Sonntag, 25. Oktober 2015

Felix Woitkowski (Interview)





Michael Schmidt: Hallo Felix, stell dich den Lesern von Zwielicht doch mal vor!

Felix Woitkowski: Hallo Michael, gerne. Ich wurde 1985 in Soest im tiefsten Westfalen geboren, von dort ging es zu einem geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Studium für ein paar Jahre nach Münster und mittlerweile hat es mich nach Kassel verschlagen. Dort zeige ich angehenden Lehrerinnen und Lehrern, wie sie Kindern das Schreiben in all seinen Facetten beibringen können, und unterstütze Studierende beim Verfassen ihrer schriftlichen Arbeiten. Vor über zehn Jahren hat mich die Welt der Literatur gepackt und lässt mich seitdem nicht mehr los. Deshalb verbringe ich auch einen Großteil meiner Freizeit mit wunderbaren, manchmal stressigen Aufgaben: Ich schreibe Kurzgeschichten und Romane, gebe Anthologien heraus, organisiere den Nachwuchswettbewerb Storyolympiade, mache fast vergessene Klassiker einem neuen Publikum zugänglich, habe einer Gruppe Studierender dabei unterstützt, ein Theaterstück zu verfassen und auf eine Münsteraner Bühne zu bringen, helfe als Lektor und Korrektor aus, verfasse hin und wieder Rezensionen … und weiß gerade gar nicht so recht, wie ich das in den letzten Jahren alles unter einen Hut bekommen habe.


Michael Schmidt: Auf dem Bucon konnte ich dein Buch Rattensang in Empfang nehmen. Ein feines, wenn auch schmales Büchlein. Wovon handelt es?

Felix Woitkowski: Rattensang entführt Leserinnen und Leser in eine phantastische Version des Wilden Westens. Eine Gruppe Quäker wird dort, kaum dass sie sich in Frieden niedergelassen hat, jede Nacht von einer Horde Ratten heimgesucht. Die Tiere kommen in Scharen, nagen an den Holzhütten und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie zu den Bewohnern durchdringen. Ein Mann kommt ihnen zur Hilfe, doch statt eines Revolvers trägt er nur eine Mundharmonika bei sich und seine Absichten bleiben ungewiss …

Michael Schmidt: Die Geschichte von Rattensang und seiner Geburt ist ein wenig verschlungen, so kam es mir gerüchteweise zu Ohren. Berichte doch mal!

Felix Woitkowski: Rattensang war zu Anfang als Kurzgeschichte für eine Anthologie mit phantastischen Western-Kurzgeschichten gedacht. Leider wurde Der Rattenfänger, wie die Geschichte damals noch hieß, nicht mit aufgenommen. Das hat mich damals ziemlich gewurmt und nicht ruhig schlafen lassen. Jetzt erst recht, dachte ich, arbeitete das Konzept für einen gleichnamigen Heftroman aus und wurde mit einem Verlag, mit dem ich bereits zusammengearbeitet hatte, schnell einig. Der Text wuchs schnell und aus einem geplanten Heftroman wurden bald zwei. Leider kam es zu Veränderungen im Verlag und der Veröffentlichungspraxis und Der Rattenfänger verschwand plötzlich wieder in der Schublade. Auf der Suche neuen Partner wurde ich schließlich bei Michael Haitel und seinem Verlag p.machinery vorstellig, erhielt die Zusage, doch auch dort dauerte es über zwei Jahre, bis Rattensang, nun mit dem neuen, treffenderen Titel, erscheinen konnte. Einen vergleichbaren Weg hat noch kein anderer Text von mir hinter sich und es gab immer wieder Momente, an denen ich nicht mehr richtig an das Projekt glauben wollte. Als ich den Roman aber im Sommer im Rahmen des Lektorats wieder las, war ich deshalb umso froher, dass sich alles richtig anfühlte.

Michael Schmidt: Das Buch hat zwei Teile, Ratten und Kinder. Warum und wird es einen weiteren geben?

