Sonntag, 10. April 2011

Wie die deutsche SF zu Weltruhm gelangte

Es war einmal. Die deutsche SF war eine Randerscheinung, die außerhalb der Grenzen der Republik kaum wahrgenommen wurde. Es wurde unzählige Versuche gestartet, dies zu ändern, doch blieb außer der endloslaufenden Serie Parody R. Hodan wirklich nichts in den Geschichtsbüchern haften. Lange Zeit.
Eine bei Ausgrabungen gefundene Videokamera und eine leicht abfallende gerade Straße schafften ein wenig Abhilfe, doch war auch dieses nur ein Intermezzo. Nachhaltiger war ein deutscher Auswanderer, der als Tordieb in Traumheim berühmt und berüchtigt wurde, hatte er doch das Pappmonster der Zwergwüchsigen entweiht. Gerüchte über die Welt verstreute Ninjas, die diese Schmach rächen wollten, können nicht bestätigt werden. So wichtig waren die deutsche SF und ihre Auswanderer nun doch nicht.


Doch dann begann das Jahr mit Überraschungen. Bisher von Fannisten übersehene Newcomer und wiederentdeckte Comebacker brachten den rostigen Zug ein wenig in Bewegung. Zusätzlich gab es die grenzübergreifende Europäisierung, die wohl der terranischen Tradition eines Parody .R. Hodan nachempfunden war.

Doch noch immer klemmte der Schuh. Ein wenig Bewegung war zu wenig, es musste ein Schwungrad erfunden werden. Eine kleine Gruppe aufrechter Deutscher beschloss, diesen Umstand zu ändern. Das Projekt „Dick wird Deutscher“ wurde gestartet. Diese Fannisten waren aber alles andere als eine geschlossene Front. Einer der ihrigen behauptete gar öffentlich, zwei Fannisten vertraten mindestens drei Meinungen. Damit pflegten sie die neue deutsche Lebensauffassung. Nicht Fleiß, nein rücksichtsloser Individualismus gepaart mit Besserwisserei war das Credo der Stunde. Bei den SF-Schaffenden kamen noch besonders lange verschachtelte Sätze gepaart mit verwirrender Endlosbeschreibung dazu, die von der Inhaltslosigkeit der gezwungen nicht amerikanisch kopierten Erzählung ablenken sollte.

Man sieht, eine neue deutsche Eigenschaft musste erschaffen werden. Die erste Lektion war es, die englischen Begriffe zu verweigern. Schließlich war der Fortschritt genau mit diesem verbunden und ein Grund, warum deutsches Gedankengut nicht an der Spitze der Innovation stand. Letztere nannte man ab sofort „Erneuerung“.
Dies brachte die Traditionalisten unter den Fannisten auf die richtige Spur. SF war an sich schon ein amerikanischer Begriff, Phantastik auch nicht dem deutschen Sprachgebrauch entnommen. So wurde der Begriff „Unglaubliche Erneuerung“ als Sammelbegriff für eine Literaturgattung geschaffen, welche ab sofort den deutschen Führungsanspruch in der Welt begründen sollte.

Die unglaublichen Erneuerer waren guter Dinge. Die Grundregeln waren genannt, jetzt konnte die Umsetzung des Projekt „Dick wird Deutscher“ beginnen. Dabei gingen die zerstrittenen Gruppen auf unterschiedliche Art und Weise vor.
Aber im Einzelnen.

Die niederrheinische Gruppe wurde ihrer Tradition des Snobismus gerecht und schrieb ab sofort nur noch unter Designerdrogen. Allein dadurch war die bisherige Trennung der Ursprungsgattung Phantastik Geschichte, hatten doch alle ab da geschriebene Pamphlete einen merkwürdig surrealen und düsteren Hintergrund, der die Grenzen des Bekannten sprengte. Leider auch die Grenze der Leser, die sich sichtlich verblüfft abwandten. Doch die Aufmerksamkeit war da, das Internetz, wohl kaum in den Händen der Arbeiterklasse, schrie auf und ward entzückt über solch unkonventionelle Erneuerung, die ja wirklich unglaublich war.

Die Berliner Gruppe, wissenschaftlicher Prägung ostdeutscher Kultur wendete magnetische und elektrische Felder an, zuweilen auch deren Kombination. Doch mussten erst stochastische Frequenzbänder gepaart mit diffundierenden optoferrestischen Verstärkern Abhilfe schaffen und den Durchbruch katalytisch exponieren. Die laplace Offenbarung war erschaffen. Schwingungsresistente Elektrolytimplantate erschufen nicht nur die nächste Stufe der „Unglaublichen Erneuerung“, das interkontinentale Klima stieg abrupt an und erschuf Ideen im Überfluss.
Der Gürtel um Berlin schrie derzeit wegen Benachteiligung nach zusätzlicher Förderung, um den Abstand nicht zu groß werden zu lassen. Wer wird schon gerne überrundet?

