Mittwoch, 9. Dezember 2020

Gipsy Queen

 Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:


Gipsy Queen 

(aus Silbermond und Zwielicht Classic 8)

Als kleine musikalische Untermalung mag das gleichnamige Lied von Uriah Heep dienen. Gipsy Queen spielt in der Stadt Silbermond.

1. Garten der Verführung

Das Dröhnen der Kanonen hallte noch in meinen Ohren. Pulverdampf hing in der Luft und überdeckte fast den aufsteigenden Geruch, der mir seltsam bekannt vorkam, wenn ich auch im Moment keine Ahnung hatte, wo ich ihn einordnen sollte. Die Ecke, hinter der ich lauerte, bot kaum noch Schutz, so sehr hatten die großkalibrigen Kugeln das Mauerwerk zerfetzt. Mein Blick glitt nach hinten zum Rest meiner Mann-schaft. Vier Leute, blutend und zerschlagen, der klägliche Rest des Dutzends, das ich unwissend auf ein Himmelsfahrtkommando geschickt hatte.

Ich nahm meine Knarre, sprang vor und platzierte drei schnelle Schüsse um die Ecke, bevor ich mich wieder zurück in Deckung begab. Ein Aufschrei belegte zumindest einen Treffer. Mit fliegenden Fingern lud ich nach, während ich fieberhaft nach einer Lösung suchte.

Es sah düster aus. Nein, drücken wir es so aus, wie es ist. Es sah beschissen aus. Wirklich beschissen. Da gab es nichts zu beschönigen.

Wir befanden uns in einer Sackgasse, hatten die Mauer im Rücken. In der Gegenrichtung lauerte der Feind: Die Kirjakows. 

Ich sprang erneut vor, feuerte, doch diesmal war das Gegen-feuer schneller und zwang mich sofort in Deckung. Die anderen schossen sich ein.

Ich winkte meinen zweiten Mann vor, bedeutete ihm, die Stellung zu halten. Die Einfahrt war von den Hausfassaden gesäumt, die der Gasse gegenüberliegende Mauer dagegen maß nur zwei Meter.

Mein Instinkt hatte mich bisher davon abgehalten, die Mauer zu übersteigen. Eine Falle, das Ende, irgendetwas Böses lauerte dahinter. Ich konnte nicht sagen, wie ich darauf kam, aber ich war sicher, dass diese Mauer die Tür zu Hölle war. 

Ein weiterer Kugelhagel ging über uns hinweg und kündigte die nahende Generaloffensive an.

Hinter uns die Kirjakows, vor uns die ominöse Mauer. Die Kirjakows würden gleich losstürmen, es war nur noch eine Frage von Minuten.

Ich traf meine Wahl, packte Fritz grob am Arm und zeigte auf den möglichen Ausweg. Er verstand, und daraufhin machten sich meine letzten vier Männer daran, die Mauer zu überklettern, während ich für Beschäftigung beim Gegner sorgte.

Ich schoss in die Gasse. Kurze Pause, die ich zum Nachladen brauchte, bevor ich wieder ein komplettes Magazin abrotzte. Ein Schmerzensschrei, das Gegenfeuer war erwartungsgemäß heftig und das Blei umschwirrte mich wie die Schmeißfliegen. Nichts wie weg!

Ich wirbelte herum, sprang an der Wand hoch, wo mich Fritz packte und hochzog. Drüben angekommen folgte ich meinen Männern und lud im Laufen das Magazin nach. Eine leere Kanone sorgt für einen toten Mann, sagte ein bekanntes Sprichwort, und ich fühlte mich zu jung zum Sterben. 

Um uns herum befand sich ein verwilderter Garten, mühsam schlängelten wir uns durch das Dickicht. Wir rannten wie verrückt durch das Grünzeug, wissend, dass mit unseren Ver-folgern nicht zu spaßen war. Die Schrammen und Striemen, die wir uns an den Ranken und Dornen zuzogen, waren ein Klacks gegen das, was die tun würden, wenn sie uns zu packen bekämen. Irgendwann – irgendein Stachel hatte mit eine weitere Wunde gerissen – drang etwas in mein Bewusstsein. Ich blieb stehen und lauschte. 

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