Dienstag, 9. Februar 2021

Martin Mächler – Verschränktes Schicksal (Zwielicht 15)


Zwielicht 15 ist im Dezember erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020

Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme. Nikola Tesla war ein bemerkenswerter Charakter. Ein Pionier in Sachen Energieübertragung ist er Mittelpunkt und Protagonist der Geschichte Verschränktes Schicksal, in der berichtet wird, was wirklich passiert, wenn drahtlos Energie übertragen wird.

Aber lesen Sie selbst, die vollständige Geschichte kann in Zwielicht 15 nachgelesen werden:

Martin Mächler – Verschränktes Schicksal

„Werte Mitarbeiter von Impulse Incorporated, ehrenwerte Gäste! Die drahtlose Energieübertragung wird in wenigen Wochen bereit sein, um über das transkontinentale Energienetzwerk erstmalig flächendeckend ganze Staaten mit Strom zu versorgen. Es ist mir eine Freude, diesen Durchbruch rechtzeitig zum fünfzehnten Jahrestag unseres Unternehmens verkünden zu können”, rief Geschäftsführer David Chapman von seinem Rednerpult den Zuhörern aus der High Society New Yorks zu.

Nikola Tesla – schwarzer Schnurrbart, adrett zurückgekämmtes Haar, dunkle, freundlich wirkende Augen und ausnahmsweise im Frack – verkniff sich ein Grinsen. Chapman verbarg sein Unwissen über das Projekt geschickt hinter gut gewählten Sätzen, die ein Redenschreiber für ihn aufbereitet hatte. Der Geschäftsführer dachte nur an die Dollar, die er durch das Projekt einnehmen würde. Nikola atmete tief durch; hoffentlich fand das Gerede bald ein Ende.

Schon vor dem Beginn des Projekts hatte Nikola die Vorstellung eines globalen elektrischen Übertragungssystems fasziniert, das auf drahtloser Energieübertragung und elektromagnetischen Wellen basierte. Noch vor zehn Jahren dachten die meisten Wissenschaftler, sein Konzept des Welt-Energie-Systems sei das Hirngespinst eines Verrückten. Doch Nikola bestätigte seine Theorien, als er den Sekundärraum entdeckte. Die Ausdehnung existierte unabhängig von der physischen Welt und konnte durch gezielte Versuche der kabellosen Stromübertragung mit speziellen Impulsgeneratoren angesteuert werden.

Nikola blickte kurz zum Wandkalender: In zwei Wochen, am 24. November 1921 sollte über den Sekundärraum Strom nach Europa eingespeist werden. Bis dahin war der letzte Test in Zusammenarbeit mit einem Labor bei Paris geplant, um einen reibungslosen Ablauf der Übertragung zu gewährleisten.

Chapman deutete über das Rednerpult auf Tesla.

„Zweifellos werden Sie, lieber Mister Tesla, der als Projektleiter gemeinsam mit unseren besten Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern dieses Wunder verwirklichen konnte, mit Stolz erfüllt sein. Wir danken Ihnen für Ihre kühnen Visionen, ohne die wir heute hier nicht sitzen würden und einer besseren Zukunft entgegenblicken könnten. Im Wettlauf mit Edisons Stromgiganten wird uns das Energienetzwerk einen großen Vorsprung verschaffen. Darüber hinaus werden wir unseren Kindern und kommenden Generationen eine Welt des Friedens, Fortschritts und Wohlstands vererben.”

Chapman hob mit einem Glas Champagner zum Toast an, die Gäste griffen ebenfalls zu ihren Gläsern.

Nikola tat es ihnen widerwillig gleich. Ihm wurde in diesem Moment wieder bewusst, welch eine Verantwortung er gegenüber den Menschen trug, die von seinem Projekt profitieren würden. Vorausgesetzt, er konnte mit seinen Bedenken endlich zu Chapman durchdringen. Denn nicht alles am Projekt war so fabelhaft, wie der Geschäftsführer es in seiner Rede darstellte.

„Doktor Tesla!” Chapman drückte sich nach seiner Rede durch die Menschenmenge und schob dank seiner enormen Masse die Gäste beiseite. Viele von ihnen machten sich am Buffet zu schaffen. Gekleidet in Smoking mit Schal und Schleife schwenkte er seinen Martini dabei unbeholfen hin und her und machte einen nervösen Eindruck.

„Jetzt, wo wir den abschließenden Test bald durchführen werden – wann denken Sie, werden wir in der Lage sein, die ersten Städte in Amerika und Europa mit Strom zu versorgen?”

Wie konnte Nikola Chapman überzeugen, die Tests zu verschieben? „Genau darüber wollte ich mit Ihnen reden. Wie Sie wissen, kamen in den letzten Wochen gewisse Zweifel über den Sekundärraum auf. Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, ihn genügend zu erforschen. Ich muss sichergehen, dass unsere Übertragungen keine negativen Effekte auf uns oder den Sekundärraum selbst haben.”

„Ach Nikola. Wie wollen Sie einen Raum erforschen, den wir nicht sehen, riechen, schmecken oder vollends erfassen können? Sie haben endlich die Chance erhalten, auf die Sie so lange gewartet haben. Jetzt müssen Sie nur noch zugreifen.” Chapmann ballte dabei seine rechte Hand zur Faust. „Edison hat den Wettlauf der Stromgiganten verloren und das weiß er. Warum zögern Sie jetzt, wo wir so kurz vor unserem Ziel stehen, die Geschichte der Menschheit zum Besseren zu verändern?”

„Das wissen wir doch gar nicht.”

Chapmans Faust kam Nikolas Gesicht bedrohlich nahe. „Hören Sie, die Investoren warten bereits, ich habe viele Versprechungen gemacht und bin enorme Risiken eingegangen, die sonst kein Unternehmer auf sich genommen hätte. Die Tests werden wie geplant stattfinden.” Chapman schnippte mit seinem Mittelfinger gegen Nikolas Fliege. „Machen Sie sich nicht lächerlich. Oder wollen Sie wieder in der Gosse landen? Sie pflegen einen teuren Lebensstil. Wer bezahlt denn Ihre Krawatten und Handschuhe, hm? Unter einer Brücke in Brooklyn wird Ihre Tochter doch sicher nicht schlafen wollen, oder? Muss ich Sie daran erinnern, dass nach Ihrem Projekt am Wardenclyffe Tower und Ihrem Rausschmiss bei J. P. Morgan kein Investor mehr an Sie glaubte und alle Sie für einen Spinner hielten?”

„Und doch hatte ich recht!” Angewidert wandte sich Tesla von Chapman ab und ließ ihn in der Menge stehen.

Die bisherigen Ergebnisse der Energieübertragungen überraschten Nikola und sein Team immer wieder. Es war bei jedem Versuch gelungen, die Reichweite der Übertragungen zu vergrößern. Dabei wussten sie immer noch nicht genau, wie der Sekundärraum die Elektrizität von einem Impulsgenerator über eine weite Distanz zu einem anderen leitete. Nikola und sein Team verließen sich also bei jedem Test zu einem gewissen Prozentsatz auf den begünstigenden Zufall. Seine Kollegen schienen sich an die Zuverlässigkeit der Resultate gewöhnt zu haben, was Nikola missfiel. Wollte er das Projekt weiterführen, war er vorerst dazu verdammt, nachzugeben und auf Chapman zu hören.

 



Sollte Ihnen die Geschichte gefallen haben, würden wir uns über eine Stimme beim Vincent Preis freuen. Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020.

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