Christian Sidjani (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Christian, stell dich doch mal vor!

Christian Sidjani: Sehr gerne. Ich bin 38 Jahre und genauso lange wohne ich nun schon in Hamburg. Auf dem Papier Soziologie M.A. fühle ich mich aber seit meiner Kindheit dazu gedrängt, Geschichten zu schreiben (warum, weiß ich nicht). So waren alle Jobs, Praktika und das Studium letztendlich nur meine eigentlichen Nebentätigkeiten, während ich mich an Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen probierte. Hauptsächlich im Genre Horror, aber auch fern davon oder in Kombination mit anderem. Seit ein paar Jahren nun, glaube ich, mache ich das etwas professioneller. Darum begann ich 2013, einige meiner Werke zu veröffentlichen.


Michael Schmidt: Was sind die Horrorlegionen, welche Rolle spielst du bei der ganzen Sache und wann erscheint Band2?


Christian Sidjani: Die Horror-Legionen sind eine Anthologie-Reihe des Amrûn-Verlags, dessen erster Band im letzten Jahr erschien. Der Unterschied zu anderen Anthologien dieser Art, wie ich es empfinde, ist, dass sie unbekannte und bekannte Autoren des Genres gleichermaßen präsentieren, Self-Publisher und Verlagsautoren. Dabei gibt es keine Themenvorgabe oder stilistische Begrenzungen. Die Horror-Legionen sollen so einen Querschnitt der deutschen Horror-Landschaft geben, oder, um es mit dem Untertitel zu sagen: Die Horror-Legionen sollen als Almanach dienen, auch weil sie jährlich erscheinen sollen. Ich hatte die Ehre, nachdem der Herausgeber des ersten Bandes aus zeitlichen Gründen nicht mehr dabei sein konnte, den zweiten Band zusammenzustellen. Ein Erscheinen ist für dieses Jahr noch geplant. Es wird wohl spätestens zu Weihnachten so weit sein.



Michael Schmidt: Horror Legionen 2 sind dein Herausgeberkind! Was ist der Unterschied wenn man eine Anthologie herausbringt im Gegensatz zum Schreiben und Veröffentlichen als Autor?

Christian Sidjani: Nun ja, ganz klar das Zusammenarbeiten bzw. das Kommunizieren mit anderen. Wenn ich schreibe, bin ich allein, wenn ich veröffentliche, bin ich es auch, und dann hoffe ich höchstens auf Leserresonanzen. Aber wenn man eine Anthologie herausgibt, also die Geschichten anderer Leute sammelt, dann hat man mit jedem einzelnen Kontakt. Und es war eine neue, tolle Erfahrung, weil ich mich so auch mit Kollegen über unsere Arbeit austauschen konnte. Zum Beispiel mit dir, was mir auch weitergeholfen hat.
Und es macht einen großen Unterschied, ob man an eigenen Texten arbeitet oder an fremden. Das schult irgendwie auch den Blick, was noch möglich ist, man schaut über den Tellerrand seiner eigenen Arbeit. Die Horror-Legionen 2 haben mich auch dahingehend definitiv bereichert.

Michael Schmidt: Was erwartet der Leser in den Horror Legionen 2? Dein Favorit in dem Band? 

Christian Sidjani:  Ich hatte gehofft, dass mir die volle Bandbreite präsentiert wird, und ich wurde in diesem Sinne überhaupt nicht enttäuscht. Ich wollte, dass möglichst alle Facetten des Horrors in diesem Band vorhanden sind, damit der Name Almanach auch gerechtfertigt scheint. Im Prinzip haben die Autoren als Kollektiv meine Erwartungen sogar übertroffen. So wird der geneigte Leser von klassischen Schauergeschichten im ältlichen Sprachstil über zeitgenössische Geschichten im Jetzt bis zu stilistischen Experimenten und auch Geschichten mit Science Fiction-Elementen eine Vielzahl an Variationen des Genres finden. Ebenso werden subtile und extreme, bitterernste und manchmal komische Momente sich untereinander ablösen. Ich habe dann versucht, das Ganze in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen, ähnlich einer Album-Playlist, sodass der Leser von Anfang bis Ende das Abwechslungsreiche des deutschen Horrors miterleben kann.
Einen klaren Favoriten in dem Buch habe ich nicht, weil die Geschichten mitunter zu unterschiedlich sind, von Trash über Splatter zu Grusel und Künstlerisches, dass für jede Stimmungslage was zu finden ist. Aber ich freue mich z.B. besonders, dass ich die Autoren Markus K. Korb und Tobias Bachmann, die ja schon seit Jahren in der hiesigen Szene aktiv sind, dazu bringen konnte, gemeinsam an einer Geschichte zu arbeiten. Ihr letztes Gemeinschaftsprojekt, „Das Arkham-Sanatorium“, ist ja doch schon sieben Jahre her. Und ich freue mich, dass diese „alten Hasen“ zwischen denselben Buchdeckeln stecken wie Newcomer, die erst seit ein, zwei Jahren veröffentlichen.

