Mittwoch, 3. Februar 2021

Sascha Dinse - Mel (Zwielicht 14)

 

 Zwielicht 14 ist im Juni 2020 erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020.

Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme. Ein Musiker hat merkwürdige Träume. Und immer häufiger das Gefühl, sein Leben mit Nichtigkeiten zu vergeuden. Da begegnet er eines Tages der rothaarigen Mel. Sein Freund und Bandkollege Oliver warnt ihn, dass Rothaarige keine Seele haben. Umsonst. Fortan ist er der Frau verfallen und lässt sich auf ihre esoterischen Spiele ein. Bei Sascha Dinse - Mel (Zwielicht 14) durchweht ein Hauch von Lovecraft die Geschichte. Die vollständige Story findet sich in Zwielicht 14:

Sascha Dinse - Mel

 Die Klinge gleitet über Haut, präzise, gleichmäßig, wieder und wieder. Gedankenverloren betrachte ich mich im Spiegel und habe noch immer den Geschmack von Zahnpasta im Mund, während aus der Musikanlage im Wohnzimmer in brutaler Lautstärke irgendwas Altes von Front Line Assembly durch die Wohnung donnert. Es ist mir egal, was die Nachbarn davon halten, immerhin muss ich mit deren Lärm ebenso leben, und so kommen sie wenigstens dann und wann mal in den Genuss guter Musik, anstatt sich jeden Tag aufs Neue von der inhaltsleeren Scheiße berieseln zu lassen, aus denen ihre Playlists ansonsten bestehen. Kosmisches Gleichgewicht.

Ich spüle den Rasierer aus und beobachte einen dunkelroten Punkt dabei, wie er seine senkrechte Spur auf meiner Haut hinterlässt, die von dem Schnitt auf der linken Wange ausgeht. Mit der Fingerspitze nehme ich den Blutstropfen auf und will gerade nach dem Handtuch greifen, als mit einem Mal irgendetwas in meinem Verstand aufblitzt, formlos noch, aber greifbar nah. Direkt nach dem Aufwachen konnte ich noch die Bilder meines Traumes in der Ferne verblassen sehen, und sie klingen schon den ganzen Morgen über in mir nach, doch nur wie ein Echo, das diffuser wird, je öfter es auf mich zurückfällt. Instinktiv verreibe ich das, was wie eine rote Perle aussieht, auf meiner Fingerkuppe und spüre, dass die Erinnerung eine konkrete Form annimmt. Eine blutige Hand, zitternd. Dann ist es vorüber.

Ich drehe die Dusche auf und lasse warmes Wasser den letzten Rest von Schlaf aus meinem Körper spülen. Zum Abschluss stehe ich mit geschlossenen Augen da, den Kopf in den Nacken gelegt, und genieße das Prasseln auf meinem Gesicht, sechzig Sekunden lang, mein Morgenritual. Währenddessen mache ich meine Gedanken frei, konzentriere mich einzig auf das Zählen und wünsche mir ein weiteres Mal, diesen Zustand für immer festhalten zu können. Doch schon kurz danach, beim Heraussteigen aus der Duschkabine und noch bevor die Luft außerhalb klamme Finger über feuchte Haut streichen lässt, ist sie wieder da, diese Ahnung, dass ich mein Leben mit Nichtigkeiten vergeude, statt vollkommen in dem aufzugehen, wofür ich geschaffen wurde.

Einen Kaffee später fühle ich mich halbwegs in der Verfassung, den Herausforderungen eines neuen Tages gegenüberzutreten, schalte die Musik ab und steige in meine Schuhe. Beim Griff nach der Jacke fällt mir ein langes, kupferrotes Haar auf, das sich im groben Stoff verfangen hat. Überrascht ziehe ich es ab und halte es zwischen Daumen und Zeigefinger, während ich mich frage, woher es stammt. Plötzlich fällt es mir wieder ein. Natürlich, das Mädchen auf dem Campus gestern. Vom Nachmittag bis spät in die Nacht war ich so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, dass ich sie glatt vergessen habe. Sie hat diese komische Sache gesagt und auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, so werde ich das Gefühl nicht los, dass ich sie von irgendwoher kenne.

In diesem Augenblick vibriert mein Telefon. Nachricht von Mary, sie fragt, wann wir uns heute Abend sehen. Ach verdammt, waren wir verabredet? Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, ich werfe den Rucksack über meine Schulter, und auf dem Weg die Treppen hinab kreisen meine Gedanken einzig darum, welche Ausrede ich ihr heute auftischen könnte.

  Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020.

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