Sonntag, 16. November 2014

Uwe Voehl (Interview)

Bewahrt eure Leidenschaft!



Nichts beweist mehr das gesellschaftliche Desinteresse am Horror als die im letzten Jahrzehnt ansteigende Zahl von Klein- und Hobbyverlagen.
aus "Horror ist ein einsames Wort" von Uwe Voehl (erschienen in Die Horror-Fabrik (Goblin Press)

Michael Schmidt: Hallo Uwe, wir hatten uns schon mal gesprochen, da ging es vor allem um die Horror-Factory, siehe hier. Damals startete diese und mittlerweile sind 26 Ausgaben erschienen. Es gibt Gerüchte, die 26. Ausgabe wäre die letzte gewesen, da die Vorankündigung zur Nummer 27 fehlt. Ist da was dran?

Uwe Voehl: Als die HORROR FACTORY startete, war nur eine Staffel geplant, das heißt, wir hatten den Ehrgeiz, dreizehn eigenständige Romane herauszubringen. Die waren so erfolgreich, dass der Verlag schon nach den ersten E-Books beschloss, eine zweite Staffel anzugehen. Es gab und gibt keinen Grund, von einer Einstellung zu sprechen.  Es liegen, wie du sagst, 26 Horror-Romane vor, die Edition ist damit vorerst abgeschlossen. Und der Unterschied zu Romanheften – abgesehen vom inhaltlichen Anspruch – ist nun mal der Vorteil, dass alle 26 Romane sehr, sehr lange und jederzeit verfügbar sein werden.


Michael Schmidt: Mit welchen Erwartungen bist du damals an die Horror Factory herangegangen und jetzt, nach 26 Ausgaben, wie fällt dein Resümee aus?

Uwe Voehl: Nun, zunächst einmal wollte ich endlich wieder eine Horrorreihe mit eigenständigen Romanen etablieren. Gleichzeitig sollte es keine Endlosreihe werden, die irgendwann nach hinten immer mehr ausfranst, sondern mir schwebte eine Art Bestandsaufnahme oder Katalog aktueller deutschsprachiger Horrorliteratur vor. Dazu gehören etablierte Autoren, die im Romanheftgenre ihr Geld verdienen wie Christian Montillon oder Timothy Stahl ebenso wie talentierte Nachwuchsautoren wie Vincent Voss oder Rona Walter.  Aber natürlich auch Bestsellerautoren wie Wolfgang Hohlbein. Mit Robert C. Marley und Oliver Buslau habe ich zwei Krimiautoren für die Reihe gewinnen können, von denen ich wusste, dass sie ein Faible für Horrorliteratur haben.
Nach wie vor stehe ich hinter jedem einzelnen Roman, den ich ausgewählt habe, aber es gab natürlich von meiner Seite her Wünsche, die leider unerfüllt blieben. Nicht jeder Autor, den ich angefragt habe, hatte auch Zeit.

Michael Schmidt: Welche Bände fandst du besonders herausragend?

Uwe Voehl: „Herrin der Schmerzen“ von Michael Marcus Thurner ist mein persönlicher Lieblingsroman. Ich bin einfach vernarrt in diese morbiden, abseitigen Phantasien, wie sie wohl nur ein Österreicher spinnen kann. Früher war es Ernst Vlcek, der mich in dieser Hinsicht begeisterte und inspirierte. In Michael Marcus Thurner hat er seinen würdigen Nachfolger gefunden. Als Autor war Christian Endres eine Neuentdeckung für mich. Er hat mit „Crazy Wolf“ sofort einen völlig neuen, eigenständigen Stil entwickelt.

Michael Schmidt: Du bist ja wie immer umtriebig und Herausgeber von Angel Island. Wie kam es zu dem Buch und wer ist Oliver Schütte?

Uwe Voehl: Oliver Schütte ist Drehbuchautor und Dramaturg und wie ich für die Bastei Lübbe Academy tätig. In diesem Rahmen entstand die Idee zu „Angel Island“: Acht Autoren schreiben jeweils eine eigenständige Geschichte, die an Halloween auf Angel Island spielt. Oliver Schütte und Jan Wielpütz, der eigentlich auch zum Herausgeberteam zählt, haben mit vier Autoren aus der Academy die Storys erarbeitet. Ich habe vier Autoren von außerhalb gebeten, eine Story beizusteuern.
Michael Schmidt: Ist das der Beginn einer neuen Renaissance der Kurzgeschichte bei großen Verlagen wie Bastei oder wird das eher die Ausnahme bleiben?