Michael Schmidt: Wer ist Nikolas Preil?


 

Christian Sidjani: Oha. Okay. Nikolas Preil ist sozusagen mein Alter Ego, das ich in der Not erschaffen habe, als ich bemerkte, dass ich Geschichten geschrieben habe, die teilweise so widerlich sind, dass sie zu meinen zuvor veröffentlichten Geschichten irgendwie nicht passten. Auch wenn ich bisher nur im Horror-Genre aktiv war, so gibt es definitiv einen krassen Unterschied zwischen einer klassischen Schauergeschichte á la Poe und dem extremen Splatterpunk á la Lee. Und ich lese und schreibe beides gerne. Ich glaube, darum habe ich mich auch so gefreut, die Horror Legionen 2 herausgeben zu dürfen. Weil ich jede Facette des Horrors auf ihre Weise liebe.

Michael Schmidt: Ist es wichtig, normale und extreme Geschichten per Pseudonym abzugrenzen und wie fühlt man sich als multiple Persönlichkeit?

Christian Sidjani: Ich glaube, es ist wichtig, wenn man den Leser nicht vor den Kopf stoßen möchte. Wenn ein Autor über Jahre hinweg nur Extreme Horror veröffentlicht, in dem Blut und andere Flüssigkeiten in rauen Mengen fließen, und plötzlich veröffentlicht er eine ganz traditionelle Schauergeschichte, ohne dem geringsten brutalen Effekt und in einer anderen, älteren Sprache, dann könnten sich viele Leser betrogen fühlen. Mit dem Erfinden eines Pseudonyms wollte ich dem Vorbeugen. Die Leser, die es ruhiger mögen, lesen Sidjani, und diejenigen, die es trashig oder extrem mögen, können Preil lesen.
Aber ich habe es auch für mich gemacht. Irgendwie kriege ich mit der Trennung von Sidjani und Preil eine Ordnung in das, was ich schreibe, und das mag ich. Ich könnte mich nicht besser damit fühlen. Nikolas und ich sind die besten Freunde, wenn nicht sogar Brüder im Geiste, und mehr. Aber er muss manchmal begreifen, dass er nur der Symbiont ist und ich sein Wirt. Nun ja.

Michael Schmidt: Warum ist Nikolas Preil so beliebt?

Christian Sidjani: Zumindest ist Nikolas beliebter als ich. Ob er an sich beliebt ist, weiß ich nicht. Ich glaube, Nikolas' Geschichten, also meine härteren Geschichten, treffen momentan eher den Nerv der Leserschaft als ich selbst (komisch, das zu schreiben, ich bin ja Nikolas). Schaut man sich die erfolgreichen Horror-Titel der letzten paar Jahre an, dann waren es (neben den berühmten, amerikanischen Autoren), vor allem blutrünstige, ekelhafte Geschichten, die gelesen wurden. Ich würde nicht sagen, ausschließlich, aber hauptsächlich. Das hat vielleicht auch was mit der cineastischen Entwicklung zu tun, seit das Zombie-Genre (wieder) so populär wurde und Filme wie „Saw“ und „Hostel“ einen neuen Härtegrad vorstellten. Weil ich es nicht besser ausdrücken kann, würde ich sagen, Nikolas ist so beliebt (oder eben: beliebter als ich), weil er das schreibt, was die Leute lesen möchten.

Michael Schmidt: Was ist mit Christian Sidjani? Welches Werk würdest du empfehlen?


Christian Sidjani: Ich schreibe wohl nicht das, was die Leute lesen wollen. Jedenfalls nicht viele. Von den Büchern unter meinem richtigen Namen habe ich nur einen Bruchteil von dem verkauft, was Nikolas bisher verkauft hat. Ich denke, Sidjani fehlt es ein bisschen an Zeitgeist in dem Sinne, dass er sich gerne in paranoiden und/oder Schauergeschichten zu Hause fühlte, die im Prinzip ohne Gewalt auskommen. Aber ich muss dazu auch sagen, dass in den Geschichten von Nikolas natürlich auch Sidjani steckt, so ist es ja nicht. Es ist ein Hand in Hand. Ist ja nicht so, dass ich einen Schalter in mir umlegen kann. Ich bin, wer ich bin, und das eben zwei Male.
Etwas von mir selbst zu empfehlen, fällt mir schwer. Ich mag lesen, was ich schreibe, aber andere? Also, interessierten Lesern würde ich dann immer eins von Sidjani und eins von Preil zusammen empfehlen, damit sie sich selbst ein Bild machen können, was ihnen gefällt. Und darum plädiere ich wohl für „Stillmanns Münzen“ und „Bierbrut“. Im übergeordneten Sinne habe beide Geschichten sogar dasselbe Thema, auch wenn sie geschrieben nicht anders sein könnten: Verschwörungen.

