Sonntag, 31. Januar 2021

Torsten Scheib – Träume und Tränen (Alles eine Frage des Stils)

Alles eine Frage des Stils ist im Frühjahr erschienen und steht zur Wahl beim Vincent Preis 2020Die Liste der Kurzgeschichten ist lang und gerade dort zählt jede Stimme.

Eine Geschichte, die den Geist der Pulps in sich trägt und genauso Abenteuer wie Horrorgeschichte ist, aber lesen Sie selbst, die vollständige Geschichte finde sich in Alles eine Frage des Stils:

Torsten Scheib Träume und Tränen

 

Alaminos, Florida

Die Gegenwart

Die Menschen weisen uns den Weg. Ein Volksauflauf, junge wie ergraute Menschen, Einheimische, Touristen, in Neugier vereint. Stets dasselbe.

“Die alte Leier”, kommt es von Deputy Harmon. Ich kommentiere es mit kurz-prägnantem Sirenengeheul. Die Blitzleuchte überzieht die teilende Menge mit Ultramarin.

Neben dem Rettungsdienst stoppe ich. Abseits steht ein zweiter Streifenwagen. Zwei Deputys sperren ab und halten die Gaffer in Schach. Auf Angelis und Guffey ist Verlass, denen muss man nicht einbläuen, was zu tun ist.

“Dann wollen wir mal.” Entschlossen stößt Chris die Wagentür auf. Ich zögere. Kurz gilt meine Aufmerksamkeit dem Gewehr, das zwischen den Sitzen klemmt. Erst dann folge ich.

“Sheriff Bream! Sheriff Bream!”

Der hat mir noch gefehlt. Gerne würde ich meine angelernte Höflichkeit übergehen, aber sogar bei einem so schmierigen Objekt wie Pat Wanamaker ist es mir zuwider. Überdies bin ich der hiesige Sheriff und muss freundlich bleiben. Vorbildfunktion und so.

“Pat! Was für eine Freude!” Ich kann gut flunkern, doch bei dem da wähle ich absichtlich die Überzeichnung.

“Ein Kommentar für die Alaminos Gazette?”

Ich lasse kurzzeitig meinen Charme aufblitzen, dann: “Kein Kommentar, Pat.”

Der Reporter bleibt hartnäckig. Er drängt sich gegen das Absperrband und wird von Guffey in die Schranken verwiesen. “Wieder ein Monster, Sheriff?”

“Mehr die stattliche Anzahl unbezahlter Strafzettel eines gewissen Lokalreporters”, kontere ich. Ein Schuss ins Blaue, der zum Volltreffer wird. Schmollend rückt Wanamaker ab, während man rings um ihn schmunzelt und gackert.

Zufrieden in Anbetracht der Umstände will ich mich auf den Weg machen, doch abermals hält man mich auf. Diesmal ist es Norm Voight, Inhaber und Namensgeber von Norm‘s Diner & Motel. Klangvoller Titel, runtergekommene Anlage. Die verschmutzte Neonreklame an der Straße lockt sämtliche Insekten aus einem Zehnmeilenradius an und lässt die vermoosten Flachdächer der Motelblockhütten und des Hauptgebäudes fluoreszieren.

Dass das Diner ausgestorben ist, verwundert nicht. Selbst ohne Monster ist da kaum mehr los. Wer Lebensmittel­vergiftungen vermeiden will, der speist eben woanders.

Voight zupft und zerrt an meinem Ärmel, er bittet und bettelt, zwischen den Lippen ein abgekauter, erloschener Zigarrenstumpen. “Keiner plant, Ihren Laden zu schließen”, beruhige ich ihn und befreie mich. “Außer, es fand ein Mord statt oder Sie haben Dreck am Stecken, Norm. Haben Sie?”

Voight präsentiert mir seine Handflächen. “Wirke ich so auf Sie, Sheriff?”

Ein anderes Mal werde ich ihm erzählen, wie er auf mich wirkt. Eventuell mit einem Wisch vom Veterinäramt oder einem Durchsuchungsbefehl in der Tasche.

Kein Gedränge, keine Forensiker, keine Rechtsmedizin. Als zwei Sanitäter den Betroffenen via Rollbahre aus dem Zimmer schieben, wird es sogar noch leerer. Bedenke ich den Zustand des Mannes, dürfte der in nächster Zeit nicht besonders plauderfreudig sein.

