Germaine Paulus (Interview)

 


Michael Schmidt: Germaine, dein Name ist so eindrucksvoll, da muss ich direkt mit der Tür ins Haus fallen. Pseudonym oder heißt du so?

Germaine Paulus: Ich heiße so. Wirklich.

Michael Schmidt: In einem youtube Interview erlebte ich eine temperamentvolle Dame. Beschreib dich doch mal!

Germaine Paulus: Ich bin eine temperamentvolle Dame. Nee, quatsch. Was willst du wissen? Eine optische Beschreibung? Okay … Hätten wir uns vorher nie gesehen und zu einem Treffen verabredet, würd ich sagen: Guck nach der kleinen Dicken mit dem schwarzen Pagenschnitt; die ganz in Schwarz und mit Schal. Die, die laut lacht. Und wahrscheinlich schon mit der Bedienung am schwatzen ist. Die, die hartes Zeug schreibt, aber superemotional ist. Privat ist die eigentlich ganz nett.



Michael Schmidt: Und jetzt mal ein paar Fakten zu deiner Person!

Germaine Paulus: Ich hab dieses Jahr die fünfzig vollgemacht, hab an der HBKSaar, der Hochschule der Bildenden Künste Saar, studiert und während des Studiums mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begonnen. Dann bin ich aber nicht Gestalterin, sondern Texterin geworden, eine Entscheidung, die mein Leben nachhaltig geprägt hat. Ebenso wie die lange Tätigkeit in einer Agentur, während der ich mit meinen beiden Partnern Andreas und Yazid „DEADLINE – das Filmmagazin“ und den Verlag dahinter gegründet hab. Ich trag eine große Liebe für Film in mir, die niemals gegen die Liebe fürs Lesen in den Ring steigen dürfte. Das wäre fatal. Vor gut 12 Jahren hab ich das angestellte Leben verlassen und bin vollends in die Selbstständigkeit gegangen – mit DEADLINE und zusätzlich als freiberufliche Texterin und Konzepterin. 2018 kam dann noch THE DANDY IS DEAD hinzu, der Verlag meines Mannes, bei dem ich hinter den Kulissen helfe. Ansonsten … ich hab mal in 'ner Band gesungen, war schon Quizmistress, Moderatorin, Krimidinner-Darstellerin, hab mal einen Jojo-Wettbewerb gewonnen, hab eine Schwäche für England, Wetten, White Russian, Kerle in Anzügen, extraordinäre Frauen und Peter Cushing. Und Meersalzbutter.



Michael Schmidt: Last Order ist deine erste Kurzgeschichtensammlung. Aber die hat kein Anspruch auf Vollständigkeit, oder?

Germaine Paulus: Nein. Es ist ein Auszug meines Schaffens. Es liegt noch eine Menge in der Schublade, und es sind auch nicht alle Geschichten, die in Anthos veröffentlicht wurden, in LAST ORDER reingeflossen.

Michael Schmidt: Die älteste Geschichte in Last Order ist von 2004. Worum geht es in Porzellan und liegt dir die Geschichte besonders am Herzen oder ist das Zufall?

Germaine Paulus: Uh, das ist schwierig. Worum geht es … Um ein nicht greifbares Wesen, das die Menschen kennenlernen soll. Zu welchem Zweck? Tja. Wer weiß das schon? Und ja, diese Geschichte ist mir auf eine besondere Art wichtig. Es gab damals ein Projekt, an dem ich arbeitete, ein Konvolut mehrerer Geschichten, die alle eine bestimmte Sache verband, und davon ist sie ein Teil. Sie ist so frei, so irrsinnig in dieser Freiheit … Ich geb zu, ich hatte tatsächlich ein bisschen Angst, sie in LAST ORDER  reinzupacken. Aber sie musste einfach mit dazu. Auch wenn viele beim Lesen vielleicht denken „what the fuck?!“ Das passt für mich schon. 😀

Michael Schmidt: Die älteste veröffentlichte Geschichte heißt Ein perfekter Tag. Da spielt Gerd Wegmann mit. Dem hast du in dem 2002 erschienen Roman Pfuhl Leben eingehaucht. Erzähl uns doch mal von Pfuhl. Wie kam es zu dem Roman und war das dein erstes Mal?