Die Zweiteilung hat ihren Ursprung zum einen in der Entstehungsgeschichte, zum anderen in der Vorlage. Wie ich eben schilderte, schrieb ich zunächst nur den ersten Teil. Damit war Rattensang aber nicht vollständig und rund. Als mir das bewusst wurde, habe ich mich an die Fortsetzung gemacht. Zugleich ist die offensichtliche Vorlage für Rattensang ebenfalls zweigeteilt. Auch dort kommt der Rattenfänger zweimal nach Hameln. Wie der Rattenfänger von Hameln ist aber auch Rattensang ein zusammenhängendes Werk. Der eine Teil bedingt den anderen. Das gilt in beide Richtungen.
Ob ich noch einmal in die Welt des Rattensangs zurückkehren werde, kann ich heute nicht abschließend sagen. Ich eröffne in dem Roman ein Universum, das viele Geschichten bereit halten könnte, die wieder in Nordamerika, aber auch in Europa spielen könnten. Vor allem mit Blick auf das alte Europa, seine Geschichten und Sagen, die im Roman immer wieder anklingen, habe ich ein paar wenige Ideen, aus denen sich mehr machen ließe. Aktuell ist aber nichts in dieser der Hinsicht geplant.

Michael Schmidt: Die Geschichte hebt sich ein wenig ab vom Schema „Mann kommt in die Stadt und ist der strahlende Retter“. Die Idee ist eher gediegen und zeigt doch einiges an Raffinesse in der Umsetzung. Liebst du etwas aus dem Rahmen fallende Literatur und hatte die Geschichte auch Vorbilder?

Felix Woitkowski:Ich lege unglaublich gerne Spuren in meine Texte, den man folgen kann, aber nicht muss, und bin selbst froh, dass ich die meisten bald wieder vergessene. In den  Rattensang ist manches davon recht offensichtlich geflossen. Der Roman ist eine Verneigung vor deutschen Sagen (Der Rattenfänger von Hameln), amerikanischen Mythen (Hopi-Indianer), der phantastischen Literatur der Romantik (Isabella von Ägypten) und des Westernkinos (Spiel mir das Lied vom Tod). Das ist noch nicht alles, aber es geht mir nicht darum, zur Interpretation und Inspirationssuche anzustacheln. Meine Geschichten sollen auch ohne das Wissen darüber, ohne Deutschaufsatz, funktionieren und Spaß machen.
Trotzdem mache ich mir nichts vor. Was ich im Moment schreibe und veröffentliche, taugt in der Regel nicht für Bestsellerlisten. Weil ich aber abseits des Marktes und Buch-Konsum-Tempel schaffen darf, nehme ich mir den Luxus heraus, das zu schreiben, was ich selbst gerne lesen würde, Literatur, die eigenwillige Wege geht, (und beneide zugleich und insgeheim Autorinnen und Autoren, denen es scheinbar spielerisch gelingt, über viele Jahre hinweg ein großes Publikum zu begeistern).

Michael Schmidt: Das ist der zweite Einzelband von dir. Die Wanderdüne erschien 2011 im Wunderwaldverlag. Warum sollte man die lesen (es gab ja einige enthusiastische Rückmeldungen) und kann man den Roman noch beziehen?

Felix Woitkowski: Die Wanderdüne habe ich im vergangenen Sommer im Selbstverlag neu veröffentlicht. Es handelt sich dabei um mein Debüt, um einen phantastischen, surrealistischen Episodenroman, in dem unglaublich viel Herzblut liegt. Er ist, wohl wie jedes Debüt, voller Ecken und Kanten, voller Wut und Hoffnung, voller drängender Ideen und unaufgelöster Widersprüche. Die Wanderdüne ist viel experimenteller als Rattensang und, wie ich finde, ein im besten Sinne unbefriedigender Roman. Er erzählt aus der Perspektive von drei Bewohnern die Geschichte einer Stadt, die von einer Düne in rasender Geschwindigkeit heimgesucht wird und sich ab diesem Zeitpunkt scheinbar stetig verändert, eines Ortes, der keine Vergangenheit und keine Zukunft zu haben scheint und in dem jeder, der über die Absonderlichkeiten nachdenkt, selbst als absonderlich gilt. Viel mehr noch als Rattensang ist Die Wanderdüne ein Roman, der aus dem Rahmen fällt, und deshalb gerade für diejenigen interessant, die abseits ausgetretener Genre-Pfade lesen und wandeln wollen.

