Samstag, 4. April 2015

Herbert W. Franke - Werksausgabe (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Ulrich, herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Sonderpreis für einmalige herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen Science Fiction 2014 beim KLP für den Start der Herbert-W.-Franke-Werkausgabe!

Ulrich Blode: Vielen Dank. Es ist selten, dass bereits der erste Band einer Werkausgabe beim Kurd Laßwitz Preis nominiert ist. Umso mehr freue ich mich, dass die Werkausgabe so viel an Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt.
Nominierungen in der Vergangenheit für die Kollektion Laßwitz (Dieter von Reeken) und den Sämtlichen Erzählungen James Tiptree jr. (Septime Verlag) sowie 2015 für die Strugatzki-Werkausgabe (Heyne, Golkonda) zeigen, dass derartige Editionen wahrgenommen und anerkannt werden.

Michael Schmidt: Warum Herbert W. Franke?

Ulrich Blode: 2013 erfuhr ich während eines Gesprächs mit Hans Esselborn, dass Herbert W. Franke nach einem Verlag für eine Werkausgabe sucht. Also fragte ich bei zwei Kleinverlagen an, die ich näher kannte. Einer musste aus Kapazitätsgründen absagen. Michael Haitel (p.machinery) zeigte jedoch sofort Interesse. Er stand bereits wegen der DSFP-Reihe  mit Frankes Agenten in Kontakt, um die DSFP-Gewinner „Die Kälte des Weltraums“ (1984) und „Zentrum der Milchstraße“ (1990) neu aufzulegen. So lag eine Werkausgabe bei p.machinery praktisch „in der Luft“. Nicht zu vergessen ist die einmalige Gelegenheit, mit einem der bekanntesten SF-Schriftsteller zu arbeiten.
Auch wenn keiner der großen Verlage sich an eine Werkausgabe herantraut, es besteht immer noch Interesse an den SF-Werken Frankes. Das zeigt sich zum Beispiel an der Veröffentlichung der titelgebenden Geschichte „Der grüne Komet“ auf Telepolis  und den dazugehörigen Ausführungen Frankes.

Michael Schmidt: Kannst du uns Herbert W. Franke und sein Werk mal kurz vorstellen!

Ulrich Blode: Herbert W. Franke ist in der Belletristik als Science-Fiction-Schriftsteller bekannt. Er veröffentlichte bereits 1953 in der österreichischen Zeitschrift „Neue Wege“ Science-Fiction-Kurzgeschichten. 1960 erschien die Sammlung „Der grüne Komet“ in der Reihe „Goldmanns Zukunftsromane“, in der so wichtige Autoren wie Isaac Asimov und Arthur C. Clarke vertreten waren. Seine Erzählungen und Romane sind oft literarische Gedankenexperimente um die Folgen technischer und sozialer Entwicklungen. In „Das Gedankennetz“ (1961) geht es u.a. um die Virtualität, in „Zone Null“ (1970) um eine repressive Konsumgesellschaft. Hans Esselborn führt das im Nachwort zur Neuauflage des „Kometen“ weiter aus.
Lediglich ein Roman kann der Space Opera zugerechnet werden. Das ist „Planet der Verlorenen“ (1963). Jedoch hatte Franke bei dessen Erscheinen bereits einen anderen Weg des Erzählens eingeschlagen, so dass es sein einziger Abenteuerroman ist und nicht exemplarisch für das gesamte Werk steht.
Seine SF-Texte wurden wiederholt aufgelegt, zunächst im Goldmann Verlag und später vornehmlich bei Suhrkamp. Erst kürzlich hat der Heyne Verlag seine Romane als Ebooks herausgebracht. So erschienen von „Der Elfenbeinturm“ insgesamt acht unterschiedliche Ausgaben zwischen 1965 und 2014. Frankes Aufnahme in den PEN-Club ist die Anerkennung seines Schaffens und allgemein eine der Science Fiction.
Erwähnenswert ist „Astropoeticon“ (1979), das Bilder von Andreas Nottebohm und Gedichte von Franke enthält. Darüber hinaus wirkte Franke erfolgreich in den Bereichen der Computerkunst, etwa als Mitbegründer der Ars Electronica in Linz 1979, und der Höhlenforschung. Auch darüber publizierte er.

