Dienstag, 3. August 2021

Silke Brandt (Interview)



Michael Schmidt: Silke, stell dich doch mal vor!

Silke Brandt: Erstmal einen ganz herzlichen Dank für dieses Interview, ich freue mich wirklich wahnsinnig!

Ich wurde 1967 in Wiesbaden geboren, wobei meine Familie aus Norddeutschland bzw. eine Großmutter aus Polen stammt. In Berlin studierte ich Anglistik, Kunstgeschichte und Politologie; arbeitete als Projektleitung im mittleren Management (Marketing). Nebenbei war ich Co-Leiterin eines internationalen Independent-Filmfestivals und schrieb off & on für Feuilletons und Festivalprogramme. Daraus ergaben sich erste Verlagspublikationen. 2008 wanderte ich nach Helsinki aus, arbeitete hier u.a. als Leiterin & Kuratorin eines kleinen Filmfestivals, später als Praktikantin (Kulturproduktion, Antiquariat). Seit 2011 nimmt das Segeln einen immensen Raum in meinem Leben ein – v.a. race sailing mit Jachten und Großseglern – was sich durch Familienrecherche ergab: mein Urgroßvater mütterlicherseits war Großsegler-Kapitän. Ich absolvierte in Finnland eine halbjährige Matrosenausbildung und arbeitete zwei Jahre vollberuflich als Matrosin auf niederländischen Zwei- und Dreimastern (Ost- und Nordsee). Ein Arbeitsunfall und die Pandemie führten zum ersten finnischsprachigen Job in einem Briefzentrum, der mir viel Zeit zum Schreiben lässt und die doppelte Staatsbürgerschaft bescherte. Schiffe segle ich in den finnischen Schären zum Spaß weiter.

Wer Lust hat, kann sich auf meinen Homepages umsehen:

silkebrandt.weebly.com und sailingships.weebly.com (im Aufbau).


Michael Schmidt: Alraune ist soweit ich weiß dein erstes Projekt als Herausgeber. Was ist Alraune?

Silke Brandt: Alraune ist ein „Phantastisches Story-Zine“, das sechs Erzählungen auf umgerechnet 300 Buchseiten im DIN A 4 Format präsentiert. Schwerpunkt ist Contemporary, Science und Dark Fantasy. Als Besonderheit sollte Ernst Wurdacks Titelbild in jeder Geschichte Beachtung finden, sodass sich immer wieder ähnliche Motive, Themen und Referenzen entdecken lassen – die Texte, ihre Settings, Prämissen und Figuren sind dabei individuell, bilden keine Fortsetzungen oder Rahmenhandlungen.

Michael Schmidt: Was erwartet den Leser in Maritime Schrecken?

Silke Brandt: Wir wollten eine eindeutig erwachsene Fantasy, unser Ansatz: Putting the „dark“ back into Dark Fantasy. Es gibt wilde Abenteuer und Action, nostalgisch Ruhiges, einen Schuss Philosophie im Sinne der russischen SF und eine Prise Horror. Ich möchte behaupten, wir hätten ein wirklich frisches, abwechslungsreiches Story-Zine zusammengestellt. Einige von uns kommen eher aus dem Weird oder Horror und schrieben zum ersten Mal Fantasy.

Michael Schmidt: Mit welchem Team arbeitest du da zusammen und wie habt ihr euch das aufgeteilt?

Silke Brandt: Nachdem wir uns im Phantastikforum bereits zum Thema spekulative Seefahrt ausgetauscht hatten, fragte ich Nils Gampert und Axel Weiß an (beide u.a. von der Deutschen Lovecraft Gesellschaft), das ist ein perfektes Team. Beide haben Erfahrung mit Herausgeberschaft und ich konnte viel lernen – besonders in heiklen Momenten (wir tauschten z. B. einen Autoren wg. verfehlten Themas aus), in denen ich froh war, einen ruhigen, klarsichtigen Gegenpol zu meinem heißen Blut zu haben.

Das Konzept der Ausgabe hatte ich vorher festgelegt,  aber über Beteiligte und Texte entschieden wir gemeinsam. Während ich die meisten Autoren betreute und die Kommunikation mit Ernst (Wurdack) übernahm, erledigten wir dann das Lektorat im Team, Axel betreute Susanne Wolff und übersetzte unseren finnischen Autoren Teemu Korpijärvi aus dem Englischen und Nils hat obendrein sehr viel am Korrektorat geleistet. Damit ich als „Teamchefin“ unter den gleichen Bedingungen schreibe, fragte ich die fantastische, extrem kritische Julia A. Jorges als außenstehende Lektorin für meinen Beitrag an. (Wir lernten uns durchs Zwielicht kennen!)

