Samstag, 12. Februar 2011

Eine Stadt zwei Konzepte

Die Realitätsferne ist gesellschaftlich verankert. Da werden Kinder auf Schulen geschickt, die sie überfordern. Hauptsache das bestmögliche erreichen, schließlich muss ja der Filius Doktor werden.
Rudimentäre Kenntnisse im Erwachsenenleben zu Expertenwissen hochsterilisiert, getrieben wird dies vor allem von den Adlerwerken und den diversen Sklavenhalter sprich Zeitarbeitsunternehmen.
Die realitätsferne findet sich aber auch in der hohen Politik. Der wandelnde Hosenanzug ist am Ende, doch weder tritt er zurück, noch steuert er um. Aber wie will die nordostdeutsche Dame das Boot auch umsteuern, rudert doch jeder wie er will.
Gleiches galt letztes Jahr für den HSV. Einig waren sich alle im Ziel: Meisterschaft. Doch vor der Ernte muss gesät werden, dieser Grundgedanke ging frühzeitig verloren.
In Hamburg gibt es jetzt doppelte Realitäten.
Hier der urhanseatische Großklub mit beispielloser Tradition und einem gewaltigen Potential, das leider die letzten Jahrzehnte brachlag, trotz gewaltiger finanzieller Aufwendungen.

Dort der gefühlte Underdog aus dem zwielichtigen Rotlichtviertel, die Totenkopfflagge als Programm.
Gegensätzlicher wie die beiden prägenden Hamburger Vereine geht es kaum. Das findet man in keiner anderen Stadt der Welt. St.Pauli und sein autonomes Milieu. Die Spiele gegen die Rostocker waren immer ein Sicherheitsrisiko, denn die Fanszene an der ostdeutschen Küste steht für rechtsgerichtete Dumpfbacken und so treffen die Geburtsfeinde aufeinander.
Während St.Pauli am Rand der Gesellschaft aufgestellt ist, ist der HSV der Vorzeigetyp des bürgerlichen Vereins. Sponsor war zuletzt die hanseatische Landesbank, ein weiterer Großsponsor die arabische Emirates Airline. Entsprechend ist der Boss ein Mann aus der Wirtschaft und so denkt auch der Vorstand samt Aufsichtsrat. Moderne Konzepte a la Labbadia samt geschniegeltem Aussehen scheinen da gut anzukommen, während auf dem Kiez Stanislawski das Zepter in der Hand hält. Dieser denkt zwar modern und war auch Jahrgangsbester beim Trainingslehrgang, kommt aber sehr kantig und original rüber.
Doch es gibt auch Ähnlichkeiten. So wie der HSV es nicht schafft, sich in der absoluten Spitze zu etablieren, bleibt St.Pauli ein Wanderer zwischen drei Klassen. Mal die Trauer über den Abstieg in die dritten, dann zum 100-jährigen Jubiläum den Sprung ins Oberhaus.
Nach dem Jugendwahn kauft der HSV den alternden Superstar van Nistelroy und verstärkt die holländische Kolonie, kontern die Paulianer und verstärken sich durch den Ex-Nationalspieler Asamoah. Auch haben bei einen erfahrenen Torhüter und die Mannschaften Stärken in der Offensive.
Was auffällt: Im Moment spielt niemand aus St.Pauli beim HSV aber zwei exHSVler beim Kiezclub.
Die Clubs zeigen die beiden Lager der Gesellschaft. Und es dürfte spannend sein, wer die Mitte dieser verkörpert. Die Mitte, die sich in der Politik in Luft aufgelöst hat. Lagerkampf überschattet unsere deutsche Nation. Schwarz-gelb hat das Visier heruntergelassen und hat den Sozialstaat frisiert, etwas, das nicht überraschend kommt, doch die Folgen sind nicht absehbar. Gleiches oder ähnliches hat die SPD erst verschlankt (die Grünen hätten ohne Schmidt und einer konservativen SPD nie diesen Stellenwert erreicht), dann sich selbst zerrissen (Lafontaines verliert 1998 gegen Schröder und gründet die Linken).
Mal sehen, wie es die christlose Union trifft. Im Moment steht Pattex Pate, doch um sie herum erodiert die Mannschaft.
Eine ähnlichen Unterschied sehen wir auch bei den zwei Hamburger Klubs. Während der Präsident des Kiezclubs den Aufstieg als Ausstieg nimmt und sich damit unsterblich macht, hechelt Pattex-Hoffmann einem Erfolg hinterher und agiert entsprechend.
Immerhin scheint ein großer Umbruch auszubleiben, das lässt hoffen.
Der HSV mit seinem komplizierten Geflecht an Entscheidungswegen scheint auch ein Abbild des Föderalismus zu sein. In der politischen Republik ist es auch kaum möglich, ein Schiff zu steuern, da zu viele Strömungen im deutschen Fahrwasser lauern.
Da scheint der schlanke St.Pauli Apparat besser gerüstet. Der Präsident überlässt den sportlichen Teil denen, die sich damit auskennen. Und Schulte scheint nicht alles falsch zu machen, wie der Aufstieg zeigt.
Doch wer zuletzt lacht, lacht am Besten. Vielleicht kommt der HSV 2011 doch noch unter die ersten Drei, während St.Pauli wieder in die 2. Liga zurückkehrt.
Planbar ist so was nie. Da hätte es die politische Welt einfacher. Steuererhöhungen und Sozialrasur stand schon 2008 fest. Doch gerade Ersteres lässt sich nicht verkaufen. Das Rekordergebnis der gelben Wirtschaftsradikalen zeigt, dass die Realitätsferne mehrheitsfähig ist und alle gesellschaftlichen Schichten erreicht hat.
Und diese wundern sich jetzt: Denn die Wahrheit liegt auf dem Platz!

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