Sonntag, 1. August 2021

Carsten Schmitt (Interview)

 

Michael Schmidt: Hallo Carsten, stell dich doch mal vor!

Carsten Schmitt: Da gibt es nicht so furchtbar viel zu erzählen. Ich stamme aus einem kleinen Ort im östlichen Saarland, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich habe ein paar Jahre in England gelebt, dann ein paar Jahre im beruflich bedingten badisch-pfälzischen Exil, lebe aber nun wieder im Saarland, zusammen mit meiner Partnerin und drei völlig vernachlässigten und dauernd vom Hungertod bedrohten Katern.
Nachts würde ich gerne das Verbrechen bekämpfen, bin aber meist zu kaputt von meinem Job in einem IT-Unternehmen, dem ich tagsüber nachgehe. 

Vor der Arbeit schreibe ich. Ich bin kein geborener Frühaufsteher, aber ich habe festgestellt, dass es mir dabei hilft, Verstand und Seele zu bewahren, die in der “Business-Welt“ gerne mal unter die Räder kommen.

Michael Schmidt: Deine Geschichte Wagners Stimme kann man auf Tor Online nachlesen. Vielleicht mal ein paar Worte, was den Leser erwartet!

Carsten Schmitt: Es geht ums Älterwerden, um Familie und die Muster, Erinnerungen und Verletzungen, die uns mit den Menschen in unserem Umfeld verbinden. Letztendlich aber um die Frage:  Wenn Algorithmen lernen können, wer ich bin, und mich dabei unterstützen könnten auch bei fortschreitender Demenz länger “Ich” zu bleiben—heißt das dann, dass ich als derjenige konserviert werde, der ich vor der Diagnose war? Oder gibt es noch ein Ich danach, dass sich entwickeln und ändern kann, eigene Entscheidungen treffen darf?


Michael Schmidt: Erschienen ist sie in der Anthologie
Wie künstlich ist die Intelligenz. Was erwartet den Leser in diesem Buch?

Carsten Schmitt: Die Anthologie war der Einstand des Plan9-Verlags, genaugenommen ein Imprint der Bedey-und-Thoms-Verlagsgruppe. Verlegerin Sandra Thoms hat ein großes Herz für die Science Fiction und kam im Gespräch mit Herausgeber Klaus N. Frick auf die Idee, Storys zum Thema Künstliche Intelligenz zu sammeln. 

Zusammengekommen sind—passend zum Verlagsnamen—neun Beiträge von Autorinnen und Autoren, angefangen bei Bestsellerautoren und etablierten Namen bis hin zu Leuten, die niemand kennt, wie zum Beispiel mich. 😀
Die Spannbreite der Geschichten reicht von Beiträgen, die in der fernen Zukunft, im Weltall oder auf dem Mars spielen, bis hin zu “Near Future”-Szenarien.
Die Meinungen dazu gehen auseinander, aber ich begrüße es, dass die Geschichten nicht nur das Klischee der KI als Künstliches Bewusstsein (Stichwort “Singularität”) wiederkäuen, sondern sich mit auch mit dem Thema lernender Algorithmen beschäftigen, wie sie uns schon jetzt oder in der nahen Zukunft betreffen werden. 

Weil mich die Wechselwirkung zwischen Kunst und Wissenschaft, konkret zwischen Science Fiction als Kunstform und realer technologischer und sozialer Innovation interessiert, habe ich angeregt, einen Beitrag vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) einzubinden, was sich im Nachwort von Reinhard Karger niedergeschlagen hat. (Nebenbei bemerkt war es für mich als Autor eine schöne Erfahrung, sich neben meiner Erzählung auch mit solchen Ideen inhaltlich einbringen zu können.) 

Michael Schmidt: Findest du solch aktuelle Themen wichtig oder sollte SF eher unterhaltsam sein?