Germaine Paulus: Die Initialzündung zu PFUHL kam tatsächlich in der Küche der Werbeagentur, in der ich damals arbeitete. Und zwar am Kopierer. Da stand ich mit einer Kollegin, und irgendwie kam der Gedanke auf, einen Krimi zu schreiben, den man dann quasi als Abo bezieht und jeden Tag eine Seite per Fax bekommt. Das hört sich jetzt unfassbar oldschool an, ich weiß. Aber es ist ja auch schon 20 Jahre her. Aus dem Grund sind die Kapitel des ersten Akts im PFUHL  übrigens auch so kurz. Als das erste Kapitel, der erste Akt, dann beendet war, hätte es das eigentlich gewesen sein sollen. Aber ich bekam richtig gutes Feedback. Die Leute wollten mehr, und ich war angefixt. So entstand der PFUHL  als 3-Akter und direkt danach machte ich mich an UND DIE MORAL, den Nachfolger.


Michael Schmidt: Wie kam es danach dazu, den Charakter in einer Kurzgeschichte zu verwenden?

Germaine Paulus: Ich find's einfach geil. Auch das Cameo einer anderen … Person, das ich in OHNMACHT, meinem dritten Roman, versteckt hab. So was ist genau mein Ding. Nicht immer alles so bierernst nehmen, könnte man sagen. Auch Wegmann und Taubring mal in ein Horror-Endzeit-Umfeld zu packen, wie in der Shortstory „First Cut“, das fand ich besonders spannend. Wer weiß, wer weiß … Vielleicht mach ich ja mal ein Cross-over mit anderen Welten.

Michael Schmidt: Mit Gerd Wegmann und seinem Kollegen kamen zwei weitere Romane raus und ein vierter ist in Vorbereitung, so zumindest brodelt es in der Gerüchteküche. Wann ist es soweit und wie lange brauchst du für so einen Roman von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung?


Germaine Paulus: Das kommt drauf an. PFUHL  war recht schnell fertig. Das dauerte nur so etwa drei, vier Monate. Die Überarbeitung für die Print-VÖ 2018 dauerte weitaus länger. UND DIE MORAL, der mehr als doppelt so dick ist, brauchte dann auch entsprechend länger. Ein halbes Jahr war das. Allerdings ist diese „Urfassung“ noch dicker als die, die 2019 dann erschienen ist und ordentlich gekürzt wurde. OHNMACHT hat, alles in allem, gut anderthalb Jahre gebraucht. Die Vorab-Ideen, dann das eigentlich Schreiben, das ich im Januar 2020 anfing. Im Herbst ging's dann in Lektorat. Und die Release war Anfang Dezember. Die Recherche spielt dabei eine große Rolle, aber auch der Inspirationsfaktor, den viele meiner Quellen einbringen. Es kann gut sein, dass mir was erzählt wird, das so gut, krass, interessant ist, dass ich dann extra noch einen Platz dafür einräume, der gar nicht vorgesehen war. Am vierten Teil sitz ich nun schon viel länger als geplant war. Leider. Der Plot ist zickig, richtig zickig. 😀



Michael Schmidt: Der gemeine Deutsche schaut ja lieber Tatort, früher Derrick. Gibt es einen Markt für Und die Moral und Ohnmacht?

Germaine Paulus: Absolut. Und ich wüsste auch, wen ich gern für die Regie hätte. Und welche Klausel für den männlichen Cast ich unbedingt durchsetzen wollen würde. Und wer das errät, dem spendier ich gern eine Runde Wegmann komplett mit süffisanter Signatur. Ha! Aber wo du schon TATORT erwähnst: Da möchte ich anfügen, dass für mich ANNE UND DER TOD ein wirklich herausragender deutscher Krimi ist. Und META von der Berliner Crew steht ebenfalls für sich. Es gibt viele echt gute TATORTE. Da hat sich viel getan in den letzten Jahren, was ja auch genügend Fans der alten Garde verprellt hat.

