Jakob Schmidt (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Jakob, stell dich doch mal vor!

Jakob Schmidt: Ich bin 1978 geboren, lebe seit 2001 in Berlin und betreibe dort zusammen mit Wolfgang Tress und Simon Weinert die SF- und Fantasy-Buchhandlung Otherland (otherland-berlin.de). Ansonsten bin ich als Literaturübersetzer tätig, in letzter Zeit vor allem für die SF-Reihe bei Heyne – daher kommt das Geld für den Lebensunterhalt. Als Autor trete ich alle zwei Monate zusammen mit Jasper Nicolaisen, Svenja Schröder und Simon Weinert bei unserer Lesebühne Schlotzen & Kloben auf (schlotzenundkloben.blogsport.eu); und seit 2013 gehöre ich zum Team des neugegründeten E-Book-Verlags Das Beben (verlagdasbeben.de).

Michael Schmidt: Den Lesern von Zwielicht bist du durch 3 Geschichten entgegengetreten. Welche ist dein persönlicher Favorit?

Jakob Schmidt: Das ist wirklich schwer zu beantworten, weil bei jeder dieser Geschichten ein anderer Aspekt meines Schreibens im Vordergrund steht. „Eine andere Wildnis“ ist aus meiner Liebe zu romantischen Texten entstanden; natürlich konnte ich mir einen ironischen Twist nicht verkneifen, aber eigentlich ging es mir da vor allem um Atmosphäre. „Im Himmel“ ziele ich dagegen ohne Umwege auf meinen Begriff vom existenziellen Entsetzen ab – die Konfrontation mit dem Tod als dem absolut Fremden, Unbegreiflichen. Und „Der Wintermann“ ist schlicht und einfach ein kleiner, böser Witz, bei dem ich großen Spaß am gehässigen Tonfall der Erzählerin hatte.


Michael Schmidt: Der Wintermann aus Zwielicht 3 sollte eigentlich in deiner Geschichtensammlung erscheinen. Warum hast du dich dagegen entschieden?

Jakob Schmidt: Das hat verschiedene Gründe – zum einen hatte ich in dem Storyband schon zwei von diesen bösen, kleinen Witzgeschichten; mit einer dritten hätte die Gesamtmixtur vielleicht unausgewogen gewirkt. Und dann ist „Der Wintermann“ nun mal keine Geschichte, die man der gesamten Verwandtschaft stolz in die Hand drücken möchte, weil es – wie bei fast allen meinen Horrorgeschichten – natürlich einen winzigen autobiografischen Kern gibt, der trotz aller Verfremdung durchschimmert. Ich bin davon überzeugt, dass man beim Schreiben von Horrorgeschichten zumindest gelegentlich die übelsten Impulse auf den Tisch legen muss, die in einem selbst schlummern; und bei manchen Themen ist mir die Gefahr einfach zu groß, dass es jemand in den falschen Hals bekommt.

Michael Schmidt: „Nichts Böses“ ist erschienen und ich habe es schon rezensiert. Die Rückmeldungen bisher waren euphorisch. Überrascht oder eher Genugtuung?

Jakob Schmidt: Die meisten enthaltenen Geschichten habe ich ja schon vor drei bis vier Jahren verfasst, deshalb habe ich schon einen großen Abstand zu ihnen. Das ist gut für mich, weil ich dadurch die positiven Rezensionen gar nicht so sehr als etwas direkt an meine Person Gerichtetes empfinde, sondern tatsächlich als Kommentar auf die Geschichten, deren Autor ich nun mal zufällig bin. Andernfalls würde mich das viele Lob wohl ziemlich nervös machen. So kann ich mich freuen, fühle mich dabei aber auch halbwegs gelassen. Mit Genugtuung hat das eher wenig zu tun, es ist mehr, wie wenn jemand ein von mir gekochtes Essen lobt: Dann denke ich auch nicht „Endlich erkennt die Welt, was für ein großer Koch ich bin!“, sondern bin einfach zufrieden, dass ich etwas richtig hinbekommen habe.

