Sonntag, 2. März 2014

Regina Schleheck (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Regina, stell dich den Zwielicht-Lesern doch mal kurz vor!
Regina Schleheck: Vorstellungen sind so eine Sache. Je nachdem, ob man erst mich und dann meine Texte kennenlernt oder umgekehrt, erlebe ich Reaktionen zwischen Erschrecken und Erleichterung. Da ich mich als integre Person empfinde, verblüfft mich die Neigung der Menschen Bote und Sendung zu identifizieren. Ich bin ein ziemlich unauffälliger Mensch. Das hindert mich nicht über Dinge nachzudenken, die auffallen. Mir zumindest.
Michael Schmidt: Du gibst in Ausgabe 4  mit deiner Geschichte „Cristal von der Post“ dein Debüt in Zwielicht. Wovon handelt die Geschichte?


Regina Schleheck: Es gibt aktuell eine heiße Debatte zur Novelle des belgischen loi de l'euthanasie, das todkranken Kindern das Recht auf Sterbehilfe zugesteht. Keine Sorge, es geht nicht um Kinder in meiner Geschichte. Zur Frage der Lebenswürdigkeit bei eingeschränkter Lebensfähigkeit würde ich mich immer für ein uneingeschränktes Recht auf Lebenshilfe aussprechen. Das ist natürlich ziemlich idealistisch  gedacht. „Cristal von der Post“ ist phantastisch, aber vergleichsweise lebensnah.
Michael Schmidt: „Cristal von der Post“ ist ja eher eine SF-Geschichte. „Hackfleisch“ aus Zwielicht Classic 5 eher ein Krimi. Hast du irgendwelche Genre-Vorlieben oder schreibst du gerne Querbeet?
Regina Schleheck: Ich schreibe in erster Linie Alltagsgeschichten. Da Horror, Kriminalität und Phantastisches unseren Alltag begleiten, passen meine Erzählungen mal eher in diese oder jene Schublade oder auch in keine. 
Michael Schmidt: „Hackfleisch“ gewann den Glauser 2013. Was bedeutet dir die Auszeichnung?
Regina Schleheck: Sie ist der Oscar im deutschsprachigen Krimi, der von den Krimi-KollegInnen verliehen wird. Großartige Inszenierung, super dotiert, und der ein oder andere hatte dann auch schon mal meinen Namen gehört, wie viele Anfragen von Verlagen, Herausgebern, Veranstaltern und Agenten zeigen. Sicherlich eins der Glanzlichter unter den insgesamt vierzehn Auszeichnungen und Nominierungen, die ich 2013 erhielt. Aufnahmen belegen, dass es mich nicht kalt gelassen hat:
Laudatio Nina George zum Glauser-Preis: Youtube
(Kurze) Dankesrede
Michael Schmidt: Welche Intention hat die Geschichte, die in Zwielicht Classic V  erschienen ist?
Regina Schleheck: Sie schildert den Moment, in dem der Alltag kippt. Eine kleine Mutter-Kind-Studie, die zeigt, dass das Grauen eine Weile braucht, ehe es sich entfalten kann. Dann aber umso machtvoller. Wir sind darauf nicht vorbereitet. Unsere Normalität, unser geregeltes Leben basiert auf der Annahme einer Übereinkunft von Humanität.  Die ist aber reine Fiktion und eher die glückliche Ausnahme. Wenn es gut läuft, kann der Mensch gut sein, durchaus.
Michael Schmidt: „Hackfleisch“ wird auch als Übersetzung erscheinen. Wo?
Regina Schleheck: Im „Ellery Queen's Mystery Magazine“, einem New Yorker Krimi-Magazin, das seit 1945 monatlich erscheint. Stephen King nennt es „the best mystery magazine in the world, bar none“. Das ist schon eine große Ehre.
Michael Schmidt: In Zwielicht Classic sind einige deiner Geschichten erschienen und zeigen die Bandbreite deines Schaffens. Hast du Favoriten unter den Geschichten?
Regina Schleheck: Meist die, an denen ich gerade schreibe. Aber wenn ich die Texte irgendwann später im Rahmen von Veröffentlichungen Korrektur lese, bin ich oft wieder positiv überrascht. So schnell, wie ich Geschichten schreibe, so schnell vergesse ich sie meistens. Sie wachsen mir natürlich noch einmal besonders ans Herz durch Leserrückmeldungen, Reaktionen des Publikums und natürlich Rezensionen oder Laudationes. Von den Geschichten, die du bisher von mir veröffentlicht hast, geht mir persönlich „Auto fahren“ aus Zwielicht Classic II am meisten unter die Haut. Es ist die einzige Geschichte, die ich je erzählt habe, die im Kern genau so passiert ist. Einem Freund. Für den es nie ein „normales“ Leben gegeben hat. Horror pur.
Michael Schmidt: Wie viele Geschichten hast du schon verfasst und gibt es eine Sammlung?