Michael Schmidt: 2019 soll ja noch ein Projekt aus deiner Feder erscheinen. Das ist ja eine wirklich langfristige Planung. Kannst du dazu schon was sagen?

Felix Woitkowski: Oh, hätte ich doch nur noch nichts gesagt … Ich wurde überraschend von einem begeisterten Leser meiner Wanderdüne gefragt, ob ich bei ihm Anfang 2019 einen Roman oder eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlichen möchte. Das Angebot habe ich dankend angenommen, grüble seitdem viel über einen neuen Romanstoff und möchte ansonsten noch nicht mehr erzählen. Wie du selbst sagst: Es ist eine wirklich langfristige Planung.

Michael Schmidt: Für Zwielicht Classic 4 hast du den Freischütz von August Apel aus dem Dämmerlicht  gezogen und digitalisiert sowie mit einem Vorwort garniert. Weitere Geschichten von Friedrich Laun kamen dann in Zwielicht Classic 5+6. Jetzt soll das gesamte Gespensterbuch das Licht der Welt erblicken. Erzähl doch mal von dem ganzen Projekt, seit seinen Anfängen bis zur Ausgabe, die, wenn ich richtig informiert bin, nächstes Jahr erscheinen soll.

Felix Woitkowski: Nach meinem Studium habe ich begonnen, fast vergessene Klassiker der phantastischen und utopischen Literatur zu digitalisieren und als eBooks unter dem Label „Edition Murr“ neu aufzulegen. Darunter findet sich beispielsweise auch Rossums Universal Roboter, das Theaterstück, in dem das Wort Roboter geprägt und in der Welt verbreitet wurde. Ein Leser meines ersten eBooks machte mich auf das Gespensterbuch aufmerksam. Dabei handelt es sich um eine Sammlung phantastischer und schauriger Geschichten aus dem 19. Jahrhundert. Die populärste Geschichte daraus ist wahrscheinlich Der Freischütz, die als Grundlage für die gleichnamige Oper diente. Die siebenteilige Reihe Gespensterbuch (1810-1817) war bei Erscheinen ein echter Renner, wurde ins europäische Ausland verkauft, übersetzt und hat zum Beispiel einen nennenswerten Einfluss auf die Entstehung von Mary Shelleys Frankenstein gehabt. Als ich die ersten Geschichten las, war ich regelrecht begeistert und machte mich bald an die Aufbereitung für das eBook. Kurz nach Erscheinen sprach mich der Autor Markus K. Korb an, warb für eine vollständige Neuauflage auch als gedrucktes Buch und brachte mich vor etwa zwei Jahren mit dem Blitz-Verlag ins Gespräch. Wir wurden uns bald einig und sind jetzt so weit, dass wir die Klappentexte schreiben, Cover designen lassen und einen Erscheinungstermin im Laufe des kommenden halben Jahres anvisieren können. Die Arbeiten am Text selbst sind abgeschlossen, Begleittexte von Markus K. Korb, der Literaturwissenschaftlerin Urania Milevski und mir liegen vor, weit über 100 ergänzende Fußnoten sind hinzu gekommen und der ersten vollständigen, dreibändigen Neuauflage steht nichts mehr im Wege. Das Gespensterbuch mag zwei Jahrhunderte alt sein, aber es ist ein unglaublich vielfältiges, phantastisches und auch heute noch schauriges Zeugnis der Anfänge der deutschsprachigen Horrorliteratur. Deshalb freue ich mich ungemein, dass dieses Projekt bald einen Abschluss und hoffentlich eine neue Leserschaft finden wird.

Michael Schmidt: Gibt es weitere Geschichten aus deiner Feder und hast du den ein oder anderen Liebling?

