Freitag, 8. August 2014

Torsten Scheib (Interview)

Michael Schmidt: Normalerweise frage ich hier, wer ist Torsten Scheib. Hier frage ich aber, wer zum Teufel ist Ralf Kemper!



Torsten Scheib: Mein Co-Autor – HA! Aber im Ernst: Ralf ist ein Tausendsassa. Der Mann war Musiker, dann ist er beim Film gelandet. Neben seiner eigenen Produktionsfirma (www.spontitotalfilm.com) drehte er als Regisseur ferner diverse Spiel- und Kurzfilme, vorwiegend aus dem Horrorgenre und ausnahmslos Independent-Produktionen, soweit mir bekannt ist. Dementsprechend fungierte er dort auch als Produzent, Cutter und –Drehbuchautor. Letzteres eben auch bei Toxic Lullaby. Ach, und das jährlich stattfindende Trashfilm-Festival in Kassel wäre ohne ihn auch nicht denkbar. Wobei ich Ralf keineswegs als Trashfilm-Regisseur sehe; im Gegenteil! Toxic Lullaby ist das beste Beispiel: trotz minimalster finanzieller Mittel (ich glaube, das Budget lag bei gerade mal 10.000 Euro) hat Ralf einen wunderbar atmosphärischen Streifen kreiert, der neben teils beeindruckenden Locations insbesondere mit einer hervorragenden, originellen Story und ferner sehr guter Kamera- und Schnittarbeit punkten kann. Der Cineast in mir findet es jedenfalls ärgerlich, dass Ralf – bislang – noch keine größere Produktion betreuen durfte.






Michael Schmidt: Toxic Lullaby wird als Buch basierend auf dem Film, nicht als Buch zum Film angekündigt. Was ist denn der Unterschied?


Torsten Scheib: Na ja, es wäre doch langweilig gewesen, hätte ich mich stur am Film und Ralfs Drehbuch orientiert und beides dann als dröge 1:1-Adaption zusammengeführt. Das kann wirklich jeder – und ist, Verzeihung, Verarsche am Leser. Sowohl bei dem, der den Film nicht kennt, als auch bei dem, der das Ganze nochmals nachlesen und eventuell tiefer in die Materie eintauchen will. Insofern wollte ich die beiden besagten Lesertypen zufriedenstellen.

So erfährt man beispielsweise mehr über die Vergangenheit bzw. das Innenleben von Pro- und Antagonisten. Dazu habe ich mehrere Actionszenen, die im Film allenfalls wenige Minuten lang waren … nun ja, „aufgebessert“ würde ich es nicht nennen,„vergrößert“ trifft es wohl eher (schließlich gab's beim Schreiben kein Budget, das ich einhalten musste). Ferner habe ich die „blanken Stellen“ zwischen den jeweiligen Aufnahmen und Einstellungen möglichst nachvollziehbar ausgefüllt, was wohl das Hauptmerkmal einer solchen Novellisierung darstellt und den Unterschied zwischen Film und Buch am Deutlichsten werden lässt.

Beim Film läuft es –leicht übertrieben – folgendermaßen: Handlung – Schnitt – Handlung – Schnitt. Was ja auch okay ist. Beim Buch, das eine gänzlich andere Erzählstruktur besitzt, kannst du das nicht machen. Einerseits liest es sich miserabel, andererseits will der Leser erfahren, wie die Protagonisten von Punkt A nach Punkt B gelangt sind und natürlich weshalb.

Ansonsten: siehe oben. Stichwort Verarsche. Obwohl ich eingestehen muss, dass hie und da mit mir während des Schreibens auch mal die Pferde durchgegangen sind. Unter'm Strich dienten Ralfs Drehbuch und der fertige Film ganz klar als Fundament des Romans; als Kompass sozusagen, der dafür Sorge trug, dass am Ende nicht etwas gänzlich anderes bei rauskommt, das nur namentlich noch was mit dem Film gemein hat.


Michael Schmidt: Zwei Autoren werden ja zu dem Roman genannt. Wie kann man sich die Arbeitsteilung vorstellen? Wer hat was gemacht und wie kam die ganze Sache überhaupt zustande?


Torsten Scheib: Die Vorarbeit – also das Drehbuch und der Film – stammten natürlich von Ralf, weshalb ich auch darauf bestanden hatte, dass er als Co-Autor genannt wird. Die eigentliche „Arbeit“ (wenn man es so nennen darf), also der Text, stammt zu 100 Prozent aus meiner Feder. Zustande gekommen ist das Projekt dank eines Threads im Horror-Forum; 2009 oder 2010 muss es gewesen sein.