Michael Schmidt: Du kommst ja eigentlich aus der Self Publisher Szene. Horror Legionen 2 erscheint aber bei Amrun, einem Kleinverlag. Sind SP und Kleinverlage zwei Seiten der gleichen Medaille?

Christian Sidjani: Ich habe am meisten Erfahrung mit dem Self-Publishing und habe die Kleinverlagsszene bisher nur durch andere mitgekriegt, aber ich versuche mich mal an einer Meinung dazu.
Ich glaube, dann gibt es zwei Medaillen. Wenn du die des Schreibens meinst, würde ich sagen, ja. Auf der einen Seite sind alle Autoren, die durch einen Kleinverlag vorgefiltert werden, auf der anderen sind alle Autoren, die unabhängig auf den Markt drängen können, aber alle sind erstmal Verfasser von Texten, die (hoffentlich) lesbar und unterhaltsam sind.
Wenn du die Medaille des Veröffentlichens im Rahmen des Buchmarkts meinst, dann würde ich sagen: nein. Denn alle, die vorher von einem Kleinverlag ausgefiltert wurden, weil sie vielleicht bestimmten Qualitäts- oder anderen Standards nicht entsprachen, können dann als Self-Publisher das selbst in die Hand nehmen. Das würde auch bedeuten, dass welche, die auf der einen Seite der Medaille sein wollten, sich zwangsläufig auf der anderen widerfinden würden. Das würde keinen Sinn machen.
Was das Veröffentlichen an sich also angeht, sind die Wege (zeitlich, rechtlich und technisch) extrem unterschiedlich, sodass sie zwei verschiedene Medaillen hergeben.
Wenn es darum geht, was besser oder schlechter ist, dann kann ich nur sagen, dass das jeder für sich selbst entscheiden soll. Als Autor, ob er allein oder mit einem Verlagsteam sein möchte, und als Leser, was er gerne liest.

Michael Schmidt: Wenn du die deutsche Horrorszene siehst. Worin ist sie stark?

Christian Sidjani: Unter anderem in der Self-Publisher-Szene. Lassen wir den Schmus, den viele leider veröffentlichen, mal beiseite, es gibt so einige sogenannte Indie-Autoren, von denen auch welche in den Horror-Legionen vertreten sind, die mit ihren Werken den Verlagspublikationen in nichts nachstehen, die genauso viel Liebe, Arbeit und Zeit in ihre Texte stecken wie die Verlage. Auch die Vielfalt der Themen ist hoch, während ich zugeben muss, dass (Klein-)verlage mittlerweile auf Sicheres setzen oder vermehrt deutsche Autoren gar nicht mehr ins Programm nehmen. Mir ist bei einigen aufgefallen, dass sie immer mehr amerikanische Lizenzen kaufen, und das Irrwitzige dabei ist, dass diese US-Autoren zum größten Teil selbst als Self-Publisher begonnen haben oder es immer noch sind.
Stark ist die deutsche Horrorszene auch, weil in ihr Autoren sind, die seit Jahren oder Jahrzehnten nicht aufgehört haben zu schreiben, die immer weitermachen und schön regelmäßig veröffentlichen (dann allerdings meist in Verlagen). Es gibt bekannte Namen, die gleich was zum Klingen bringen. Sowas empfinde ich als wichtig, weil es Identität gibt. Ebenso stark ist die Szene vermutlich im Serien-Format (Brent, Zamis etc.), aber nicht so sehr in Einzelromanen. Und stark war auch, dass die Reihe „Horror Factory“ über zwei Staffeln gut gelaufen ist. Diese Reihe hat aber auch gezeigt, dass die größte Stärke der (Verlags-)Horrorszene in Deutschland wohl in der Novellenlänge liegt. 

Michael Schmidt: Und was fehlt ihr gegenüber der übermächtigen angloamerikanischen Szene?

