Sonntag, 7. Februar 2021

Dirk Ryll – Wohin der Grimm der Toten verschwindet (Zwielicht 15)

 

 

Zwielicht 15 ist im Dezember erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020

Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme. Eine Tankstelle, ein Mann, der dort arbeitet und seltsame Begebenheiten erlebt. Ist die Welt verrückt? Oder doch er selbst?

Aber lesen Sie selbst, die vollständige Geschichte kann in Zwielicht 15 nachgelesen werden:


Dirk Ryll – Wohin der Grimm der Toten verschwindet

 

Grnchrr hatte erst wenige Wachen am Tor halten müssen. Kein Wunder, er war ja auch erst seit ein paar Jahren tot.

Wache halten konnte man wirklich nicht aufregend nennen. Man stand dort nur in den besonderen Nächten und half den anderen, den Veteranen, nach ihren Aufträgen wieder zurück in ihre Welt.

Schon bei seiner zweiten Torwache hatte er erkannt, dass viele der Rückkehrer – ganz egal, wie albtraumhaft ihre Erscheinung war – tatsächlich Beistand benötigten. Sie hatten während des Aufenthalts bei den Lebenden ihre Orientierung und allen Grimm verloren.

Vielleicht hätte Grnchrr jemanden fragen sollen, was drüben denn eigentlich Schlimmes passierte. Aber bisher hatte er nie jemanden sprechen hören im Totenreich, also schwieg auch er. Andere Informationsquellen kannte er nicht.

Nun, er würde es heute selbst erleben, denn vor Kurzem war in seinem Verstand ein Auftrag erschienen. Er verstand es als eine Art Beförderung, dass er erstmals das Tor nicht bewachen musste, sondern hinüberwechseln und etwas erledigen durfte.

Es kostete ihn einige Mühe, die Koordination seiner Glieder zurückzugewinnen, denn seit der letzten Nacht zum Winterbeginn vor genau einem Jahr hatte er sich nicht mehr bewegt. In einigen Gelenken hatte sich Asche abgesetzt und so knirschten und quietschten sie wie ein rostiger Zug beim ersten Anfahren an einem nebligen Morgen. Außerdem vermisste er seitdem ein paar stabilisierende Knochen, weswegen er beim Gehen mehrmals unfreiwillig die Richtung änderte.

Trotz aller Hemmnisse meisterte er den Weg zu der Stelle auf dem kleinen Hügel, an der das Tor entstehen würde. Dort stand er nun mit drei weiteren Gestalten in der Dunkelheit und wartete. Sie schwiegen natürlich, dennoch war die kalte Luft voller unerfreulicher Geräusche.

Der Brustkorb des großen schwarzen Laufvogels rechts neben ihm sah aus wie von innen aufgebrochen, und der scharfe Wind regte in dem hohlen Brustraum ein tiefes Dröhnen an. Ein knöcherner und augenloser Specht hackte mechanisch auf der mit Moos und Schimmel überzogenen Ritterrüstung herum, die unmittelbar vor Grnchrr quietschend hin und her schwankte. Und auf dem Boden zwischen den Beinen der drei krümmte sich träge eine armdicke Schlange. Anders als ihre lebendigen Artgenossen aber nicht lautlos, sondern mit einem deutlichen Knistern als bräche man ein Bündel Stroh.

Es stank erbärmlich wie am Schauplatz eines vielfachen Mordes, den man erst Wochen nach der Tat entdeckt hatte. Vermutlich war der Ritter in einem Moor zu Tode gekommen. Sein Umhang dampfte von schlammiger Feuchtigkeit und man konnte ihm beim Verfaulen zusehen.

Glücklicherweise funktionierten Grnchrrs Sinne anders als zu seinen Lebzeiten. Er konnte zwar weiterhin hören, riechen, tasten und all das, aber was er wahrnahm wurde nicht mehr in ein Gefühl übersetzt. Aus seiner Erinnerung wusste er noch, was ‚entsetzlich‘ bedeutete, aber er empfand es nicht mehr.

Seit einer Weile hatte sich keines der Wesen von seinem Platz bewegt. Erst als vor ihnen ein dunkelrotes Glimmen mitten in der Luft entstand, stellten alle einen Fuß, Stumpen oder eine Kralle vor, so wie kleine Jungen, die am Strand auf das Heranrollen einer Welle warteten. Das Glimmen verlängerte sich zu einem mannshohen, zuckenden Strich und dieser teilte sich nun in zwei Stränge, die langsam voneinander wegdrifteten und eine Öffnung bildeten. Wenn man die Augen zusammenkniff, dann konnte man dahinter eine nächtliche Landschaft erkennen: Die Welt der Lebenden.

Fühlte Grnchrr so etwas wie Sehnsucht oder Freude darauf, zurückzukehren? Nein, das war nicht möglich. Auch solche Empfindungen konnten seine vertrockneten Nervenstränge nicht mehr hervorbringen. Und dennoch, irgendetwas regte sich in ihm.

Die vier Wesen weiteten ihre Nasenflügel, sofern sie welche hatten, als sie rochen und spürten, dass etwas durch das Tor zu ihnen herüberströmte. Eine Aura, gesättigt mit Gerüchen, die es auf ihrer Seite nicht gab. Grnchrr grunzte und scheuchte den Eindruck aus seinem ohnehin schwachen Bewusstsein.

Der Übergang hatte seine volle Größe erreicht und die Stränge verharrten zitternd an ihrer Position.

Sollte Ihnen die Geschichte gefallen haben, würden wir uns über eine Stimme beim Vincent Preis freuen. Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020.

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