Sonntag, 1. November 2020

Felix Woitkowski - Wenn die Welt klein und bedrohlich wird (Interview)


 Michael Schmidt: Hallo Felix, stell dich den Lesern doch bitte einmal vor!

Felix Woitkowski: Hallo, Michael. Das mache ich gerne. Ich bin im beschaulichen Soest geboren, zog über Münster und Kassel nach Göttingen, wo ich heute lebe. Hauptberuflich bin ich an der Universität Kassel als Sprachwissenschaftler und -didakt beschäftigt In der Zeit, die mir daneben noch bleibt, lese ich und schreibe ich phantastische Literatur, organisiere mit Martin Witzgall die Storyolympiade (www.storyolympiade.de) und gebe hin und wieder Sammlungen alter und neuer Werke der Phantastik heraus.

Michael Schmidt: Die Coronakrise ist allgegenwärtig. Eine Krise, die das Leben komplett verändert hat oder wird es in der Nachschau nur eine von vielen Krisen sein wie die Finanzkrise 2009?

Felix Woitkowski: Puh, die schwerste Frage gleich zu Beginn. Ich bin ja nicht in der Lage in die Zukunft zu schauen und weiß genau so wenig wie alle anderen, wie lange uns die Corona-Krise noch begleiten wird, ob sie zwangsläufig zur neuen Normalität geworden ist. Jetzt müssen wir erstmal die zweite Welle überstehen.

Michael Schmidt: Du hattest schnell die Idee, die Situation literarisch zu verarbeiten.

Felix Woitkowski: Ja, das war mir ein starkes Anliegen, und wie sich zeigte, war ich nicht allein damit.  Die Geschehnisse Mitte März haben mich emotional enorm aufgewühlt. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass die Welt, wie ich sie kannte, innerhalb weniger Tage aufhörte zu existieren. Dazu trugen die steigenden Infiziertenzahlen ebenso bei wie die für mich zwar nachvollziehbaren, aber ohne Frage einschneidenden Maßnahmen der Politik, deren enorm knappe Verkündung, notwendige Veränderungen in meinem beruflichen und privaten Alltags(er)leben etc. Aus diesem Gefühl heraus ist auch der Titel des späteren Buches entstanden: „Wenn die Welt klein und bedrohlich wird“. Diese Wörter geben genau das wieder, was ich Mitte März empfunden habe.

Die Idee zu dem Projekt habe ich am Abend des 13. März, einem Freitag, gehabt. An dem Abend, den ich alleine verbrachte, wuchs der Impuls und Drang, die erschreckende Gegenwart begleiten, dokumentieren und aufarbeiten zu müssen. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder mit philosophischen Überlegungen zu Fremdheit auseinandergesetzt und dort ist mir wiederholt begegnet, dass Philosophinnen und Philosophen immer dann, wenn sie mit Sprache etwas absolut Fremdes fassen wollen, auf Begriffe und Bilder der Phantastik zurückgreife. Für mich bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Sprache des Phantastischen die einzige ist, etwas so nie Dagewesenes, etwas Fremdes beschreiben zu können. Warum also nicht genau die Menschen ansprechen, die über diese phantastische Sprache am besten verfügen? Die Expertinnen und Experten des Fremden? Das habe ich dann getan.

Michael Schmidt: Was erwartet den Leser in dem Buch Wenn die Welt klein und bedrohlich wird?

Felix Woitkowski: Sieht man von meinem Vorwort ab enthält das Buch dreißig Texte von dreißig Autorinnen und Autoren, die an dreißig aufeinanderfolgenden Tagen geschrieben (oder wenigstens begonnen) wurden und durch diese Tage auch inspiriert sind. Wir begannen am, 15. März und endeten Mitte April zufälligerweise am Ostermontag. In diesen dreißig Tagen ist ein vielstimmiges literarisches Tagebuch und Dokument der Zeitgeschichte entstanden, das sowohl autobiographische als auch fiktionale Texte enthält, zwischenzeitlich lyrisch oder essayistisch ist und sich insgesamt wenig an Gattungen und Genres hält. Aber was soll man auch erwarten von Texten, inspiriert von einer Welt, die Kopf steht? Dass das ganze natürlich immer auch wieder tief in der Phantastik verwurzelt ist, brauche ich bei den beteiligten Autorinnen und Autoren wohl nicht extra zu erwähnen, aber ‚phantastisch‘ heißt hier ganz sicher nicht ‚weltfremd‘. Seit April habe ich das Buch mehrfach gelesen und finde erstaunlich, wie es die Veränderungen dieses ersten Corona-Monats in Deutschland wiederspiegelt, wie nach und nach sich die Perspektiven ändern und zunehmend neue Themen in den Vordergrund drängen. Dabei berührt es schon Themen, die auch die heutige Debatte noch bestimmen, etwa Corona-Partys (Tobias Bachmann) und Verschwörungstheorien (Markus K. Korb).

Michael Schmidt: Die Geschichten in Wenn die Welt klein und bedrohlich wird sind ja unterschiedlich. Gibt es Literaturformen oder Genres, die besonders geeignet sind, sich mit einer solchen Krise auseinanderzusetzen oder ist gerade die Bandbreite interessant?

