Dominik Grittner (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Dominik, stell dich den Lesern doch mal vor!

Dominik Grittner: Hi! Ich bin 26, studiere Drehbuchschreiben und Dramaturgie in Babelsberg, habe einen Kater, der nicht richtig miauen kann und teile mir eine WG in Potsdam mit einem Schauspieler und einem Produzenten. Da kommen viele lustige Ideen zustande. Wenn ich nicht schreibe, dann reise ich gern, war dieses Jahr in Prag und in Südfrankreich. Oder schaue Wrestling. Achja, ursprünglich komme ich aus Magdeburg. Auch wenn der Marcus Richter die Stadt gern mit dem „Grauen“ in Verbindung bringt, muss ich sagen, dass ich viele gute Zeiten dort hatte, vor allem auf den Kunst- und Kulturveranstaltungen dort.


Michael Schmidt: Du hast drei Geschichten in Zwielicht veröffentlicht. Welche ist dein Liebling?

Dominik Grittner: Naja, prinzipiell ist ja immer das Neueste das Beste. Aber wenn ich zurück schaue, muss ich über Master Carvat immer noch schmunzeln. Das Schreiben hat ziemlichen Spaß gemacht, das war einfach drauf los. Und die Charaktere sind so schön überspitzt und kunterbunt.

Michael Schmidt: In Zwielicht 5 ist gerade Sterben wie Igy Pop erschienen. Wie kam es zu der Idee und was hat sie mit Igy Pop zu tun?


Dominik Grittner: Das ist einfach: Ich hab in der VISIONS (Musikmagazin) eine Story über Iggy Pop und die Stooges gelesen. Dort beschrieb Iggy Pop, wie er mal tatsächlich plante, seinen Selbstmord auf der Bühne zu inszenieren. Der hat sich ja auch auf der Bühne mal mit ein paar Rednecks geprügelt, als die Stooges noch klein waren. Fand ich spannend. Und außerdem: Ich finde Storys über broken Stars immer interessant. Da gibt’s so eine Wrestlingdokumentation, Beyond the Mat, an die musste ich viel denken. Jake the Snake Roberts sagt in einer Szene, wie er auf einer Tour in ganz Amerika wrestlete, Sex mit Prostituierten hatte und zu viel trank. Und dann kam er nach Hause und konnte seiner Frau nicht ins Gesicht schauen. Das finde ich traurig und bewegend. Da wollte ich mich hineinversetzen.

Michael Schmidt: Verbindungen zwischen Musik und Kurzgeschichten sind ja IN. Karla Schmidt hatte eine David Bowie Anthologie herausgegeben, zuletzt erschienen Themenbände zu Metallica und Kate Bush. Hast du mehr in der Richtung geplant und was ist das Besondere an dieser Richtung?

Dominik Grittner: Keine Ahnung, ob das IN ist. Ich wollte mit 13 Rockstar werden und hab mir eine Gitarre gekauft, Nirvana-Bios gelesen und Musikmagazine durchgeblättert. Die Musikwelt ist eine Welt für sich, die Künstler narzisstisch, für Autoren sehr fruchtbar. 

Michael Schmidt: In Zwielicht 3 erschien deine Geschichte Der graue Raum, auch keine typische Weird Fiction Story. Worum geht es?

Dominik Grittner: Es geht um eine Studentin, die von einer Droge abhängig wird. Ihr Drogendealer begehrt sie und will sie mit der Droge, einem grünen Tic Tac (so sollte die Story ursprünglich heißen – Das grüne Tic-Tac – aber davon wurde mir recht deutlich abgeraten), kontrollieren. Wir erleben zwei Bewusstseinszustände der Protagonisten: Das reale Leben und ihr Drogentrip im grauen Raum. Letzteres ist vom Tool-Video zu Schism (schon wieder Rockmusik!) inspiriert. Und der Rest vom wilden Magdeburger Party-Leben. 

Michael Schmidt: In Zwielicht 4 erschien die eigentlich für Ausgabe 3 geplante düstere Pulp-Story Master Carvats Geheimnis Leichen verschwinden zu lassen. Ist Magdeburg so düster?

