Donnerstag, 20. Oktober 2016

Drei Leserunden auf Lovely Books

Aktuell habe ich auf Lovely Books drei Leserunden gestartet.



Gelesen wird das Buch Silbermond mit den enthaltenen Geschichten Weststadt, Oststadt und Gipsy Queen. Infos zu Silbermond findet sich hier.


Leseprobe:
Pulverdampf hing schwer in der Luft. Er war immer noch fast taub vom Knall des letzten Schusses. Er kauerte sich tiefer hinter den Tisch, den er umgeworfen hatte, um dahinter Schutz zu finden. Sein Atem ging schwer und schnell und er spürte Panik in sich aufsteigen. Er konzentrierte sich, atmete tief ein und aus, beruhigte sich langsam. Neben ihm lag Phönix, dahingestreckt von drei Schüssen, höchstwahrscheinlich tot. Auf der anderen Seite des Tisches lauerte das Rosenbergsche Todeskommando. Er schätzte, sie waren zu dritt, befanden sich in der besseren Position und warteten genüsslich, während er sich die Hosen voll machte. Er konnte förmlich das spöttische Grinsen von Lucard erkennen.


„Schwarzer Luchs“, rief dieser. „Das Spiel ist aus. Phönix ist aus dem Spiel und wir geben dir eine Chance. Schmeiß´ deine Kanone weg und verlass’ die Stadt, komm´ nie wieder zurück. Oder bleib´ und stirb, das garantier’ ich dir.“
Die Stimme drang laut und schneidend durch den Raum, traf ihn im Mark. Mit dem Rücken an der Wand stehend schätzte er seine Chancen ab. Die drei Revolvermänner waren strategisch klug im Raum verteilt, seine Waffe hatte noch exakt fünf Schuss. Ein kurzer Blick neben sich, Phönix war wirklich tot, seine Chancen aussichtslos, mindestens. Lucard konnte ihn jeden Moment töten. Marlene war der Grund für seine Lage und Marlene war es auch, die ihm eine letzte Überlebenschance sicherte. Lucard würde es sich gut überlegen, ob er den Geliebten von Marlene Rosenberg über den Haufen schoss. Das würde Ärger geben.
Aber er, der berühmte Schwarze Luchs, musste weg aus der Stadt, er hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Er war den Rosenbergs ein Dorn im Auge. Der falsche Geliebte, wie konnte er nur so doof sein und sich ausgerechnet in die Tochter seines Chefs verlieben. Die Rosenbergs steckten hinter diesem feigen Hinterhalt, dessen war er sicher. Und sein Freund Phönix musste über die Klinge springen, seine Schuld. Es wurde Zeit, dass er vernünftig wurde. Es wurde Zeit, der Stadt den Rücken zu kehren.




Leserunde 2:
Gelesen wird Zwielicht Classic 3 mit Geschichten von Malte S. Sembten, Achim Hildebrand, Andreas Flögel und vielen mehr. Infos zur Reihe Zwielicht Classic finden sich hier.


Wer Interesse hat mitzulesen. Über Lovely Books kann man sich für eines der fünf Leseexemplare bewerben.


Leseprobe:

Achim Hildebrand –Lycantropulus (2004)