Erzählungen dieser Länge zu betreuen und lektorieren ist jedenfalls nicht zu vergleichen mit der Textarbeit an Kurzgeschichten: Vorschläge – sei es zu Ausarbeitung, Änderung oder Kürzung – müssen viel stärker im Hinblick auf Figurenentwicklungen, Subplots und Twists bedacht werden.

 Michael Schmidt: Wird es weitere Alraunen geben und auch welche unter eurer Herausgeberschaft?

Silke Brandt:  Die zweite Ausgabe ist in Vorbereitung. Alraune wird zwei Mal im Jahr herauskommen, es gibt bislang sechs Teams. Sollte es für Ernst von Inhalt und Arbeitsweise bzw. für uns vom Zeitplan her stimmen, wären wir sicher noch mal dabei.


Michael Schmidt: Du bist auch oder vor allem Autorin. Was ist zuletzt von dir erschienen?

Silke Brandt: Zuletzt sind drei Texte im Cthulhu Libria Neo #2 erschienen: eine Rezension, ein Artikel und eine Kurzgeschichte, „Der dunkle Punkt am Horizont“. Eine leidenschaftliche Hommage an Stefan Grabiński, die Jörg Kleudgen mit einer ganz wunderbaren Illustration bedacht hat.

Und zwei Texte im Zwielicht 15: Ein Essay zu betagten Protagonisten in der dunklen Phantastik, das mir sehr am Herzen liegt, u.a. weil mich meine heute achtzigjährige Mutter mit SF & Phantastik vertraut machte. Ich wuchs mit ihr und meiner 1901 geborenen, extrem individualistischen Großmutter auf – das sind Perspektiven, die meiner Ansicht nach viel zu wenig Beachtung finden. Im selben Band ist auch eine Kurzgeschichte im Stil der Gothic Tales, die ein eher unbekanntes historisches Thema behandelt und von zwei Gentlemen jenseits der Sechzig erzählt.

 

Michael Schmidt: Deine erste Veröffentlichung?

Silke Brandt: Obwohl meine Ausrichtung Phantastik ist, komme ich aus der Erotik bzw. Alternative Porn. Im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erschien 1997 ein glossenhafter Sachtext im Themenband „Blut“. Als erstes ‚richtiges‘ Essay sehe ich ein filmhistorisches für die European Film Academy an, es erschien 2008 in Projections #15 bei Faber & Faber. Das öffnete mir einige Türen.

Die erste Kurzgeschichte erschien 2011 im selben Verlag: „Vertebrae“. Sie hat einen eigenwilligen Aufbau (er folgt den Rückenwirbeln) und behandelt die spekulative Beziehung zweier – penibel recherchierter – historischer Serienmörderinnen: Darja Saltykova und Erzsébet Báthory. Ich freue mich ganz außerordentlich, dass sie im Zwielicht Classic 16 einer Phantastikleserschaft vorgestellt werden wird.

Michael Schmidt: Und auf welche der kommenden Veröffentlichungen freust du dich besonders?

Silke Brandt: Selbstverständlich auf die Alraune, aber auch auf Das Science Fiction Jahr 2021 mit meinem Essay über Antinatalismus, neue Konnotationen von Utopie vs Dystopie und die Faszination am Abandoned: „All Humans Must Die! – Pessimistischer Posthumanismus im Klimawandel“.

Dann freue ich mich wirklich auf dein Zwielicht-Special, Wolfsbrut, für das ich u.a. eine Geschichte beitrage, die zur Wikingerzeit in Haithabu/Schleswig spielt und – fast ungeplant – historisch sogar weitgehend korrekt ist.

Und auf die Splatter & Gore Anthologie bei Grey Gull Publications, in der ich umsetze, was ich auch im Erotikgenre anwandte: Gewalt (Sex) nicht als Beiwerk, sondern als show, don’t tell, sinnhafter Teil der psychologischen Figurenkonzeption: „Czernobóg – Der Gott der Stadt“, ein zweiter Text, der in meinem state-of-mind-Setting Norilsk spielt.

 


Michael Schmidt: Wie würdest du deine Prosa charakterisieren?

Silke Brandt: Irgendwo in der Schnittmenge Spekulativer Realismus, Dystopie und Dunkle Phantastik / Horror. Vieles ist – weil mir exzessive Recherche Spaß macht – Parallel History, dabei lese ich was Prosa betrifft definitiv eher zukunftsgerichtetes: Hard SF und Cosmic / Nihilistic Horror.