Dominik Grittner: Gut, dass du diese Frage nicht dem Marcus stellst. Nein, das hat andere Gründe: Ich fand es von Anfang an toll, dass Stephen King seine Storys in seinem Heimatort ansiedelt. Das ist authentisch und außerdem weißt du dann beim Schreiben, wie die Leute so ticken. Da kommen mir mehr Ideen. Als ich noch in Oschersleben gewohnt habe, hab ich Oschersleben eingebaut. So einfach ist das.

Michael Schmidt: Drei doch sehr unterschiedliche Geschichten, wie ich finde. Teil einer Entwicklung oder bist du einfach ein vielseitiger Autor?

Dominik Grittner: Das zu beurteilen überlasse ich den anderen. Ich schreibe so, wie mir die Ideen kommen. Aber ich denke: Ich würde so etwas pulpiges wie Master Carvat heute immer noch mit genauso viel Spaß schreiben.

Michael Schmidt: Zuletzt ist eine Novelle von dir erschienen. Die hat aber kein phantastisches Element, ist aber sehr intensiv und hat ein ungewöhnliches Thema. Wie heißt die Novelle, wo kann man sie beziehen und wie kam es zu der Geschichte und Veröffentlichung?

Dominik Grittner: Danke! Sie heißt Wenn wir alle doch nur schweigen könnten und handelt von einem aggressiven Jugendlichen namens Leander, der seine Stiefmutter begehrt. Ich mag Tabu-Themen wie verbotenem Sex und habe ein paar Male Ian McEwans Zementgarten gelesen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann wollte ich am Anfang eine Story um einen Jugendlichen schreiben, den man erst hasst, weil er ein Arschloch ist… doch dann lädt er dich in seine Welt ein, zeigt dir, warum er so ist, wie er ist. Er redet frei über das Masturbieren und stellt Überlegungen an, ob das erste Lebewesen, das aus dem Wasser stieg, an Land ging und damit die Evolution startete, sich nicht eigentlich umbringen wollte. Und irgendwie magst du ihn, obwohl er eigentlich nur destruktiv denkt. Das wollte ich erzählen und hatte dabei die ganze Zeit das Gesicht eines jungen Joacquin Phoenix vor Augen.
Zur Veröffentlichung: In Magdeburg gibt es zwei Studentinnen, die einen DIY-Verlag namens Die Analoge Elster gegründet haben und Flugblätter mit Kurzgeschichten verteilen. Ich kannte beide und sagte: Habt ihr Bock, meine Story als kleines Buch raus zu bringen? Und sie sagten: Ja. Und dann kam das Buch mit Zeichnungen von Sarah Neuendorf in einer 100er Auflage raus. Bestellen kann man das, wenn man mir auf meiner Facebook-Autorenseite schreibt. Oder per Mail:
Dominik_Grittner@gmx.de .

Wer sich noch nicht sicher ist, kann den Anfang der Novelle auch auf
http://www.youngspeech.de/index/literatur/leseprobe-wenn-wir-alle-doch-nur-schweigen-koennten lesen.

Michael Schmidt: Zuletzt konnte man einen Kurzfilm von dir auf youtube bewundern. Worum geht es darin und wo kann ich ihn finden?

Dominik Grittner: Der Kurzfilm heißt „Entmachtet“ und es geht um Roland, der seine Arztkarriere in Sand gesetzt hat nachdem er ein Mädchen mit Hilfe von KO-Tropfen vergewaltigte. Jetzt ist er Taxifahrer und wird gefordert: Denn er kutschiert zwei Medizinstudenten durch die Nacht, die KO-Tropfen dabei haben und dasselbe planen, wie das, womit sich Roland seine Zukunft verbaut hat.
Und jetzt, wo ich Spannung aufgebaut hab: Der Film ist leider nicht mehr online. Der soll bei diversen Festivals gezeigt werden und die wollen natürlich alle Exklusivität und so. Infos gibt es aber auf
www.facebook.com/entmachtetkurzfilm

 Michael Schmidt: Vom Kurzgeschichtenautor zum Drehbuchautor. Zwangsläufige Karriere und welche Erfahrung hilft da und wo sind die Unterschiede?