Michael Schmidt: Dann erzähl doch mal etwas über den Entstehungsprozess von „Nichts Böses“. Warum Medusenblut? Wer ist Vincristine? Warum die Geschichten, die im Buch sind?

Jakob Schmidt: Alle enthaltenen Texte sind ursprünglich für unsere Lesebühne entstanden – insbesondere den kürzeren Geschichten merkt man noch an, dass es sich um Vortragstexte handelt, die teilweise (wie das „WG-Buch“) auch dazu gedacht sind, mit verteilten Rollen gelesen zu werden. An diesen Geschichten hat sich für die Buchausgabe kaum etwas geändert. Andere Geschichten („Du bist raus“, „Der gute Hund“) habe ich für das Buch stark überarbeitet und erweitert. Und „Sonnenkinder“ habe ich praktisch neu geschrieben.

Zu Medusenblut kam ich, weil ich mit Verleger Boris Koch viele Jahre zusammen in unserer Buchhandlung Otherland gearbeitet habe. Als er mich dann nach ein paar Besuchen bei unserer Lesebühne schließlich fragte, ob ich einen Storyband bei Medusenblut machen wolle, kam das schon einer Art Ritterschlag gleich. Boris ist ja recht wählerisch und immer auf der Suche nach dem Abseitigen, und da habe ich mich natürlich gut verstanden gefühlt …

Mir war von Anfang an klar, dass ich Illustrationen für mein Buch wollte; hinter der Illustratorin Vincristine verbirgt sich Carolin Kohler, die ich ebenfalls über das Otherland kenne (dort gestaltet sie unsere Schaufenster) und mit der ich bereits für Gero Reimanns bei Shayol erschienen Roman Sonky Suizid zusammengearbeitet hatte. Caro hat ganze drei Illustrationskonzepte vorgelegt, bis Boris und ich schließlich beide genickt haben – und ein bisschen blutet mir immer noch das Herz, weil ich die beiden verworfenen Ansätze auch gerne in voller Pracht gesehen hätte. Der leise verstörende Stil mit einigen gruseligen Kinderbuch-Elementen, der es schließlich geworden ist, hat mich allerdings restlos begeistert.

Michael Schmidt: Zufrieden mit dem Endergebnis von „Nichts Böses“?

Jakob Schmidt: Natürlich bin ich zufrieden! Ich glaube, Boris hat beim Lektorat noch eine ganze Menge aus einigen Geschichten herausgekitzelt, Illustrationen und Gestaltung gefallen mir auch wunderbar … ganz ehrlich, wenn dieses Buch mein literarisches Vermächtnis wäre, dann wäre ich rundum glücklich damit.

Michael Schmidt: Was kommt nach „Nichts Böses“?

Jakob Schmidt: Ich weiß es nicht und bin sehr glücklich darüber. Lange Zeit habe ich mich als Autor mit schrecklich ambitionierten Projekten herumgeschlagen, Dutzende von Romananfängen lustlos zwischen Dateiordnern hin und her geschoben, und war ganz starr vor Schreck angesichts dessen, was ich mir alles vorgenommen hatte. „Nichts Böses“ war ein kleiner Befreiungsschlag. Endlich habe ich einfach mal ein Buch da draußen statt zwanzig, die in meinem Kopf herumschwirren. Jetzt warte ich, welches Thema mir als Nächstes auf die Schulter klopft. Dann werde ich es ganz in Ruhe von oben bis unten mustern und mir überlegen, ob ich wirklich Lust habe, mich mit ihm einzulassen – und ihm andernfalls sagen, dass es verduften kann.

Michael Schmidt: Mit ein paar Autorenkollegen hast du eine Lesebühne. Erzähle mal!