Wer den Film kennt, weiß ja, dass auch die von mir sehr geschätzten „Apokalyptischen Schreiber“ in Toxic Lullaby Gastauftritte haben. Das hat mich neugierig gemacht.

Und nachdem ich den tollen Trailer gesehen hatte, wollte ich natürlich auch den kompletten Film sehen und für das Online-Magazine www.fantasyguide.de rezensieren (was ich auch getan habe: http://www.fantasyguide.de/11365/). Danach ging mir der Film aber nicht mehr aus dem Kopf; zum einen, weil er trotz bescheidener Mittel so gut geworden war und zum anderen … weil ich hier die Möglichkeit sah, etwas zu machen, das ich schon immer tun wollte, nämlich einen klassischen „Roman zum Film“ zu schreiben! Gesagt, getan und nachdem ich Ralf überzeugen konnte, ging's praktisch umgehend los. Bis leider mehrere Stolpersteine – etwa die Verlagssuche und private Probleme – alles nach hinten verzögert hatten. Andernfalls wäre das Buch nämlich unter Umständen schon ein, zwei Jährchen früher erschienen! Schwamm drüber...


Michael Schmidt: Worum geht es in Toxic Lullaby?


Torsten Scheib: Dreh-und Angelpunkt ist Eloise Delario, eine junge Frau, die sich nach einer reichlich feucht-fröhlichen Zeit mit ihren Freunden unvermittelt und alleine in einer apokalyptischen, toten Welt wiederfindet: die Zivilisation liegt in Trümmern, die Luft ist vergiftet, Flora und Fauna existieren nicht mehr. Wer hier überleben will, muss nicht nur knallhart sein, sondern mitunter auch seine Menschlichkeit abstreifen – besonders gegenüber jenen ehemaligen Menschen, die als „Schläfer“ Jagd auf sie machen. Infiziert vom Gift, das in der Luft liegt, sind sie zu tollwütigen Kannibalen geworden, die nur noch von ihren animalischen Trieben und ihrer Gier angetrieben werden. Zusammen mit einer Handvoll Überlebender macht sich Eloise auf, mehr über diese Welt zu erfahren –und über ihr Schicksal...


Michael Schmidt: Wo erhält man das Buch und wo den Film?


Torsten Scheib: Das Buch? Bei den „üblichen Verdächtigen“, würde ich sagen; sprich bei Amazon.de und/oder Buch.de. Noch besser ist natürlich eine Bestellung direkt beim Verlag: pmachinery
Film gibt’s ebenfalls bei Amazon, ich habe ihn aber auch in gut sortierten Elektronik-Fachmärkten und einmal sogar bei Real.- entdeckt.


Michael Schmidt:p.machinery ist jetzt dein neuer Hausverlag so konnte ich lesen. Was bedeutet das im Detail und auf welchen Lesestoff können sich deine Fans freuen?


Torsten Scheib: Dass die kommenden Storysammlungen, Anthologien und Romane exklusiv nur dort erscheinen werden (bis auf wenige Ausnahmen, dazu gleich mehr). Es passt einfach zwischen Michael Haitel und mir, würde ich sagen.

Außerdem bin ich ihm unendlich dankbar dafür, dass er Toxic … ins Verlagsprogramm aufgenommen hat, nachdem ich die Hoffnung schon praktisch aufgegeben hatte. An dieser Stelle möchte ich ferner ein großes Dankeschön an „Mrs. Geisterspiegel“, Anke Brandt aussprechen, ohne die der Deal womöglich nie zustande gekommen wäre!

Nach Toxic Lullabywerde ich erst mal meine Novelle – oder wird’s doch ein Roman? – Göttersturzbeenden, die GROSSE Fortsetzung zu meiner Kurzgeschichte Götterdämmerung, welche ja in Zwielicht 1 erschien und ziemlich positiv aufgenommen wurde.

Danach werde ich mich der Fantasy zuwenden, sprich, meinen Roman zur Saramee-Reihe zu Ende bringen. Zwischendurch, wenn's die Zeit zulässt, eventuell noch ein paar Short Storys und Artikel, dann hoffentlich Mondo Bizarro, eine Geschichtensammlung …und danach?

Schau'n mer mal. Langweilig wird’s mir nicht werden ;-)


Michael Schmidt: Du hast bisher drei Geschichten zu Zwielicht beigesteuert sowie zwei zu Zwielicht Classic. Lass uns mal darüber sprechen! Dein Zwielicht Debüt war Götterdämmerung in Zwielicht 1. Worum geht es in der Geschichte und wann kommt die angekündigte Fortsetzung?