Normalität im Sinne des Status Quo gibt es nicht, ebenso wenig wie Katharsis oder ein „Grauen, das in den Alltag einbricht“ – Menschen „wie du und ich“ interessieren mich nicht. Ich möchte die Sichtweisen, Ängste und Probleme von Figuren erzählen, die gewöhnlicherweise selbst als Monster gesehen werden. Es gibt immer ein übergeordnetes Thema – etwas, das mir fremd ist, das ich erforschen möchte, sei es Psycho(patho)logie, Archäologie/Historik oder Naturwissenschaft. Sicher die Hälfte meiner Erzähler ist männlich – für mich eine sehr angenehme, neutrale Perspektive.

 Michael Schmidt: Was ist dir wichtig bei phantastischen Geschichten? Sowohl bei den selbst verfassten als auch bei dem was du liest?

Silke Brandt: Eine eigene Stimme, eine schräge Sicht, ein sense of wonder, sprachliche Finesse bzw. handwerkliche Präzision. Ich liebe starke Erzähler – das können ungewöhnliche Individuen sein oder auch neutrale Leerstelle, durch deren Augen wir das Geschehen erleben (wie z. B. bei Lovecraft). Aktuelle Prosa, die versucht, den Erzähler als wertende Instanz zu negieren und im Deep Point of View alles wie mit einer Kamera aufzuzeichnen, stößt mich ab, klingt anbiedernd und hohl. Ich möchte als Leser eine gewisse Distanz, mir selbst aussuchen, wie nahe ich den Protagonisten kommen möchte. Dabei mag ich klassisches Pathos, aber weder Romantik noch Kitsch.

Michael Schmidt: Welche Autoren sind deine persönlichen Favoriten?

Silke Brandt: Lutz Bassmann!  A.k.a. „Antoine Volodine“, aber prägnanter, kühler, gruseliger und noch düsterer.

Auch wenn ich nicht versuchen will, ihren Stil zu imitieren (selbst, wenn ich das könnte), sind die Strugatzkis und Lovecraft – genau wie Gigers Kunst – meine „DNA“. Das hängt zum einen damit zusammen, dass sie damals zu meinen erstgelesenen Phantastikautoren gehörten, zum anderen, weil dort nicht der Mensch im Mittelpunkt steht. Bei den Strugatzkis geht es um politisch-philosophische Metathemen; bei Lovecraft ist nicht der Erzähler die Identifikationsfigur, sondern das Andere.

Dazu: Jean Ray, Stefan Grabiński, Sigizmund Krzhizhanovsky, Sofi Oksanen, Robert Edric und die leider unübersetzte Tiina Raevaara; Metro 2033 und Shakespeares Tragödien.

Michael Schmidt: Wie siehst du die deutschsprachige Phantastikszene?

Silke Brandt: Schwer zu sagen, weil ich ja im Ausland lebe und seit Jugendzeit nahezu ausschließlich auf Englisch lese. Auf Deutsch eher russische oder polnische Autoren. Vorsichtig gesagt: Es gibt eine extrem kreative Ausrichtung, die ihre eigenen Genres schafft, sehr individuell und innovativ: z. B. Goblin Press, Nighttrain / White Train, Yellow King Productions. Und offenbar  – mir eher unbekannt – eine Menge Horrorunterhaltung, die sich an den USA orientiert. In der SF, die mir vom Veröffentlichungsvolumen her als dominierend erscheint: viel Entertainment bzw. Humoriges und erstaunlich wenig Experimentelles. Alles wie gesagt mit einer gehörigen pinch of salt.

Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Silke Brandt: Für deine Wolfsbrut voller Enthusiasmus an einem Artikel zu Werwolfkonzepten zwischen Skandinavien und Osteuropa, womit ich mir wohl meinen Ruf ruiniere, Deadlines einzuhalten.

Als Herausgeberin / Schreibende an einer Anthologie für den Blitz Verlag: Feuersignale – Hommage à Grabiński: Es gibt extra dafür verfasste Geschichten, meine Übersetzung einer Hommage von Steve Rasnic Tem und fünf bislang in keine Sprache übersetzte Geschichten von Grabiński selbst (aus dem Dämon der Bewegung und dem Buch des Feuers).

Geplant sind noch: eine erste kleine Hard SF-Kurzgeschichte um „Duga“, die riesige Sendeanlage nahe Prypjat. Und eine spekulative Geschichte um Attila, die zwei Epochen mixt und ihm eine untote – aber historisch korrekte – tätowierte skythische Kriegerin als militärische Beraterin zur Seite stellt.

 

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

Silke Brandt: Oh oh, famous last words? Ich löse das mal so: Ohne das Phantastikforum hätte ich nicht die Freude, mit so ungeheuer kreativen, sympathischen und engagierten Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten. Und damit auch nicht mit dir. Ein riesigen virtuellen Blumenstrauß daher an alle Autoren, Herausgeber und Künstler, ans Team und last but not least Dirk Bützer.


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