Mittwoch, 8. Juli 2020

Lady Evil

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:


Lady Evil (aus Zwielicht 5)


Die runtergekommene Gasse im Westteil Silbermonds stinkt nach Pisse und das ziemlich penetrant. Das Neonlicht flackert in den Pfützen wie in einer Disco und erzeugt surreale flüchtige Bilder, die mal an die Karikatur einer Frau, mal an einen intensiven Maronrausch erinnern.
Die fünf Typen vor mir fühlen sich stark. Breit thronen sie auf dem Bürgersteig vor dem Postillion, die Welt herausfordernd  in all ihrer selbstgefälligen Arroganz.
Ich nehme die Herausforderung an, stehe prompt vor dem ersten und setze ihn mit einem trockenen Tritt in die Weichteile außer Gefecht. Der zweite sinkt mit gebrochener Nase zu Boden.
Jetzt nehmen mich auch die drei anderen Flachpfeifen wahr. Ich schenke ihnen ein dreckiges Grinsen und ein paar schnelle Kombinationen, dann warte ich mit unverhohlener Ungeduld.
Der Rausschmeißer braucht geschlagene 78 Sekunden. In unserer Bude wäre er jetzt geflogen, aber Robert, der Eitle, ist nicht umsonst die Nummer Zwei im Bezirk. Er hat sein Personal einfach nicht im Griff. Der Fisch stinkt eindeutig vom Kopf und den werde ich heute waschen.
Der Typ gafft mich blöde an und zieht ernsthaft in Erwägung, sich an mich heranzumachen. Nun, der Fehler würde garantiert ohne Wiederholung bleiben. Aber ich habe ehrlich gesagt keine Zeit für solche Spielchen.
„Bürschchen. Trab schnell zu deinem Boss, sonst gibt es einen Satz heiße Ohren. Ich soll eine Nachricht von Bob Rock übergeben. Also troll dich, ich warte nicht gerne.“
Das Gesicht ist eine wahre Pracht. Das Schießpulver hat dieser Tiefflieger nicht erfunden, er schaut wie ein Dum-Dum-Geschoss, wenn auch eines in Superslomo. Ein Blick auf meine erhobene Faust sowie das elende Quintett am Boden scheinen ihn die richtigen Schlüsse ziehen zu lassen.
Umgehend und kommentarlos verzieht er sich aus meinem Gesichtsfeld. Diesmal warte ich geduldiger, stecke mir eine Fluppe an und philosophiere über das Leben und seine Vorzüge. Die Flachpiepe ist schnell wieder zurück und deutet mir an, mitzukommen. Na, warum nicht gleich so.
Ich folge ihm auf dem Fuße, aber mit dem nötigen Abstand. Wir durchwandern ein Gewirr von Treppen und Gängen, das verwirren soll, aber nur die Schäbigkeit des Etablissements aufzeigt. Allgegenwärtig liegt dieser unschöne Duft in den Räumen, eine Mischung aus Urin, Parfüm, kaltem Tabakrauch und Rosen. Letzteres wirkt ein wenig fehl am Platz, aber irgendwie wundert mich bei dem Eitlen und seinen Mannen mittlerweile gar nichts mehr. Fröhlich pfeifend folge ich dem Bodyguard und grinse vor mich hin. Das ist ein einfacher Auftrag.
Der eitle Robert lümmelt in einem dieser scheißmodernen Designersessel. Geformt wie ein Ufo nach harter Landung auf dem Mars in den Bröseln hängt der sonnenverbrannte Schwachmat und grient mich blöde an. Ich griene zurück und sage meinen Spruch auf:
„Zehn Prozent oder Bob Rock jagt den Postillion durch den Mixer!“
Er bleibt eitel, sieht mich nur herausfordernd an, dick und faul in seiner Selbstsicherheit. Ich habe nichts anderes erwartet, alles verläuft nach Plan. Zeit, seine Zuversicht einer Diät zu unterziehen.
„Sag. Deine Kleine. Sarah. Wann hast du die zuletzt gesehen?“
Seine Gesichtszüge entgleisen und ich weiß, ich habe ihn bei den Eiern.
„Bleib locker. Schau dir das an und höre, was Bob Rock zu sagen hat. Und wenn einer von deinen Vögeln auf die Idee kommt, eine falsche Bewegung zu machen, erleben wir hier eine Bombenstimmung.“