Michael Schmidt: META  gefiel mir auch sehr. Aber zurück zu deinen Werken. Wie würdest du die drei Krimis charakterisieren?

Germaine Paulus: Sie unterscheiden sich schon sehr. PFUHL ist schnell, zackig, völlig überzogen (19 Leichen, jaha!) und wenig realitätsnah. Den bezeichne ich selbst gern als Pulp Noir, oder, ums bildlicher zu machen: als kleinen Punk, der mit 'ner Dose Bier auf der Straße rumsteht und grölt. UND DIE MORAL ist sehr langsam, ausholend, tiefergehend und vor allem bitterer, kein krawalliger Pulp mehr, sondern ganz im Sex and Crime gelandet. Der sitzt eher in einer Bar am Tresen, trinkt Rotwein und tut sich selbst leid. Ich behandle dort ja auch ein Thema, das mich seinerzeit, 2003, sehr erschüttert hat – und das gerade in der letzten Zeit wieder Präsenz hatte. Was genau das ist, kann ich leider nicht an dieser Stelle nicht sagen, da es Teil des Twists ist. OHNMACHT, der dritte Teil, ist noch mal anders. Schnell und hart und ohne Hoffnung. Dass viele Leser:innen ihn als sehr brutal empfinden, war mir beim Schreiben gar nicht bewusst. Okay, ich wusste, dass es für Frauen beim Lesen heftig werden könnte. Aber genau das wollte ich ja erreichen, dieses Zugezogene-Kehle-Gefühl. Eine meiner Beta-Leserinnen sagte mal: „Es sind so viele schlechte Menschen in diesem Buch.“ Und ich antwortete: „Ach komm, so viele doch auch nicht!“ Und sie sagte: „Wer denn nicht?“ Und nach langem Überlegen sagte ich zögerlich: „Leon?“ Da mussten wir dann beide lachen. Aber es trifft es schon ziemlich gut. Auch hier fällt es mir schwer, ins Detail zu gehen, ohne zu spoilern. Der Titel ist Programm, so viel kann man sagen. Und wie sich der Fall darstellt, basiert auf etwas, das in der Polizeiarbeit weit öfter vorkommt, als „Krimi“ gemeinhin vermittelt. Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass ich eine Mischung aus Crime und Life schreibe. Mit viel Liebe drin. Inmitten der Härte der echten Welt.

Michael Schmidt: Weitere Wegmann Kurzgeschichten finden sich ebenfalls in Last Order. Sind weitere geplant?

Germaine Paulus: Geplant nicht wirklich. Die ploppen so aus mir raus. Was mich echt gereizt hat, war die Zombie-Nummer. Das hat derart Spaß gemacht, ausgerechnet diese beiden, also Wegmann und seinen Partner Taubring, ist so ein Set zu stecken. Ich glaube, da mach ich mal wieder was …

Michael Schmidt: 12 Geschichten sind zum ersten Mal veröffentlicht in Last Order. Hast du Favoriten darunter?

Germaine Paulus: Hm, darüber hab ich mir nie wirklich Gedanken gemacht. Ich mag die ganze Palette. PORZELLAN ist vielleicht ein Favorit, wegen der Surrealität. Und POMMES SCHWARZ-GELB, wegen der Bösartigkeit und der Überheblichkeit darunter. Aber auch ELIAS ODER KEINE SCHOKOLADE … Frag mich doch bitte nicht, welches Kind ich lieber hab als die anderen!

Michael Schmidt: Die Themenpalette ist bunt: Voodoo, Missbrauch, Zeitreise. Liebst du die Abwechslung oder findet der Leser in Last Order immer die essentielle Germaine Paulus in verschiedener Verkleidung?