Carsten Schmitt: Das ist eine Fangfrage, oder? Ein bisschen kann man meine Meinung dazu schon aus meiner vorigen Antwort herauslesen. Science Fiction als Zukunftswerkzeug, Stichwort “Science Fiction Prototyping”, ist eine faszinierende Sache, die mir persönlich am Herzen liegt. Außerdem ist Literatur immer ein Kind ihrer Zeit, also lassen sich aktuelle Themen nie ganz vermeiden.

Allerdings kriege ich bei  der—wie ich finde typisch deutschen—Diskussion um “E-” und “U-”Kultur, die hier ein bisschen anklingt, regelmäßig akutes Augenrollen. Ich habe schon einmal in einem 3-Sterne-Restaurant gegessen. Das war kein Essen, das war Kunst. Und es war ziemlich geil, wenn ich das so flapsig sagen darf.
Und dann gibt es unweit meiner Arbeitsstätte eine ganz traditionelle Imbissbude, mit Holzkohlegrill. Dort gibt es eine verdammt gute Currywurst mit einer gescheiten Soße, und ja, ich esse dort nicht ständig aber immer wieder mal gerne zu Mittag.
Ist das Essen bei der Wurstbude “besser” oder “schlechter” als im Nobelschuppen? Wo esse ich “lieber”? Falsche Fragen, denn ich kann an beidem Freude haben. Beide Gastronomen wissen genau wer sie sind und was sie wollen und machen das so gut sie können. 

Der Vergleich zur Literatur hinkt natürlich, allein schon weil Literatur im besten Fall sowohl, ich nenne es mal “Anspruch”, und “Unterhaltung” verbinden kann. Doch es ist völlig in Ordnung, wenn eine Geschichte eine Tendenz in die eine oder andere Richtung hat. Nur ordentlich gemacht soll sie sein. Gute Unterhaltung muss nicht dumm-primitiv sein, anspruchsvolle Literatur nicht langweilig. Der erzieherische Anspruch muss mir auch nicht auf jeder Seite ins Gesicht springen. 

Wenn ich deine Frage aber kapern darf, würde ich sie gerne ausdehnen und die “Ästhetik” einbeziehen. Die Science Fiction mag als reine Ideen-Literatur entstanden sein, bei der die äußere Form zweitrangig war, aber man möchte hoffen, dass sie darüber hinaus gewachsen ist.
Natürlich sind Ideen die große Stärke der SF und ich erwarte von einer Space Opera (oder einem Fantasy-Epos) keine nobelpreiswürdige Literatur. Wenn aber “guter Stil” auf das Vorhandensein eines Wortschatzes über Boulevardzeitungsniveau reduziert wird, finde ich das schade. Das wird der Bedeutung der Form nicht gerecht, ist zu eindimensional gedacht. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Genre heute noch belächelt wird, ohne damit den Kultursnobismus des Mainstream in Schutz nehmen zu wollen. 

Michael Schmidt: Wagners Stimme wurde für den KLP nominiert und erreichte einen elften Platz. Zufrieden?

Carsten Schmitt: Ganz ehrlich? Ja, irgendwie schon.  Klar, eine bessere Platzierung hätte mich gefreut, aber ich habe 2016 nach mehr als 15 Jahren Pause wieder mit dem Schreiben angefangen. Wagners Stimme ist die fünfte Geschichte, die ich seitdem geschrieben habe. Insofern konnte ich es erst nicht ganz glauben, als ich von der Nominierung erfahren habe.
Ich denke auch, bei aller Kritik die manchmal zu hören ist, dass der Preis eine gewisse Aussagekraft besitzt. Nur heißt das im Umkehrschluss nicht, dass eine Geschichte, die nicht gewonnen hat (oder eine “gute” Platzierung erreicht hat), deswegen “schlecht” ist.
Daher ärgere ich mich nicht, und will auch gar nicht über die Gründe oder gar vorsätzliche Böswilligkeit spekulieren. Meine Leserschaft schuldet mir gar nichts, und genauso wenig tut es eine Jury. 

Michael Schmidt: Beim DSFP wurde Wagners Stimme als eine von fünf Geschichten nominiert. Erfüllt dich das mit Stolz und wie schätzt du deine Chancen ein?

