Donnerstag, 20. August 2020

Scheinbar

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:

Scheinbar (aus Neues aus Anderswelt 37 und Teutonic Horror)

Gestern war wieder einer dieser Tage. Einer dieser überflüssi-gen Tage, die einem jeglichen Optimismus rauben und die Stimmung vermiesen.
Es hatte, wie sollte es anders sein, mit Ärger auf der Arbeit begonnen. Und das an einem Freitag. An einem Freitag sollte man sich normalerweise beschwingt fühlen, da das Wochen-ende und die damit verbundene Freizeit greifbar nahe sind. 
Von wegen!
Mein Chef schien seinen letzten Lehrgang zu ernst genommen zu haben. Wie sonst kam er auf die Idee, mir eines dieser Mitarbeiterprofile überzustülpen und mich bezüglich meiner weiteren beruflichen Entwicklung zu nerven? Da stand ich. Einerseits musste ich den Karrierehengst mimen, andererseits durfte er sich von meinen erfundenen Zielen nicht bedroht fühlen. Dieser schmale Grat hatte mir leider keinen Halt gegeben. Musste er das Mitarbeitergespräch auch ausgerechnet am Tag nach unserem Skatabend führen?
Ich war geistig alles andere als auf der Höhe und verstrickte mich in allerlei Widersprüche. Um es kurz zu machen: Er war danach richtiggehend sauer und kündigte mir für die Zukunft eine härtere Gangart an.
Ich nahm es locker. Wozu gibt es Arbeitsverträge, in unserem schönen Staat ist der Arbeitnehmer eine der bestgeschützten Spezies. Seinen Schlusssatz mit dem Hinweis auf in Zukunft ausgesetzte Gehaltserhöhungen und stärkere Kontrolle meiner Arbeit nahm ich weniger locker auf. 
Das konnte ja heiter werden.
Kurze Zeit später rief mich mein Lieblingskunde an und teilte mir seinen Unmut mit. Der Unmut sorgte für Überstunden, der gemütliche Freitagabend rückte in weite Ferne. Auf der Heim-fahrt bewies der Deutsche zu allem Überfluss seine mangelnde Fähigkeit beim Führen eines Automobils, so verbrachte ich die frühen Abendstunden im unfallverursachten Stau. 
Na danke!
Das wäre alles halb so schlimm gewesen, da mein Kater-bekämpfungstraining in greifbarer Nähe rückte, doch hatte meine Freundin meine Abneigung gegen kulturelle Veran-staltungen unterschätzt und uns zwei Karten für das abendli-che Theaterprogramm besorgt. Ich liebe meine Freundin und brachte dieses Opfer. 
Ich hätte es besser nicht getan.
Meine schlechte Laune ließ sich einfach nicht mehr verbergen. Ein Wort gab das andere. Haben Sie schon mal mit einer hysterischen Frau gestritten? Unversehens sah ich mich vor meiner Wohnung abgesetzt, während sie immer noch fluchend das Weite suchte.
Jetzt stehe ich hier und kann nur hoffen, dass der neue Tag besser wird. Mein in blauen Ziffern leuchtender Radiowecker zeigt halb zwei in der Nacht, der Kühlschrank demonstriert ganz ungeniert den Mangel an alkoholischen Getränken. Zum Glück sind wenigstens die Kippen auf meiner Seite. Ich über-lege kurz, mir noch ein Ersatzpäckchen um die Ecke zu zie-hen, verwerfe den Gedanken aber faulheitsbedingt wieder.
Kein Bier, kein Whisky, so beschließe ich, meinen Frust in den Weiten des Internets abzuladen. Mein Arbeitszimmer ist ein von CDs, Bücher und Unrat vollgestopfter Raum, der an einer kleinen Stelle einen mickrigen Schreibtisch nebst Laptop beherbergt. Ich klappe den Bildschirm hoch und schalte den Rechner an.
Als erstes checke ich meine Emails. Das Übliche. Ein Mix aus Werbung, persönlicher Konversation und Benachrichtigungs-mails. Aber was ist das?
”Hallo Salvat, du dürftest mich nicht kennen, doch bin ich auf dich aufmerksam geworden. Folge einfach dem Link, und sei gewiss, es handelt sich weder um eine Sexseite, noch um ver-steckte Werbung. Ich kenne die Probleme deiner momentanen Situation und kann dir helfen. Komm einfach rüber. Es ist ganz einfach.
Dein Lucio!”
Ich bin wie immer skeptisch, doch die kurze Nachricht hat mein Interesse geweckt. Ich hadere eine Zeitlang mit mir selbst, zögere und besuche die üblichen Seiten, ohne jedoch in Stimmung zu kommen. Mein Blick fällt erneut auf die Nach-richt. 
Ach, Scheiß drauf, ich bin neugierig.
Ich öffne den Link. Der Hintergrund der Seite ist ein kräftiges 
mittelblau, die Schrift erscheint in fetten roten Lettern. 
”Fühlst du dich durch den Alltag gegeißelt? Möchtest du etwas erfahren, erleben, das deinen Erfahrungsschatz erweitert und dir einen ganz neuen Kick gibt? Tritt ein und lasse deine Sinne verwöhnen.”
Mit der Schrift öffnet sich selbstständig ein kleines Fenster.
”Hallo Salvat, du siehst vielleicht den Weg noch nicht, aber gehe einfach weiter, du wirst es nicht bereuen. Dein Lucio!”
Jetzt packt mich das Entdeckungsfieber. Meine Probleme treten in den Hintergrund. Eine grimmige Erregung hält mich und treibt mich voran. Natürlich erwarte ich den üblichen Nepp, aber die ganze Situation ist für mich eine Heraus-forderung. Vielleicht ist das die Rettung eines misslungenen Tages. Schaden kann es nichts. Ich habe ein spezielles Pro-gramm, das die 0190er Nummern blockiert, also ist von daher kein Problem zu erwarten.
Ich trete ein und schaue mich um!
Witzig! Ähnlich realem Blut läuft an den Seiten des Bildschir-mes eine rote Flüssigkeit herunter. Rechts unten ist ein Ket-tensägensymbol. Bei welchen Irren bin ich denn hier gelandet? Ich lache in mich hinein und öffne die angebotenen Links.
”Hallo Salvat, deine Sorgen sind bei uns in guten Händen. Du hattest heute Probleme mit deinem Chef. Hier hast du die Möglichkeit, deinen Frust über ihn abzureagieren. Klicke den Link Chef” an und du kannst es ihm mal so richtig geben. 
Dein Lucio!”
Was soll denn das? Ich zweifle ein wenig, ob ich die ganze Sache nicht abblasen soll. Wer weiß, was mich dort erwartet. 
Dann schelte ich mich einen Narren. Bist du ein Hasenfuß?
Ich befinde mich im Internet, in der virtuellen Realität. Was soll da passieren? Was mache ich mir Gedanken? Hier ist alles Illusion, nichts ist real.
Ich öffne den Chef-Link.
Das virtuelle Abbild meiner Firma baut sich am Bildschirm auf. Sein zweckmäßiges Büro, lieblos eingerichtet. Ich kann selbst die verdorrten Pflanzen erkennen, die den langsamen Tod des Wassermangels sterben. Rechts ist eine Leiste mit einem Auswahlmenü. 
Fäuste! Messer! Pistole! Kettensäge!
Ich wähle die Faust und harre der Dinge, die da kommen. Nicht nur die Pflanzen dürsten.
„Schlag zu!”

Die ganze Geschichte ist hier erhältlich: Teutonic Horror

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