Regina Schleheck: Uff, es werden sicherlich dreihundert sein. Kurzgeschichten. Ich hab ja auch Hörspiele, längere Erzählungen, Drehbücher und anderes verfasst, auch Lyrik. Die Hörspielreihe „Mark Brandis“ habe ich mit konzipiert und das Hörspielskript zum ersten Band geschrieben, das mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem lektoriere ich, bin Herausgeberin, Mentorin, Jurorin, Referentin, veranstalte gut fünfzig Lesungen im Jahr. Ich probiere nach wie vor vieles gerne aus, hab ja auch erst sehr spät mit dem Schreiben angefangen. Leider mangelt es mir neben einem ziemlich anstrengenden Hauptjob an Zeit. Familie hab ich ja auch. Eine ziemlich große sogar, die ich alleine ernähren muss. Außerdem kann ich immer schlecht nein sagen, wenn es ums Weltretten geht, also bekleide ich verschiedene Ehrenämter. Unter anderem leite ich die Regio West der „Mörderischen Schwestern“, die dem weiblichen deutschsprachigen Krimi zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen wollen. Aber zurück zu deiner Frage: Es gibt eine Sammlung mit 24 meiner Kurzgeschichten. Ernst Wurdack kam 2008 mit dem Projekt auf mich zu. Er nannte den Band nach der Titelgeschichte „Klappe zu – Balg tot“. Mittlerweile gibt es ihn in der zweiten Auflage in einem anderen Verlag.
Michael Schmidt: Was liest du selbst?
Regina Schleheck: Viel zu wenig. In meiner Jugend habe ich Bücher verschlungen, später Literaturwissenschaften studiert, mit den Kindern ist das Lesen durch das Vorlesen abgelöst worden, heute durch das Schreiben. Ich lese beruflich bedingt immer noch viel, nebenher aber nur noch ausgewählte Bücher von KollegInnen, darüber hinaus nutze ich mein ständiges Unterwegssein im Auto für Hörbücher. Wenn man so gut vernetzt ist wie ich, kriegt man von den KollegInnen dauernd Neuerscheinungen. Über die ich mich natürlich wahnsinnig freue.  Aber mein Stapel ungelesener Bücher wächst und wächst.
Michael Schmidt: Nach der Geschichte ist vor der Geschichte. Was hast du in Planung?
Regina Schleheck: Ich habe immer viele Baustellen. Das derzeit umfangreichste Projekt ist ein krimineller Reiseführer über meine Heimatstadt Köln für den Gmeiner Verlag. Ich liebe diese Stadt, daher ist es mir ein mordsmäßiges Vergnügen.
Michael Schmidt: Wie würdest du die deutschsprachige Phantastik-Szene beschreiben? Was hat sie schon und was fehlt ihr noch?
Regina Schleheck: Sie soll sich nicht so klein machen. Wenn sie ihr Nischendasein aufgeben will, muss sie sich von der verfluchten Weltflucht-Tendenz verabschieden. Wunder, Happy-Endings, Schwarz-Weiß-Welten, Helden, Monster, Aliens gibt es durchaus. Als Aspekte unseres eigenen (Da)Seins. Wenn es gelingt, diesen Realitätsbezug zu wahren, kann Phantastik Großartiges leisten, insofern sie im Überschreiten der Grenzen des Möglichen, in überirdischer Komik, als Groteske und Vision mehr Nachhaltigkeit und mehr Problembewusstsein bewirken kann als die so genannte realistische Literatur. Ich bin ein großer Fan des magischen Realismus: Franz Kafka, Günter Eich, Günter Grass, Gabriel García Márquez, Isabel Allende, Salman Rushdie, Patrick Süskind, Lawrence Norfolk. Aber auch Michael Ende, William Goldman, Artemis Fowl, Kai Meyer, Joanne K. Rowling behalten den schmalen Grat, der Realität und Fiktion verbindet, immer im Auge. Das macht ihre Relevanz aus.
Wenn ich die Krimi-Szene und die Phantastik-Szene vergleiche, dann fällt mir immer wieder auf, dass es in der Phantastik zwar ein wirklich rühriges Fandom gibt, aber die Vernetzung der Autoren untereinander ist im Krimi um Längen besser. Vielleicht liegt es in der Natur des Genres, dass die Autoren eher „eigen“ sind. Ich könnte mir vorstellen, dass ein gut funktionierendes Phantastik-Autoren-Netzwerk das Genre noch einmal deutlich voranbringen könnte.
Michael Schmidt: Ein letztes Wort an die Leute dort draußen!
Regina Schleheck: Macht euch nichts vor. Riskiert regelmäßig mal einen Blick in die eigenen Abgründe. Das stärkt ungemein, befördert Dankbarkeit, Glücksgefühle und Respekt. Gute Bücher sind ein prima Behelf dabei.

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