Michael Schmidt: Du bist mit Hans Esselborn & Michael Haitel zusammen nominiert worden. Wer macht bei euch was?


Ulrich Blode: Michael Haitel erledigt die gesamte Verlagsarbeit. p.machinery ist sein Verlag, so dass er die Texte digital erfasst, das Layout übernimmt, Druck und Versand veranlasst und vieles mehr. Hans Esselborn und ich legen beispielsweise fest, welche zusätzlichen Materialien aufgenommen werden. Wobei Esselborn mehr für die Forschung und Unveröffentlichtes zuständig ist und ich für die Wiederauflagen. Von mir kommen die bibliographischen Anhänge, wo und wann die Romane und Erzählungsbände erschienen sind, sowie die Titelbilder der bisherigen Ausgaben, die ich aus meiner Sammlung entnehme.
Für „Der grüne Komet“ habe ich nur die Erzählungsbände genannt, weil Einzelnachweise als Anhang zu umfangreich gewesen wären. Die Geschichten wurden oft nachgedruckt, sogar in Lehrbüchern. Eine Gesamtbibliographie bleibt somit für später vorbehalten.

Michael Schmidt: Wie kann man sich die Arbeit an einer Werkausgabe vorstellen! Was genau macht ihr und auf welche Schwierigkeiten stoßt ihr?



Ulrich Blode: Zu einer solchen Arbeit gehören zunächst die Editionsrichtlinien. Das ist die Beantwortung folgender Fragen: Welche Textsorten werden aufgenommen? In welcher Reihenfolge und wann erschienen die Bände? Welche zusätzlichen Materialien werden aufgenommen? Und einiges mehr.
Wir haben bereits früh entschieden, dass die Werkausgabe der chronologischen Erscheinungsweise der Erstausgaben erfolgt und die jeweils zuletzt veröffentlichte Fassung nutzt. Entsprechend „Der grüne Komet“ (1960) als Band 1 (AndroSF 46) mit dem Suhrkamp-Text von 1989.
Es ist keine historisch-kritische Ausgabe, bei der jedem Text Dokumente zur Entstehungsgeschichte oder Erläuterungen beiseite gestellt sind oder das Manuskript mit der gedruckten Fassung verglichen wird. Lediglich in einigen Fällen, z.B. bei „Der grüne Komet“, ergänzt Hans Esselborn den Band um entsprechende Informationen.
Michael Haitel digitalisiert die Texte, die anschließend von Franke, Esselborn und mir nach Fehlern, z.B. Rechtschreibfehler, abgeklopft werden, bevor es endgültig in den Druck geht.
Gravierende Probleme haben sich bislang nicht aufgetan. Als ich nach einzelnen Veröffentlichungen in alten Fanzines für eine mögliche Gesamtbibliographie gesucht habe, fand ich Unterstützung in den Mitgliedern des sf-netzwerk.de/ und dem Science Fiction Club Deutschland.


Michael Schmidt: Auf wie viele Bände ist die Werkausgabe ausgelegt und wann sollen die einzelnen Bände erscheinen?

