Von Beruf Lektor

So lautet der Artikel im Spiegel. Soweit ich das aus meiner Außensicht beurteilen kann, trifft vieles den Kern, doch einiges sollte man hinzufügen.

Ich selbst lese auch viel. Aber was heißt eigentlich lesen. Es gibt grundsätzlich zwei Arten des Lesens in diesem Bezug. Das freiwillige Lesen und das "Lesen müssen". Und das sind zwei doch sehr unterschiedliche Positionen. Jeder der viel und gerne liest, ärgert sich über Bücher, die ihm nicht gefallen. Daher versucht man einerseits Bücher zu vermeiden, die man nicht mag, zumeist macht man das an Richtungen (Genre) und Autoren fest, manche vertrauen auch der Wahl des Verlages. Trotzdem will man natürlich hin und wieder Neues entdecken und versucht dies und das.


"Lesen müssen" ist da schon ein weitaus härterer Brocken. Ich selbst habe damals als User, Moderator und Administrator auf der Leselupe viel gelesen, dazu war ich eine zeitlang Juror beim Corona Kurzgeschichtenwettbewerb, bin Herausgeber des Magazins Zwielicht und als Initiator des Vincent Preis kamen ebenfalls viele Geschichten hinzu. Dabei trifft man auf die unterschiedlichsten Geschichten. Manche sind professionell, manche noch ganz am Anfang ihres Schaffens und die Geschichten oft noch unreif und unfertig.

Schreibplattformen, Schreibwerkstätten oder auch Schreibratgeber sind dabei ein zweischneidiges Schwert. Einerseits dienen sie dazu, das Schreibhandwerk zu erlernen und zu perfektionieren, andererseits sorgen sie im Ergebnis für das, was die Lektorin im Spiegelbericht kritisiert: Es entstehen gleichförmige Standardtexte mit wenig individueller Note.

Der Neuautor steht also direkt vor einem Dilllemma. Und genaugenommen gilt das gleiche für den Profi. Einerseits sind die Erwartungen des Lesers sehr konservativ, er erwartet gewisse Schreibkonventionen, sowohl formeller als auch inhaltlicher Art. Andererseits  ist die schiere Masse der Schreiberlinge so groß, man muss auffallen und sich auch abgrenzen. Also einerseits eine individuelle Note anstreben, jedoch den Groß der Leser dabei im Blick halten. Ein Spagat, an dem viele, auch etablierte Autoren scheitern. Man darf nicht bedenken, Autor eines Publikumsverlages zu werden, ist nur der eine Schritt. Sich für den Leser unverzichtbar zu machen, in dem man etwas bietet, was sonst niemand hat, ist die andere.

Die Lektorin oben liest naturgemäß für den Markt und schaut, unabhängig von ihrer eigenen Geschmacksrichtung, was für den Markt interessant erscheint. Und so darf nicht verwundern, das der Output der Verlage sich gerade auf einen Trend stürzt, auch wenn sie oben schreibt, das Trendschreiben nichts bringen soll.
Nun, ob Erfolgsautor oder blutiger Anfänger, jeder muss sich sein Publikum suchen, erkämpfen und erhalten. Da ist es eine schöne Phrase, das man sich nur nach sich richten soll, aber ob es der Weg zum Erfolg ist, kann bezweifelt werden.

Sehr schön am obigen Artikel ist der Vergleich mit dem Sport. Sport treibt man für sich, Literatur und Musik macht man dagegen für ein Publikum, nicht für die eigene Festplatte. Natürlich kann man sich Motivation nicht nur durch sein - evtl. nicht oder kaum vorhandenes - Publikum erwerben, sondern es gehört auch Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen dazu sowie Glaube an die eigene Idee.

Wenn ich die Vielzahl der Geschichten rekapituliere, kann ich die Einschätzung der Lektorin in Teilen nachvollziehen. Ich gebe zu, ich brauche keine 15 Seiten, sondern entscheide meist bis zur dritten Seite, ob ein Text in Frage kommt bzw. eine Überarbeitung sich lohnt. Es kommt vieles, da fragt man sich, warum die Leute diese Geschichte schreiben, schließlich gibt es das schon in tausendfacher Ausführung und wesentlich besser.
Andererseits muss man irgendwo anfangen Erfahrungen sammeln und sich als Autor entwickeln. Und das geht nicht ohne externes Feedback. Und für einen unbekannten Autor sind andere unbekannte Autoren natürlich die erste Anlaufstelle, egal ob es sich um Schreibforen oder Anthologien handelt. Rückmeldungen sind wichtig, und die Art, wie man diese formuliert, auch ein Zeichen des Autorenwerdens und - daseins.

Bei den Vielzahl an Geschichten sind viele dabei, die man getrost verschweigen darf und manches sollte, zumindest in der angebotenen Form, nicht das Licht der Bücherwelt erblicken. Aber, und das fehlt leider im Text der Lektorin, im Laufe der Jahre sind mir eine Vielzahl an Geschichten untergekommen, die originell, eigenständig, lesenswert, Herz erwärmend, gruselig und innovativ waren. Diese Vielzahl an Geschichten findet aber trotzdem keinen Weg in einen der zahlreichen Publikumsverlage. Dort gibt es weder Mut noch Interesse, die wirklich interessanten Sachen zu veröffentlichen. Stattdessen wird weiterhin Massenware erzeugt, die gesichts- und konturlos im Einheitsbrei der Buchindustrie untergeht und von denen kaum jemand was mitbekommt, es sei denn, man bekommt es an den Wühltischen zwischen die Finger.

Letztendlich, und da muss ich der Lektorin dann wieder zustimmen, muss jeder seinen eigenen Weg gehen. Schreibt, was euch berührt und interessiert, haltet durch, auch wenn ihr manches Mal an euch und eurem Publikum verzweifelt. Und am Ende ist es doch wie im Sport. Niemand zwingt euch zu schreiben, ihr macht es doch für euch selbst. Ihr seid Der moderne Künstler.

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