Dienstag, 2. Februar 2021

Ina Elbracht - Escape Room (Zwielicht 14)

 

Zwielicht 14 ist im Juni 2020 erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020.

Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme. In Ina Elbracht - Escape Room (Zwielicht 14) geht es nicht nur um Youtube Influencer, sondern auch um eine besondere...aber das verraten wir an der Stelle nicht. Die vollständige Story findet sich in Zwielicht 14:

Ina Elbracht - Escape Room

 Achtung! 1111 Achtung!

 

Ainz

Es gibt Dinge, die spontan entstehen. Als ehemals erfolgreiche Youtuberin weiß ich das. Manche Entscheidungen müssen intuitiv und blitzschnell getroffen werden. Wenn man einmal da draußen ist, kann es wie der permanente Ritt auf einer Welle sein. Trotzdem nervte es mich, dass Judy immer so lausig vorbereitet war und statt mit Recherche oder Kenntnis zu glänzen, sich ganz dem Augenblick hingab im unverbrüchlichen Vertrauen auf ihr Improvisationsgeschick, eine überlebensgroße Klappe und ihr einnehmendes Wesen. „Als der liebe Gott den Charme verteilt hat, hab’ ich mich zweimal gemeldet“, pflegte sie anmutig kichernd zu sagen, wenn ihr jemand ein Kompliment machte. Nachdem ich das öfter im exakt gleichen Tonfall zu hören bekommen hatte, fand ich daran rein gar nichts mehr charmant. Na ja, so ergeht es wohl denjenigen, die Sternen zu nahe kommen.

Es ist mir immer leicht gefallen, mir Judy zu ihren Schulzeiten vorzustellen. Bestimmt haben alle über ihre Bemerkungen gelacht, die aus dem Mund etwa der Klassenprimel gnadenlos als unwitzig abgestraft worden wären. Was lässt sich noch weiter über sie sagen? Ich schätze, dass jeder jemanden wie Judy kennt.

Judy und ich waren zur gleichen Zeit gestartet. Als stinknormale kleine Urbexer kannten wir uns aus einem Lost-Places-Kollektiv, in dem Anonymität der wichtigste Teil des gemeinsamen Kodex darstellte. Judy hatte ihren Szene-Namen von Officer Judy Hopps aus Zootopia, deren Halbmaske sie trug, sobald gefilmt wurde. Eine gute Wahl, denn ihr schöner, breiter Mund perfektionierte den Eindruck eines sympathischen Schmunzelhasen. Auch ich habe seit unseren frühen Anfängen nie etwas verändert; mein Markenzeichen war stets eine rote Zorro-Maske. Um ehrlich zu sein, passten meine von mir wenig geliebten schiefen Katzenzähne ganz gut dazu.

Mit der Zeit verschmolzen Judy und ich zu einem perfekt eingespielten Team, das furchtlos in Industrieruinen, verlassene Klinikgebäude, Bunker oder verfallene Villen einstieg und munter alles kommentierte, was wir vorfanden. Nicht selten waren das andere Urbexer und wir wussten, dass wir einen Schritt weitergehen und ein neues Level erreichen wollten. Sich mit lauter traurigen Gestalten auf den Zehen zu stehen und mitunter aushandeln zu müssen, wer wann wo fotografieren oder drehen durfte, entsprach nicht unserem Niveau. Wir professionalisierten uns mit denjenigen im Kollektiv, die es genauso ernst meinten wie wir, und stiegen zu einer Art internen Elite auf, einer eingeschworenen Bande, bis wir zu etwas Eigenständigem wurden. Der Sprung gelang. Wir wurden „fabulous and famous“, wie Judy nie müde wurde unseren Aufstieg zu bezeichnen. Wir ließen uns zu nichts herab und gingen schon lange nicht mehr irgendwo hin. Wenn eine Location nicht exklusives Neuland war, galt sie als verbrannt und interessierte uns nicht. Auf der Fahrt nach Polen gestand sie mir im Wohnmobil, wie sehr sie hoffte, dass wir diesmal einen Volltreffer landen würden. Den konnten wir nach einer längeren Durststrecke gut gebrauchen. Sie wartete, bis wir einen Rastplatz anfuhren und uns der Aufenthalt in der Damentoilette außer Hörweite von Janusz, unserem relativ neuen Kameramann, brachte. Offenbar vertraute sie ihm nicht im gleichen Maße wie mir. Angesichts unserer strikten Anonymitätsregel eigentlich großer Quatsch, aber so ticken manche Leute nun mal.

„Hör mal, Red“, sagte sie und sah mich über den Spiegel des Waschraums an, „was meinst du, wollen wir diesmal zum allerallerersten Mal ohne Masken vor der Kamera auftreten?“ Ich zog erstaunt eine Augenbraue hoch.

„Soweit ich mich erinnere, verbietet das unser Kodex“, antwortete ich. Sie knuffte mich spielerisch gegen die Schulter.

„Über sowas sind wir doch längst hinausgewachsen. Oder hast du wirklich Angst vor Strafverfolgung? Hausfriedensbruch und der ganze Bullshit? Du doch nicht! Ohne Masken können wir den Sprung zu richtigen Influencern schaffen. Nicht nur diese Pillepalle-Einnahmen, die wir jetzt haben.“ Ich glaube, es überraschte sie sehr, dass sie mich nicht weiter überreden musste und ich sofort einverstanden war.

„Okay, Judy“, sagte ich nur und steckte mir eine Reisezahnbürste in den Mund, „können wir machen.“

„Du bist hammergeil, Red. Die Beste!“, jubelte sie. Ich grinste schief und mir tropfte Zahnpaste aus dem Mundwinkel. „Ich hab da was Fettes in der Pipeline. Werbung für einen Escape Room. Eine Kette. Dich hole ich natürlich mit ins Boot. Wir werden deren Testimonials.“

„Cool“, sagte ich.

Aber wenn ich ehrlich bin, glaubte ich ihr kein Wort. Bei individuellem Profit hört üblicherweise die Youtuber-Freundschaft auf.

Bevor wir gingen, hielt sie mich kurz vor dem Ausgang am Ärmel zurück und sah verlegen aus. Zumindest für ihre Verhältnisse.

„Eine Sache noch.“

Ich sah sie erwartungsvoll an. Was denn noch? Wollte sie, dass wir unsere Reportage im Bikini drehten?

„Wenn wir in dieses Jagdschloss reinkommen und es irgendwo nach Schimmel riecht, musst du das ansprechen.“

„Wieso denn?“, fragte ich knapp. Unsere Art vor der Kamera zu sprechen hatte sich im Laufe der Zeit auf unsere privaten Gespräche übertragen.


 Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020.

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