Dienstag, 15. März 2016

Woran es der Kurzgeschichtenszene mangelt!


Literarische Werke oder gar phantastische Werke im Allgemeinen sorgen in ihrer Bewertung immer wieder für Kontroversen.
Mag der eine Herr der Ringe, ist dem anderen das Buch zu langweilig und zäh. Liebt der eine Star Wars, ist es für den anderen was für 45jährige, die auf der Stufe eines Zwölfjährigen stehen geblieben ist.
Durchforstet ein Filmforum, da seht ihr, Meinungen arten oft genug zu einem Glaubenskrieg aus. Bei Büchern ist das nicht viel anders. Für den einen geht nur Hard-SF, der zweite liest nur Military und unter Zykluslänge geht es sowieso nicht.
Und schließlich steuert Perry Rhodan stramm auf die 3000er Grenze zu, was zählt da schon eine Kurzgeschichte. So mickrig, so schnell vorbei und am Ende hat man das Gefühl, das war es?
 
Wer jetzt auf Grund dieser Einleitung denkt, die Kurzgeschichte ist eine aussterbende Gattung, dem schrei ich entgegen: WEIT GEFEHLT!
Der Vincent Preis listete 2015 364 Kurzgeschichten auf und in vergangenen Jahren waren es auch mal über 600. Das sind nur die erfassten Geschichten des Genre Horror und Unheimliche Phantastik. Dazu kommen noch Science Fiction, Fantasy plus all die, die gar nicht erfasst wurden, weil sie entweder unter dem Radar liefen oder es sich um reine Onlineveröffentlichungen handelt. Michael K. Iwoleit sprach auf Facebook von 150 SF Kurzgeschichten, die er für das SF Jahr 2016 bei Golkonda liest und echauffierte sich über die mangelnde Qualität.
 

Qualität von literarischen Werken ist im Prinzip nicht messbar. Man kann natürlich Kriterien zu Grunde liegen um eine Geschichte zu bewerten (Stil, Spannungsaufbau, Eigenständigkeit, Figuren, Form, etc.), aber die Bewertung ist am Ende doch immer subjektiv. Ein Bewertungskriterium hat sich als maßgebend gezeigt, das ist das Leserfeedback. Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Leser. Der Profileser (z.B. der Herausgeber, Lektor oder Rezensent), der unbedarfte Leser und natürlich auch die „stumme Masse“ der Leser.
 
Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, der Kurzgeschichtenszene mangelt es sicherlich nicht an Masse. Aber von der Masse der Kurzgeschichten zur herausragenden oder die Masse begeisternden Kurzgeschichte ist es noch ein weiter Weg und auf dem Weg begegnet die Geschichte verschiedenen Arten von Lesern, denen ich mich jetzt widmen möchte.
 

Erster Leser ist der Verfasser selbst. Er schreibt seine Geschichte nicht nur, sondern muss auch versuchen, sie aus einer kritischen Sicht zu lesen und ihr die ideale Form zu geben. Das gelingt mal besser, mal schlechter und gehört zum Lernprozess des Schreibers. Selbstverständlich ist da oberstes Gebot, die Geschichte eine Zeit ruhen zu lassen und mit etwas Abstand erneut zu lesen, um sie zu verbessern.
 
Idealerweise findet sich danach ein (oder mehrere) unbeteiligter Testleser, die weiteres Feedback geben und entsprechend für eine Verbesserung der Geschichte sorgen. Dabei ist gerade im fortgeschrittenen Stadium wichtig, die passenden Testleser zu bekommen, da wie oben schon erwähnt, sind Erwartungen an ein phantastisches Werk unterschiedlich und letztendlich muss jeder sein eigenes Werk schreiben und auch seine eigene Richtung samt Stil verfolgen.
 
Ist dies alles abgeschlossen, hat die Geschichte ihre erste Hürde genommen. Sie kann verteilt werden. Jetzt besteht die Möglichkeit sie selbst zu veröffentlichen, besser ist es aber, weitere Meinungen einzuholen und damit die Qualität der Geschichte zu verifizieren.
 



Klassisch übernimmt dies der Herausgeber, in manchen Fällen auch gleichzeitig der Verleger. Herausgeber sind auch nur Menschen und folgen, siehe dem Anfang dieser Kolumne, ihrem Geschmack, ihrer Erwartungshaltung oder ganz einfach der Zielgruppe, für die das potenzielle Buch gemacht ist.
Die Auswahl des Herausgebers/Verlages ist die erste wichtige Entscheidung. Steht man am Anfang seiner Autorenkarriere, sind die Kriterien da anders als wenn man schon weiter fortgeschritten ist.
Umgekehrt obliegt es dem Herausgeber einer Anthologie, eines Magazins oder einer Geschichtensammlung, gutes vom schlechten zu trennen und zu entscheiden, was er seiner Leserschaft zumutet.
 