 Ein widerwärtiger Tag war das. Kalt, grau und nass – wie eine tote Ratte in der Regentonne. Kemmetmüller stand mit hochgeschlagenem Kragen unter dem Vordach des Bibliotheksportals. Hin und wieder schaute er auf die Uhr, dann die Straße hinab, die Straße hinauf … wieder auf die Uhr. Und wenn er das einmal durch hatte, seufzte er tief. Er hätte ja lieber geflucht, aber vielleicht tat er ihr damit Unrecht. Vielleicht konnte sie ja gar nichts dafür – war aufgehalten worden oder so …
Andererseits: So lange hatte Ricarda ihn noch nie warten lassen. Fast eine Stunde jetzt. Er presste die Lippen zusammen und schlenkerte ein wenig mit der Aktentasche. Nicht zu wild, damit die Leute nicht guckten – oder Anlass zum Gucken haben könnten. Er stand sowieso schon viel zu lange hier draußen. Mit Sicherheit sah das merkwürdig aus für jemanden, der ihn beobachtete.
Sollte er noch einmal hineingehen und dort warten? Besser nicht. Ricarda würde sicher einfach weiterfahren, wenn sie ihn nicht vor der Tür stehen sah. Und er würde zu lange brauchen, bis er wieder draußen war, um ihr zu winken.
Kemmetmüller drehte sich um, schaute steil nach oben und las zum x–ten Mal die Goldschrift über dem Eingang: „Der Kunst und dem Volke“. Er lächelte schwach. Das war doch was – oder?
Die große Glastür unter der Schrift öffnete sich. Kotlewsky kam heraus und tänzelte leichtfüßig die Treppe hinunter. Kotlewsky war sein Büronachbar. Er betreute die Slawistik–Abteilung und Kemmetmüller die Altgriechische Literatur.
„Na Bruno, hat dich deine Frau vergessen?“
Kemmetmüller spürte wie er leicht errötete – und sich plötzlich unbehaglich zu fühlen begann. Wenn er auch nicht genau wusste, warum.
„Nee nee, Gerhard ... sie hat sich wohl nur ein bisschen verspätet. Die kommt schon noch“, rief er und nickte betont zuversichtlich.
Kotlewsky hielt inne, schien einen Moment lang zu überlegen und trat zu Kemmetmüller hin. Er stellte seine Aktentasche zwischen die Beine und zündete sich eine Zigarette an.
„Eine rauch’ ich noch mit dir. Dann musst du nicht so alleine hier rumstehen.“
„Ja danke, ist ganz schön nervig bei dem Wetter.“
Kotlewsky nahm einen tiefen Zug, pustete den Rauch rücksichtsvoll nach oben und sagte:
„Passiert immer öfter in letzter Zeit, nicht wahr?“
„Was?“
„Na, dass deine Frau sich verspätet, wenn sie dich abholen soll.“
Kemmetmüller zuckte verlegen die Achseln. Kotlewsky hatte Recht, aber das gab man natürlich nicht gerne zu.
„Och joh, eigentlich … ich meine, ich führ’ da nicht Buch drüber. So was kommt schon mal vor – oder?“
„Und jedes Mal lässt sie dich länger warten, stimmt’s?“, forschte Kotlewsky weiter.
„Pffh“, Kemmetmüller blies die Backen auf und breitete die Arme aus. „Weiß nicht, kann schon sein. Was …“
„Und heut hat sie dich sogar ganz vergessen.“ Es klang wie eine sichere Feststellung und fühlte sich an wie ein Dolchstoß zwischen die Rippen der Seele. Kemmetmüller schwieg und sah aus, als wolle er jeden Moment davonrennen. Aber Kotlewsky legte ihm in einer väterlichen Geste die Hand auf die Schulter.
„Hast du dir schon mal Gedanken drüber gemacht, warum das so ist?“, fragte er ernst.
„Gedanken …? Ich weiß nicht. Wir sind jetzt acht Jahre verheiratet. Da ist es natürlich nicht mehr so wie am Anfang. Da schleift sich manches ab. Moment, ich glaub’ ...“, er drehte sich nach einem vorbeikommenden roten Kombi um und schaute so, als ob es Ricarda hätte sein können.
....




Leserunde 3:
Saramee - Schattenspiele
Naarson Gaad hat nur einen Wunsch, er möchte den Kampf zwischen Gorg und Balesh in der “Nassen Feder” sehen. Doch stattdessen findet er in dem unterirdischen Labyrinth Saramees einen seltsamen Stein. Und fortan ist er im Blickpunkt der Schattengilde, ist doch dieser Stein das Objekt ihrer Begierde …

Erschien ursprünglich als Band 5 der Serie Saramee im Atlantis Verlag.