Ich reiche ihm das präparierte Handy und lüfte gleichzeitig mein Jackett. Unter meinen Achseln thront der Sprengstoff, die Botschaft ist eindeutig und kommt an.
Die Sonnenbräune gewinnt Land und so starrt mich der bleiche Eitle eine halbe Ewigkeit an, bevor er in der Lage ist, das Video zu starten. So ein Handy hat keinen großen Bildschirm, doch man kann eindeutig erkennen, was seine Kleine und Bob Rock da miteinander veranstalten.
Er schaut mich an, das Versprechen meines Todes im Blick. Ich lächle nur schwach und warte.
„Was…“
„Sie mal. Deine Kleine und das Maron sind die besten Freunde geworden“, erwidere ich lakonisch. „Sie verdient es sich jeden Morgen und jeden Abend. Bob Rock ist echt ausdauernd. Ich befürchte nur, wenn sie das noch ein paar Jahre macht sieht sie genauso übel aus wie die Schwalben auf der Acacia. Noch besteht Hoffnung, dass sie vom Stoff wieder runter kommen kann. Es wäre doch echt wünschenswert wenn sie wieder in den Armen ihres geliebten Vaters versinkt. Damit der sich fürsorglich darum kümmert, dass sie in den Schoß der Gesellschaft zurückkehrt und ein spießiges Leben führt. Kinder in die Welt setzen, das Haus sauber halten, kochen, das Übliche halt. Besser als die Matratze eines jähzornigen Bosses zu sein, dessen Launen berühmt und berüchtigt in Weststadt sind. Was sind schon zehn Prozent dafür, dass man seine Tochter zurück erhält. Und mit ein wenig Glück bist du in Jahresfrist Großvater und hast einen strammen und gesunden Enkel. Hey, was will das Herz mehr?“
Mit den letzten Sätzen öffnet sich die Tür und die pure Sünde tritt ein. Rotes Haar, weibliche Rundungen und ein Mund, nach dem sich Männer verzehren. Wie ein Blitz trifft mich der Blick ihrer grünen Augen. Sekundenlang starre ich sie mit offener Kinnlade an, buchstäblich wie vom Donner gerührt. Es rauscht in meinen Ohren und alles um mich herum verliert an Bedeutung. Ich versinke in den Tiefen ihrer Iris, gelähmt in jedem noch so kleinen Muskel.
„…sag das Bob Rock. Aber…Hey, hörst du mir zu?“
Mit Gewalt konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt und löse mich von ihrer Präsenz.
„Also, ich sage es ein letztes Mal. Bob Rock ist im Arsch wenn ich meine geliebte Sarah nicht umgehend heute noch zurückbekomme. Ist das klar?“
Er springt auf, schreit es mir förmlich entgegen, ein halb wahnsinniges Flackern in den braunen Augen.
Robert, der Eitle, ist am Rande des Zusammenbruchs und ich frage mich, ob das wirklich nur mit dem Dilemma, in dem sich seine Tochter befindet, zu tun hat. Er wirkt fahrig, aber unberechenbar wie ein Vulkan, jederzeit bereit, den dünnen Grat zu überschreiten, der ihn vom völligen Wahnsinn trennt.
„Er bekommt seine zehn Prozent. Aber ich will meine Tochter heute noch zurück. Bring sie mir! Und zwar so schnell wie nur irgendwie möglich.“
Er lässt die Schultern sinken.
Robert der Eitle ist jetzt Robert der Gebrochene.
Er faselt vor sich hin. Ein letztes Rückzugsgefecht, der Versuch, die Tochter und seine Selbstachtung zu retten, aber spätestens in ein paar Tagen wird ihm bewusst werden, dass er auf ganzer Linie verloren hat. Wenn er schlau ist sucht er bald das Weite und kehrt Silbermond den Rücken.
Ich schaue auf die grünäugige Sünde. Sie hat es ebenfalls erkannt und wendet sich von ihm ab. Ihr Blick ist das Versprechen der vollkommenen Sünde.
Beschwingt verlasse ich den Saal. Ich bin mehr als bereit den Platz des Eitlen einzunehmen. Lady, das wird nicht unsere letzte Begegnung gewesen sein.


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