Felix Woitkowski: Es erscheinen immer wieder neue Geschichten aus meiner Feder. Einen Überblick darüber gibt es auf meiner Homepage http://felixwoitkowski.wordpress.com/. Aktuell sind meine ersten beiden von H. P. Lovecraft inspirierten Geschichten erschienen. Der Kerzenzieher (Ulthar.Ein Reiseführer, Basilisk Verlag) erzählt von einem Mann, der um jeden Preis versucht, aus seinem Leben, das für einen Traum hält, aufzuwachen. Tod dem König in Gelb (Verbotene Bücher, Verlag Torsten Low) hingegen wirft die Hauptfigur durch die Lektüre eines Buches in eine phantastische, groteske Traumwelt, in der sie den Auftrag erhält, den mythischen König in Gelb zu töten.

Michael Schmidt: Wenn ich mich recht ersinne bist du auch schon als Herausgeber angetreten. Was ist der Unterschied zum schreiben und warum sollte man gerade die von dir herausgegebenen Anthologien auswählen?

Felix Woitkowski: Der Unterschied ist ein wesentlicher: Autoren schreiben, Herausgeber wählen aus, polieren und verpacken. Wenn beide zusammen wirken, können wunderbare Ideen zu einzigartigen Büchern werden und ihren Weg zu Leserinnen und Leser finden, und an diesem Prozess reizen mich einfach beide Perspektiven. Gemeinsam mit Martin Witzgall gebe ich deshalb alle zwei Jahre die Siegeranthologie der Storyolympiade heraus. Aktuell geht gerade eine neue Runde dieses Nachwuchswettbewerbs zu Ende. Der letzte Siegerband (Verlag Torsten Low) hatte Stille als Thema und versammelt immer wieder überraschend unverbrauchte und aufregende Geschichten. Ein wenig länger schon ist meine Anthologie The End (p.machinery) erschienen. Darin finden Ungeduldige die Schlusskapitel von elf Romanen, die niemals geschrieben wurden. Wer keine Zeit hat, sich durch dicke Wälzer zu arbeiten, findet dort den richten Abschluss.


Michael Schmidt: Was schreibst du gerade bzw. was wird demnächst von dir erscheinen?
  
Felix Woitkowski: Eine Kurzgeschichte, in der ich meine ganz eigene Variante des Turmbaus zu Babel erzähle, soll dieses Jahr noch erscheinen, eine andere entsteht gerade. Gemeinsam mit einem Freund trage ich nach und nach alles Wissen zusammen, dass nach dem Untergang unserer Gesellschaft noch übrig geblieben sein wird, warte auf den Startschuss für ein neues von Lovecraft inspiriertes Projekt, sammle Romanideen und kann mich, weil ich kein Viel- oder Schnellschreiber bin, über Langeweile einfach nicht beklagen.

Michael Schmidt: Die Horror- und Phantastikszene lebt, auch und gerade in Deutschland. Wenn du jemanden da draußen ein paar Empfehlungen mit auf den Weg geben müsstest, die wären da…

Felix Woitkowski: Ich finde es großartig, was Jörg Kleudgen mit seiner Goblin Press und Eric Hantsch mit seiner Edition CL auf die Beine stellen. Dort finden sich abseits des Mainstreams handverlesene Werke der deutschsprachigen phantastischen und gruseligen Literatur. Der Autorenverbund Geschichtenweber stellt seit Jahren einzigartige Kurzgeschichtenprojekte auf die Beine, die einfach mehr Aufmerksamkeit verdienen. Und kleine Verlage wie Luzifer, Golkonda, Torsten Low und Lindenstruth bieten durchweg tollen Lesestoff für Fans der phantastischen Literatur bereit. Gerade abseits der großen Publikumsverlage und Buchhandelsketten gibt es viel zu entdecken und ich kann nur jedem raten, sich dort auf die Suche zu machen.

Michael Schmidt: Ein Wort noch an die Leute dort draußen!

Felix Woitkowski: Lest mehr Bücher, denn es gibt nur wenig Schöneres. Und wenn ihr Bücher lest und unsere Leidenschaft teilt, dann sprecht darüber und lasst uns Buchschaffende wissen, wie sie euch gefallen. Dann wissen wir, wofür wir das alles tun, und verschaffen euch um so lieber auch in Zukunft spannende Lesestunden.

Vielen Dank für dieses Interview, Michael.

Michael Schmidt: Ich habe zu danken!

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