Torsten Scheib: Götterdämmerungwar im Grunde die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind aus den Klauen ihres psychopathischen Ex-Ehemanns befreien will – ausgerechnet, während Ragnarök, die nordische Sage vom Weltuntergang resp. dem Ende der Welt um sie herum tobt.

Göttersturz –die Fortsetzung – nimmt sich der Thematik noch detailreicher und ausufernder an. Schon eine ganze Weile wollte ich das tun, leider gab es aber keine passende Gelegenheit dazu. Als ich von Constantin Dupien eingeladen wurde, einen Beitrag für seine 2. Mängelexemplare-Anthologie Dystopia zu verfassen, sah ich den idealen Zeitpunkt gekommen und schrieb drauf los. Die Inspiration kam übrigens während der Rückfahrt vom Marburg-Con 2013, als ich einen Zwischenstopp in Frankfurt/Main einlegte, die Häuserschluchten sah und mir die Frage stellte, wie die Skyline unter einer meterhohen Schneeschicht aussehen mag.

Doch dabei blieb es nicht, weshalb aus der Kurzgeschichte inzwischen eine halber Roman geworden ist, der nun eine Art Spin-Off zur eigentlichen Anthologie darstellt. Und eins kann ich versprechen: Es wird größer, es wird actionreicher, es wird wilder werden. Ihr wollt Feuer, Schneestürme, mystische Kreaturen und vieles mehr? Genau das wird’s in Göttersturz geben. Ein wilder Trip, versprochen!


Michael Schmidt: Motten aus Zwielicht 2 ist eine harte Geschichte und entzweit die Leserschaft. Was ist das besondere an der Geschichte?


Torsten Scheib: Hat die Story wirklich so deutlich die Leserschaft entzweit? Ich muss gestehen, dass mir das weniger aufgefallen ist. Die meisten Kritiken waren ja doch gottlob positiver Natur. Aber ich kann's durchaus verstehen. Es ist fieser, ungeschönter Horror, der auch die dunkelsten Seiten des Menschen nicht außen vor lässt. Das schmeckt nicht unbedingt jedem, besonders, wenn er vorzugsweise Weichspüler-Pseudo-Horror Marke Stephenie Meyer konsumiert. Ach ja, und eventuell könnte es auch an der Sprache liegen. Irgendjemand behauptete mal, dass eine Geschichte, in der ich nicht mindestens einmal das Wort „F**ze“verwenden würde, keine gute sei. Ist natürlich völlig Quatsch, aber auch gar nicht mal so daneben. Ich bin in einer Arbeiterstadt geboren und aufgewachsen, entstamme der Mittelklasse – und dort wird eben rustikaler gesprochen. Insofern wäre der Versuch, „gestelzte“ Dialoge zu schreiben, ebenso falsch wie meinen Hintergrund zu verleugnen. „So redde mia halt in Lumbehafe!“ Wem das halt nicht passt … Pech gehabt.


Michael Schmidt: Besessen! Erschien erst in Der wahre Schatz und dann in Zwielicht Classic 1 und das Thema folgt dem Titel. Muschelmädchen aus Zwielicht 3 ist dagegen eine für dich ungewöhnliche Geschichte. Gute Ansätze aus ZwielichtClassic 4 ist dagegen eine Art Grüner Horror! Liebst du die Abwechslung und was ist das Beständige an der Marke Torsten Scheib? Manche bezeichnen dich als den deutschen Brian Keene!


Torsten Scheib: Also, ich bin bei Weitem kein deutscher Brian Keene; so gut bin ich nicht mal ansatzweise. Was wir aber gemein haben – und eventuell stammt der Vergleich von dort – ist unser Background. Wie ich, entstammt Brian nämlich keiner Akademikerfamilie, sondern der Arbeiterklasse. Gut möglich, dass mir sein Stil– der ja auch bisweilen recht ruppig und ungefiltert sein kann – aus ebendiesem Grund so sehr zusagt. Klar, ich liebe die Abwechslung und sie muss auch meiner Meinung nach sein, wenn man beständig und dauerhaft gut schreiben möchte. Das setzt sich übrigens auch bei den Lesegewohnheiten fort. Wer gelegentlich mal über den Tellerrand schaut, der kann einiges lernen. Was die genannten Storys betrifft, so stand bei jeder einzelnen stets die IDEE im Vordergrund – und mit der bin ich dann gewissermaßen los gerannt, hin zu einem unbekannten Ziel. So entstehen übrigens die meisten meiner Geschichten. Was das „Beständige“betrifft … diese Frage kann ich dir echt nicht zufriedenstellend beantworten. Das müssen andere beurteilen.