Carsten Schmitt: Na, eins zu vier, oder?😉 Ich will es so ausdrücken: Ich habe am Wochenende der Preisverleihung freitags eine Lesung in Saarbrücken geplant und die habe ich nicht abgesagt, als ich von der Nominierung erfahren habe. Zum Sinn und Unsinn von Spekulationen habe ich oben schon etwas gesagt. 

Bin ich stolz? Terry Pratchett meinte einmal sinngemäß, in jedem alten Mensch stecke ein junger Mensch, der sich frage: “Wie konnte das denn passieren?”
Ich fühle mich nicht “alt”, aber alt genug, dass der Teenager-Carsten in mir manchmal verwundert durch meine Augen auf mein Leben blickt und fragt: “Wolltest du nicht mal Schriftsteller werden?” Der Teenager-Carsten, der in den 90ern auf Conventions bei den Preisverleihungen im Publikum saß und sich dachte, die da oben auf der Bühne haben es geschafft.
Ich weiß heute, dass das damals hoffnungslos naiv war, aber diesem Carsten hätte die Vorstellung gefallen, im selben Jahr für den KLP und den DSFP nominiert worden zu sein. Unabhängig davon, wie der realistische und abgeklärte Mittvierziger-Carsten heute darüber denken mag. Also ja, ich freue mich. Alles andere zu behaupten wäre Heuchelei. 

Michael Schmidt: Ich habe mal auf deiner Homepage gestöbert. Du schreibst auf deutsch UND englisch?

Carsten Schmitt: Das hat sich mehr oder weniger aus Zufall ergeben. Ich dachte immer, ich bin kein Joseph Conrad und habe mir das nicht zugetraut. Dann las ich die Ausschreibung für George R. R. Martins TERRAN AWARD, und dachte mir, was kann schon schiefgehen? Wenn ich nicht genommen werde, habe ich nichts verloren. Ich wurde “nur” zweiter, was aber bedeutete, dass ich für den TAOS TOOLBOX-Workshop von Walter Jon Williams und Nancy Kress angenommen war. Seitdem schreibe ich hin und wieder auf Englisch oder übersetze meine Texte. Wobei ich manchmal frage, warum ich mir diese Mühe antue. Dann sehe ich den Markt für Kurzgeschichten in Deutschland und dann fällt es mir wieder ein 😀. Dafür sind die Anforderungen in der “Anglosphäre“ um einiges höher und man muss sich an die zahlreichen Ablehnungen gewöhnen.

Gruppenbild des "Red Workshops" von Walter Jon Williams

Michael Schmidt: Auf welche deiner Veröffentlichungen bist du besonders stolz?

Carsten Schmitt: Das ist schwer zu sagen. Weil ich so wenig geschrieben habe, ist fast jede Veröffentlichung etwas besonderes, denn dadurch sind so viele “erste Male” darunter: das erste eigene Fanzine, die erste “professionelle” Veröffentlichung, das erste Honorar, usw.
Wenn du mich jetzt aber zu einer Antwort zwingst, dann würde ich eine noch ausstehende Veröffentlichung nennen, nämlich “Lethe’s Share” in der Anthologie THE KNOT WOUND ROUND YOUR FINGER, die beim kanadischen Kleinverlag Bellpress Books später in diesem Jahr erscheinen soll. 

Michael Schmidt: Woran schreibst du gerade?

Carsten Schmitt: Leider ist meine “Schreibzeit” knapp bemessen, und zurzeit geht das meiste davon für einen Lektoratsjob drauf. Seit letztem Jahr helfe ich bei dem kleinen aber sehr feinen Rollenspielverlag System Matters aus. Als Redakteur koordiniere und lektoriere ich die Übersetzung eines Bandes mit Rollenspielabenteuern.
Da bleibt nebenbei leider kaum Zeit. Das ist ziemlich ungünstig, denn im Herbst ist da noch die bereits angesprochene Lesung, für die ich noch eine Gruselgeschichte schreiben muss. Das läuftim Rahmen des TOTENSCHEIN-Projekts, das Tanja Karmann und ich zusammen betreiben. Aber wer braucht schon Schlaf?