Germaine Paulus: Wahrscheinlich eher letzteres. 

Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Germaine Paulus: An ALLES, dem vierten Wegmann-Roman. Und einer Sache, die OHNMACHT betrifft, die aber noch nicht spruchreif ist. Ein paar Shortstory-Projekte schwimmen drumrum, aber der Fokus liegt bei Gerd. Immer eigentlich. 😀

Michael Schmidt: Und welche Veröffentlichungen stehen für die nächste Zukunft an?

Germaine Paulus: Vor allem der Roman, ALLES. Ich brauch schon viel zu lang, aber wir wissen ja alle, dass gerade keine normale Zeit ist. Und ich, die ich Leben, Nacht, Bars und halbseidenes Volk um mich rum brauche, bin einfach noch nicht auf dem alten Inspirationslevel. Das wurde durch 2021 arg beschädigt, ich lecke immer noch meine Wunden.

Michael Schmidt: Autor heißt, man schreibt das eine. Eventuell liest man aber was ganz anderes. Welche Literatur bevorzugst du und welche Autorinnen und Autoren magst du besonders?

Germaine Paulus: Ich lese tatsächlich gern Thriller. Auch gern mal historische Krimis. Es stehen sogar ein paar Liebesschnulzen bei mir im Regal (die ich damals als Konter zum Schreiben von PFUHL und MORAL brauchte). Phantastik lese ich natürlich auch, ich war ja auch mal im Clive-Barker-Fanclub. Ich vergöttere Joe R. Lansdale. Und einer der Romane, die bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben, ist IM NAMEN DES SCHWEINS von Pablo Tusset. John Niven mag ich auch, so herrlich menschenfeindlich. David Peaces 1974 hat mich weggeballert. Harten Horror lese ich ebenfalls, wenn auch mittlerweile selten – und wenn er nicht zu splattrig auf die billige Art ist. Da hab ich einfach im Zuge meiner frühen Hardcore-Filmphase schon zu viel gesehen. Mittlerweile steckt die wahre Härte für mich ganz woanders. Ich lese eigentlich querbeet. Nur Biografien, die gehen nicht so an mich. Um ein bisschen Namedropping zu machen: Pratchett, Dick, Bannard, Pittigrilli, Poe, Lovecraft, Welsh, Simmons, Hayder usw. findet man in meinem Regal.

Michael Schmidt: Was fehlt dir in der aktuellen Krimi und Phantastikszene an Themen und Stimmen?

Germaine Paulus: Kann ich gar nicht punktgenau sagen. Ich bin immer froh, wenn ich Literatur finde, die sich traut, mit eigenem Stil über die Stränge zu schlagen. Kunst darf provozieren, darf weh tun. Muss es vielleicht sogar. Deswegen habe ich auch ein ambivalentes Verhältnis zu Trigger-Warnungen. Sie können Kunst viel Kraft nehmen. Ich muss da gerade gar nicht mal an einen Roman, sondern an den TATORT denken, den ich eben erwähnte, ANNE UND DER TOD. So etwas, das wünsche ich mir öfter. Schonungslos. Unschön. Real, ohne sich verkrampft korrekt an aktuellen Themen abzuarbeiten. Manche empfinden das als deprimierend, für mich ist es großartig. Hätten sie den mit passender Trigger-Warnung versehen, wäre er verhunzt gewesen und hätte seine Wucht nie entfalten können. Und nein, ich krieg kein Geld von der ARD.

Michael Schmidt: Ich bedanke mich für das anregende Gespräch. Ein Wort noch an die Meute dort draußen!

Germaine Paulus: Genießt die Welten, die andere in Wort und Bild für euch schaffen. Behaltet eure Leidenschaft, was auch immer sie umkreist. Eure Neugier auch! Unterstützt die kleinen Verlage und Produktionen. Und sagt, wenn euch etwas gefällt, gerade das brauchen wir alle zur Zeit besonders. Danke dafür. Und dafür, dass ihr lest.



 

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