Donnerstag, 1. April 2021

Brainpool

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Brainpool (aus Projekt Mensch und Teutonic Future)


Brainpool
erschien 2008 in der Anthologie 
Projekt Mensch  und wurde im Dezember 2011 in Teutonic Future erneut veröffentlicht. Hier die Leseprobe über eine verherrende Erfindung.

Pressemeldung Frühjahr 2004:
Das Unternehmen Cyberkinetics stellte heute den Chip BrainGate vor. 
Ein pillengroßer Chip erlaubt es einem querschnittgelähmten Mann, mit seinen Gedanken E-Mails abzufragen und Computerspiele zu spielen.
Das Implantat ist so leistungsfähig, dass der 24-jährige Patient in der Lage ist, den Computer mithilfe seiner Gedanken ein- und auszuschalten und gleichzeitig zu sprechen und seinen Kopf zu bewegen.
„Dieser Chip hat 100 Elektroden, die theoretisch in 100 Neuronen andocken können. Es ist geplant, das Implantat bei weiteren Patienten einzusetzen“, so ein Unternehmenssprecher. 

Rheinland City , irgendwann im 21. Jahrhundert
Marc fluchte, als er auf seine Uhr sah. Schon halb zehn. Er rutschte ein wenig im Stuhl hin und her, langsam schmerzte der Rücken vom langen Sitzen. Er beugte sich zurück, atmete dreimal tief ein und wieder aus. Er schloss für den Moment die Augen und versuchte das aktuelle Problem zu verdrängen. Die Oberflächenstruktur der Proteine hatte seinen Forschungseifer geweckt, aber jetzt konnte er nicht mehr. Seine Augen brannten, nur mit Mühe konzentrierte er sich auf die vor ihm liegende Arbeit.
Nein, es hat keinen Zweck. Ich kann nicht mehr. 
Marc ignorierte den dampfenden Kaffee, der nahe seiner linken Hand stand, fuhr sich durch das schütter werdende Haar und beschloss, für heute Schluss zu machen. Zwar spürte er, dass er dem lang ersehnten Durchbruch nahe war, aber er forschte jetzt schon so lange, da kam es auf den einen oder anderen Tag auch nicht mehr an. Seine Kraft neigte sich einfach dem Ende zu. 
Zuerst deaktivierte er das Mikroskop aus, danach befahl der Arbeitseinheit sich abzuschalten und verzichtete darauf, das Chaos auf seinem Schreibtisch zu ordnen.
Marc kannte sich: In diesem Zustand würde alles schief gehen. Gläser mit wertvollen Substanzen würden herunterfallen oder irgendetwas würde zu Bruch gehen. 
Er stand auf, streckte die Arme, um wenigstens ein wenig den Verspannungen entgegenzuwirken. Er hob den Arm und dehnte ihn über den Kopf. Dann den anderen. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. 
Mit einem knappen Befehl löschte er das Licht und verließ den Arbeitsraum. Die Leuchtstärke des Ganges war herunter gedimmt, zusätzlich waren zwei von drei Lampen aus. Somit bot sich Marc ein Schattenspiel, das ihm Bewegungen vorgaukelte, wo keine waren. Auch ein Anzeichen dafür, heute Schluss zu machen. Es war still, einzig ein kaum hörbares Brummen lag in der Luft.
Er war wohl einer der Letzten in den Räumen von Cybernote, aber wahrscheinlich war Milting auch noch da. Der Professor war das reinste Arbeitstier und leitete die Gruppe Wissenschaftler zu Recht.
Marc verspürte ein Bedürfnis. Also nahm er an der nächsten Gangkreuzung nicht den Weg zur Eingangshalle, stattdessen suchte er die Toiletten auf. Der strenge Geruch nach Desinfektionsmitteln empfing ihn. Jetzt schrieb man schon das 21. Jahrhundert, doch noch immer haftete den WCs ein ganz spezieller Geruch an.
Marc erledigte sein Geschäft, wusch sich die Hände und kehrte zum Gang zurück. Er wollte gerade weitergehen, als er durch den offenen Spalt von Miltings Bürotür Licht sah. 
Ach, sag´ ich dem guten Milting Hallo. Vielleicht hilft mir ein Gespräch, um den bevorstehenden Durchbruch zu schaffen. Schließlich hat er ähnliche Überlegungen wie ich angestellt. 
Die Idee erschien ihm gut. Er beschleunigte seine Schritte, drückte die Tür auf und betrat den Raum.
„Professor Milting, ich hätte...“
Und verstummte. Milting saß regungslos in seinem Stuhl. Oder besser: Er lag in seinem Stuhl. Beine und Arme hingen leblos herunter. Mit drei Schritten eilte Marc zu dem Regungslosen.
Milting war ein großer schmaler Mann mit schwarzen Haaren und grauen Schläfen. Das Gesicht ein wenig farblos, nur die schwarzen Augenbrauen stachen hervor. Die Wangen hingen erschlafft, der Mund war ein Stück weit offen.
Marc prüfte den Puls an der Halsschlagader. Nichts!
Milting ist tot.
Warum? Warum Milting? Er hatte heute mit ihm gesprochen, und dieser hatte sich bester Gesundheit erfreut. Auch war ihm nicht bekannt, dass Milting überhaupt an einer Krankheit litt. Er war immer der Inbegriff eines gesunden Mannes gewesen.
Und was passiert jetzt mit dem Projekt Gedankenübertragung?
Marc wurde bleich. Milting tot, nicht nur menschlich ein Verlust, auch für die Forschungsgruppe bedeutete dies einen herben Schlag.
„Comp, ruf den Notarzt. Der Professor ist gestorben.“
Die künstliche Stimme bestätigte. Marcs Herz schlug bis in den Hals, aber das Adrenalin verhalf ihm zu keiner Lösung. Milting war tot, er konnte daran nichts ändern. 
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Weil die Nähe der Leiche nicht behagte, beeilte er sich, auf den Gang zu treten. Vom Ende näherten sich drei Gestalten in Kampfmontur, die Gesichter unter Helmen verborgen. 
Was wollen die denn hier? Kommen die wegen Milting? 
Plötzlich splitterte etwas direkt neben ihm, zwei Projektile waren in die Wand geschlagen.
Die schießen auf mich! Scheiße! Was geht denn hier ab?


Keine Kommentare:

Kommentar posten

Zwielicht auf dem Marburg Con

Kommenden Samstag, 24. April, findet der Marburg Con online statt. Zwielicht hat um 13:00 Uhr einen Programmpunkt. Vincent Voss liest aus...