Dann wäre da noch das ominöse Romanprojekt, aber wir reden nicht darüber. Weitergehen, weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen, niemand hat etwas von einem Romanprojekt gesagt. Gäbe es dieses Romanprojekt, wäre es Fantasy, aber für Leute, die eher Science Fiction mögen, was unter Marketinggesichtspunkten sicher eine großartige Idee ist.

Michael Schmidt: Sind für die nächste Zeit weitere Veröffentlichungen geplant?

Carsten Schmitt: Noch dieses Jahr soll das Buch MAGIC FUTURE MONEY erscheinen, eine Anthologie zum Thema “Geld” in der Zukunft. Darin ist meine Kurzgeschichte “Die Frau in Zimmer 9” enthalten. Nähere Informationen gibt’s auf der Seite des Wettbewerbs

Sehr wahrscheinlich ebenfalls noch in diesem Jahr wird eine Übersetzung von “Tahdukeh” aus DER UNMÖGLICHE MORD, in Ausgabe 8 des britischen OCCULT DETECTIVE MAGAZINE erscheinen. 

Augenblick läuft (noch) das Crowdfunding für THE KNOW WOUND ROUND YOUR FINGER, des kanadischen Indie-Verlags Bellpress Books. Darin enthalten ist die bereits angesprochene Kurzgeschichte “Lethe’s Share“–eine Science-Fiction-Story über das Klonen, ewiges Leben, und vor allem um Erinnerungen und wie sie uns ausmachen. Diese Geschichte gibt es noch nicht auf deutsch.

Der Kickstarter läuft noch bis zum 20.August und der Verlag freut sich über jede Unterstützung, wenn mir der dezente Wink mit dem Zaunpfahl gestattet ist. 

Michael Schmidt: Was liest du selbst und welche Art von Literatur bevorzugst du?

Carsten Schmitt: Ich lese nicht nur Genre-Literatur, denn sonst kriegt man einen Tunnelblick — nie eine gute Sache. Trotzdem lese ich tatsächlich überwiegend Spekulative oder Phantastische Literatur. Ich hatte nach und nach Phasen, in der ein bestimmtes Sub-Genre dabei überwog, aber mittlerweile habe ich einfach einen sehr breit gestreuten Geschmack.

Ich gebe zu, dass ich in den letzten Jahren ein paar Mal von gehypten, neueren Büchern mehr oder weniger enttäuscht war. Vielleicht lese ich deshalb zurzeit eher ältere Sachen? Aber auch das wird sich bestimmt irgendwann wieder ändern, ich lege mich da nicht fest.

Was andere Genres betrifft, so hatte ich auch schon früh ein Faible für Krimis. Seit einigen Jahren entdecke ich die Welt der Hard-Boild-Romane für mich und bin dankbar für den Tipp eines Bekannten zu Donald Westlake (wobei ich auch dessen humorvollen Romane schätze).

Michael Schmidt: Wie schätzt du die deutschsprachige SF Szene ein?

Carsten Schmitt: Eine vage formulierte Frage… Ich fürchte, mir fehlt der Überblick, oder der tiefere Einblick, um eine sinnvolle Aussage dazu zu treffen. Zwar lungere ich schon seit Jahrzehnten irgendwo in den Randzonen herum, beobachte und mache auch immer wieder mal Ausflüge ins Herz der Szene, aber nie lange genug, um feste Wurzeln zu schlagen. 

Was mir aber aufgefallen ist, dass im Vergleich zu meiner “Anfangszeit“ die Bedingungen für deutschsprachige Autoren besser geworden zu sein scheinen. Nach wie vor können die wenigsten davon leben, aber im Vergleich zu den 1990ern hat sich einiges getan. Schade ist nur, dass Kurzgeschichten immer noch eine Angelegenheit von Kleinverlagen zu sein scheinen.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen?

Carsten Schmitt: Seid nett zueinander—und seht vor allem nicht immer alles so verbissen!

 

 

 

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