Sieht man die schiere Masse an Büchern, die jedes Jahr mit Kurzgeschichten gefüllt werden, scheint dieser Filter nur bedingt zu funktionieren, was diverse Leseerlebnisse unterstreichen. Manche Bücher erscheinen in ihrer Vollständigkeit überflüssig, bei anderen zumindest kleinere oder größere Teile. Der Kurzgeschichtenszene mangelt es mit Sicherheit an kritischen Herausgebern, die entweder einigen Geschichten den Zugang zu einem solchen Buch verwehren, oder ihnen entsprechend eine (oder mehrere) Überarbeitungen zukommen lassen, bevor diese das Licht der Literaturwelt erblicken.
 
Ist das Buch auf dem Markt, kommt der nächste Leser, nämlich der Rezensent. Er, der Fachleser oder Profileser, sollte belesen sein und eine sichere Beurteilungsfähigkeit sein eigen nennen. Er kritisiert das Buch und durch seine kritische Rückmeldung können Autoren und auch Herausgeber und Verleger ihre Veröffentlichungspraxis hinterfragen und sich verbessern.
Leider zeigt die Kurzgeschichtenszene im Gegensatz zur Publikationsvielfalt hier doch eindeutig einen Mangel. Viele so genannte Rezensionen scheinen Gefälligkeitsrezensionen zu sein und dienen rein zum Marketing. Eine kritische Rezensionsszene existiert in der deutschen Phantastik schlicht nicht und kritische Rezensionen sind sogar nicht erwünscht, daran kann kein Zweifel bestehen wenn man die Mehrzahl der Meinungsäußerungen analysiert.
Andererseits gibt es auch eine kleine Menge an Neidrezensionen, die nicht gegen die Geschichte, dafür aber gegen den Verfasser gerichtet sind und es ebenso erschweren, sich als Autor, aber auch als Herausgeber und Leser eine Meinung zu bilden.
 
Fassen wir bisher zusammen. Es gibt zu viele Geschichten, die durch zu viele Publikationsmöglichkeiten auf potenziell zu wenig Leser losgelassen werden und eine Qualitätsauswahl ist nicht gegeben, sodass neben sehr bemerkenswert guten Geschichten auch bemerkenswert schlechte Geschichten veröffentlicht werden, im Zweifel gar in einem einzigen Buch vereint.
 

Ein weiterer Leser ist das kritische Fachpublikum. Es gibt eine ganze Reihe an Literaturpreisen wie Vincent Preis, Kurd Laßwitz Preis, Deutscher Phantastik Preis und Deutscher Science Fiction Preis, bei denen die besten Kurzgeschichten ihres Genres zur Wahl stehen. Natürlich kann man auch hier von Geschmack und Erwartung sprechen und wird niemals eine Nominierungsliste und letztendlich die Siegergeschichte finden, ohne das es am Ende unterschiedliche Meinungen gibt. Aber bei der Vielzahl an nominierten Geschichten bei diesen Preisen finden sich meines Erachtens eine ganze Menge, die weder besonders noch herausragend sind und leider eher eine Sympathiebekundung sind statt eine niveauvolle Leserückmeldung, die sie eigentlich sein sollten.
Auch die Qualität der Nominierungen für einen solchen Literaturpreis sind leider nicht überzeugend. Ob eine Geschichte, die für einen solchen Preis nominiert wurde, gut oder schlecht ist, erscheint mir eher willkürlich und bieten weder für Autoren, noch für Herausgeber und Leser eine sichere Entscheidungsgrundlage und sind als Rückmeldung mit Vorsicht zu genießen.
 
Auf Grund der Vielzahl an Publikationen, aber auch auf Grund der geringen Auflagen gepaart mit geringer Verbreitung der Bücher, sind die Anzahl der Leserrückmeldungen relativ dürftig in der Regel. Wichtig ist es dabei für den Autoren, den „Leser“ genauer unter die Lupe zu nehmen, um beurteilen zu können, ob das Nichtgefallen durchaus verständlich ist, also die Geschichte einfach nur den falschen Leser erreicht hat, oder ob die Geschichte selbst einfach nicht die Qualität hat, die sie haben sollte.
 
Aus meiner Sicht herrscht in allen Bereichen ein Mangel und Verbesserungen wären angeraten, gerade unter der Prämisse, dass es Kurzgeschichten gegen Serien und Zyklen schwerer haben. Vorhanden ist in der Spitze genügend Qualität, je nach Jahrgang und Geschmack natürlich differierend, im der Breite aber zu viel Belangloses vorhanden.
 
Woran natürlich jeder selbst arbeiten kann und muss: Der gemeine Autor muss selbstkritisch sein und es hilft immer, sich mit Werken der Kollegen auseinanderzusetzen, da der Lernprozess für das eigene Gewerk enorm sein kann. Aber der gemeine Autor muss auch seinen eigenen Weg gehen und sich konsequent in seinem Bereich verbessern. Eine Zwiespalt, der oft genug leichter klingt als er in Wirklichkeit ist.

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