Dominik Grittner: Was mich am Film reizt, ist die Teamarbeit. Du hältst mit Produktion, Regie und Schauspielern Rücksprache, die haben geile Ideen, die du dann ins Buch einarbeiten kannst. Und vor allem kriegst du immer neue Inspirationsschübe. Kurzgeschichten zu schreiben ist dahingehend viel einsamer und mehr von Selbstzweifel geplagt.
Ich muss dazu sagen: Unser Studiengang Drehbuch & Dramaturgie ist sehr literarisch geprägt. Viele von uns schreiben Kurzgeschichten und Romane. Und ich denke, Drehbuchschreiben hilft dir generell: Du schreibst verdichteter, kommst auf den Punkt. Wo du bei Storys zwei Seiten Platz zum Erklären hast, musst du alles in einem Bild konkret darstellen können. Das ist Fluch und Segen zugleich. Aber du lernst beim Drehbuchschreiben vor allem das Strukturieren und das dramaturgische Potenzial deiner Storys zu entfalten.
Aber um ehrlich zu sein: Würdest du mich jetzt vor die Wahl stellen, ob ich von heute auf morgen nur noch Drehbücher oder Romane schreibe… dann könnte ich mich nicht entscheiden.

Michael Schmidt: Wie würdest du die deutsche Filmszene und die Chancen für den Nachwuchs beurteilen?

Dominik Grittner: Kommt natürlich drauf an, was du willst. Bist du ein großer Visionär und willst kompromisslos deinen Film machen, dann do it yourself. Das meine ich ernst. Trommle ein Team zusammen, frag bei ein paar Förderungen an und mache einfach. Rechne aber nicht damit, dass du reich wirst. Reich werden zu wollen sollte eh keine Motivation für irgendwas sein…
Willst du einfach nur in einem kreativen Job arbeiten, dann sind Kontakte wichtig. Mach dich bemerkbar, finde Leute, die ticken wie du. Man muss auf keine Filmhochschule gehen, aber sie erleichtert dir vieles.
Und zur deutschen Filmszene: Die finde ich langweilig. Jedenfalls, was Fernsehfilme angeht. Als der Tatort „Im Schmerz geboren“ vor ein paar Wochen kam, waren ja alles aus dem Häuschen. Das war wirklich mal ein Film, also einer, der nicht gestelzt versucht, die Realität zu imitieren, sondern mit filmischen Mitteln spielt. An der Publikumsreaktion lässt sich ablesen, wie selten so etwas in Deutschland geworden ist. Filmemachen soll Spaß machen, aber die Sender sind sehr auf ihre Strukturmodelle fixiert. Aber durch die US-Serien findet langsam ein Umdenken statt. VOX gibt jetzt eine Serie in Auftrag. Watchever hat das ja auch mal geplant, aber das war eine Luftblase. Ich warte, darauf, dass Sky was Cooles startet. Mit der Bundesliga hat man ja ein Standbein, warum nicht mit dem anderen spielen?

Michael Schmidt: Torsten Scheib schrieb ja gerade das Buch zum Film. Kannst du dir sowas auch vorstellen oder strebst du eher eine Verfilmung deines ersten Romans an? Und wenn ja, wann kommt dieser?

Dominik Grittner: Was hat der? Ich kenne ja, was der so schreibt, schätze ihn auch als Autor, aber das ist an mir vorbei gegangen.
Was sich verfilmen lässt oder was sich besser auf Papier macht, ist bei mir immer eine Bauchentscheidung. Ein Kommilitone kam vor ein paar Monate auf mich zu und sagte, er wolle aus Wenn wir alle doch nur schweigen könnten einen Film machen. Ich habe die Story nicht als Film gesehen, aber ich konnte es mir vorstellen, wenn ich im Drehbuch recht viel umschreibe. Aus der Zusammenarbeit ist leider nicht mehr geworden, weil, kurz gesagt: Kein Geld. Aber es wäre interessant gewesen.
Meinen ersten Roman habe ich vor einem Monat im ersten Entwurf fertig geschrieben. Ich muss ihn allerdings noch abtippen, weil ich mit Kugelschreiber auf Papier schreibe. Da wird am Ende jedoch kein Film draus.

Michael Schmidt: Film und Buch haben ja unterschiedliche Aspekte, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Was siehst du an gemeinsamen Problemen und wo kann die eine Seite von der anderen lernen?

