Mittwoch, 8. Juli 2020

Adrian – Eisige Begierde

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Adrian - Eisige Begierde (aus Adrian)


Adrian – Eisige Begierde



Die Fahrt plätschert vor sich hin. Weiter vorne sorgt die türkische Familie für Unterhaltung, ansonsten ist es ruhig in dem Wagen. Die neuartigen ICE gefallen mir nicht. Zwar ist dort mehr Platz als im Vorgängermodell, aber auch hier sind die Fenster verschlossen, die Luftzirkulation erfolgt über eine Klimaanlage, die im Sommer die Hitze nicht schafft und im Winter vor der Kälte kapituliert. Meinem Metabolismus macht dies nichts. Aber der Geruch beleidigt meine Nasen. Intensiver alter Schweiß oder dieser allgegenwärtige Geruch nach Krankheit, ich weiß nicht, welche Jahreszeit mir ferner liegt.
Zum Glück bin ich dieses Mal verschont geblieben. Um mich herum befinden sich nur gepflegte Menschen. Mir gegenüber liest ein zartes blondes Ding in ihrem romantischen Schmöker. Ihre Halsschlagader bannt meinen Blick ebenso wie ihr dezentes Dekolleté. Sie ist luftig angezogen und scheint mir ihrer Wahl Recht zu haben. Kaum haben wir Köln verlassen und das Siebengebirge passiert, reißt der graue Himmel auf und gebärt neu in strahlend blau.
Meine Laune bessert sich. Keine anderthalb Stunden und ich bin in Frankfurt, der Neubaustrecke sei Dank. Ich rekapituliere den Fahrplan. Der Zug hält in Montabaur, ich könnte mir das blonde Mädchen schnappen und meine Fahrt gen Süden mit einem erfrischenden Mal garnieren.
Plötzlich nimmt ein Funkeln meine Aufmerksamkeit gefangen. Mir bleibt der Mund offen, als in der Scheibe ein Bild erscheint. Ein Bild, das ich nur zu genau erkenne.
Patricia!
Verschlungene Leiber, die einen sonderbaren Tanz aufführen. Halb kämpfend, halb kopulierend. Manche Gesichter ähneln Teufeln, andere wieder Engeln. Mitten drin die rotschwarze Kreatur, die mich hasserfüllt anstarrt.
Patricia!
Ich bin unwillkürlich aufgestanden und das blonde Ding schaut erstaunt von seinem Buch auf, schreit, als es die perverse Szenerie in der Fensterscheibe erkennt.
Die verschlungenen Leiber lösen sich. Sammeln sich, fauchen mir entgegen. Sie nehmen Anlauf und ich weiche unwillkürlich zurück.
Du Narr, es ist doch nur ein Bild, eine Spiegelung, billiger Zauber, der mich erschrecken soll.
Ich werde eines Besseren belehrt.
Mit einem infernalischen Krachen zerspringt die Scheibe und die Gestalten treten aus dem Bild und werden Wirklichkeit.
Panik bricht in dem Zugabteil aus. Menschen schreien durcheinander und der Geruch von frischem Urin schwängert die Luft.
Ich weiche den ersten Gestalten aus, die sich keifend auf mich stürzen, nur um den nächsten direkt vor die Füße zu treten. Halbstoffliche Klauen reißen Wunden in meine Schulter. Ich schleudere die nächststehenden Wesen aus dem Fenster. Sie sind sonderbar leicht und fassen sich an wie Wackelpudding. Ich fege durch ihre Reihen und schleudere so viele wie möglich nach draußen.
Mit Erschrecken stelle ich fest, dass sie immer mehr an Substanz zulegen. Patricia ist immer noch im Glas gefangen und gebärdet sich wie wild. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie sich befreit. Ich schätze, das ist der Zeitpunkt, an dem die Gestalten ihre volle Kraft entfalten.
Die Sache ist klar. Meine Situation wird immer brisanter. Flucht ist die einzige Alternative. Ich hechte zum Gang und betätige die Notbremse. Mit einem Kreischen bremst der Zug und schleudert Menschen und Dämonen durch das Abteil. Eine Stange gibt mir halt. Kaum ist der Zug zum Stehen gekommen, reiße ich die Tür auf und stürme ins Freie. Ich renne wie von Furien gehetzt zum nahegelegenen Waldstück. Ein Blick zurück zeigt einzig die aussteigenden, in Panki begriffenen Fahrgäste.
Von Patricia und ihrer Meute keine Spur.
Ich werde nicht auf sie warten und so tauche ich in den Wald ein, weg vom Ort des Geschehens.



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