Jakob Schmidt: Schlotzen & Kloben gibt es seit 2010. Angefangen haben wir zu dritt, Jasper Nicolaisen, Simon Weinert und ich, und zwar ganz klassisch als Autorenzirkel. Aber weil wir alle drei nach mehr Aufmerksamkeit gelechzt haben, als wir einander geben konnten, haben wir uns auf Pilgerfahrt durch diverse Neuköllner Szenekneipen begeben, bis wir endlich einen Auftrittsort gefunden hatten … Die Lesebühne war für uns drei zu Anfang wohl vor allem ein großes Lockermach-Labor. Wir haben da wirklich jeden Scheiß, im besten wie im schlechtesten Sinne, ausprobiert, und es hat uns und dem Publikum eigentlich immer Spaß gemacht. Natürlich haben wir dabei auch viel voneinander gelernt – wer unsere Lesebühne kennt, wird in meinem Storyband sehr viel Nicolaisen und eine ordentliche Dosis Weinert erschnuppern.

Irgendwann waren wir aber tatsächlich ein bisschen leergeschrieben von unseren monatlichen Auftritten. Glücklicherweise kamen das Rettende dann gleich in zweifacher Ausfertigung: Erstens beschloss das Stirnhirnhinterzimmer, die Lesebühne von Markolf Hoffmann, Boris Koch und Christian von Aster, fortan nur noch alle zwei Monate aufzutreten und fragte uns, ob wir fortan mit ihnen im Wechsel lesen wollten; und zweitens stieß Svenja Schröder zu uns und hat unseren Schreibtrott noch mal gehörig aufgewirbelt.

Letztlich ist das Programm von Schlotzen & Kloben schlicht, dass wir dort alles dürfen, was uns Spaß macht. Und ich kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig ich es finde, das zu schreiben, was einem persönlich Spaß macht – und am besten nur das. Etwas Off-Topic möchte ich dazu auch noch mal mein Lieblingszitat von Neil Gaiman anbringen: „George R.R. Martin is not your bitch!“

Michael Schmidt: Bisher kennen wir vor allem deine Kurzgeschichten, die entweder SF, Horror oder schräge Phantastik sind. Bist du auf phantastische Stoffe festgelegt oder wird auch anderes von dir erscheinen?

Jakob Schmidt: Da ich seit Kindheit an sehr viel Fantasy und SF (allerdings nur wenig Horror) lese, kann ich einfach gut mit dem Inventar des Phantastischen umgehen. Ich kenne die Regeln und weiß deshalb auch, wie man sie sich zu eigen machen oder sie wirkungsvoll brechen kann. Von den Regeln des Krimigenres habe ich dagegen nicht die geringste Ahnung, deshalb wüste ich einfach gar nicht, wo ich mit einem Krimi anfangen sollte. Ich würde immer befürchten, mir beim Schreiben schrecklich schlau vorzukommen und in Wirklichkeit nur ganz abgeschmacktes Zeug wiederzukäuen.

Trotzdem möchte ich mich nicht festlegen. Wenn mir mal etwas in den Sinn kommt, das sich ohne Rückgriff auf phantastische Elemente am besten schreiben lässt, mache ich gerne das. Irgendwie drängt sich mir aber bei so ziemlich jeder Geschichte ein phantastisches Element auf, weil es in meinen Augen oft die wirkungsvollste Methode ist, eine Idee gleichzeitig auf den Punkt zu bringen und ihr neue, unerwartete Facetten zu verleihen – oder vielleicht ist es auch einfach die bequemste Methode. Beispielsweise in meiner Geschichte „Du bist raus“: die basiert auf einem Kindheitserlebnis von mir und geht eigentlich um ein ganz klassisches Was-wäre-wenn-Szenario. Was wäre geschehen, wenn ich damals als Kind wirklich richtig Mist gebaut hätte? Anstatt einfach diese realistische „Alternativweltgeschichte“ zu erzählen, habe ich das Was-wäre-wenn selbst als eine Art von Magie in die Geschichte reingeholt. Und das hat es mir dann ermöglicht, auch andere Elemente – hier die Angst vor der Obrigkeit – magisch umzuinterpretieren. Für mich werden solche Themen dadurch viel schillernder und mehrdeutiger.

Andere Autoren erzeugen solche Mehrdeutigkeit ganz ohne Rückgriff auf Phantastisches. Mir fiele das wahrscheinlich schwer.

Michael Schmidt: Lieber lang oder kurz? Also kommt der Roman noch oder genießt du weiterhin die Kürze?