Dominik Grittner: Gemeinsame Probleme oder Herausforderungen sind: Interessante Charaktere, die den Zuschauer reinziehen und ein guter Plot. Das ist grundlegend. Was ich so schön an der Literatur finde: Du hast viele Entfaltungsmöglichkeiten. Der Plot kann sich noch ein paar Mal wenden, du hast dir vorgenommen einen 300-Seiten Roman zu schreiben und kannst dich entschließen, 800 draus zu machen. Im Fernsehfilm darfst du die 90 Minuten nicht überschreiten.
Ein Film, den ich spannend finde, weil der auch super als Roman funktioniert hätte, war Love Exposure von Shion Sono. Gut, der Film geht vier Stunden, aber der erzählt sehr frei, dramatisch und dennoch konsequent.

Andererseits denke ich, dass Autoren sich auch mit dem Medium Film vertraut machen sollten. Viele Anfänger erzählen beim Schreiben. Sie holen weit aus, palavern. Was der Leser vorgegaukelt bekommt, kann er wieder vergessen. Ein guter Film dagegen ist direkt: Du bekommst nichts erzählt, du siehst. Du erlebst. Das vergisst du nicht so schnell. Ich musste bei Filmen zig Mal öfter weinen oder lachen als bei Büchern, weil es mich direkter packt (vielleicht habe ich auch einfach nur ein Defizit an Vorstellungskraft).
Ich glaube, wenn Schriftsteller lernen, bildhaft, direkt und verständlich zu schreiben – wie es die Drehbuchautoren tun müssen – dann können sie viel mehr beim Leser erwirken.

Michael Schmidt: Welche Filme sind deine Favoriten und wo landen deutschsprachige Produktionen?

Dominik Grittner: Hmm, deutsche Filme, schwierig. Schaue ich auch nicht sooft. Türkisch für Anfänger mochte ich, also die Serie. Ansonsten können wir Deutschen Komödien gut, Bang Boom Bang war da zum Beispiel wahnsinnig gut.
Als ich zur Filmuni kam, wurde ich schnell Fan von Paul Thomas Anderson. Boogie Nights habe ich bestimmt zehn Mal gesehen. Magnolia und The Master sind Meisterwerke. Und zuletzt schaue ich immer öfter Edgar Wright. Hot Fuzz ist der Hammer, Wright und Simon Pegg haben den besten Regie-Audiokommentar der Welt aufgenommen. Ansonsten: Scorsese und chan-wook Park. Und ja, klar, was alle schauen: Serien. True Detective, Game of Thrones, Walking Dead…

Michael Schmidt: Die gleiche Frage für die Literatur?

Dominik Grittner: Ja, da haben die Deutschen mit ihrer Politeratur maßgeblich Einfluss auf mich genommen. Stuckrad-Barre mit Soloalbum oder Kracht mit Faserland. Das lese ich immer wieder gern. Oder Paradiso von Thomas Klupp.
Momentan hänge ich ziemlich auf Autobiografien fest: Mr. Nice, die Bio vom Drogendealer Howard Marks oder die von Jordan Belfort, dem Wolf of Wall Street. Und gerade eingetroffen: Das Buch vom Wrestler Mick Foley „Have a nice Day“. An Belletristik hat mich Nic Pizzolattos (True Detective-Autor) Galveston zuletzt beeindruckt, ein ziemlich düsterer, harter Krimi.
Fragst du mich nach drei Alltime-Favoriten, sind das „Teufelszeug“ von Joe Hill, „Fänger im Roggen“ von Salinger und „Women“ von Bukowski.

Michael Schmidt: Wir kennen jetzt dein aktuelles Werk. Aber uns interessiert natürlich auch, was ist für die nähere Zukunft geplant. Welche Veröffentlichungen stehen an und woran arbeitest du im Moment?

Dominik Grittner: Mitte November drehen wir vom Studium aus einen Kurzfilm, fünf Minuten lang. Da mache ich eine True Detective-Parodie, das Ding heißt dann eleganterweise „Wrong Detective“. Gerade bin ich noch im Schnitt für meinen Kurzfilm „The Inner Game“, wo sich eine Männergruppe trifft und ganz frei über ihre sexuellen Sorgen redet. Danach möchte ich das nächste Filmprojekt in Angriff nehmen, einen Film über einen Detektiven, aber so Shutter Island-mäßig.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute dort draußen!

Dominik Grittner: Ein Spruch, den mein Mitbewohner heut Morgen brachte und über den ich immer noch schmunzle (gerade, nachdem ich hier diese Fragen beantwortet habe): Wer überall seinen Senf dazu gibt, läuft Gefahr, ein Würstchen zu sein.

 

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