Die Frankfurter Szene ließ diese zweistufige „Unglaubliche Erneuerung“ nicht auf sich sitzen. Gemäß der waldstöckischen Tradition wurde öffentlich deutsches Hanf angebaut, der Boden mit Spezialchemie verunreinigt (man vergleiche die Verunreinigung beim Dotierungsprozess), um dem Marihuana den ganz eigenen deutschen Kick zu geben. Es klappte. Ab sofort entfiel der Publikumspreis, da die Vielzahl an neuen Ideen zwar zur „Unglaublichsten Erneuerung“ führte, jedoch niemand den Überblick halten konnte.
Angetan von dieser grenzenlosen Marktführerschaft wurden die zugrunde liegenden Prozesse öffentlich gemacht, schließlich verdankte man dem Durchbruch ja den nationalstaatlichen Eigenheiten. Auch Misserfolg kann anregend sein.

Dem grenzenlosen weltweiten Erfolg zollten die nichtdeutschen Autoren Tribut. Sie suchten sich eine anständige Beschäftigung. Die, welche es sich leisten konnten, konzentrierten sich fortan der Lektüre deutscher „Unglaublichster Erneuerung“, so sie denn ein Wort verstanden.

Die Welt war wieder soweit. Deutschland hatte seinen angestammten Platz an der Weltspitze wieder erlangt. Die zwischenzeitliche Verbannung auf die Plätze war Geschichte und ein langsam verblassender Fleck, dafür würde die deutsche Gründlichkeit schon Sorgen. Diese sorgte auch für allerlei anderes, nämlich dem später bezeichneten „Bumerangeffekt“, eine Wortkreation nicht aus „Dem Lande unter“, sondern aus urdeutschem Lande.

Die Gründlichkeit der Deutschen ist ja viel beschrieen, und hat nebst positiven Erscheinungsformen auch ihre schwarzen Stellen in der Geschichte. So wurde auch hier das Projekt „Dick wird Deutscher“ nebst dem zwischenzeitlichen märchenhaften Erfolg auf lange Sicht doch der blitzschnelle Absturz ins Bodenlose. Dick, geistiges Vorbild, sah ja allerlei in seinen schwierigen Phasen, so auch die Göttlichkeit. Gründlich wie der Deutsche nun mal ist, war die Depression keine Krankheit mehr, sondern die neue, urtypische deutsche Eigenschaft. Die Rationalität des Deutschen Volkes wurde in eine vollkommene Spiritualität verwandelt. Germanengötter, in der Erde liegende Lebensadern, die von der Auferstehung Martin Luthers verkündeten, waren noch harmlosere Erscheinungen.

Der Brocken wurde der Wallfahrtsort der unglaublichen Erneuerer, wie sich unser Volk jetzt nannte. Das Volk der unglaublichen Erneuerer deutscher Nation und römischer Tradition sah rund um den Broken, was den Osten des Landes endlich wieder zum wichtigsten Teil machten, eine einzige Menschenansammlung, den größten Stau der Weltgeschichte. Auch ein Zeichen der vielzitierten Gründlichkeit.

Um es kurz zu machen. Spontane Marienerscheinungen, die Auferstehung Jesus und die Materialisation von Luzifer, sorgten für den Niedergang der deutschen Produktivität, an der auch Spontansex mit magisch unterstützter Schwangerschaftsermöglichung nichts rütteln lassen konnte. Nein, auch ein Wachsen des Volkes der „Unglaublichen Erneuerer“ rettete nichts.

Die Hartgesottenen unter den Fannisten hatten es schon zu Anfang gewusst. Das ganze Märchenhafte und Übersinnliche taugt nichts. Nachvollziehbarkeit , Technologiegläubigkeit und Gigantismus hätten es getan. Aber die Verinnerlichung führte zur Verweichlichung, der Patient Deutschland bekam einen Rückfall und wurde zu einem einzigen Sanatorium, Schizophrenie zum Volkssport.

Und so ging das Kapitel der „Unglaublichen Erneuerer“ zu Ende. Ob der nächste Versuch, das Projekt „Vereinheitlichung und Gesetzmäßigkeit der in allen Punkten definierten Technologiegeschichte“ mehr Erfolg haben wird, darüber berichten wir in einer späteren Folge.

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