Mittwoch, 24. Juni 2020

Aton

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:


Leseprobe:
Ein gleißender Blitz erhellte die Szenerie. Wenig später rollte der Donner die Bergkette herunter und ließ den Bergkamm erzittern. Es war die Zeit zwischen Tag und Nacht und im Dämmerlicht fand ein Kampf um Leben und Tod statt.
Der Blitz zeigte einen gewaltigen Krieger, der seine beiden Schwerter wie ein Dreschflegel durch die Luft wirbelte. Funken sprühten und umtanzen ihn mit jedem abgewehrten Schlag, doch seine gewaltigen Muskeln zeigten schon deutliche Zeichen der Schwächen. Von Minute zu Minute wurde sein Schwertwirbel langsamer, seine Reaktionen verhaltener.
Der langhaarige Hüne sprang zurück, wagte einen Ausfall in seinen Rücken, dort, wo nur drei Gegner ihm entgegen traten und prompt schaffte er den Ausbruch. Doch dieser Ausbruch war nur eine Farce, eine Einbandstraße ins Verderben. Seine Gegner hatten ihn in eine Falle gelockt.
Natal, ein riesiger Krieger mit wallendem rotem Haar, gab seiner Horde das Zeichen zum finalen Angriff. Mit einem gellenden Schrei auf den Lippen sprang er vor, ein mörderisches Glitzern in seinen blauen Augen und trieb den Verteidiger mit einer Salve an Schlägen vor sich her. Der braunhaarige Hüne parierte zwar mühelos jede der Attacken, musste aber immer weiter zurückweichen. Verzweifelt versuchte er einen Ausfall, fintierte mal oder versuchte es mit brutaler Gewalt, aber seine Widersacher waren zu zahlreich und zu stark.
Seine sieben Gegner rückten vor und trieben ihn unerbittlich den Bergkamm hinauf. Die Hiebe prasselten auf ihn ein wie Monsun in der Wendezeit. Kontinuierlich und unentwegt.
Schweiß rann in riesigen Bächen seinen Körper herunter und machte die Schwerter in seinen riesigen Pranken schlüpfrig, sodass er Mühe hatte, sie fest zu halten. Ein letztes Mal bäumte er sich auf, kämpfte sich rückwärts, dabei all seinen Hass in die Schläge legend und das war nicht wenig.
Phols Schergen, ihr werdet mit mir untergehen! Und du, Natal, wirst den grausamsten Tod sterben!
Plötzlich verstärkten seinen Gegner ihre Angriffsbemühungen und setzten ihn unter gewaltigen Druck. Schritt für Schritt musste er zurückweichen, wurde vollkommen in die Defensive gedrängt. Und so kam es wie es kommen musste.
Er stolperte, wich in höchster Not zurück, bevor er spürte, wie sein Tritt ins Leere ging.
Ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit, der scheinbar ewig anhielt. Dann der freie Fall!
Das war es. Ihi, sei meiner gnädig, dachte er noch, dann prallte er in einen Felsen und sein Leib wurde zerschmettert.
Wie Feuer durchfuhr ihn der Schmerz, breitete sich in seinen Knochen und in seinen Eingeweiden aus. Brachte ihn zum Schreien. Das Echo hallte in der Schlucht und löste einen Stein, der sich weit oben von  einem Felsvorsprung löste. Nur wenig später spürte er, wie sich etwas Riesiges, Heißes in seinen Rücken bohrte. Dann explodierte die Welt in den schillerndsten Farben, bevor sie in völliger Dunkelheit verging.

Seine Lippen sind trocken und rissig. Er hängt aufgespießt an einer Felsnase. Um ihn herum donnert der Regen und seine Heftigkeit umspült ihn, treibt Schlick den Hang hinunter und schmirgelt seine Haut.
Der Regen lässt irgendwann nach. Ihm folgt die Hitze, anhaltend und allgegenwärtig. Mit der Hitze kommen die Fliegen und nisten in seinen zahlreichen Wunden. Nach den Fliegen kommen die Käfer, die Ameisen, die Skorpione. Halten sich an ihm gütlich und zehren an seiner Essenz. Der Schmerz wird zu seinem allgegenwärtigen Begleiter.
Er liegt und liegt, vergessen und verloren. Es wird Winter, Schnee bedeckt ihn bis zur Nasenspitze, doch selbst in dieser Kälte krabbelt etliches Getier über ihn und in ihm. Es wird Frühling und das Schmelzwasser reinigt ihn, bedeckt ihn von oben bis unten und bringt einen neuen Schwung hungriger Mäuler. Der Sommer folgt und die trockene Hitze lässt seine Haut platzen wie Talg im Feuer, eine ideale Brutstätte für den Nachwuchs seiner Peiniger. Wieder Herbst, wieder Blitze und Donner, wieder der Wechsel zwischen Trockenheit und Regen, zwischen Kälte und Hitze.
Ihi, was habe ich getan? Erlöse mich von dieser unmenschlichen Qual.
Doch Ihi, der Gott der Musik, kennt keine Gnade. Das Jahr vergeht. Eines folgt dem anderen, wechselt wie Tag und Nacht, ein immerwährender Wandel. Sein Leiden ist unbeschreiblich und scheinbar endlos.
Irgendwann erscheint eine kleine und schmale Frau, beugt sich zu ihm hinab und küsst ihn sanft auf die Stirn. Ihre grünen Augen mustern ihn ernst. Er erkennt in ihnen eine Ewigkeit, die ihn einerseits schaudern lässt, ihm andererseits Zuversicht verleiht. Ihr zarter Finger streicht über seine Wange und bringt seine Knochen zum Glühen. Doch nur kurz, dann fühlt er, wie sich Muskeln heranbilden, die Haut sich spannt und Haare am ganzen Körper zu sprießen beginnen.
„Die Zeit der Buße ist vorüber. Du bist soweit. Jetzt ist die Zeit der Rache gekommen. Erhebe dich und gehe deines Weges. Beizeiten wird sich deine Berufung erweisen.
Aton, so wird dein Name jetzt lauten. Bis an das Ende aller Zeiten.
Geh, und bleibe dir immer treu!



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