Jakob Schmidt: In nächster Zeit werden es wohl Kurzgeschichten bleiben. Ich habe mir vorgenommen, keinen Roman mehr „nebenher“ anzufangen, weil das für mich ein sicheres Rezept für Stress und Frust ist. Falls ich zufällig mal ein Jahr lang nicht als Übersetzer arbeiten muss, weil mir ein großes Bündel Geld auf den Kopf fällt …

Michael Schmidt: Ist eine Sammlung deiner schon erschienen Geschichten geplant?

Jakob Schmidt: Bisher nicht. Irgendwann würde ich so etwas schon gerne sehen, und zwar eine Sammlung mit Horror-, eine mit SF-Geschichten und eine mit dem ganzen seltsamen Rest, aber das hat Zeit. Erst mal soll genug zusammenkommen.

Michael Schmidt: Was liest du selbst so? Und hast du ein paar Empfehlungen für die hungrige Meute dort draußen?

Jakob Schmidt: Ich habe immer so Phasen, in letzter Zeit lese ich viel SF – eine besondere Vorliebe habe ich da für die humanistische Tradition um Kim Stanley Robinson, Robert Charles Wilson und natürlich Ursula K. LeGuin. Aber immer kann ich darauf nicht … manchmal muss es auch großer Fantasy-Weltenbau sein, George R.R. Martin und co., auch gerne Rollenspiel-Weltbeschreibungen. Mein Lieblingshorrorautor ist seit einigen Jahren Laird Barron, der einen ganz, ganz eigenen fiesen Humor und eine unglaublich energiegeladene Sprache hat. Und wenn ich die diversen Genrekonventionen über hab, greife ich zu J.M. Coetzee oder was immer mir meine Freundin gerade an zeitgenössischer „Literatur-Literatur“ anzubieten hat.

Außerdem lese ich derzeit einen Haufen Manuskripte für unseren E-book-Verlag das Beben, der sich ganz bewusst überhaupt nicht um Genregrenzen schert – obwohl unsere Verlegerruppe, bestehend aus Markolf Hoffmann, Jasper Nicolaisen, Karla Schmidt, Simon Weinert und mir, ziemlich Phantastikaffin ist. Die dort erschienenen Bücher kann ich natürlich alle empfehlen, für Horror-Leser dürften allerdings vor allem Frank Dukowskis mystisch-unheimlicher Kurzroman „Vor dem Pilzgericht“ und Georg Friedrich Kammerers irrwitzig geschmacklose Zombienovelle „Alles Kaputtschalgen“ etwas sein, und vielleicht auch Eva Strassers hundsgemeiner kleiner Krimi „Mary“.

Und wo ich gerade beim Werben bin: Mein Lieblingsbuch 2013 ist Jasper Nicolaisens Roman „Winteraustreiben“, den es bei Amazon und Google als E-Book gibt. Thematisch ein Jugendbuch, geht aber psychologisch so richtig ans Eingemachte – und ist gleichzeitig vollgepackt mit so wunderbar skurrilen Ideen wie einem Dschungeltal am Nordpol, denkenden Asteroiden und Krokodil-Kobolden, die auf Flugsauriern reiten und Namen wie „Herr Tschang“ haben. Etwas gruselig wird es hier und da auch mit den menschenfressenden Rentieren … doch, ehrlich!

Michael Schmidt: Ein abschließendes Wort?

Jakob Schmidt: Noch ein Aufruf aus den Niederungen des Materialismus: Mein Herz hängt an unserer Buchhandlung Otherland, und wie aus diesem Interview ersichtlich, wäre mein Storyband – und so einiges anderes – ohne sie sicher nie zustande gekommen. Deshalb, liebe SF-, Fantasy- und HorrorleserInnen: Unterstützt uns, wenn euch am Erhalt einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung gelegen ist, die sich ganz auf Phantastisches konzentriert! Wir beraten live, telefonisch und auf Wunsch ohne Punkt und Komma, und wir versenden Bücher – ruft einfach an oder mailt uns (service@otherland-berlin.de).

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