Ulrich Blode: Derzeit ist die Werkausgabe auf 30 Bände angelegt. Hiervon umfassen 28 Ausgaben die bislang veröffentlichten Romane, Erzählungs- und Hörspielbände. Hinzu kommen ein Band mit bislang verstreuten Erzählungen, die noch in keiner Sammlung erschienen sind, sowie einer mit Kommentaren und Forschungsmaterial zu Herbert W. Frankes Science-Fiction-Texten.
Die Erscheinungsweise ist unregelmäßig und hängt vor allem von den Kapazitäten des Verlages ab. Bis einschließlich 2017 soll die Werkausgabe komplett vorliegen, was sehr ehrgeizig erscheint. Die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten ist jedoch sehr angenehm und verläuft reibungslos, so dass die Arbeit machbar ist. Im Interview mit dir hat Michael Haitel bereits die nächsten Bände angekündigt.

Michael Schmidt: Wenn du etwas aus dem Werk von Herbert W. Franke hervorheben wolltest, welche Geschichten wären das?

Ulrich Blode: Zwischen den ersten Kurzgeschichten und dem zuletzt veröffentlichten Roman liegen mehr als fünfzig Jahre, so dass die Themen stark variieren. Eine Auswahl hängt nicht zuletzt von den persönlichen Vorlieben ab.
Die Kürzestgeschichten in „Der grüne Komet“ (1960) sind sachlich und nüchtern, wie Franke selber sagt: „Also kein neuer Stil, mit dem ich die Literaturkritiker beeindrucken wollte, sondern eine vereinfachte, auf das nötigste beschränkte Kurzform."
Ebenso habe ich „Der Orchideenkäfig“ (1961), „Ypsilon Minus“ (1975/1976) und „Tod eines Unsterblichen“ (1982) gerne gelesen.
In „Ypsilon Minus“ müssen alle Bürger ihre Persönlichkeitsstruktur offenbaren, so dass eine dystopische Gesellschaft entstanden ist. Die Kapitel mit den Handlungselementen erschienen zuerst 1975 in „hobby. Das Magazin der Technik“. Klaus Bürgles Illustrationen für „hobby“ können auf retro-futurismus angesehen werden. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe 1976 wurde ergänzt um fiktive Dokumente, die die herrschende Situation der Welt in „Ypsilon Minus“ beschreiben.
Aus Sicht der Sicht der Literaturwissenschaft sind „Das Gedankennetz“ und „Der Orchideenkäfig“ interessant, weil Franke in ihnen das Konzept der Virtualität einführt (noch vor Stanislaw Lem). In Kooperation mit Michael Weisser erschien zudem 1988 bei Suhrkamp „Dea Alba“. Dem Buch lag eine Kassette bei, die den Text musikalisch begleitete.
Im Forum sf-netzwerk schlug die Schriftstellerin Nina Horvath als Einstieg "Die Kälte des Weltraums“ (1984) vor, was ein guter Tipp ist.

Michael Schmidt: Sind weitere Werkausgaben geplant?

Ulrich Blode: Konkrete Planungen gibt es nicht. Es gibt einen Autor, der meiner Meinung nach unterschätzt ist und dessen Werke ich gerne herausbringen möchte. Gespräche mit einem Verlag oder den Rechteinhabern erfolgten bislang jedoch nicht. Derzeit bin ich vor allem mit der Franke-Werkausgabe beschäftigt.

Michael Schmidt: Ein letztes Wort an die SF Gemeinde!

Ulrich Blode: Leider habe ich noch keinen markigen Spruch wie Dirk van den Boom („Kauft meine Bücher!“). Insofern: Viel Spaß mit der Werkausgabe Herbert W. Franke!

Weitere Informationen
Die Werkausgabe Herbert W. Franke bei p.machinery
http://www.pmachinery.de/unsere-bucher/androsf-die-werkausgabe-herbert-w-franke

Der Grüne Komet, Band 1 der Werkausgabe
http://www.pmachinery.de/unsere-bucher/androsf-die-sf-reihe-des-sfcd/androsf-band-41-50/franke-herbert-w-der-gruene-komet












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Neues auf dem Phantastikon

Zwielicht X wurde von Erik R. Andara auf dem Phantastikon besprochen, die Rezension findet sich hier . Fazit: Zuguterletzt bleibt m...