Leseprobe:


Hamen Johrt haderte mit seinem Schicksal. Was hatte ihn nur in diese verfluchte Stadt getrieben? Saramee war überfüllt von Menschen, Adyras, Jinjend und sonstigem Gesocks. Ein wahres Sammelsurium an Völkern, ein buntes Bild, das ihm förmlich in den Augen brannte. Er hasste alle Nichtglisk. Es gab nur ein wahres Volk. Und das waren die Glisk aus den Hochmooren des Königreichs Kantras. Ein Seufzer entfuhr seinen breiten Lippen.
Kantras, oh du herrliche Heimat. Kantras, mein geliebtes Land. Wann sehe ich dich wieder? Rieche deinen einzigartigen Geruch? Fühle deine Weite, sehe deine Farben, weide mich an deiner Landschaft. Und deine saubere Luft.
Nicht dieses stinkende, widerwärtige Loch, Heimatstatt und Anziehungspunkt für Meuchelmörder und Diebe.
Saramee, du vor Dreck starrendes Loch, wie hasse ich dich. Und doch muss ich bleiben. Die hundertelfte Woche. Hundertelf quälende Wochen. Trockenzeit, Regenzeit, und wieder Trockenzeit.
Saramee, du stinkendes Loch.
Mit Kantras ging es immer weiter bergab. Immer weniger Arbeit, so hatte Hamen Johrt wegziehen müssen, um seinen Lebensunterhalt in der Fremde zu bestreiten. Viele seiner Freunde durften bleiben, doch ihn traf das Schicksal. Er war ohne Weib und hatte auch keinerlei Alten, die auf ihn angewiesen waren. So hatte ihn die Gemeinschaft der Glisk weggeschickt, schließlich war er ohne Nutzen für die Allgemeinheit. Ein kleiner Trost, er war nicht der einzige in seinem Dorf. Zu siebt waren sie nach Saramee gekommen. Vor mittlerweile hundertelf Wochen. Doch er war der einzige, der überlebt hatte.
Saramee, du Grabstein für meine Begleiter. Saramee, du tödliche Falle für jeden rechtschaffenen Glisk. Du bist das Zentrum der Dekadenz. Das Heiligtum der Verbrecher und Mörder. Saramee, wie ich dich hasse.
Immer noch sparte er, knappste immer ein Stück von seinem kargen Lohn als Steinhandwerker ab, um genügend zu sammeln, damit er zurück in seine geliebte Heimat konnte.
Kantras. Oh, du schönes Land.
Der Tag war anstrengend gewesen. Die elfte der zweiundzwanzig Stunden eines Tages war gerade vollendet, bis zum Sonnenuntergang dauerte es noch geschlagene vier Stunden, erst dann konnte er seinen Feierabend genießen. Gerade kam er von einem Kunden, dem er ein Selbstportrait in Stein gemeißelt hatte. Prüfend wog er den Beutel voll Bai in seiner Hand.
Sollte er das Geld nehmen und seine geliebte Heimat aufsuchen? Nicht mehr warten, einfach sein Glück in die Hand nehmen und seiner ungestillten Sehnsucht folgen?
Er bewegte die ledrigen Schuppen seiner Haut, leckte die Zunge über die breiten Lippen, während er den Gedanken prüfte und wendete, ihn nach einem Für und nach einem Wider abklopfte.
Nein, entschied er bedauernd. Es war einfach nicht genug. Wenn er das Ersparte dazu rechnete kam er gerade mal bis zu sein Heimatdorf, mit dem wenigen Geld in den Händen, das übrig blieb, würden sie ihn sofort wieder hinfort jagen. Schande würde über ihn kommen. Schande über den, der hundertelf Wochen in der Ferne malochte und dann doch mit leeren Händen wiederkam.
Hamen Johrt sah auf, als ein Schatten in sein Gesichtsfeld fiel. Erstaunt sah er den dicken Menschen vor sich an. Die kleinen braunen Augen verschwanden fast unter den dicken Wangen, doch Hamen Johrt sah die Gier und die Kälte, die darin nisteten. Die breiten Lippen formten einen Kreis und sandten ihm einen Gruß. Der Kopf war kahl und groß. Hamen Johrts Blicke wanderten den feisten Körper hinunter und verharrten auf den Händen. Die Stimme des Mannes riss ihn aus seinen Überlegungen.
„Hallo! Ich heiße Dom und ich habe eine Überraschung für dich.“
Was will der mit diesem riesigen Messer?
Sein letzter Gedanke, dann traf ihn die Klinge und erlöste ihn von der Sehnsucht nach Kantras.

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