Montag, 8. Februar 2021

Christian Weis - Dante Infernalis (Zwielicht 14)

 

 Zwielicht 14 ist im Juni 2020 erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020.

Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme. 

Christian Weis stellt uns in „Dante Infernalis“ einen Basser vor, der unbedingt eine neue Stelle braucht. Da kommt das Angebot einer sehr erfolgreichen Band gerade recht - doch das Vorspiel entwickelt sich etwas anders, als gedacht.

Die vollständige Story findet sich in Zwielicht 14:

Christian Weis - Dante Infernalis

 

Be prepared

For what’s to come

Judas Priest, Metal Messiah

 

Er war bereit. So bereit, wie er nur sein konnte.

Elias stieg aus dem Taxi und stellte den Mantelkragen hoch. Die Sonnenstrahlen kämpften vergeblich gegen das Einerlei aus Wohnbunkern und tief hängenden Wolken an; dünne Lichtspeere im trüben Großstadtgrau, chancenlos gegen das Untier, zu dem dieses Viertel mutiert war.

Der Gitarrenkoffer wog schwer in seiner Hand, aber Elias wollte ihn auf keinen Fall missen. Ohne den vertrauten Steinberger E-Bass hätte er wohl mehr als nur einen von Hectors Brain Specials gebraucht, um seine flattrigen Nerven zu beruhigen.

Auf der Treppe, die zu dem Bungalow auf dem Hügel führte, beschleunigte Elias seine Schritte. Hoffentlich ruinierte der einsetzende Nieselregen nicht den Designermantel, den Hector ihm geliehen hatte, damit er nicht so abgerissen aussah wie sein gepfändetes Bankkonto. Diesen Job brauchte er so dringend wie Atemluft. Dabei war es ein ausgesprochener Glücksfall gewesen, dass Hector ihm den Tipp gegeben und beim Manager von Dante Inc. ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte. Deren Bassist war ausgefallen, also engagierten sie einen Ersatzmann, um die letzten Stücke fürs neue Album einzuspielen, das in Kürze auf den Markt kommen sollte. Elias war verfügbar, und er war einst ein Könner gewesen – bevor er wegen diesem Miststück Gina aus den Latschen gekippt war.

Als er auf den Klingelknopf drückte, entfaltete der Brain Special endlich seine volle Wirkung. Elias war die Coolness in Person. Bevor die Tür geöffnet wurde, verschwendete er einen Gedanken daran, ob der Hirncocktail nicht vielleicht etwas zu hoch dosiert gewesen war, aber angesichts des flügellosen Rauschgoldengels, der ihm die Hand reichte, verflogen die Zweifel wie ein aufgeschreckter Vogel.

Dominique DuSaint trug anstelle der hautengen Lederklamotten, in denen sie sich üblicherweise der Öffentlichkeit präsentierte, eine Art Kaftan, der so eng geschnitten war, dass er nicht wie ein silbergoldener Sack wirkte, sondern ihre Figur betonte.

„Willkommen in unserer bescheidenen Hütte!“, begrüßte sie Elias mit der rauchigen Stimme, die Dante-Inc.-Fans in Verzückung, gelegentlich auch in Raserei versetzte.

Der Bungalow wirkte alles andere als bescheiden. Hier zeigte sich der Erfolg, den sich die Band in den vergangenen Jahren erarbeitet hatte; nicht nur in den Gold- und Platinscheiben an den Wänden, sondern auch in der Handschrift eines gewiss nicht billigen Innenarchitekten. Er hatte die Einrichtung um die Auszeichnungen und Coverabbildungen der Dante-Inc.-Alben herum designt. Blinkendes Chrom, Carrara-Marmor, tiefschwarzer Obsidian und roter Samt beherrschten die Eingangshalle. Auf dem Boden, an den Wänden und an der Decke fanden sich die Motive aus Dantes Inferno von den Covern wieder.

Die Halle beanspruchte etwa ein Drittel der Gebäudefläche, schätzte Elias. Das Aufnahmestudio befand sich vermutlich unter der Erde, während das Obergeschoss wohl eher Wohnräume beherbergte. In der rückwärtigen Wand nahm eine breite Fahrstuhltür Elias’ Blick gefangen, die Auguste Rodins Höllentor nachempfunden war: Nackte Körper, teilweise ineinander verschlungen und mit dem Fels verschmolzen, litten infernalische Qualen und reckten dem Betrachter ihre Arme Hilfe suchend entgegen. Elias fühlte sich an das Cover von Dante Inc.s erstem Album Hell Machine erinnert.

Nachdem er seinen Rundumblick beendet hatte, nickte er anerkennend, fast ehrfurchtsvoll, und zauberte damit ein Lächeln auf Dominique DuSaints ebenmäßiges Gesicht.

„Ja“, sagte sie, „das muss ich den Jungs lassen: Sie haben uns die Bude stilecht eingerichtet.“ Achselzuckend fügte sie hinzu: „Man gewöhnt sich daran. Wir wohnen übrigens nur hier, wenn wir Aufnahmen machen. Dabei kommen schnell mal zwölf, vierzehn Stunden am Stück zusammen.“ Mit einem Augenaufschlag ergänzte sie: „Da ist man froh, wenn man nicht erst nach Hause fahren muss, um ins Bettchen zu fallen.“


 Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020.

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