Uwe Voehl: Ich sage immer: Mal sehen, wie sich die Anthologie verkauft. Bisher wohl recht gut. Aber die Konstellation, aufgrund der „Angel Island“ entstand, war ein absoluter Glücksfall. Leider sehe ich generell keine Renaissance. Das, was da in letzter Zeit bei verschiedenen Verlagen herauskam, war in dieser Menge sicherlich ein Zufall und immer dem Engagement Einzelner zu verdanken. Vor Kurzem schrieb ich ein Essay mit dem Titel „Horror ist ein einsames Wort“.  Ich fürchte, irgendwann wird es ein vergessenes Wort sein. Zumindest auf gedruckten Büchern.
Ganz anders sieht das natürlich abseits der Großverlage aus. Ich lese gerade mit großem Vergnügen „Aus dunklen Federn“, eine mit viel Liebe herausgegebene Anthologie von Sonja Rüther mit Storys von Markus Heitz, Thomas Finn, Boris Koch und einigen anderen. So ein Buch wird unter den Horror-Fans immer seine Leser finden.
 
Michael Schmidt: Vor 35 Jahren warst du Herausgeber der Galgenpuppe, jetzt Angel Island. Wie würdest du 35 Jahre Anthologien und Kurzgeschichten zusammenfassen? Was hat sich in dieser Zeit geändert und was blieb gleich?

Uwe Voehl: In meinem Fall erschienen beide Anthologien unter professionellen Bedingungen bei einem Großverlag. In beiden Fällen hatte ich völlig freie Hand, heute kommt der Vertrauensbonus vielleicht hinzu. Der Unterschied dürften die Auflagen sein: Die Vampir-Taschenbuchreihe stand damals in jeder Bahnhofsbuchhandlung und hatte bis zu 20.000 Leser. Horror war damals ein populäres Genre weit in alle Gesellschaftsschichten hinein.

Michael Schmidt: Du schreibst ja auch vor allem selbst. Welche deiner neu erschienen Horrorkurzgeschichten sollte man auf jeden Fall lesen?

Uwe Voehl: Ich schreibe kaum mehr Kurzgeschichten, zuletzt einige Krimis. Insofern empfehle ich meine Kurzstory „Blutschande“, die in der Anthologie „Diagnose Mord“ im Buchvolk-Verlag herausgekommen ist. Selbst als Autor geht sie mir beim Wiederlesen immer noch unter die Haut – mehr als manche Horrorstory.

Michael Schmidt: In der Horror Factory ist ja deine dreiteilige Kurzserie „Necroversum“ erschienen. Wird diese irgendwann auch als gedrucktes Buch erscheinen und wie sieht es da auch mit den anderen HF-Bänden aus?

Uwe Voehl: Gedruckte Bücher (klingt fasst wie ein weißer Schimmel, aber so heißt es ja nun einmal) sind nicht geplant. Bastei Entertainment ist ausschließlich an der Entwicklung und Vermarktung von digitalen Serienprodukten interessiert. Und auch nur dafür zuständig, das darf man nicht vergessen. Dieser Markt ist nun mal Teil der Zukunft und eröffnet auch für uns Autoren ungeahnte (um nicht zu sagen: unbegrenzte) Möglichkeiten. Immerhin sind die ersten Bände der HORROR FACTORY jetzt auch im englischsprachigen Raum abrufbar. Wann hat es das schon mal gegeben?

Michael Schmidt: Was hat der Autor Uwe Voehl noch so geplant für die nächste Zeit?

Uwe Voehl: Nachdem ich die Redaktion für COTTON RELOADED, der digitalen Fortsetzung der Kultserie JERRY COTTON übernommen habe, ist die Zeit für den Autor nach wie vor knapp. Ich schreibe ja auch noch die Exposés für die Horror-Serie DAS HAUS ZAMIS und steuere für DORIAN HUNTER (beide Zaubermond-Verlag) ab und zu einen Roman bei. Als Autor wage ich mich als Nächstes an ein größeres Thriller-Konzept. Mal sehen, ob etwas daraus wird.

Michael Schmidt: Ich habe deinen Namen bei Perry Rhodan Neo gelesen. Bist du jetzt auch SF Autor und was erwartet einen interessierten Leser?

Uwe Voehl: Die Arbeit an PR-NEO hat mir großen Spaß gemacht, aber auch Albträume beschert, weil ich zeitlich einfach nicht damit fertig wurde. Es war unwahrscheinlich viel Arbeit, die ich reingesteckt habe. Letztlich saß ich doppelt so lange dran wie geplant. Im Gegensatz zum Horror oder Krimi fließt mir SF nicht so aus der Feder. Ich lebe vom Schreiben, muss also irgendwie auch rationell arbeiten, und das gelingt mir im Falle von SF nicht. Daher belasse ich es zunächst bei diesem einmaligen Ausflug.

Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Leser dort draußen!

Uwe Voehl: Zunächst danke ich dir für deine interessanten Fragen und die Möglichkeit, einige Dinge zum Stand der HORROR FACTORY zu sagen. Ich bedanke mich bei allen, die die HORROR FACTORY auch weiterhin unterstützen! Und allen Horror-Lesern, der ja auch ich einer bin, kann ich nur wünschen: Bewahrt eure Leidenschaft! Sie kann euch keiner nehmen!

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