Michael Schmidt: Vier deiner Geschichten (Gute Ansätze, Götterdämmerung, Motten, Illusionen) wurden für den Vincent Preis nominiert. Was bedeutet dir diese Auszeichnung und wann gewinnst du das Teil endlich!


Torsten Scheib: Ich wollte ja dieses Jahr mal den 1. Platz nach Hause nehmen, aber da mussten mir ja ausgerechnet Arthur Gordon Wolf und dieser Vincent Voss (kennt den jemand überhaupt?) in die Suppe spucken …;-)

Im Ernst: Schon in die Endrunde zu kommen, macht mich stolz und spornt mich an. Ich fühle mich geehrt und privilegiert, Teil einer so illustren wie auch fröhlich-herzlichen Szene wie der dt. Horror-Szene anzugehören. Super-nette Menschen, super-nette Kollegen, super-nette Leser – und manche betrachte ich durchaus als Freunde. Du weißt ja selbst, wie es etwa auf dem Marburg-Con oder dem BuCon ist …

Da ist ein Preis ein nettes, ein tolles Zubrot, keine Frage. Und wenn ich dann wirklich mal gewinnen sollte – mein Tipp: 2036 – ist das gewissermaßen die Kirsche auf einem ohnehin schon köstlich mundenden Kuchen. Schwarzwälder Kirsch oder Donauwelle.


Michael Schmidt: Hast du unter deinen vielen Kurzgeschichten einen Favoriten?


Torsten Scheib: Schwer. Es mag sich komisch anhören, aber ich denke, diese Position könnte durchaus der anstehende Göttersturz einnehmen. Teilweise – und rein subjektiv betrachtet – sind da Passagen dabei, die ich für das Beste halte, was ich bislang geschrieben habe. Schwester Sexy (aus Enter Sandman: Inspiration Metallica) mag ich auch sehr. Eine fiese kleine Story mitsamt dem passenden Ende.


Michael Schmidt: Toxic Lullaby ist dein erster Roman. Werden jetzt weitere folgen und was hast du konkret in Planung?


Torsten Scheib: Ich hoffe es! Ideen für weitere Romane – auch jenseits des Horrors – spuken genug in meinem Schädel rum, wobei mein Augenmerk vorläufig wohl den beiden nächsten Toxic-Romanen gelten wird. Ganz Recht, wenn mir die Götter gewogen sind, plane ich eine Trilogie. Ein Prequel (also eine Vorgeschichte) und zum Abschluss eine Fortsetzung, die nahtlos an den ersten Band anknüpfen wird.


Michael Schmidt: Auf welche Veröffentlichungen darf man sich noch demnächst freuen?


Torsten Scheib: Neben dem Göttersturz steht noch die eine oder andere Kurzgeschichte an, etwa ein ziemlich cooler Zombie-Horror-Western in dem Sergio Leone auf George Romero trifft. Im Verlag Thorsten Low werde ich in der Anthologie Dunkle Stundenmit der Story Die Dunkelheit im Herzen vertreten sein, die einerseits ihre Verbindung zu Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt nicht gänzlich verleugnen kann, andererseits von der Thematik her eine Art Testballon für einen eventuellen Roman darstellt. Ansonsten … lasst euch überraschen!


Michael Schmidt: Was liest du selbst und was würdest du der Horrorgemeinde empfehlen?


Torsten Scheib: Ach, querbeet. Mal Horror, mal Krimis, mal Fantasy, mal Science-Fiction, mal Comics… es muss mich halt ansprechen. Lesetipps für die Horrorgemeinde?

Neben den üblichen Verdächtigen, die wohl keiner Erwähnung bedürfen, fand ich aktuell Patrick Senécals Roman 7 Tage der Rache (Festa) sehr intensiv und packend und Lauren Beukes' Shining Girls (rororo) war zwar nicht immer perfekt, schmeckte aber an den besten Stellen so edel wie ein gut gekühltes Tannzäpfle-Bier. Von ihr erwarte ich noch Großes.


Torsten Scheib auf dem Marburg Con (rote Jacke)
Bei den heimischen Autoren empfehle ich stellvertretend (denn die Auswahl ist groß und wächst beständig!) den grandiosen Vincent Voss, praktisch alles von Markus K. Korb und wer auch gegenüber rasanter Dark Fantasy ohne Schmalz nicht abgeneigt ist, dem dürfte Thomas Finns aktueller Wälzer, Schwarze Tränen bestimmt gefallen!


Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Leute da draußen!

Torsten Scheib: Danke und unterstützt die hiesige Szene weiterhin so leidenschaftlich. Außerdem: Ich war's noch immer nicht. Und zu guter Letzt: alles ist verbunden.



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