Muss er gar nicht. Die Bücherstapel auf dem Nachttisch, der Laptop auf dem Tisch, daneben vollgekritzelte Landkarten … Ergibt alles einen Sinn.

Die Notärztin, Thea Brougue, tritt neben mich. “Das eben war Floyd Kucher”, sagt sie. “Vierunddreißig, wohnhaft in Seattle, Betreiber der Website Americana Obscura. Die ultimative Quelle für amerikanische Mysterien aller Art: Ufos, den Jersey Teufel, Bigfoot ...”

“Und jetzt wollte er mal Bekanntschaft mit unserem Mysterium schließen”, ergänze ich.

“Vier Tage war er in den Sümpfen.

Die Lady, die da leicht derangiert auf dem Stuhl in der Ecke kauert, stieß auf unseren Freund, als er aus dem Unterholz taumelte. Adele Copper. Brachte ihn auf sein Zimmer, rief im Anschluss uns an und wir dann dich.”

“War draußen an der Eismaschine, als er mir auffiel”, erläutert Copper.

“Sie übernachten auch im Motel?”

“Ist meine letzte Nacht. Übermorgen hab ich einen Auftritt in Georgetown, Arkansas. Bin Barsängerin. Wie Michelle Pfeiffer in den Fabelhaften Baker Boys.”

Es ist sogar eine Ähnlichkeit zu ihrem möglichen Vorbild vorhanden. Fein, der Altersunterschied ... Ich schätze Copper auf Anfang vierzig, und nimmt man die Nervosität meines vierzehn Jahre jüngeren Deputys als Maßstab, so ist sie ziemlich attraktiv, auch wenn sie durch den Wind ist.

“Die ganze Zeit faselte er von Monstern”, spricht sie weiter. “Hat gezittert, ins Leere gestiert, kalter Schweiß, Blässe …”

“Nervenzusammenbruch”, bemerkt Thea. “Zum Glück war Miss Copper so gedankenschnell.”

“Sie wirkt aber auch leicht blass um die Nase”, äußere ich mich.

“Zum Abendessen gab es Norms berühmtes Chili.” Auch Thea weiß um dessen kulinarische Qualitäten. Chris und ich rümpfen unisono die Nasen.

“Halb so wild”, wiegelt Copper ab. “Mrs. Brougue war so nett und verabreichte mir eine Magentablette. Ist schon viel besser geworden. Wenn Sie eventuell noch eine Schlaftablette übrig hätten …? Ganz bestimmt bekomme ich heute Nacht kein Auge zu.”

“Wie wär‘s mit einer anderen Übernachtungsmöglichkeit?”, sage ich. “Kennen Sie das Murphy‘s Inn am anderen Ende der Stadt?”

“Schon ...”

“Sie packen Ihre Siebensachen, fahren da rüber und grüßen den Herrn an der Rezeption von Sheriff Bream. Alles klar?”

“Ich kann doch nicht ...”

“Sie können und Sie werden. Um Norm kümmern wir uns.”

Copper haucht ein “Danke” und weg ist sie. Beinahe. Auf der Türschwelle fällt ihr noch was ein. “Verzeihung, aber … was kann einem erwachsenen Mann solch einen Schock einjagen? Gibt es dort draußen doch etwas?”

“Gibt es”, sage ich. “Nur keine Monster. Die Sümpfe sind ein autarkes Naturreservat und nicht grundlos umzäunt. Wer sich aus freien Stücken und alleine reinwagt, der muss mit Konsequenzen rechnen.”

“Ich verstehe nicht … Konsequenzen?”

“Die Sümpfe beheimaten Raubvögel, Alligatoren, Hirsche, Bären, manchmal Panther … Tierarten, die der Stadtmensch höchstens im Zoo antrifft. Hinter Gittern oder Panzerglas.”

“Die lokalen Legenden waren verlockender.”

“Schätze ja”, sage ich und hebe das erste Buch vom Stapel: The Spanish Discovery of Florida.

Adele Copper ist jetzt wirklich gegangen. Einzig Chris‘ Weh­mutsfalten bleiben.

“Nein, die lernen es nie”, murmelt er.

“Shit.” Gewichtig landet der Schmöker auf seinen Kollegen.

Er ist wieder da.

 Sollte Ihnen die Geschichte gefallen haben, würden wir uns über eine Stimme beim Vincent Preis freuen. Zur Wahl des Horrorpreises geht es hier: Vincent Preis 2020

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