Felix Woitkowski: Als ich mit dem Projekt begann, ahnte ich nicht, wie viele Bücher zur Corona-Krise erscheinen würden. Mittlerweile füllen sich in den Buchhandlungen ja ganze Tische damit. Da liegen literarische, essayistische und wissenschaftliche Werke nebeneinander. Bei Letzteren bin ich mir nicht sicher, wie lange sie lesenswert bleiben oder ob sie in einer sich schnell wandelnden Welt der Krise nicht immens schnell überholt sind. Insgeheim bin ich da froh, dass ich selbst nicht versucht habe, eine umfassende Analyse zu schreiben und der Literat, nicht der Wissenschaftler in mir die Oberhand behalten hat. „Wenn die Welt klein und bedrohlich wird“ hat für mich zwei große Vorzüge: Es räumt erstens einer Vielzahl von Perspektiven, Meinungen und Stimmen in unterschiedlichen Stilen und Formen einen Platz ein, es ist zweitens unmittelbar im ersten Krisenmonat und Lockdown, quasi tagesaktuell geschrieben worden. Damit ist es wenigstens als künstlerisches Dokument und Zeitzeugnis vielleicht ein Stück ... Achtung, ich weiß, jetzt kommt ein sehr großes Wort ...  wahrhaftiger als andere Publikationen, die stärker am Reißbrett, mit mehr Ruhe, Kontrolle und klarerem Blick auf einen Absatzmarkt entstanden sind. Aber darüber lässt sich natürlich trefflich streiten und ich bin möglicherweise etwas voreingenommen.

Michael Schmidt: Die Autorenschar die du versammelt hast ist ja illuster und bunt. Wie kamst du zu der Truppe?

Felix Woitkowski: An dem Abend, an dem mir die Idee zu dem Buch kam, traf ich Vincent Voss im Forenchat von phantastik-literatur.de. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht mehr als eine Ideenskizze, trotzdem sagte er sofort zu. Danach habe ich überlegt, wen ich fragen und direkt anschreiben könnte. Für eine öffentliche Ausschreibung war bei diesem Projekt keine Zeit. Nachdem ich aber seit vielen Jahren als Autor und Herausgeber aktiv bin, kenne ich zahlreiche Autorinnen und Autoren, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Außerdem war ich neugierig, wie andere, mit denen ich noch nicht zusammen publiziert haben, auf das Projekt anspringen würden. Ich habe also einfach alle angeschrieben und sie sich einen Tag auswählen lassen.

Viele positive Antworten kamen postwendend, häufig auch in Verbindung mit sehr persönlichen E-Mails, in denen es um Ängste und Sorgen ging. Ich war also offensichtlich nicht der Einzige, den die Gegenwart zutiefst berührte und der die aktuellen Ereignisse literarisch auf- und verarbeiten musste. Nur wenige erbaten sich etwas Bedenkzeit, noch weniger sagten ab, darunter hartgesottene Horror-Autorinnen und -Autoren. Es ist eben doch etwas anderes, fiktionale Schrecken heraufzubeschwören oder sich mit einem ganz gegenwärtigen schreibend auseinanderzusetzen. Letztlich kamen so viele Zusagen zusammen, dass für meinen Beitrag kein Platz mehr war – ein Planungsfehler, den ich aber ganz und gar nicht bereue.

Michael Schmidt: Wird es in Zukunft ähnliche Projekte geben? Die meisten Themenanthologien sind ja eher traditionell, es wird ein typischer Aufhänger genommen und dazu ein Buch mit Kurzgeschichten gemacht. Ich finde, da sticht Wenn die Welt klein und bedrohlich wird ja doch hervor!

Felix Woitkowski: Ich sehe große Unterschiede zwischen meinem Buch und typischen Themenanthologien, wie sie regelmäßig in phantastischen Kleinverlagen erscheinen und dort auch ihren wohlverdienten Platz haben. Der Ursprung ist ja tatsächlich ein tagesaktuelles Krisenerleben und ich hoffe nicht, dass ich in meinem Leben noch viele solcher Erfahrungen mit immer neuen Krisen machen muss. Deshalb glaube und hoffe ich nicht, dass daraus eine Reihe wird. Davon abgesehen gehören für mich aber Literatur, Phantastik und ein wacher Blick auf die Gegenwart zusammen. Ich will deshalb nicht ausschließen, dass ich auch explizit wieder etwas in diese Richtung herausgeben oder schreiben werde.

Michael Schmidt:  Woran arbeitest du gerade?

Felix Woitkowski: Ich habe gerade eine Novelle an einen Verlag geschickt – darüber erzähle ich aber erst, wenn ich eine Zusage dafür habe. Ansonsten liegt auf meiner Festplatte ein neuer Roman in Rohfassung, der ein Stück weit die Stimmung meines Debüts „Die Wanderdüne“ einfängt, aber ganz anders gelagert ist und ganz sicher noch eine Menge Arbeit erfordert, bis ich ihn veröffentlichen kann. Daneben sind gerade zwei Geschichte fertig geworden, eine für eine Steampunk- und eine für eine Horror-Anthologie. Der nächste Band der Storyolympiade, den Martin Witzgall und ich im Verlag Torsten Low herausgeben, wird bald erscheinen und enthält phantastische Geschichten zum Thema „Generationen“.  Außerdem konzipiere ich mit Tobias Reckermann und Christian Veit Eschenfelder gerade einen neuen Band mit phantastischen Novellen. Wer darauf nicht warten möchte: Besorgt euch unseren ganz frisch erschienenen Novellenkreis „Die Zeit der Feuerernte“ (Whitetrain). Für mehr reicht die Zeit dieses Jahr nicht, weil auch noch meine Doktorarbeit erscheinen soll.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Meute draußen!

Felix Woitkowski: Unzufriedenheit schützt nicht vor Verantwortung! Bitte haltet Abstand, tragt eure Masken (richtig) und lasst uns diese Zeit gemeinsam gesund durchstehen.


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