Christian Sidjani: Der große deutsche Horrorroman, nicht unbedingt der große Horrorautor. Ich meine einen richtigen Roman, der mal nicht in historisches, Urban Fantasy oder Endzeit abdriftet, sondern im Hier und Jetzt verankert ist. Ebenso fehlt mir der Mut zum Lokalen. Es gibt natürlich Autoren, die ihre Horrorgeschichten in Deutschland spielen lassen, aber ich höre doch immer wieder, dass vor allem die USA doch weit mehr hergeben soll. Das halte ich für Nonsense. Nicht nur, dass Deutschland reich an eigenen Legenden ist und einer sehr bewegten Geschichte, es hat auch viele geographische Alternativen zu bieten (z.B. städtisch, ländlich, Meer und Berge). Und mir fehlt ein bisschen die Kontinuität und der Umfang. Gerade bei den Autoren, auf die ich eben anspielte, die seit Jahrzehnten dabei sind, setzen fast alle nur auf kurze Geschichten, und wie wir leider wissen, wollen die meisten Leser ganze Romane. 300, 400 Seiten, das reicht ja schon, müssen keine so dicken Schinken á la King oder Simmons sein.

Michael Schmidt: Geb uns doch mal ein paar Leseempfehlungen, international sowie national!

Christian Sidjani: Das ist natürlich sehr krasse Geschmackssache. Ich möchte mich hier mal auf die Romanlänge beschränken. Beeindruckt haben mich aus Deutschland in den letzten zwei Jahren z.B. die Werke von Michael Dissieux, Oliver Susami, Vincent Voss und Fred Ink. Diese Autoren finden sich auch in den Horror-Legionen 2, worüber ich mich sehr freue. Aus dem englischsprachigen Raum habe ich in letzter Zeit (auch so im Rahmen von zwei Jahren) sehr gerne Brian Keene, Edward Lee, Tim Curran und Greg F. Gifune gelesen. Aber einem Stephen King bin ich nie abgeneigt, auch wenn der nicht nur Horror schreibt. Und die literarischen Debüts der Filmregisseure Rob Zombie und David Cronenberg hatten es mir angetan.
Allerdings muss ich jetzt auch darauf hinweisen, obwohl ich sehr viel im Horror-Bereich verfasst habe und dieses Genre, wie erwähnt, in all seinen Facetten liebe, so lese ich doch am häufigsten Bücher außerhalb davon. Demnach sind viele Horror-Bücher bei mir noch auf dem SuB. Was also Empfehlungen angeht, sind die Mitstreiter im Horror-Forum z.B. bessere Ansprechpartner.

Michael Schmidt: 2015 steht bevor. Was darf man von Christian Sidjani und Nikolas Preil erwarten?


Christian Sidjani: Sidjani hatte sich dieses Jahr, 2014, ja schon vom Veröffentlichen zurückgezogen, um Nikolas für seine fünfteilige Reihe den Vortritt zu lassen. Allerdings habe ich mich/hat er sich damit auch fast übernommen, der letzte Teil „Übermensch“ ließ ja auf sich warten, kommt aber noch dieses Jahr, in etwa zeitgleich mit den Horror-Legionen 2. Insofern wird es wohl 2015 etwas ruhiger um die beiden werden, weil sie sich gemeinsam zurückziehen, um erstmal für sich zu schreiben, ohne auf eine Veröffentlichung zu schielen. Das soll aber nicht heißen, dass es nie wieder etwas von ihnen geben wird. Es steht bloß noch nichts fest. Projekte gibt es genug, und wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sich gerne für den Newsletter meines/ihres Labels Weird Self-Publishings eintragen.
Diese Aussagen gelten für das Self-Publishing. In diesem Jahr habe ich eine erste Kurzgeschichte (allerdings dem Krimi zuzuordnen) in einem Schweizer Verlag untergebracht und die Herausgeber möchten gerne mehr von mir veröffentlichen (auch Kurzgeschichten, auch Krimi). Und wenn alles gut geht und es dem Herausgeber gefällt, werde ich nächstes Jahr in einer deutschen Horror-Anthologie vertreten sein. Alles unter Sidjani, Preil bleibt wohl erstmal stumm in der Öffentlichkeit.

Michael Schmidt: Ein letztes Wort noch!

Christian Sidjani: Es werden wohl ein paar Worte, entschuldige. Erstmal danke ich dir vielmals für dein Interesse an diesem Interview, Michael. Es hat Spaß gemacht, deine Fragen zu beantworten. Und ich möchte meinen Lesern danken, sowohl denen von mir als auch von Preil. Vor gut zwei Jahren hätte meine gespaltene Persönlichkeit nie damit gerechnet, so eine tolle Resonanz zu bekommen. Also, danke!

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