meiner Sammlung Über die Grenzen des Todes.

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